Freitag, 31. Dezember 2010

Eindrücke von Mumbai

Als wir am Flughafen von Dubai ankamen, wurde uns gesagt, dass Emirates in letzter Zeit sehr streng mit Übergepäck umgehen, so dass man für jedes Kilo bezahlen muss. Es ist frustrierend, dass die meisten Fluggesellschaften es erlauben, Golfschläger umsonst mitzunehmen, während es für Fahrräder keine solchen Ausnahmen gibt. Da unsere Gepäckserlaubnis 30 kg war und unsere Fahrradkartons alleine schon je 21 kg wogen, war klar, dass wir Übergepäck haben würden. Wir hatten 10 kg zu viel, und die freundlichen Emirates-Mitarbeiter schlugen uns vor, im Duty Free Shop eine extra Handtasche zu kaufen, um so viel wie möglich in unser Handgepäck zu stopfen, da es unwahrscheinlich war, dass wir es wiegen müssten. Am Ende mussten wir noch für 4 kg Übergepäck zahlen, und waren froh, dass unsere riesigen Fahrradkartons ohne weitere Probleme akzeptiert wurden.

Ein paar Stunden später kamen wir in Mumbai an und warteten nervös darauf, dass unsere Fahrräder auf dem Laufband ankamen, da es keinen Schalter für Sperrgepäck gab. Am Ende brachten die Gepäckträger die Fahrräder stolz heraus, wobei sie sie falsch herum hielten, trotz der ganzen Pfeile und “oben” Zeichen, die wir auf die Kartons gemalt hatten. Trotzdem wurde natürlich erwartet, dass wir ein Trinkgeld für ihre “Hilfe” bezahlten.

Beim Zoll wurden wir allerdings bevorzugt behandelt: Während wir in einer langen Schlange mit allen anderen darauf warteten, dass unser Gepäck geröngt wurde, fragte ein Zollbeamter, was in unseren Kartons war. “Seid ihr auf einer Expedition oder sowas?”, fragte er. “Ja, so könnte man das wohl nennen”, sagten wir, woraufhin er uns durchwinkte, so dass wir an allen anderen vorbei direkt zum Ausgang gehen durften. Dort trafen wir einen jungen Mann aus Pune, der auch Radfahrer war und sehr an unserer Tour interessiert war. Es war eine schöne erste Begegnung in Indien.

Wir hatten über unser Hotel arrangiert, dass wir vom Flughafen abgeholt wurden, da wir uns etwas darum Sorgen machten, wie wir die Fahrräder zum Hotel transportieren könnten. Das wäre am Ende allerdings nicht nötig gewesen, denn die meisten Taxis hatten Dachgepäckträger, auf die wir die Fahrradkartons hätten laden können.

Als wir durch Mumbai (eine Stadt mit einer Bevölkerungsdichte von 29.000 pro Quadratkilometer) fuhren, prasselten die Eindrücke auf uns ein: Massen von schwarz-gelben Taxis aus den 50ger Jahren, die die Straße mit modernen Autos, Kühen und Radfahrern teilten, von deren Gepäckträgern große Metallkübel baumelten. Gruppen von Männer, die an kleinen Ständen milchigen Tee tranken. Neben ihnen halbnackte Kinder, die auf der staubigen Straße spielten. Ein kleiner Stand, der frischen Zuckerrohrsaft verkaufte, wobei der Rauch von Sandelholz die Fliegen fernhielt. Wellblechhütten, die drei Etagen hoch aufeinander gebaut und an eine Bahnbrücke gelehnt waren. Hinter der Bahnlinie der Rand des Dharavi Slums, in dem über eine Million Leute wohnen. Ein schuhloser Junge, der das matschige Wasser am Straßenrand durchsiebte. Handy-Werbung und Kinos, die Bollywoods neueste Hits anpreisten. Endlich die relative Ruhe unseres Hotels.

Mumbai Taxifahrer Straße in der Nähe des Hotels

Wir verbrachten den Tag damit, zu schlafen, das Essen in den nahegelegenen Restaurants auszuprobieren, und einen Markt zu erkunden. Das Essen war fantastisch, und obwohl wir in London viel indisch gegessen hatten, wurden unseren Geschmacksnerven hier ganz neue Horizonte eröffnet. Bei einem Thali-Restaurant wurden uns 7 verschiedene vegetarische Curries und Dhals serviert, mit Reis, verschiedenen Brotarten und Soßen. Die Kombination des Essens war eine Kunst, wie uns die Kellner erklärten: Die dickeren Curries wurden mit Brot gegessen, der wässrige Dhal mit Reis, der feste Dhal mit einer Yoghurtsoße, das knusprige Brot mit einem Mangodip, usw. Man konnte ihnen den Horror ansehen, als Guy wild experimentierte, indem er alles Mögliche kombinierte und überhaupt keinen Regeln folgte. 

Das Essen ist sehr günstig, und für ca €4 können wir uns beide satt essen. Wir hatten erwartet, dass das Essen in Indien zu scharf für uns sein würde, aber bisher ist es gut. Wie uns einige Inder erzählten, ist das Essen nur in bestimmten Regionen sehr scharf (sogar zu scharf für sie!).

Obwohl in der Gegend um unser Hotel sehr viele Leute unterwegs waren, gab es dort nicht viele Touristen, und daher gab es auch keine Schlepper. Wir müssen zugeben, dass wir etwas Bammel vor Indien hatten. Guy war vor 8 Jahren in Nordindien unterwegs gewesen und hatte Frederike mit Horrorgeschichten von aggressiven Schleppern und unfreundlichen Leuten unterhalten. Zu unserer Freude fanden wir die Leute hier aber bisher recht freundlich und hilfsbereit. Als ein paar neugierige Männer, die Blumengirlanden für einen Tempel flochten, Frederike eine Blume schenkten, und ein Mann, der Druckmesser verkaufte, uns in seinen Laden einlud, um mit uns über Philosophie zu reden, warf Frederike Guy einen ungläubigen Blick zu. “Ich schwöre, es war wirklich nicht so,” sagte er, “sowas ist mir letztes Mal nie passiert!” Wir schließen daraus, dass sich entweder Indien verändert hat, Guy sich verändert hat, oder dass die Leute in Mumbai einfach freundlicher sind, als ihre Cousins im Norden des Landes. 

Das Erbe der Kolonialzeit ist noch sehr präsent in Mumbai, und viele Gebäude sehen aus, als ob sie in London oder Oxford sein könnten, wären da nicht die ganzen Palmen und Bananenbäume. Das Klima ist momentan fast perfekt – trocken und sonnig, aber nicht zu heiß. Wir genossen es, in der Stadt herumzuspazieren und den Gateway of India zu besuchen, dessen Umgebung voller Touristen, Schlepper und Polizisten war, da es gerade eine Terrorwarnung gegeben hatte. Wir besuchten auch den Ort, an dem Mahatma Gandhi gelebt und gearbeitet hatte, ein luftiges Haus in einer ruhigen Straße, in dem eine beeindruckende Sammlung von Fotos, Ausstellungsstücken und Briefen gezeigt wurde. 

Gandhi auf dem Fahrrad Gandhis Haus

Wie erwartet sind die Inder verrückt nach Cricket, und wir haben schon viele improvisierte Cricket-Spiele gesehen, sei es in den Seitenstraßen eines Slums, in einer Gasse hinter unserem Hotel, oder auf dem schönen Cricket-Platz bei der Universität. Die Spieler sind so verschieden wie die Orte und reichen von Straßenkindern bis zu Bankangestellten.

Cricket-Platz Büromann beim Cricketspielen

Nachdem wir aus einem Garten geworfen worden waren, der anscheinend nur Senioren vorbehalten war, spazierten wir am Chowpatti Strand im Zentrum von Mumbai entlang, wo viele Familien Eis aßen und sich den Sonnenuntergang anschauten. Eine Familie hielt eine Hochzeit und hatte ein ganzes Sportsstadium dafür gemietet – anscheinend ist es recht üblich, dass Hochzeiten über €100.000 Euro kosten. Hunderte Gäste über mehrere Tage hinweg zu unterhalten ist nicht billig!

Chowpatty Beach Chowpatty Beach 2

Indien ist momentan ein Ort der großen Erwartungen: Die Welt kommt nach Indien, um den Kampf über den riesigen Markt von über einer Billion Leuten zu beginnen. Wegen der starken Wirtschaft und Zugang zu guter Bildung gibt es eine wachsende Mittelschicht, die genau wie die meisten Leute im Westen einkauft, isst und reist. Wir bekamen einen kleinen Einblick in diese Welt, als wir Abhishek und seine Frau Priya trafen. Frederike war mit Abhishek vor 10 Jahren an der Universität befreundet, und er zog dann in die USA um seinen MBA zu machen, bevor er heiratete und nach Dubai zog. Jetzt ist er zurück in Mumbai, um im Textilgeschäft seines Vaters zu arbeiten. Sie holten uns eines Abends ab und entführten uns in ein Einkaufszentrum. Wir fühlten uns, als ob wir wieder in Dubai wären; alle Designer-Marken waren da, zusammen mit den üblichen Cafes und schicken Restaurants. Dort sahen wir sogar unseren ersten Bollywood Star! (Fragt uns aber bitte nicht nach seinem Namen).

Ein paar Tage später trafen wir auch Amol, einen Kollegen von Frederike’s Vater, der in Pune wohnt und extra die vierstündige Reise nach Mumbai gemacht hatte, um uns zu treffen. Er ist sehr an Reisen interessiert und wandert und fährt auch gern Fahrrad. Er und sein extrem süßer vierjähriger Sohn kamen im Partnerlook mit roten T-Shirts und Baseball-Kappen und luden uns zu einem langen Mittagessen ein. Amol arbeitet als IT-Projektmanager und reist viel für seine Arbeit. Er teilte einige sehr interessante Einblicke in die indische Kultur mit uns und gab uns nützliche Tips für unsere Reise in den Süden des Landes.

Amol und Sohn David Sassoon Library

Wir fanden, dass Mumbai ein Ort der Extreme war, und brauchten manchmal starke Nerven. Während die Mittel- und Oberschicht einen modernen und angenehmen Lebensstil haben, lebt 55% der Bevölkerung Mumbai’s in Slums oder anderen improvisierten Unterkünften. Nachts schlafen viele Leute auf dem Fußweg vor unserem Hotel. Tagsüber verkaufen sie irgendetwas auf der Straße oder transportieren Güter mithilfe ihrer hölzernen zweirädrigen Karren. Manchmal sehen wir Frauen mit kleinen Kindern, die auf Pappstücken schlafen, und einmal konnten wir uns das Starren nicht verkneifen, als wir eine junge Frau sahen, die ein neugeborenes Baby mit noch intakter Nabelschnur auf dem Fußweg vor einem Bahnhof wusch. Oft sehen wir auch Leute, denen ein Arm oder Bein fehlt, oder die sonst irgendwie behindert sind und auf der Straße leben.

An unserem letzten Tag machten wir eine sehr interessante Tour zu Fuß durch den Dharavi Slum. Wir denken, dass diese Erfahrung ihren eigenen Blog Eintrag verdient – mehr darüber demnächst!

Wir planten, mit dem Zug nach Goa zu fahren, von wo aus wir per Fahrrad weiterfahren würden. Der historische Bahnhof, ein weiteres Relikt der Kolonialzeit, war voller Reisender, Bettler und riesiger Ratten. Unsere Zugfahrkarten konnten wir an einem speziellen Schalter für ausländische Reisende kaufen. Zum Glück hält die indische Zuggesellschaft oft eine Anzahl Fahrkarten für Fremde zurück; Inder müssen dagegen im Voraus planen, da die Züge oft mehrere Monate im Voraus ausgebucht sind. Nun mussten wir herausfinden, wie wir die Fahrräder mit dem Zug transportieren könnten. Wir bekamen verschiedene Antworten von verschiedenen Angestellten, die von “kommt einfach eine Stunde vor der Abfahrt und ihr könnt die Fahrräder umsonst mitnehmen” bis zu “ihr müsst sie einen Tag im Voraus einchecken und dafür eine Gebühr bezahlen” reichten.

Da unser Zug früh am Morgen war, brachten wir die Fahrräder am vorigen Nachmittag zur Gepäckannahmestelle. Wir hatten sie auf dem Dachgepäckträger eines Taxis transportiert, und sobald wir am Bahnhof ankamen, kamen einige Typen an, die ihre Hilfe anboten. Anscheinend war die Gepäckannahmestelle geschlossen, da es Sonntag war, und so riefen sie jemanden für uns an, um die Fahrräder entgegenzunehmen. Das erschien uns etwas verdächtig, und als Frederike in Richtung Gepäckannahmestelle ging, um die Situation zu klären, änderte sich ihre Geschichte plötzlich: “Euer Gepäck wird dort stundenlang herumliegen, gebt es besser uns.” Natürlich war die Gepäckannahmestelle offen, und die Typen verschlichen sich enttäuscht.

Unsere Kartons wurden gewogen, und uns wurde gesagt, dass sie nicht gut genug verpackt waren, und dass wir sie professionell verpacken lassen müssten. Der Verpackungs-Wallah war allerdings anderer Meinung und sagte, dass die Verpackung gut genug war. Wir verursachten noch mehr Verwirrung als wir den Gepäckbeamten fragten, ob es möglich wäre, die Fahrräder zu versichern. Das müssten wir mit seinem Chef diskutieren, sagte er.

Als wir eine halbe Stunde später wiederkamen, um mit dem Chef zu sprechen, wurde uns gesagt, dass wir jeder 700 Rupien bezahlen müssten. “Ist das für die Versicherung?”, fragte Frederike, worauf der Gepäckbeamte mit einem der legendären indischen Kopfwackeln antwortete. Das Kopfwackeln bedeutet weder Ja noch Nein, es ist total vage und sehr frustrierend für den Reisenden. Nachdem er wortlos seinen Kopf eine volle Minute lang gewackelt hatte, verschwand er. Nach einer Weile kam er wieder und zog direkt vor uns sein Hemd aus – seine Schicht war wohl zu Ende. Für eine Weile ignorierte uns der Chef, aber dann füllte er unsere Formulare aus und berechnete uns eine Gebühr von 400 Rupien. Wir hatten immer noch keine Informationen über die Versicherung bekommen und interpretierten ihr Benehmen als “naja, vielleicht gibt es da schon eine Art Versicherung, aber wir wissen nicht so recht darüber Bescheid, und es ist sowieso viel zu kompliziert.”

Am nächsten Morgen, als der Zug schon am Bahnhof bereitstand, waren unsere Kartons nirgends zu sehen. Guy ging zur Gepäckannahmestelle und fand sie dort, noch unberührt. Es war zwar ein gutes Zeichen, dass die Fahrräder noch da waren, aber leider machten die Gepäckträger keine Anstalten, sie in den Zug zu laden. Ein Schmiergeld wurde offensichtlich erwartet, und nachdem wir 150 Rupien bezahlt hatten, wurden die Fahrräder endlich geladen. Nun waren wir endlich auf unserem Weg!

Sonntag, 26. Dezember 2010

Abu Dhabi und die Westliche Region

Drei Wochen lang in Dubai herumzuhängen ist ein teures Unterfangen, vor allem für unser niedriges Radtourer-Budget. Wir hatten erfolglos versucht, eine kostenlose Unterkunft über Couchsurfing oder Warmshowers zu finden, und wohnten daher in einem Hotel. Daher waren wir sehr erfreut, als Chris aus Südafrika uns via Twitter kontaktierte und vorschlug, dass wir bei seiner Tochter Melanie übernachten könnten, die in Abu Dhabi wohnt. 

Einige Tage später packten wir unsere Sachen und ließen die eingepackten Fahrräder in unserem Hotel in Dubai zurück. Es gibt einen guten Bus zwischen Dubai und Abu Dhabi, und wir kamen am späten Nachmittag in Abu Dhabi an. Irgendwie hatten wir allerdings keine genaue Zeit mit Melanie ausgemacht, und als wir sie anriefen, fanden wir heraus, dass sie gerade in Dubai war. Wir mussten ein paar Stunden warten, bis sie zurückkam, aber mit 25kg Gepäck pro Person in zwei Plastik-Strandtaschen waren wir nicht sehr mobil. Es gab in der Nähe ein Einkaufszentrum, und am Ende lösten wir unser Dilemma indem wir alle unsere Siebensachen in einen Einkaufswagen luden. Der Obdachlosen-Look war perfekt, und wir schoben unseren Einkaufswagen vorbei an den Designer-Läden und Cafes ins Einkaufszentrum, um dort zu warten.

Endlich rette Melanie uns und holte uns in ihrem Pajero ab. Ihre Wohnung war etwas außerhalb, da es eine bessere Lage für ihre beiden kleinen Hunde Daisy und Jackie war. Wir fühlten uns sofort wohl bei der lebhaften Melanie, die im Gesundheitswesen an einem IT Projekt arbeitet. Sie wohnt schon seit 9 Jahren in Saudi Arabien und den VAE, so dass sie uns einen faszinierenden Einblick in die arabische Kultur geben konnte.

Melanie arbeitete während der Woche, und wir verbrachten ein paar Tage damit, mit Daisy und Jackie spazierenzugehen, in Cafe’s herumzuhängen, und wegen unseres indischen Visums zwischen Abu Dhabi und Dubai hin- und herzufahren.

Obwohl Melanie den ganzen Tag arbeitete, zeigte sie uns die Highlights von Abu Dhabi. Das beeindruckendste Gebäude, das wir sahen, war der Emirates Palace. Dies ist ein luxuriöses Hotel, das vor kurzer Zeit gebaut wurde und dessen Design dem des Palastes des Scheichs gleicht. Im Hotelfoyer gibt es einen 13m hohen Weihnachtsbaum, der mit glitzernden Juwelen dekoriert ist. Der Weihnachtsbaum hat den Guiness Weltrekord für den teuersten Weihnachtsbaumschmuck gebrochen, denn die Juwelen, mit denen er behangen ist, sind über 11 US$ Millionen wert! Wir amüsierten uns auch mit dem Goldautomaten, der wie ein Getränkeautomat aussieht und goldene Ketten und Souvenirs ausspeit, die bis zu 3000 US$ wert sind. Leider hatten wir aber nur 2$ Kleingeld übrig. Der interessanteste Teil des Hotels ist eine Ausstellung über die Zukunft Abu Dhabi’s und die Pläne, einige tolle Museen zu bauen. Die Architektur des geplanten Guggenheim Museums, des Ablegers des Louvres und des Maritim-Museums sind atemberaubend futuristisch.

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Am Wochenende lud Melanie uns ein, zur Liwa Oase in der Westlichen Region der VAE zu fahren, in der Nähe der Grenze zu Saudi Arabien. Auf dem Weg besuchten wir das Emirates National Auto Museum. Offiziell war es geschlossen, doch mit etwas Trinkgeld überzeugten wir den Wachmann, es für uns zu öffnen. Das Museum ist die private Autosammlung des “Regenbogen-Scheichs”, der so genannt wird, weil er einen andersfarbigen Mercedes 500 SEL für jeden Wochentag hat. Diese sind im Museum ausgestellt, zusammen mit ca 250 anderen Oldtimern und modernen Autos. Das beeindruckendste Stück ist ein riesiger Dodge Power Wagon, der auf einer Skala von 64:1 gebaut wurde. Andere Autos passen leicht darunter, und die Räder sind ca 3m hoch. Dieser wird dazu benutzt, einen riesigen Wohnwagen zu ziehen, der 8 Schlafzimmer mit Balkons enthält, und in dem der Scheich Campingausflüge in die Wüste machte. Ein ziemlicher Kontrast zu unserem kleinen Boris.

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Später am Tag sahen wir einige andere reiche Emiratis auf einem Campingausflug in der Wüste. Wir machten gerade ein Picknick auf einer Sanddüne und genossen die Stille, als ein knallroter Hummer vorbeiröhrte. Der Fahrer und die Passagiere waren traditionell gekleidet, mit einem weißen bodenlangen Gewand, Araberschal auf dem Kopf und den obligatorischen Designer-Sonnenbrillen. Sie winkten uns alle fröhlich zu, und kurz darauf kamen zwei Lieferwagen, die ihre Campingausrüstung trugen – Teppiche, Tische, Stühle usw.! Melanie sagte, dass dies üblich war, und dass sie einmal zum Campen eingeladen war, wobei alle lachten, als sie mit ihrem kleinen Zelt ankam, da das luxuriöse Camp bereits von Dienern für alle Gäste vorbereitet worden war.

Obwohl sie in den Städten wohnen und oft hochrangige Positionen in Unternehmen oder beim Staat halten, haben viele reiche Emiratis immer noch eine Kamel- oder Dattelfarm in der Wüste, wo sie ihre Wochenenden verbringen. Das betrifft auch die königlichen Familien von Abu Dhabi und Dubai, die ursprünglich aus der Liwa Gegend kommen. Im Herzen sind sie immer noch Nomaden und fühlen sich in der Weite der Wüste zu Hause.

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Wir verbrachten den Tag damit, die wellige goldene Dünenlandschaft zu bewundern und hier und da mal von der Teerstraße abzuweichen. Am Abend fanden wir uns zufällig beim Dhafra Festival wieder, was eines der Highlights im Kulturkalender der VAE ist. Das Dhafra Festival feiert die Traditionen des Wüstenlebens, und Leute kommen von überall in den VAE, Saudi Arabien und Oman. Als erstes besuchten wir die Kamelrennbahn, wo wir zusahen, wie Kamele trainiert wurden. Die Rennen finden normalerweise morgens statt, und ein großer Preis von einer halben Million US$ winkt dem Gewinner! Wir besuchten dann den traditionellen Souk mit vielen Marktständen, die emiratisches Essen, Camping-Ausrüstung, Kamelsättel und vor allem viele glitzernde Kamel-Accessoires verkauften, mit denen die Kamele für einen Schönheitswettbewerb dekoriert wurden! Statt sich die Marktstände zu Fuß anzusehen, verließen viele der Emiratis nie ihre weißen Landcruiser. Sie fuhren darin an den Ständen vorbei und ließen nur manchmal die Fenster herunter, um etwas zu kaufen. 

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Melanie spricht Arabisch und konnte mit vielen der Frauen an den Marktständen kommunizieren. An einem Stand bestellten wir Milchtee und wurden sofort von einem lebhaften 10-jährigen Mädchen eingeladen, uns drinnen hinzusetzen. Ihre Mutter war in eine bodenlange schwarze Abbeya gehüllt und trug ein Kopftuch mit einem kleinen Augenschlitz. Sie lehnte unser Geld ab und gab uns eine Schachtel Datteln von ihrer Farm. Die Familie besaß eine Dattel- und Kamelfarm und lud uns ein, sie zu besuchen, wenn wir wieder in der Gegend sein sollten.

Das farbenfrohe Festival bot uns einen fantastischen Einblick in das traditionelle emiratische Leben und die Kultur. Die VAE haben wirklich mehr zu bieten als nur die modernen Hochhäuser und Einkaufszentren in Dubai und Abu Dhabi.

Am nächsten Morgen hatten wir eine weitere interessante Erfahrung. Melanie hatte angeboten, uns via die Oasenstadt Al Ain nach Dubai zurückzufahren. Auf dem Weg kamen wir an einer Kamelrennbahn vorbei, wo gerade ein Rennen begann. Das Rennen wurde live ins Fernsehen übertragen, und den stolzen Kamelbesitzern machte es nichts aus, dass wir uns die Kamele genauer ansahen, während sie auf das nächste Rennen vorbereitet wurden.

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Die Rennbahn ist 10km lang, und die Kamelbesitzer fahren in ihren Autos neben den Kamelen her, um sie anzufeuern. Die Außenseite der Rennbahn ist für Zuschauer reserviert. Der Eintritt ist kostenlos, und wir fuhren einfach auf den Sandweg und folgten den Kamelen. Die Kamele rennen mit 35-40 km/h. Es gibt keine Jockeys, sondern jedes Kamel hat eine kleine elektronische Peitsche am Höcker befestigt, die von der Stimme des Besitzers aktiviert wird. Je mehr er in sein Mikrophon schreit, desto schneller schlägt die Peitsche das Kamel. Es klingt furchtbar, aber in der Realität sehen die Peitschen ziemlich schwach aus, und die meisten funktionieren nicht besonders gut.

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Al Ain war eine schöne grüne Wüstenoase. Melanie musste einem Kollegen einen Schlüssel bringen, und der junge Palästinenser zeigte uns ein Restaurant, wo wir etwas zu essen für ein Picknick kaufen konnten. Mit typischer arabischer Gastfreundschaft bestand er darauf, dafür zu bezahlen. Außerhalb von Al Ain fanden wir einen schönen Picknickplatz in der Nähe von heißen Quellen, und fuhren danach auf den höchsten Berg der VAE, von dem aus wir bis nach Oman hinübersehen konnten.

Nach einer tollen Woche mit Melanie war es Zeit für uns, nach Dubai zurückzufahren, um noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, bevor wir uns auf den Weg nach Indien machten. Wir sind froh, dass wir die Gelegenheit hatten, eine andere Seite der VAE zu sehen, statt uns nur auf Dubai’s glitzernde Einkaufszentren und Hochhäuser zu beschränken.

Freitag, 24. Dezember 2010

Frohe Weihnachten

Frohe Weihnachten aus dem sonnigen Mumbai! Mögen Frieden, Gesundheit und Glück mit Euch sein.

Heute wurden wir von einer Frau zu einer Messe in einer Kathedrale in Mumbai eingeladen, aber da die meisten Leute in Mumbai Hindus oder Muslime sind, sehen wir nicht viele Weihnachts-Aktivitäten auf den Straßen.

Wie immer werden wir zweimal feiern: Erst kommt das deutsche Weihnachten am 24., und dann das australische Weihnachten am 25. Frederike’s Familie in Hamburg genießt zum ersten Mal seit langer Zeit eine weiße Weihnacht mit viel Schnee, während Guy’s Familie ein hoffentlich warmes und sonniges Weihnachtsessen in Melbourne plant. Währenddessen feiern wir im indischen Stil in unserem Lieblingsrestaurant in Mumbai!

Nächstes Mal wenn Ihr Euch Sorgen über die Kosten Eurer Weihnachtsdekoration macht, denkt an den Scheich von Abu Dhabi, der 11 Millionen US$ ausgegeben hat, um seinen Baum zum teuersten der Welt zu machen (siehe Foto)…

Merry Christmas

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Dubai: Klimatisierte Perfektion

Als wir ins Hotel eintraten, fühlten wir uns als ob wir in eine andere Welt eingetaucht wären. Gewienerte Böden, glitzernde Kristallüster, eine angenehme Atmosphäre. Alle Leute sahen so gut gefüttert und herausgeputzt aus. Als wir im Aufzug unser Spiegelbild sahen, mussten wir lachen: Unsere Kleidung war ausgeblichen und mit einigen Schmierflecken versetzt, die Haare mussten geschnitten werden, und uns wurde klar, dass wir uns ein bisschen mehr anstrengen mussten, wenn wir in dieser Stadt akzeptiert werden wollten.

Frisch geschrubbt gingen wir kurz darauf hinaus, um ein paar Nahrungsmittel zu kaufen. Als wir uns umsahen, wurde klar, dass in Dubai alle Läden in riesige Einkaufszentren eingeschlossen waren, und es fast keine kleineren Läden gab. 8- und 10-spurige Autobahnen schlängelten sich um die gewaltigen Hochhäuser, und als Fußgänger fühlten wir uns verletzlich und unwichtig. Die Straßen sind wie Formel 1 Rennbahnen gebaut, und die meist frisch lackierten Autos behandeln sie auch so.

Für diejenigen, die uns nicht kennen – wir sind eher Bäume-Umarmer als Stadtmenschen, und so verbringen wir meist nicht viel Zeit in Einkaufszentren, aber als wir in das Deira City Center eintraten und die angenehme Kühle der Klimaanlage spürten, fühlten wir uns als ob wir gerade das Tor zum Himmel durchschritten hätten. Wir hatten die ganzen kleinen Annehmlichkeiten vergessen, die wir in den letzten paar Monaten entbehrt hatten. Poster in jedem Ladenfenster animierten uns zum Kaufen, Kaufen, Kaufen. Alles was wir wollten und brauchten war da, unter einem Dach. Wir gingen in ein Cafe, setzten uns hin, sahen uns die Preise an, standen wieder auf und machten uns stattdessen auf den Weg zu einem Supermarkt. Es war klar, dass wir in den nächsten paar Wochen hauptsächlich Fensterbummel machen würden (wir verbrachten am Ende 3 Wochen in Dubai, während wir auf unser indisches Visum warteten). Unser Lieblings-Einkaufszentrum wurde die Dubai Mall, nicht nur wegen des kostenlosen Internets, sondern auch wegen des riesigen Aquariums. In der Mitte des Einkaufszentrums gibt es ein großes Plexiglasfenster, das sich über zwei Etagen erstreckt, und es ist sehr unterhaltsam, sich dort die vielen verschiedenen Haie, Stechrochen und Dutzende andere Fische anzusehen. Dabei befinden sich auch noch bis zu sechs Taucher im Aquarium.

Am folgenden Morgen kam Frederike’s Vater an, nachdem er von Hamburg aus nach Dubai geflogen war, um uns zu besuchen. Nach einem riesigen Frühstück trafen wir uns mit Jörg, einem Kollegen von Frederike’s Vater, der seit mehreren Jahren in Dubai lebt und arbeitet. In seinem klimatisierten Jeep fuhren wir duch den Stadt-Dschungel von Dubai, um uns die Highlights anzusehen. Viele Gebäude in Dubai sind beeindruckende Exemplare moderner Architektur, aber der riesige Burj Khalifa ist wirklich atemberaubend. Der Burj Khalifa war zuvor als Burj Dubai bekannt, bevor Abu Dhabi’s Scheich Khalifa bin Zayed al-Nahyan Dubai’s taumelnde Wirtschaft nach der Finanzkrise in 2008 rettete und im Gegenzug eine Namensänderung des Gebäudes verlangte. Mit 828 Metern Höhe ist es momentan das höchste Gebäude der Welt und eine tolle Ansicht mit seinen scharfen Ecken und seiner schimmernden Metallhaut. Bei Sonnenuntergang speit eine Wasserorgel tanzende Fontänen bis zu 150m in die Höhe, wobei perfekt synchonisierte arabische Musik spielt und Lichter am Burj Khalifa dazu im Hintergrund funkeln.

Burj Khalifa, 828m Burj al Arab Hotel

Als wir durch die Stadt fuhren, bekamen wir schnell ein Verständnis für das recht rigide Klassensystem in den VAE. Emiratis, die der königlichen Familie angehören, fahren die tollsten Luxus-Vehikel und tragen immer ein traditionelles weißes Gewand und dazu Ray Ban Sonnenbrillen. Strotzend vor Selbstsicherheit rasen sie durch die Stadt und hupen jeden an, der ihnen in den Weg gerät. Als nächstes kommen alle anderen Emiratis, die zwar nicht Teil der königlichen Familie sind, aber immerhin von ihr mit lukrativen Subventionen unterstützt werden. Alle ausländischen Firmen müssen mit einem Emirati partnern, um sich in den VAE niederlassen zu dürfen, und viele Emiratis sind dadurch reich geworden. Ihr Lieblingsauto ist der weiße Landcruiser. Emiratis stellen nur 20% der Bevölkerung von Dubai dar, haben aber klar die Kontrolle. (Interessanterweise wurde uns später in Mumbai erzählt, dass die Emiratis vor der Entdeckung von Öl ziemlich arm waren und oft als Lastenträger in Indien arbeiteten!). Die dritte Gruppe formen die Ausländer aus dem Westen, die zwar keine Landcruiser fahren, aber dennoch Autos mit Allradantrieb haben, und kurz dahinter folgen gut ausgebildete Angestellte aus Indien, dem Mittleren Osten und Asien.

Als letztes in der Hierarchie kommen die Arbeiter aus Indien, Pakistan, China, Afrika und Südostasien, die einen ziemlich anderen Lebensstil haben. Die meisten sind ungelernte Arbeiter, die schlecht bezahlt werden, hauptsächlich auf dem Bau arbeiten und oft in kläglichen Container-Siedlungen wohnen. Sie sind hier, um ihre Familien zu Hause zu unterstützen oder, in manchen Fällen, Verfolgung zu entfliehen. Ihre Transportmittel sind Lieferwagen, Busse und ächzende alte Fahrräder.

Jörg zeigte uns seinen Lieblingsstrand, mit klaren Wasser und der Silhouette von Dubai im Hintergrund. Typischerweise war der Strand allerdings inzwischen in eine Baustelle verwandelt worden, wo sich ein weiteres Luxushotel aus dem Sand erhob.

Fahrt durch Dubai Guy mit Frederike's Vater und Jörg

In der Türkei und Iran hatte es fast keinen Alkohol gegeben, und so machten wir uns auf den Weg, um ein Bier zu finden. Obwohl es in Dubai meist auch keinen Alkohol gibt, kann man dennoch an bestimmten Orten Alkohol trinken. Zum Glück kannte Jörg so einen Ort, und so fanden wir uns in einem irischen Pub wieder, wo wir ein Guinness und einen herzhaften Hühnchen-Pie konsumierten. Das diverse Angebot an Essen, und die Qualität sind in Dubai fantastisch; allerdings ist dieser Eindruck vielleicht auch von unserer dreimonatigen Kebab-Diät beeinflusst.

Am folgenden Tag besuchten wir das sehr kompakte “historische Quartier” in Dubai, das in der Nähe des Creeks liegt – einem Fluss, der jahrhundertelang als Handelsplatz für Perlentaucher und Gewürzhändler benutzt wurde. Es ist immer noch ein aktiver Handelsplatz, wo Dhows mit Gütern beladen werden bevor sie ihre lange Reise nach Indien oder Ostafrika antreten. Das Dubai Museum (eingequetscht zwischen Hochhäusern) ist so ziemlich der einzige Ort, an dem man einen Eindruck von Dubai’s Vergangenheit bekommen kann. Es war sehr informativ, und seltsam zu sehen wie so eine schläfrige Wüstenkleinstadt sich in nur 50 Jahren in das verwandelt hatte, was man heute sieht. Interessanterweise erinnerten uns die Darstellungen traditioneller Berufe sehr an das, was man in Iran noch heutzutage sieht. 

Dhow auf dem Creek "Traditionelles" Hotel

Obwohl beide Länder viel Öl haben, ist der Unterschied im Lebensstandard zwischen Iran und den VAE extrem. In Iran scheinen die meisten Leute der unteren Mittelklasse anzugehören, während es den Einwohnern der VAE sehr gut geht. Während die VAE Waldprojekte haben, um Teile der Wüste wieder zu bepflanzen, hat Iran einen Großteil seiner Natur innerhalb von nur 10 Jahren zerstört. In Iran wird Kunst immer weniger unterstützt, während die VAE viel investieren, wobei sie sogar einen Ableger des Louvre, ein Opernhaus und ein Guggenheim Museum bauen.

Die VAE konzentrieren sich sehr darauf, von ihrer Ölabhängigkeit hinwegzukommen, die in den frühen 80gern noch 75% des Einkommens darstellte, und sich inzwischen nur noch auf 25% beschränkt. Obwohl die VAE immer noch große Ölreserven haben, arbeiten sie auch an einem US $22 Billionen teuren Projekt, die erste CO2-neutrale Stadt der Welt zu bauen. Es ist schwer, nicht von ihrer Vision und Entschlossenheit zum Fortschritt beeindruckt zu sein, wo Träume wirklich Realität werden.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Frederike’s Vater und beluden ihn mit einem Teil unserer Ausrüstung, den wir für Indien und Südostasien nicht brauchen, vor allem unser Zelt Boris. Wir überzeugten Boris, dass ein europäischer Winter besser für ihn sein würde als in Indien zu zelten, wo er wahrscheinlich von Affen zerpflückt werden würde. Es war eine schwierige Entscheidung, da wir damit einen Teil unserer Unabhängigkeit verlieren, aber wir wissen auch von anderen Reisenden, dass es in Indien so ziemlich unmöglich ist, ungestört zu zelten.

Unsere Zeit im IBIS Hotel war ein großzügiges Geschenk von Frederike’s Vater, aber jetzt mussten wir in ein günstigeres Hotel umziehen, idealerweise mit Küche und genug Platz, um an den Fahrrädern zu arbeiten. Also beluden wir unsere Fahrräder und fuhren etwas zögerlich durch die Stadt zu unserer neuen Unterkunft, wo der lebhafte phillipinische Hotelmanager uns in Mr. und Mrs. Bike umbenannte.

Der nächste Tag wurde damit verbracht, die Fahrräder zu säubern und in Kartons einzupacken, so dass wir sie per Flugzeug transportieren konnten. Es dauerte den ganzen Tag, da es für uns beide das erste Mal war, dass wir Fahrräder in einen (recht kleinen) Karton packen mussten. Wir schafften es auch, endlich Jet und Jen zu treffen, ein englisches Paar, das auch per Fahrrad unterwegs war und seit Istanbul kurz hinter uns gewesen war. In Esfahan hatten wir sie um einen halben Tag verpasst, und so waren wir froh, dass wir sie endlich in Person trafen. Vielleicht werden wir sie in Indien nochmal wiedersehen.

Frederike arbeitet am Fahrrad Guy packt die Fahrräder ein

Unser Ziel für die nächsten paar Tage war, einen Flug nach Goa zu buchen, von wo aus wir planen, um den südlichen Zipfel von Indien nach Chennai zu fahren – eine Reise von ca 2100 km. Wir gingen zu verschiedenen Fluggesellschaften, um sie über ihre Fahrrad-Transportregeln zu befragen, und fanden dass Emirates und Jet Air die beste Wahl wahren. Die Preise stiegen allerdings jeden Tag, da es fast Weihnachten war, und alle Direktflüge nach Goa waren entweder ausgebucht oder akzeptierten keine Fahrräder. Das bedeutete, dass wir via Mumbai oder Bengaluru fliegen und dann einen weiteren Flug nach Goa nehmen mussten. Für viele der Inlandsflüge wurden kleine ATR Maschinen benutzt, die keine Fahrräder akzeptierten, und wir durften dann auch nur 20kg Gepäck mitnehmen, anstatt der 30kg, die wir für das internationale Segment transportieren durften. Dennoch fanden wir einen günstigen Flug nach Goa vie Bengaluru und versuchten, ihn im Internet zu buchen. Allerdings crashte die Webseite immer wieder, wenn wir bezahlen wollten, und als wir Emirates anriefen, konnten sie den Flug nicht mal in ihrem System finden.

Inzwischen war es fast Mitternacht, und in letzter Minute hatten wir genug und gaben den Plan auf, nach Goa zu fliegen. Es war einfach zu kompliziert. Schnell fanden wir einen günstigen Flug nach Mumbai, buchten ihn und gingen schlafen. Wir würden uns später darum kümmern, wie wir nach Goa kommen würden. Vielleicht war es keine so gute Entscheidung, da die indischen Züge recht chaotisch sein können. Allerdings hat unser Ausflug nach Mumbai auch einen großen Vorteil: Wir können uns dort mit ein paar Freunden treffen. Abhishek, Frederike’s Freund aus Studentenzeiten, und Amol, mit dem wir in Email Kontakt sind und der von Pune aus nach Mumbai kommen möchte, um uns dort zu treffen.

Erst mussten wir aber noch einige Zeit in den VAE totschlagen, während wir auf unser Visum warteten.

Montag, 20. Dezember 2010

Wie man in Dubai ein Visum für Indien bekommt

Dieser Post ist als Information für andere Reisende gedacht, die ebenfalls planen, in Dubai ein Visum für Indien zu beantragen. Wir haben mehrere Leute in dieser Situation getroffen, und da es im Internet nicht allzu viele Informationen zu diesem Thema gibt, haben wir unsere Erfahrungen hier zusammengefasst. Diese Informationen sind aktuell im Dezember 2010 und reflektieren natürlich nur unsere eigenen Erfahrungen.

Als wir unsere Radtour von London nach Melbourne planten, hatten wir gehofft, unser indisches Visum bereits in der Türkei zu beantragen, aber das war nicht möglich. Seit Sommer 2010 gibt es neue Regeln für die Visumsvergabe, und seitdem vergibt Indien nur noch dreimonatige Visen an Leute, die ihren Antrag außerhalb ihres Heimatlandes stellen. Die Zeit läuft, sobald man das Visum erhält, und daher war es für uns keine gute Option, da wir ja erst noch durch die Türkei und Iran fahren wollten, bevor wir Indien erreichten. 

Für uns war die beste Möglichkeit, das Visum in Dubai zu beantragen, da es auf unserer Route lag und es ein indisches Konsulat gibt. Wir planten, von Dubai nach Indien zu fliegen, so dass wir das meiste aus unserem dreimonatigen Visum machen konnten. Unseren Antrag gaben wir beim Central Post Office im Karama Stadtteil in Dubai ab. Das Büro ist Samstag – Donnerstag von 8-20 Uhr geöffnet. Wir mussten das Folgende einreichen:

- Antragsformular, heruntergeladen von der Webseite des Konsulats

- Zwei neue Passfotos

- Original und Kopie des Reisepasses

- Kopie des Visums oder Einreisestempels der Vereinigten Arabischen Emirate

- Referenz-Formular mit Adresse im Heimatland, auch von der Webseite des Konsulats heruntergeladen.  Dies wird benutzt, um ein Fax an die indische Vertretung im Heimatland des Antragstellers zu schicken, um zu bestätigen, dass es von der Seite keine Gründe gegen eine Reise nach Indien gibt. Wenn das Konsulat nach 3 Tagen noch keine Antwort bekommen hat, nehmen sie an, dass das bedeutet, dass es keine Einwände gibt.

- Hotelbuchung in Indien (wir haben einfach ein Hotel für eine Nacht gebucht und es später gecancelt).

Wir mussten bei der Antragstellung 140 AED pro Person bezahlen. Unsere Pässe bekamen wir gleich wieder. Uns wurde gesagt, dass die Bearbeitungszeit 6-7 Werktage in Anspruch nehmen würde, und dann zusätzlich 2 weitere Tage, um das Visum in den Pass zu kleben. Das Problem ist, dass alle Wochenend- und Feiertage in den Vereinigten Arabischen Emiraten und auch im Heimatland des Antragstellers nicht zählen. Für uns bedeutete dies, dass Freitag, Samstag und Sonntag nicht als Werktage galten (unsere Nationalitäten sind Deutsch und Australisch), so dass der ganze Prozess um die zwei Wochen dauern würde.

Uns wurde eine Referenznummer gegeben, die wir in einer Webseite eingeben konnten, um den Fortschritt unseres Antrags zu sehen. Nach 5 Werktagen war unser Visum bewilligt worden und wir mussten zurück ins Visumsbüro gehen, um unsere Pässe abzugeben und nochmals 150 AED pro Person zu bezahlen. Die Pässe wurden dann ans Konsulat geschickt, um die Visumssticker einzukleben.

Normalerweise werden die Pässe dann per Kurier an uns zurückgeschickt, aber da wir keine permanente Adresse oder verlässliche Handynummer in Dubai hatten, wurde uns gesagt, dass wir sie selber nach 2 Tagen abholen könnten. Das passte uns sowieso besser, da wir unsere Pässe nicht der Post anvertrauen wollten. Um unsere Pässe abzuholen, mussten wir zu einem anderen Postamt in der Nähe des Flughafens gehen.

Als wir dort ankamen, gab es erstmal einen Schock: Guy’s Pass wurde nicht im System gefunden, und uns wurde gesagt, dass er vielleicht am nächsten Abend ankommen würde. Frederike’s Pass war an einen Typ namens Rudy geliefert worden, Adresse unbekannt! Letztendlich riefen sie den Kurier an und er erklärte, dass er den Pass an ein Hotel geliefert hatte, in dem wir zuvor einige Male übernachtet hatten, und so fuhren wir dann zum Hotel, um den Pass abzuholen.

Am nächsten Abend riefen wir das Postamt an, aber Guy’s Pass war immer noch nicht da. Wir sollten das Konsulat direkt am nächsten Morgen anrufen, um herauszufinden, was der Grund für die Verspätung war. Als wir das Konsulat endlich erreichten, wurde uns gesagt, dass sie den Visumsantrag verloren hatten! Zum Glück hatten sie wenigstens noch Guy’s Pass, und wir mussten sofort zum Konsulat kommen, um einen weiteren Antrag auszufüllen.

Als wir beim Konsulat ankamen, sollte Guy ein Passfoto, das Antragsformular, und ... seinen Pass einreichen! Nach einem Moment der Panik schnappte Guy fast über, als er zu dem Beamten sagte: “SIE haben doch meinen Pass!” Während wir das Formular ausfüllten, fand der Beamte den Pass wieder, und endlich wurde der Visumssticker eingeklebt. Wir hatten beide ein dreimonatiges Visum für Indien bekommen, nach 15 Tagen Wartezeit.

Moral der Geschichte: Gebt bei der Antragstellung eine zuverlässige Adresse an, da Adressänderungen Verwirrung verursachen können. Es hilft auch, eine zuverlässige Handynummer zu haben. Der Rest ist Glückssache!

Natürlich können sich diese Informationen ändern. Aktuelle Informationen sind auf der Webseite des Indischen Konsulats nachzulesen. Einfach auf Services – Visa klicken und herunterscrollen, um den Abschnitt über Touristenvisen für Nicht-Einwohner der VAE zu sehen. 

Sonntag, 19. Dezember 2010

10 Tipps für eine Radtour in Iran

Wir verbrachten fast zwei Monate in Iran und fuhren 2.300km per Fahrrad durch das Land. Von der Türkei kamen wir über die Grenze nach Maku, und dann durch Tabriz, Esfahan und Shiraz, bis wir mit der Fähre von Bandar Abbas nach Dubai fuhren. Hier sind unsere Top 10 Tipps für eine Radtour in Iran.

1. Beantragt Euer Visum im Voraus. Momentan ist es nicht möglich, bei Ankunft im Land ein Visum zu erhalten. Man kann sein Visum aber im Voraus über www.iranianvisa.com oder www.stantours.com beantragen und es dann in einer iranischen Botschaft abholen. Falls Ihr durch die Türkei kommt, ist Istanbul ein guter Ort, um das Visum abzuholen, wenn man seinen Antrag durch eine der oben genannten Agenturen gestellt hat. Das Enddatum auf dem Visum ist der letzte Tag, an dem man ins Land einreisen kann, nicht das Datum in dem man das Land verlassen muss. Normalerweise bekommt man ein Visum für 30 Tage, das man aber im Land verlängern kann. Esfahan und Shiraz sind momentan recht einfache Orte für eine Visumsverlängerung, während Tabriz, Yazd und Teheran anscheinend nicht so hilfreich sind.

2. Nehmt genug Bargeld mit ins Land. In Iran gibt es keine Geldautomaten, da das Land nicht an das internationale Geldsystem angeschlossen ist. Man muss also genug Bargeld für seinen gesamten Aufenthalt mitnehmen. US Dollar, Euros und Britisches Pfund sind wohl die besten Währungen. Es kann einen zwar nervös machen, so viel Bargeld mitzunehmen, aber Iran ist generell ein sehr sicheres Reiseland.

3. Nehmt sichtbare Kleidung, Helm und Rückspiegel mit. Die Hauptstraßen in Iran können sehr gefährlich sein, mit vielen Lastwagen, vor allem im Nordwesten des Landes zwischen der türkischen Grenze (Maku) und Teheran / Esfahan, und es gibt nicht immer einen Seitenstreifen. Der Süden und Osten des Landes ist generell ruhiger und besser zum Radfahren geeignet, und auch in den Bergen lassen sich ruhige Straßen finden.

4. Plant genügend Kapazität für extra Nahrungsmittel und Wasser. Zugang zu fließend Wasser findet man in Iran nicht so einfach wie in der Türkei, und die Städte sind oft weit voneinander entfernt. Im Sommer kann es extrem heiß werden, so dass man mehr Wasser braucht, und auch zum Campen muss man Wasser dabei haben – man sollte also genug Kapazität haben, z.B. durch eine Ortlieb Wasserblase. Die Läden im Iran sind ziemlich einfach und haben nicht immer das, was man gerade braucht, so dass man bestimmte Dinge in größeren Städten kaufen und mitnehmen sollte. 

5. Genießt das Wüstencamping. Die iranische Wüste kann ein toller Ort zum Campen sein, und wir haben dort einige fantastische Nächte verbracht, in denen wir Sternschnuppen bewunderten und die Ruhe genossen. Manchmal werdet Ihr wahrscheinlich in sehr flachen Gegenden zelten müssen, in denen man sein Zelt nicht verstecken kann, aber wenn man bis zum Sonnenuntergang wartet und dann ein paar Hundert Meter in die Wüste hinausgeht, ist man von der Straße aus fast unsichtbar. Hirten sind allerdings überall unterwegs und werden Euch möglicherweise entdecken, aber wir fanden, dass sie meistens nur neugierig waren und uns dann in Ruhe ließen.

6. Zeltet umsonst in Stadtparks. Ihr könnt auch in den meisten Stadtparks umsonst zelten. Manchmal gibt es sogar einen Nachtwärter. Iraner lieben es zu zelten: In den heißen Sommermonaten machen sie oft Picknicks und übernachten dann im Park. Seid aber bereit, die Hauptattraktion zu sein.

7. Beachtet die strengen Kleidungsregeln. In Iran gibt es strenge Kleidungs-Gesetze, vor allem für Frauen, die man auch beim Radfahren beachten muss. Das kann schwierig sein, vor allem im Sommer. Ein Kopftuch muss jederzeit getragen werden. Statt eines normalen Kopftuchs trug Frederike einen Buff (getragen wie eine Balaclava) unter ihrem Fahrradhelm, was viel praktischer war, da er nicht verrutschte. Als Frau muss man auch lange Hosen oder Leggings tragen, und ein langes Hemd oder einen Mantel, der bis zur Mitte des Oberschenkels geht, so dass der Hintern bedeckt ist. Für Männer sind kurze Hosen akzeptabel, außer in Moscheen.

8. Bringt kleine Geschenke mit und seid bereit zu unterhalten. Die iranische Gastfreundschaft ist berühmt, und Ihr werdet sicher ab und zu von Familien eingeladen werden. Bringt ein kleines Geschenk mit - Datteln oder Halva sind ein guter Anfang, oder kleine Souvenirs von Eurem Heimatland. Für Einladungen bei Familien, die Eure Sprache nicht sprechen, bringt ein paar Unterhaltungsmaterialien mit, denn Iraner sind sehr neugierig. Wir brachten dazu ein Point-It Buch, eine Weltkarte, Sprachführer und Familienfotos mit. Seid bereit, ausgefragt zu werden oder sogar zum Singen aufgefordert zu werden!

9. Bleibt gelassen, wenn Ihr von der Touristen-Polizei befragt werdet. Während Eurer Reise kann es passieren, dass Ihr angehalten und befragt werdet. Bleibt ruhig und höflich, beantwortet die Fragen und sie werden Euch wahrscheinlich in Ruhe lassen. Seid aber vorsichtig, was Ihr in Blogs schreibt und wovon Ihr Fotos macht, vor allem in der Nähe von Militäranlagen und Kraftwerken. Wir haben einige unserer Blogs erst veröffentlicht, nachdem wir das Land verlassen hatten, und unser Blog kann seitdem in Iran nicht mehr aufgerufen werden.

10. Lasst Eure Vorurteile zu Hause. Macht Euch nicht zu viele Sorgen darüber, was Ihr in den Nachrichten hört. Von Protesten und Menschenansammlungen hält man sich natürlich besser fern, aber die meisten Leute sind extrem freundlich und hilfsbereit gegenüber Ausländern und sagen offen ihre Meinung über die Regierung. Prüft die Ratschläge des Außenamts für aktuelle Informationen über die Situation.

Karte unserer Route durch Iran

Fahrradroute Iran

Hier gibt’s alle unsere Iran Blog-Einträge

Samstag, 18. Dezember 2010

Von Bandar Abbas nach Dubai mit der Fähre

Von Bandar Abbas planten wir, eine Fähre nach Dubai zu nehmen. Zusätzlich zur Geschichte unserer Überfahrt enthält dieser Eintrag auch Informationen für andere Reisende, die diese Route ebenfalls planen.

Wir besuchten ein Reisebüro in Bandar Abbas, um unsere Tickets zu kaufen. Es gibt ein paar Reisebüros auf der Hauptstraße, die diese Tickets verkaufen – wir gingen zu Bala Parvaz, schräg gegenüber von Ghods Hotel.

Unsere Tickets kosteten jeweils US $100. Wir mussten unsere Pässe vorzeigen und in iranischen Rials bezahlen.

Die Fähren fahren momentan jeden Montag und Mittwoch abend um 20 Uhr (Stand Dezember 2010). Der Fahrplan ändert sich allerdings oft. Wir hatten den Leuten von www.irantravelingcenter.com zuvor geemailt, um den neuesten Fahrplan zu bekommen, und fanden sie recht hilfreich.

Am Tag der Abfahrt radelten wir am Nachmittag zum Hafen. Es ist der Bahona Hafen, der ca 7km westlich des Stadtzentrums liegt, in der Nähe des großen Kreisverkehrs wo die Hauptstraße sich in Richtung Norden biegt. Bitte keine Fotos vom Hafen machen! Das sehen die Beamten dort nicht gerne, da es ein Grenzgebiet ist. 

Uns wurde gesagt, dass wir um 17 Uhr da sein sollten, aber wir kamen etwas früher an. Die Fahrräder lehnten wir an einen nicht genutzten Schalter und warteten dann in der Sitzgegend. Gegen 17 Uhr stellten sich alle an einem kleinen Tisch an, um die Bordkarten zu bekommen. Dafür muss man als Ausländer eine Kopie des Reisepasses abgeben. Wenn man keine Kopie hat, muss man ein Taxi zurück in die Stadt nehmen, da man am Fährterminal keine Fotokopien machen kann.

Nachdem wir unsere Bordkarten abgeholt hatten, warteten wir noch ein paar Stunden. Viele Leute begannen, ihr Gepäck abzugeben, uns wurde aber gesagt, dass wir bis zuletzt warten sollten. Inzwischen wurden wir von einem anderen “Reisenden” angefreundet, der gut Englisch sprach. Kurz darauf kam er mit einigen Grenzpolizisten zurück, die agressive Fragen auf uns losfeuerten, während er übersetzte. Er schien gut mit ihnen befreundet zu sein, und wir bemerkten auch ein paar andere “Reisende”, die in der Halle herumhangen und sich später in Luft auflösten. Die Fragen der Beamten sollten uns provozieren, aber wir blieben ruhig, bis sie mit unseren Pässen für eine Weile verschwanden. Als wir die Pässe wiederbekamen, gingen sie zum Glück weiter, um stattdessen andere Reisende zu belästigen.

Der französische Vater einer Familie, die auch auf der Fähre überfahren wollte, wurde für eine Befragung in ein Büro gerufen, und war fast eine Stunde lang dort. Die Beamten befragten ihn über seine Reiseziele in Iran, seine Ansichten über Politik und Religion, worüber er mit den Leuten in Iran gesprochen hatte usw. Sie durchsuchten auch die Fotos auf seinem Laptop, um seine Aussagen zu belegen.

Endlich durften wir durchgehen. Die Männer, die das Gepäck entgegennahmen, wussten nicht so recht, was sie mit uns und unseren Fahrrädern anfangen sollten. Nachdem sie eine Weile diskutiert hatten, winkten sie uns durch, so dass wir die Fahrräder selber auf die Fähre rollen konnten. Das passte uns gut. Mehrere andere Radfahrer hatten uns erzählt, dass sie in letzter Minute eine extra Gebühr bezahlen sollten, um die Fahrräder auf die Fähre zu laden. Eine Gruppe sollte $50 pro Fahrrad zahlen, und eine andere $25. Falls das passiert, am besten strikt ablehnen und ein bisschen Theater machen, denn so sind die anderen Radfahrer auch ohne zu zahlen davongekommen. Wir waren gut vorbereitet: Als wir unsere Tickets kauften, rief das Reisebüro für uns den Chef des Fährterminals an, um zu bestätigen, dass die Fahrräder im Preis einbegriffen waren. Das Reisebüro gab uns auch seinen Namen und seine Handynummer, falls wir Schwierigkeiten hätten. Natürlich passiert nie etwas, wenn man so gut vorbereitet ist!

Nach der Passkontrolle mussten wir uns trennen und separat durch einen kleinen Raum gehen, in dem unser Gepäck kontrolliert wurde. Als Frederike in den Raum für Frauen ging, waren dort zwei Beamtinnen, die ziemlich überrascht aussahen und nicht so recht wussten, was sie mit dem Fahrrad anfangen sollten. Eine der Frauen stocherte ein bisschen mit ihrem Finger an Frederike’s Lenkertasche herum und winkte sie dann unbesehen durch.

Guy hatte kein solches Glück. In dem Raum für Männer wurden alle seine Satteltaschen gründlich durchsucht. Jedes Teil wurde beguckt, und sie durchsuchten sogar seinen Beutel mit dreckiger Wäsche, worüber sich Guy sehr amüsierte. Während alle anderen Passagiere schon auf die Fähre gingen, wurde Guy’s Fahrrad immer noch durchsucht, bis er endlich auch weitergehen durfte. Wir rollten die Fahrräder auf die Fähre und machten es uns gemütlich. Die Fähre war recht leer, so dass die meisten Leute eine ganze Bank für sich hatten.

Wir hatten Glück, da die Fähre nur 2 Stunden Verspätung hatte, während wir von anderen gehört hatten, dass wir 4-5 Stunden Verspätung erwarten müssten. Ein Abendessen wurde serviert, und das Frühstück am nächsten Morgen war auch im Preis eingeschlossen. Die ganze Reise dauerte ca. 11 Stunden. Die Fähre gilt noch als iranisches Gebiet, so dass Frederike ihr Kopftuch anbehalten musste, bis wir die Vereinigten Arabischen Emirate betraten.

Als wir im Hafen ankamen, wurde unser Gepäck nochmal durchsucht, und uns wurde ein 30 Tage Visum ausgestellt. Der Hafen ist in Sharjah, nicht in Dubai. Es gibt eine Autobahn von Sharjah nach Dubai, die allerdings sehr gefährlich für Radfahrer ist. Der Verkehr ist extrem schnell, es gibt meist keinen Seitenstreifen, die Autofahrer erwarten keine Fahrräder, und manchmal muss man bei Auffahrten bis zu 4 Spuren überqueren. Daher hatten wir entschieden, nicht mit dem Fahrrad zu fahren. Da die Taxis zu klein für unsere Fahrräder waren, verließen wir das Hafengebiet und hielten ein paar Lieferwagen an, um zu sehen, ob uns jemand nach Dubai fahren würde. Es dauerte eine Weile, aber letztendlich fanden wir jemanden, der uns für einen fairen Preis nach Dubai fuhr (120 AED).

Als wir nach den ganzen Anstrengungen der iranischen Grenzformalitäten endlich in Dubai ankamen, fühlten wir uns erleichtert, und Frederike konnte nach 7 Wochen in Iran endlich ihr Kopftuch abnehmen. Hurrah!

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Iran: Jetzt ohne Lücken

Obwohl wir während unserer Zeit in Iran ein paar Blogs gepostet haben, haben wir auch einige geschrieben, die die Regierung vielleicht nicht so gern gesehen hätte. Nach ein paar Begegnungen mit der Geheimpolizei am Anfang unserer Reise hatten wir entschieden, diese Blogs nicht zu veröffentlichen, während wir noch im Land waren.

Über die letzte Woche verteilt haben wir nun all diese fehlenden Posts rückdatiert und veröffentlicht. Unten sind sie noch einmal aufgelistet.

Wir hoffen, dass Ihr dabei Spaß habt, über unsere Abenteuer zu lesen, vom Erkunden von Wüstenstädten und den Ruinen von Persepolis, bis zum Schlafen unter Autobahnbrücken, Begegnungen mit Kamelen und, immer wieder, der extremen iranischen Gastfreundschaft.

Über die Grenze
Maku – Marand

Suleyman der Schreckliche 
Marand - Tabriz

Tabriz: Ein Einblick ins Leben der Iraner
Tabriz

Berauscht von Abgasen
Tabriz - Zanjan

From Perserteppichen zu Autobahnbrücken
Zanjan - Saveh

Express nach Esfahan
Saveh - Esfahan

Yazd: Eine Stadt an der Seidenstraße
Yazd

Extreme Gastfreundschaft, Wüstencamping und Ruinenstädte 
Esfahan - Shiraz

Bergab zum Persischen Golf
Shiraz – Bandar Abbas

Inzwischen sind auch unsere Fotogallerien von Iran live. “Iran North” deckt die Strecke von der türkischen Grenze bis nach Esfahan ab. Für Esfahan gibt es eine separate Gallerie, und die “Iran South” Gallerie zeigt alles südlich von Esfahan, einschließlich Yazd. Alle Fotogallerien sind auf dieser hier zu sehen.

Montag, 29. November 2010

Bergab zum Persischen Golf

Shiraz – Bandar Abbas

Südlich von Shiraz veränderte sich die Landschaft, und obwohl es immer noch sehr trocken war, kamen wir oft an kleinen Oasen mit ein paar Palmen und manchmal etwas Wasser vorbei. Die Landwirtschaft war sehr von Bewässerung abhängig, und in der Wüste sahen wir oft Qanats und runde Zisternen, aber auch viele moderne Wasserschläuche und Pumpen. Dattelpalmen gab es überall, und Datteln waren nun ein typisches Geschenk für uns von den Einheimischen. 

Wasser Zisternen

Gerade rechtzeitig für unsere erste Pause nach Shiraz wurden wir von einigen Männern angehalten, die in einer Eisdiele arbeiteten. Sie gaben uns riesige Portionen Eis und filmten die Begegnung auf ihren Handies. Die Gastfreundschaft ging weiter, als wir an einer Tankstelle anhielten, an der es kein Benzin mehr gab, so dass einer der Tankwarte uns stattdessen Benzin aus seinem Motorrad abfüllte.  

Lustige Eisdielen-Männer Wüsten-Oase

Am Nachmittag waren wir in einer landwirtschaftlichen Gegend, fanden aber einen Zeltplatz hinter einem Orangenhain. Um uns herum konnten wir Schäfer hören, aber sie kamen nie näher und wir blieben unentdeckt.

Nach einer schnellen Fahrt durch die Wüste fanden wir am nächsten Mittag eine seltene Raststätte mit ein paar Läden und einem kleinen Park. Hadi, einer der Ladenbesitzer, wollte gerne sein Englisch mit uns üben und erzählte uns, dass er nur Englisch lernte, um mit Touristen reden zu können. Allerdings war es schon 6 Monate her, dass das letzte Mal ein Tourist an der Raststätte war, und so war er sehr froh, uns zu sehen!

Die Straße zwischen Shiraz und Bandar Abbas ist recht abgelegen, mit nur zwei Kleinstädten auf den ganzen 600km. Wir verbrachten eine Nacht in Jahrom, einer interessanten kleinen Stadt. Leider wurden wir aber von einem Honigverkäufer über’s Ohr gehauen, der uns erst dazu verführte, seine Honigwaben zu probieren, uns dann “umsonst” ein paar Süßigkeiten gab, um dann einen viel zu hohen Preis für ein kleines Glas Honig zu berechnen.

Als wir am nächsten Tag aus einem Tunnel kamen, wurden wir fast Zeugen eines Busunfalls. Der Busfahrer war in dem engen Tunnel die ganze Zeit geduldig hinter uns geblieben, überholte dann aber kurz vorm Ende und beachtete dabei nicht den Gegenverkehr… Wir hielten kurz hinter dem Tunnel für eine kurze Pause an, als ein Auto mit vier Männern ankam. Sie stiegen aus, und einer trug einen großen Bilderrahmen mit einem Bild von irgendeiner farbenfrohen Göttin. Wir waren ziemlich verwirrt über ihre Absichten, als sie auf uns zukamen. Sie baten Guy, den Bilderrahmen zu halten, so dass sie ein Foto von ihm mit dem Bild machen konnten. Danach dankten sie uns kurz, nahmen den Bilderrahmen, und fuhren in die entgegengesetzte Richtung davon. Das war eine unserer seltsameren Begegnungen…

Schöne Berg-Straße

Am Nachmittag fanden wir uns in den zwei Situationen wieder, die wir am meisten fürchteten: Nicht genug Wasser zu haben, und keinen Zeltplatz zu finden.

Wir hatten unsere Wasserflaschen am Nachmittag an einem Ort auffüllen wollen, der auf unserer Karte eingezeichnet war, aber es war nur ein staubiges Dorf am Straßenrand, ohne Läden, und leider auch ohne Ortsschild. Als uns endlich klarwurde, dass das Dorf der Ort gewesen war, auf den wir gewartet hatten, waren wir schon 10km weiter und wollten nicht mehr umdrehen. Allerdings gab es nicht mehr viele Häuser, und der nächste Ort war 65km weit weg. Es war schon später Nachmittag, wir fuhren auf eine bergige Gegend zu und mussten einen Zeltplatz finden, aber mit nur einem Liter Wasser was das keine Option. Endlich sahen wir ein Gebäude und fuhren einen Schotterweg hinunter, um nach Wasser zu fragen. Ein schüchternes kleines Mädchen grüßte uns und lief weg, um seine Mutter zu holen. Diese machte uns klar, dass sie im Haus kein Wasser hatten. Sie sahen ziemlich arm aus und führten offensichtlich ein hartes Leben dort in der Wüste. Immer noch ohne Wasser gingen wir zurück zur Straße und wollten gerade weiterfahren, als eine Männerstimme uns zurückrief. Der Vater war gerade mit seinem Motorrad angekommen und trug einen großen Kanister voll Wasser, das er aus einer unterirdischen Quelle geschöpft hatte. Er gab uns ein paar Liter Wasser und lehnte das Geld ab, das wir ihm für seine Unannehmlichkeiten anboten, denn jetzt musste er wahrscheinlich nochmal los, um mehr Wasser zu holen. Das Wasser schmeckte sehr “erdig”, so dass wir froh über unseren Wasserfilter waren.

Nun war es Zeit, einen Platz zum Zelten zu finden. Der hügelige Abschnitt hatte keine zugänglichen Plätze, und kurz darauf kamen wir in eine landwirtschaftliche Gegend. Überall fuhren Bauern auf ihren Motorrädern herum und kamen oft mehrmals an uns vorbei, um uns genauer zu begutachten. Jedes bisschen Land wurde von ihnen genutzt, und bei Sonnenuntergang hatten wir immer noch keinen Platz zum Zelten gefunden. Allerdings wird so etwas einfacher, sobald es dunkel ist, und wir fanden schließlich einen sandigen Bereich, der nicht wirklich benutzt wurde und durch den nur ein paar Bewässerungsleitungen führten. Wir stellten das Zelt auf, schliefen aber nicht so gut, da wir wussten, dass es mehrere Motorradwege in der Nähe gab. Wir hätten zwar auch jemanden um Erlaubnis fragen können, zu zelten, aber seit unseren Erfahrungen mit Suleyman dem Schrecklichen ist uns nicht so wohl dabei, bei Anbruch der Dunkelheit bei irgendeinem Haus nachzufragen, ohne die Möglichkeit, die Besitzer vorher etwas zu begutachten. Uns ist es lieber, an einem Restaurant oder einem anderen öffentlicheren Ort nachzufragen, wo wir die Besitzer erstmal ein bisschen kennenlernen können, bevor wir bei ihnen übernachten.

Morgens standen wir sehr früh auf und waren bei Sonnenuntergang schon unterwegs. Allerdings kamen wir nicht sehr weit. Nachdem wir unsere Wasserflaschen an einer Bewässerungsleitung aufgefüllt hatten, fuhren wir nur 5 Minuten weiter und fanden einen netten Platz unter einem Baum, um zu frühstücken. Wir fühlten uns wie die Könige, als wir da so auf dem staubigen Boden saßen und unser leckeres Frühstück zubereiteten: Rührei mit Knoblauch, Zwiebeln und Tomaten, Brot, Müsli und Milchkaffee. Dabei sahen wir den Sonnenaufgang und redeten eine Weile, kochten dann noch Tee, und plötzlich waren zwei Stunden vergangen. Auf der Straße sahen wir unser erstes Schild zum Persischen Golf, was unserer Motivation half.

Persischer Golf Hinweisschild Kamel-Warnschild

Die Temperatur wurde immer wärmer, als wir jeden Tag an Höhe verloren. In Shiraz, auf über 1500m Höhe, war es im Schatten und nachts ziemlich kalt gewesen, aber hier waren die Temperaturen perfekt zum Zelten. Heute fuhren wir durch eine trockene Mondlandschaft, und die Leute sahen hier dunkler und dünner aus. Wir waren vor Banditen gewarnt worden, und eigentlich sah so ziemlich jeder, dem wir begegneten, wie ein Bandit aus. Sogar Familien auf Motorrädern, da sie alle ihre Gesichter komplett mit einem arabischen karierten Tuch verhüllen. Nur die Augen blinzeln durch einen kleinen Schlitz (Sonnenbrillen scheinen hier nicht zu existieren). Trotzdem winkten uns alle fröhlich zu und riefen uns Grüße zu. Die Banditen wären wahrscheinlich sowieso mehr an den Einheimischen interessiert, denn die meisten Autos, die von den zollfreien Orten an der Küste kamen, waren voll mit neuen Elektronik-Gegenständen beladen (und in manchen Fällen Alkohol, wie uns ein Mann stolz erzählte). 

Die zweite größere Stadt, durch die wir kamen, war Lar – eine Kleinstadt mit arabischen Ambiente. Felsenkliffe überragten den Ort, und wir konnten uns richtig vorstellen, wie es früher einmal gewesen sein musste. Es gab ein rundes Eishaus, einige schöne Moscheen, und der Verkehr war recht ruhig.

Wie immer hatten wir Probleme, gutes Brot zu finden, aber heute hatten wir Glück: Wir fanden eine kleine Bäckerei in der Nähe unseres Hotels. In Iran können wir meistens frisches Brot nur abends zwischen ca 17 und 18 Uhr kaufen. Zu jeder anderen Zeit sind die Bäckereien entweder geschlossen, das Brot ist noch nicht fertig, oder es ist bereits ausverkauft. Wir stellten uns an der Brotschlange an und sahen zu, wie der Bäcker Teigbälle formte, die dann flach gedrückt und in einen Steinofen gelegt wurden, der mit kleinen Kieselsteinen gefüllt war. Jedes Fladenbrot brauchte nur ein paar Minuten, und dann wurde es an einen Assistenten weitergegeben, der die Steinchen entfernte, die noch am Brot klebten. Alle Leute in der Schlange unterhielten sich und warteten geduldig darauf, dass ihr Brot gebacken wurde. Da einige Leute vor uns bis zu 20 Fladenbrote bestellten, die dann einzeln gebacken wurden, warteten wir ziemlich lange. Endlich bestellten wir unsere 3 Brote. Sogar für Iran war das Brot extrem günstig und kostete uns nur 5000 Rial ($0,50) für 3 riesige Fladenbrote. Als unser Brot fertig gebacken war, wurde es gefaltet, und der Bäcker legte einen 5000 Rial Schein auf das heiße Brot, bevor er es Frederike gab. Er murmelte etwas über iranische Traditionen, lächelte und drehte ihr den Rücken zu, als sie versuchte, ihm das Geld zurückzugeben. 

Von Lar aus ging es schnell bergab zum Persischen Golf, wobei die Abfahrt nicht ganz so einfach war, wie wir uns das gedacht hatten. Bevor wir Lar verließen, hatte uns ein Taxifahrer gewarnt, dass wir lange Zeit kein Wasser finden würden, und er hatte Recht. Für die nächsten 130km gab es keine Läden, ausser einer kleinen Hütte, in der man etwas Wasser und Pepsi kaufen konnte. Wir fragten auch an einer Polizeisperre nach Wasser. Im Gegenzug bot Guy ihnen ein paar Datteln an. Dankend nahm ihm ein Soldat das ganze Paket Datteln ab und ging damit davon. Hmm, so war das zwar nicht gedacht, aber da er eine AK-47 hatte, ließen wir die Sache auf sich beruhen und traten den Rückzug an. Nun mussten wir auf einen unserer Lieblings-Snacks verzichten, aber wir schafften dennoch unseren bisher längsten Tag mit 125km.

Straße zwischen Lar und Bandar Abbas

Da die Gegend kaum bewohnt war, war es sehr einfach, einen guten Platz zum Zelten zu finden. Wir campten in einem schönen ausgetrockneten Flusstal, wo wir den Abend damit verbrachten, die Sterne zu bewundern und über unsere lange Fahrt durch Europa und den Mittleren Osten nachzudenken, und auch darüber, wie wohl wir uns inzwischen in Iran fühlten. Nach 6 Monaten und 8500km wussten wir, dass dies wohl erstmal unsere letzte Nacht im Zelt sein würde, da wir in Indien und Südostasien wahrscheinlich nicht zelten werden.

Wir waren entschlossen, es am nächsten Tag nach Bandar Abbas zu schaffen. Es würde wieder ein langer Tag werden, aber wir standen früh auf und hatten glücklicherweise Rückenwind. Nachdem wir schon so lange Kamel-Warnschilder und (leider) überfahrene Kamele gesehen hatten, sahen wir endlich eine Herde von ca 20 Kamelen, die an Dornbüschen herumkauten. Sie waren größer als wir erwartet hatten, aber auch ziemlich zahm, so dass Guy sich recht nah herantraute, um Fotos zu machen.

Kamel

Das andere, worauf wir gewartet hatten, war der Persische Golf. Aber wir waren fast in Bandar Abbas als wir endlich einen dünnen blauen Streifen am Horizont sahen. Seitdem wir Istanbul drei Monate vorher verlassen hatten, hatten wir das Meer nicht gesehen, und es war angenehm, unsere Augen an dem beruhigenden Blau zu weiden. Welch ein Kontrast von den Wüstenregionen, in denen wir so viel Zeit verbracht hatten!

Persischer Golf

In der Nähe von Bandar Abbas wurde die Straße viel von Lastwagen befahren, die Container zum nahegelegenen Hafen brachten. In den letzten Kilometern waren überall Laster, Lärm, dreckige Reparaturläden, und nicht viel Platz für Fahrräder. Nach einem weiteren langen Tag mit 123km kamen wir endlich in Bandar Abbas an, müde, etwas traurig dass unser Abenteuer in Iran vorbei war, aber auch froh, angekommen zu sein, und bereit für ein neues Kapitel.

Wir hatten erwartet, dass Bandar Abbas ziemlich heruntergekommen sein würde, aber fanden es eigentlich okay. Es gibt zwar viel Schmuggelei und einige seltsame Typen, aber es gibt auch ein modernes Einkaufszentrum und eine Art Promenade. Die Leute sind so freundlich und neugierig wie überall in Iran, und wir hatten eine lustige Begegnung mit einer jungen Frau, die Nüsse und Süßigkeiten verkaufte. Eine halbe Stunde lang las sie uns alle möglichen Wörter aus ihrem Englisch-Wörterbuch vor und lachte sich dabei halb kaputt. Dann wühlte sie in ihrer Handtasche herum und bestand darauf, Frederike ihre Flasche Parfüm zu schenken!

Unser Plan ist, die Fähre von Bandar Abbas nach Dubai zu nehmen, wo wir einige logistische Dinge erledigen müssen, bevor wir nach Indien fliegen. Wir haben auch gerade gehört, dass Frederike’s Vater seine Flugmeilen ausnutzen und uns in Dubai besuchen wird, und wir freuen uns schon auf ein bisschen Auszeit vom Radfahren.

Wir haben 2300km und 7 Wochen gebraucht, um durch Iran zu fahren, und manchmal waren wir wirklich nahe daran, wegen des starken Lastwagenverkehrs im Norden Irans aufzugeben. Während wir Iran auf jeden Fall als Reiseziel empfehlen würden, würden wir die Strecke zwischen Maku und Esfahan nicht per Fahrrad empfehlen, es sei denn, man findet eine ruhigere Strecke als die direkte Route, die wir genommen haben. Es sind dort einfach viel zu viele Lastwagen unterwegs. Die Strecke von Esfahan nach Bandar Abbas via Shiraz ist allerdings ziemlich gut zum Radfahren und hat uns gut gefallen. Die Leute sind überall sehr freundlich und ehrlich, das Zelten ist fantastisch, da es in Iran so viel Platz gibt, und wir haben uns immer sicher gefühlt. Die Landschaft ist zwar größtenteils nicht so spektakulär wie in der Türkei, aber sie ist interessant (es sei denn, man mag keine Mondlandschaften!). Für uns waren die Städte und die netten, großzügigen, neugierigen Leute das wirkliche Highlight Irans. Lasst Euch nicht von den Medien abschrecken. Iran ist ein sicheres Land für Reisende, und die herzlichen Leute hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Iran war eines der größten Highlights unserer bisherigen Reise.

Khoda Hafez Iran.

Sonntag, 28. November 2010

8000 km Foto

Mit Shiraz ließen wir auch das kühle Wetter hinter uns. Über 6 Tage und 600km verloren wir mehr als 1500 Höhenmeter, bis wir in Bandar Abbas am Persischen Golf wieder auf Meereshöhe ankamen. In den letzten drei Monaten seit Istanbul waren wir immer auf über 1000m Höhe geblieben während wir auf dem anatolischen Plateau in der Türkei, und den Zagros Bergen in Iran radelten.

Das Foto machten wir nicht weit von Shiraz, als die dürre Landschaft von Dattelpalmen, Orangenhainen und Baumwollplantagen unterbrochen wurde. Die Temperatur stieg stetig an während wir an Höhe verloren, bis es am Golf wieder über 30°C waren.

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Samstag, 20. November 2010

Extreme Gastfreundschaft, Wüstencamping und Ruinenstädte

Esfahan - Shiraz

Nach zwei Wochen ohne Fahrräder waren wir endlich bereit, weiterzufahren. Wir frühstückten noch schnell mit Mike und Jo, einem Paar aus Neuseeland, das per Fahrrad auf dem Weg von Peking nach Paris war, und dann ging es los. Zu unserer Erleichterung war der Verkehr südlich von Esfahan viel leichter als im Norden Irans, und so genossen wir das Fahrradfahren. Als wir aus der Stadt kamen und recht steil bergauf fuhren, bemerkten wir hinter uns drei iranische Radfahrer. Sie sprachen nicht viel Englisch, aber wir verstanden, dass sie Mitglieder eines Radsportclubs waren. Als wir weiterfuhren, machten sie Fotos von uns und gaben uns Süßigkeiten, die uns auf dem Weg zum Gipfel halfen.

Als wir an einer Tankstelle vorbeikamen, hielten wir an, da unsere Benzinflasche für unseren Kocher leer war. Wir warteten geduldig in der Schlange und zogen wie üblich neugierige Blicke auf uns. Wir können ihre Gedanken fast hören: “Das sind doch Fahrräder, wofür brauchen die denn Benzin?”

Der Tankwart füllte unsere Flasche, 1l kostete nur $0.10. Ironischerweise ist Benzin in Iran rationiert, obwohl Iran die zweitgrößten Ölreserven der Welt hat. Als Guy sein Portemonnaie herausholte, sprang ein Mann hinter uns aus seinem Auto und bestand darauf, zu bezahlen. Es war eine sehr nette Geste, die wir schätzten, obwohl das Benzin uns sowieso nur einige Cents gekostet hätte.

Am Nachmittag kamen wir in einer kleinen Stadt an und suchten ein Hotel. Alle Leute zeigten auf ein teuer aussehendes Hotel neben einem Park mit sehr vielen Leuten. Es schien als ob viele Esfahanis fürs Wochenende gekommen waren, und es waren Hunderte von Leuten in dem kleinen Park, die zelteten und Picknicks machten. Das Hotel war sehr schön, aber zu teuer für uns und auch nur über mehrere Treppen erreichbar (ein Albtraum mit einem voll beladenen Fahrrad), also fuhren wir weiter, um etwas anderes zu finden. Wir fragten in einem kleinen Laden nach und wurden in Richtung eines Gasthauses gewiesen. Doch gerade als wir losfahren wollten, kam ein junger Mann vorbei und bot uns an, in seiner Wohnung zu schlafen, die über dem Laden lag. Wir waren ziemlich müde und hatten uns darauf gefreut, uns in einem Hotel zu entspannen, aber der Mann war sehr nett und irgendwie akzeptierten wir das Angebot, vor allem nachdem seine lebhafte Schwester aus dem Haus kam und uns auch hereinwinkte.

Mahmud und seine Schwester, Mahdie, halfen uns, die Fahrräder ins Haus zu bringen und luden uns ins Wohnzimmer ein. Ihre Mutter war bereits in der Küche damit beschäftigt, Tee zu kochen. Die Familie schien sehr modern zu sein; sie hatten Satelliten-Fernsehen, und vor allem hatten sie einen kleinen Hund! Dies ist in Iran sehr ungewöhnlich, da Hunde aus religiösen Gründen nicht ins Haus dürfen (dieses kleine Hündchen, Barfie, wohnte in seinem eigenen Zimmer außerhalb der Wohnung). Die Familie sprach nicht viel Englisch, aber wir konnten wie immer über Zeichensprache und unseren Sprachführer kommunizieren. Bald wurde Guy eingeladen, mit Mahmud irgendwo hinzufahren, und Frederike blieb mit den Frauen zurück.

Sobald die Männer weg waren, wurden die Kopftücher abgenommen und die Frauen entspannten sich. Mahdie war gerade dabei, die Haare ihrer Schwägerin blond zu färben, und einige Freundinnen kamen zu Besuch. Mahdie ist eine inspirierende junge Frau von 23 Jahren, die Informatik studiert. Sie ist auch Torwärtin in einem Fußballteam und hat schon eine regionale Trophäe gewonnen. Sie spielt Volleyball, kann arabische Tänze vorführen, strickt sehr gut und spielt Frisörin für ihre Freunde und Familie. Frederike kam das zugute, als Mahdie professionell ihre Haare föhnte, nachdem sie geduscht hatte. 

Mehrere andere Frauen kamen zu Besuch, und eine von ihnen sprach Englisch, so dass es für Frederike einfacher war, mit der Familie zu kommunizieren. Mahdie zeigte Frederike Videos von ihrer Verlobungsfeier, in der sie ein weißes Brautkleid trug und viele Geschenke bekam. Das Video war von der Feier der Frauen, und alle Frauen trugen Abendkleider, keine Kopftücher, und hatten viel Spaß beim Tanzen und Singen (die Männer feierten separat). Es gab auch ein professionelles Fotoalbum mit Fotos von Mahdie und ihrem Verlobten, und beeindruckenderweise gab es auch eine Sammlung von Videoclips, die in einem Studio in der Gegend gefilmt worden waren. Die Videos waren wie Musikvideos, in denen Mahdie und ihr Verlobter die Hauptdarsteller waren. Mahdie war in Beyonce’s Stil angezogen (kein Kopftuch), und jedes Video zeigte eine andere kurze Liebesgeschichte. Das Filmen hatte eine ganze Woche gedauert. Es war sehr professionell, und sie schienen das Schauspielern wirklich zu mögen – Mahdie ist sehr groß und hübsch, und so sahen die Videos einfach toll aus.

Inzwischen besuchten Guy und Mahmud die Druckerei von Mahdie’s Verlobtem und fuhren dann zu Mahmud’s Bruder, um Fußball zu schauen. Als die Männer zurückkamen, waren ungefähr 20 Leute im Wohnzimmer versammelt und es wurde entschieden, dass wir alle zu einem Garten fahren und dort essen würden. Wir üblich gab es keine Erklärung und wir hatten keine Ahnung, wohin wir fahren würden – zu einem Park? Oder einem Restaurant? Wie würden sie das Essen für so viele Leute organisieren?

Gegen 21 Uhr versammelten wir uns alle draußen und es erschienen mehrere Autos, die die Gesellschaft zu dem mysteriösen Ort transportieren sollten. Recht weit außerhalb der Stadt bogen wir auf einen unbefestigten Feldweg ab, und die Scheinwerfer der Autos konnten kaum den aufgewirbelten Staub durchdringen. Während wir da im Dunkeln durchgerüttelt wurden, wurden wir immer neugieriger über unser Ziel, bis wir endlich an einem eisernen Tor anhielten. Hinter dem Tor befand sich eine kleine Granatapfel- und Walnussfarm mit einem kleinen Haus. Als wir eintraten, wurde die Stimmung immer ausgelassener. Die Frauen lachten und sangen, und die Männer sammelten im Garten Feuerholz, um ein Feuer zum Grillen zu machen. Auf dem Boden des Hauses lagen Teppiche, und wir machten es uns dort gemütlich.

Mit Mahdie und Freundinnen

Im Garten wurde das Feuer angezündet, und die Männer grillten ein Hühnchen. Drinnen wurde gesungen und getanzt, und Mahdie machte eine kleine Tanzvorführung. Sie lud dann Frederike ein, mit ihr zu tanzen, aber leider konnte Frederike’s Tanzvorführung nicht mit Mahdie’s mithalten. Die Familie fährt oft in den Garten, wo sie viel Spaß haben, Karten spielen und die Wasserpfeife rauchen.

Grillen Kinder

Obwohl wir einige Kleinigkeiten gegessen hatten seitdem wir um 16 Uhr am Haus der Familie angekommen waren, hatten wir noch nichts Richtiges gegessen und waren fast am Verhungern. Normalerweise essen wir gegen 18 oder 19 Uhr, aber heute dauerte es bis Mitternacht, das Hühnchen zu grillen. Alle lachten über uns, als wir das leckere Hühnchen mit Brot, Yoghurt und Salat in Rekordzeit verschlangen. Als wir um 1:30 Uhr wieder nach Hause kamen, waren wir total erschöpft, fühlten uns aber auch sehr glücklich, mit dieser lieben Familie Zeit verbracht zu haben. Uns wurde das Schlafzimmer von Mahmud und seiner Frau gegeben, und wie üblich war es unmöglich, abzulehnen. So schliefen die beiden auf dem Boden des Wohnzimmers, während wir es uns in ihrem Bett gemütlich machten. Mahdie musste früh am nächsten Morgen los, und so verabschiedete sie sich etwas traurig und schenkte Frederike sogar noch eine Kette als Souvenir.

Am Morgen frühstückten wir mit Mahmud’s Frau und seiner Mutter. Seine Mutter arbeitet in einer Bäckerei und gab uns etwas Brot zum Mitnehmen. Sie baten uns, länger zu bleiben, aber wir schafften es, sie zu überzeugen, dass wir weiterfahren mussten. Als wir uns verabschiedeten, kamen noch mehrere der anderen Familienmitglieder zu Besuch. Wir verabschiedeten uns von Mahmud (im Foto ist er der in der Mitte), während Hossein und Ahmad Reza auf ihr Motorrad stiegen und uns durch die Stadt begleiteten, so dass wir uns nicht verirrten. Sie warnten uns auch, auf der Straße vorsichtig zu sein und niemandem zu vertrauen (wir finden oft, dass die Leute am meisten Angst vor ihren eigenen Nachbarn haben).

Die Männer mit ihrem Motorrad

Es erstaunt uns immer wieder, wie wir so viel Spaß haben und irgendwie mit Leuten kommunizieren können, mit denen wir keine gemeinsamen Sprache haben, und trotzdem gibt es nur wenige unangenehme “Schweige-Momente”. Der Abend, den wir mit dieser Familie verbrachten, zählt auf jeden Fall zu unseren schönsten Erinnerungen in Iran.

Als wir durch die Stadt fuhren, folgte uns ein Mann in einem Auto und fragte Hossein und Ahmad Reza über uns aus. Als wir anhielten, um uns zu verabschieden, war der Mann schon da, und sobald unsere beiden Freunde weggefahren waren, rannte er los, um uns Tee und Kekse zu kaufen. Wir wollten eigentlich gleich weiterfahren, konnten aber unmöglich ablehnen. Der Mann sprach kein Wort Englisch, und unser Farsi ist nicht sehr gut, aber er machte große Anstrengungen, um herauszufinden, wie lange wir bis zum nächsten Dorf brauchen würden. Wir wussten zwar nicht, warum er das unbedingt wissen musste, sagten aber, es würde ca eine Stunde dauern. Der Mann schaute auf die Uhrzeit auf seinem Handy, ging zu seinem Auto und fuhr weg. 

Bei viele Leute können wir inzwischen schnell entscheiden, ob wir ihnen vertrauen oder nicht, indem wir uns auf Anhaltspunkte wie ihre Augen, ihr Lächeln, Kleidung und Benehmen verlassen. Mahmud war ein typischer Fall, bei dem wir sofort wussten, dass wir ihm vertrauen konnten. Allerdings waren wir uns bei diesem Mann nicht so sicher, da uns seine Absichten unklar waren und die üblichen Anhaltspunkte auch keine Klarheit brachten. Wir wussten nur, dass er ein altes Auto fuhr und es ihm ungewöhnlich wichtig war, unseren genauen Aufenthaltsort zu kennen. Die Warnungen, niemandem zu vertrauen, hallten uns noch im Kopf nach, und wir machten uns ein paar Gedanken. 

Als wir eine Stunde später im besagten Dorf ankamen, waren wir leicht nervös, vor allem als wir den Mann schon am Straßenrand auf uns warten sahen. Er winkte uns zu und machte Essens-Gesten, wobei er auf ein Restaurant zeigte. Wir mussten sowieso etwas essen und folgten ihm daher zum Restaurant. Drinnen bestellte er eine Riesenmenge Essen. Während er das Essen mit dem Restaurantbesitzer diskutierte, sollten wir uns schonmal hinsetzen. Bald wurde serviert: Gekochtes Lamm, Auberginen-Eintopf, zwei Arten Salat, Reis, Brot, eingelegtes Gemüse, Yoghurt und Getränke. Allerdings wurde uns dann klar, dass nur zwei Portionen serviert wurden, denn anscheinend wollte der Mann nicht mit uns essen. Nachdem er sichergestellt hatte, dass alles Essen da war und es uns gut schmeckte, winkte er uns kurz zu und verschwand mit nur einem kleinen Beutel trockenem Brot. Wir fanden nicht mal seinen Namen heraus. Die Mahlzeit war sehr lecker, und sogar mit unserem großen Appetit schafften wir es nicht, alles zu essen. Es musste ihn einiges gekostet haben, und er sah nicht gerade reich aus. Manchmal können wir kaum glauben, wie großzügig die Leute hier sind. 

Wüstencamping

In der Nacht zelteten wir in der Wüste auf 2200m Höhe; es war der höchste Zeltplatz auf unserer Reise. Wir gingen einfach bei Sonnenuntergang in die Wüste hinaus und stellten das Zelt bei Mondlicht auf. Wir genossen die Ruhe und Einsamkeit der Wüste, aber es wurde nachts sehr kalt. Morgens waren es -3°C. Zum Glück sind unsere Schlafsäcke warm, und Frederike verwandelte eine ihrer Aluminium-Wasserflaschen in eine Wärmflasche.

Das Radfahren war hier viel besser als im Norden Irans, mit einem breiten Seitenstreifen, nicht so viel Verkehr, und einer interessanteren Wüsten- und Berglandschaft. Kurz vor dem Ort Abadeh hielt uns ein Mann in einem weißen Paykan an und lud uns zum Mittagessen ein. Er gab uns seine Telefonnummer und Adresse, und als wir im Ort nach dem Weg fragten, eskortierte uns ein anderer Mann direkt zum Haus. Wir parkten unsere Fahrräder im Innenhof und wurden ins Wohnzimmer eingeladen. Muhammed war Tierarzt und wohnte mit mehreren Verwandten in diesem Haus. Wie üblich erklärten wir, wer wir sind und was wir machen durch eine Mischung von Zeichensprache, unserem Sprachführer, einer Weltkarte, und Fotos von unseren Familien. Wir verbrachten zwei Stunden mit den Männern, während die Frauen kochten. Endlich war das Essen fertig. Es war das Warten wert, denn es war ein leckeres Gericht mit Hühnchen und Reis. Wir aßen mit den Männer auf dem Boden des Wohnzimmers, während die Frauen in der Küche aßen. Leider wurden wir den Frauen nie richtig vorgestellt, aber Frederike ging später in die Küche, um ihnen für das Essen zu danken. Die Familie wollte uns über Nacht dabehalten, aber wir wollten vor dem Abend noch etwas weiterfahren und schliefen dann in einem Hotel im nächsten Ort.

Mit Muhammed Mittagessen mit Muhammeds Familie

Den ganzen nächsten Morgen ging es bergauf. Es war ein langsamer und angenehmer Anstieg, der uns über den höchsten Pass unserer ganzen Reise führte, auf 2550m Höhe. Nach einer schönen Abfahrt und einem verdienten Kebab-Essen langten wir plötzlich vor einem kleineren Pass an. Momentan wird es schon um kurz nach 17 Uhr dunkel, und manchmal müssen wir uns ziemlich anstrengen, um unsere tägliche Distanz während des Tageslichts zu schaffen. Es war zu spät, um vom Pass wieder in wärmere Gefilde herunterzukommen, und so zelteten wir in der Nähe des Passes, auf 2130m Höhe. Wir hatten eine schöne Aussicht über ein Tal und eine Bergkette. Es war sehr windig und kalt, aber wir saßen trotzdem eine Weile draußen und schauten die Sterne an, wobei wir beide eine Sternschnuppe sahen. Nachdem wir uns etwas gewünscht hatten, krabbelten wir ins Zelt.

Zelten in den Bergen Aussicht vom Zeltplatz

Nach einer schnellen Abfahrt kamen wir an der Abzweigung nach Pasargadae an, dem Sitz von Kyrus dem Großen, der Herrscher des Persischen Reiches wurde, nachdem er seinen eigenen Großvater 550 v.Chr. hier im Kampf besiegte. Kyrus eroberte ein riesiges Reich, das von der Türkei und Babylon bis zum jetzigen Pakistan reichte. Während seiner Feldzüge benutzte er einige schlaue Tricks: In einer Schlacht plazierte er strategisch Weinkaraffen, so dass die gegnerische Armee betrunken sein würde. Natürlich gewann er die Schlacht, aber die gegnerische Königin schwor Rache und besiegte ihn bald, worauf sie seinen abgetrennten Kopf in eine Wanne voller menschlichem Blut tunkte. Er wurde im Mausoleum in Pasargadae beigesetzt, welches immer noch existiert, zusammen mit den Ruinen seiner Paläste.

Kyrus Mausoleum Ruinen in Pasargadae

Nachdem wir unsere Besichtigung abgeschlossen und unsere Reise einer Gruppe von 30 Studenten erklärt hatten, fuhren wir weiter in Richtung Persepolis. Auf dem Weg trafen wir zwei französische Radfahrer, die ersten Tourenradfahrer, die wir in Iran auf der Straße getroffen haben. Kurz danach hatte Frederike plötzlich einen Platten: Es war ein großer Schnitt im Reifen. Guy reparierte den Reifen mit Sekundenkleber, aber inzwischen war es schon spät, und wir mussten uns anstrengen, um es vor Einbruch der Dunkelheit nach Persepolis zu schaffen. Als wir gerade rechtzeitig ankamen, hielten wir an einem Touristenkomplex an und erkundigten uns nach dem Preis eines Hotelzimmers. Da dies aber viel zu teuer für uns war, zelteten wir stattdessen dort. Dies war das erste Mal seit Westeuropa, dass Boris auf weichem, frischen Gras ohne Dornen aufgestellt wurde.

Am Morgen besuchten wir Persepolis. Diese beeindruckende Stadt war von Darius I gebaut worden, der das Persische Reich nach Kyrus regierte. Persepolis wurde als das neue Zentrum des Reiches gebaut, das vor allem für Zeremonien und religiöse Feste genutzt wurde. Die Perser verehrten den Gott Ahura Mazda, der auch im Zoroastrianismus verehrt wird. Obwohl die Stadt ziemlich zerstört ist, lassen die Ruinen keinen Zweifel an der Macht des Persischen Reichs.

Persepolis Eingangstor Persepolis Überblick

Es gibt monumentale Treppen und Tore, Säulenwälder, und vor allem viele gut erhaltene, detaillierte Reliefs. Die beeindruckendsten Reliefs befinden sich an der Apadana-Treppe und zeigen die Ankunft der Delegationen von 23 Nationen für eine Zusammenkunft vor dem König. Äthiopier, Araber, Inder, Kappadokier, Elamiten und viele andere Nationen sind in ihrer traditionellen Kleidung abgebildet und bringen wertvolle Geschenke, von doppelhöckrigen Kamelen bis zu Goldstaub. Leider eroberte Alexander der Große letztendlich Persien und verbrachte 330 v.Chr. mehrere Monate in Persepolis. Daraufhin organisierte er 3000 Kamele, um den Inhalt der Schatzkammer abzutransportieren, und ließ Persepolis zu Schutt und Asche niederbrennen. Sogar jetzt konnten wir immer noch schwarze Stellen auf einigen Säulen sehen, die von diesem Feuer herrührten. Persepolis war Jahrhunderte lang von Staub und Sand bedeckt, bis Ausgrabungen in den 1930ern die Stadt wieder freilegten.

Persepolis Reliefs

Am Nachmittag fuhren wir nach Shiraz. Sobald wir im Ort ankamen, wurden wir von einem Zeltladenbesitzer auf einen Tee eingeladen, dessen Sohn gerade ein Visum für Australien beantragt hatte. Er schickte einen seiner Verwandten los, um uns zu unserem Hotel zu führen, da wir uns etwas verirrt hatten, und so fanden wir ein großes, günstiges Zimmer in Zand Hotel. Unser Zimmer ist groß genug, so dass wir dort ungestört kochen können. Wir kauften viel Obst und Gemüse und beschlossen, dass wir uns in Shiraz gut erholen und gesund essen würden (unterwegs war es oft zu schwierig für uns, Obst und Gemüse zu finden). Wir besichtigten einige Sehenswürdigkeiten, wie das Hafez Denkmal, das für Iraner sehr wichtig ist, da sie den Dichter verehren. Dem entspannten Basar statteten wir auch einen Besuch ab.

Hafez Grabstätte Blumen

Die Leute in Shiraz sind sehr freundlich, manchmal sogar etwas zu sehr: Wir bekamen einen richtigen Eindruck davon, wie es ist, ein Rockstar zu sein, als uns ein Pärchen eines Morgens belagerte. Als Guy noch halb verschlafen aus dem Zimmer zum Kühlschrank im Korridor ging, warteten die “Paparazzi” schon auf ihn und baten ihn, Frederike zu holen, so dass sie ein Foto von ihr machen könnten. Leider war Frederike aber damit beschäftigt, Porridge zu kochen, und hatte ihr Kopftuch nicht auf, so dass sie der Aufforderung nicht nachkommen konnte. Am Ende verschwand das Paar leicht enttäuscht mit einem Foto von einem bärtigen Mann mit verwuschelten Haaren. Auf der Straße werden wir oft von Leuten angehalten, die uns fotografieren wollen, und einige Male sind wir auch um ein Autogramm gebeten worden!

Wir werden hier noch ein paar Tage verbringen bevor wir die letzten 600km nach Bandar Abbas am Persischen Golf in Angriff nehmen. Das wird das Ende unseres iranischen Abenteuers sein, denn von Bandar Abbas werden wir eine Fähre nach Dubai nehmen, wo wir unser indisches Visum beantragen werden – das nächste Kapitel unserer Reise wartet auf uns.