Dienstag, 22. Juni 2010

Hochwasser

Ulm – Ingolstadt

Da war es wieder, dieses Gefühl auf dem Wasser zu sein. Guy’s Herz schlug schneller, er wusste dass es ernst war und dass wir schnell handeln mussten: „Freddie, wir müssen sofort aufstehen, das Wasser kommt rein, wir müssen hier raus!“ Frederike schrak hoch und setzte sich im Zelt auf, während Guy’s Taschenlampe ihr ins verwirrte Gesicht schien.

* * * * *

Es war unser achter Tag nacheinander, an dem es regnete. Als wir nach Donauwörth kamen, wollten wir so schnell wie möglich einen Zeltplatz finden und uns in Boris, unserem Zelt, niederlassen, in der Hoffnung dass der nächste Tag besser würde. Insbesondere, da wir den Nachmittag damit verbracht hatten, bei verschiedenen Polizeistationen und Rathäusern nachzufragen, ob jemand unseren Geldbeutel mit €300 abgegeben hatte, den wir verloren hatten (wir hatten es irgendwie geschafft, nach einem Supermarkt-Einkauf weiterzufahren, während der Geldbeutel noch hinten auf einer der Fahrradtaschen lag). Wir kamen bei dem „offiziellen Campingplatz“ der Stadt an, welches ein kleiner Rasen vor dem Kanu-Verein direkt neben der Donau war.

Frederike ging in das Clubhaus, um sich nach dem Campingplatz zu erkundigen. Es lief gerade eine Party, und alle der älteren Teilnehmer sahen schon recht mitgenommen aus. Es schien, dass sie sich damit abwechselten, sich um den Campingplatz zu kümmern, und heute war ein rotgesichtiger Mann dran, der etwas betrunken schien und nicht gerade ein professioneller Campingplatz-Manager war.

Der Mann schlug uns ein trockenes Plätzchen vor, so dass unser Zelt garantiert trocken sein würde. Er zeigte uns eine Art offenen Keller, der etwas tiefer lag als der Rasen, und der überdacht war. Unsere Alarmglocken schlugen an, da der Keller nur etwa einen Meter über dem Wasserpegel der Donau war. Wir fragten den Mann, da es ja schon länger regnete, und der Fluss etwas angeschwollen war, aber er lachte nur: „Überflutung, nein... Euch wird heute Nacht nichts passieren.“

Wir gerechtfertigten die Entscheidung, zu bleiben, da wir müde, hungrig und nass waren. Dies war immerhin ein trockener Platz, zu gut um abzulehnen. Mit einigen Zweifeln bauten wir das Zelt auf und beruhigten uns gegenseitig. „Die würden uns ja hier nicht campen lassen, wenn da ein Risiko wäre“, und „die kennen die Gegend ja besser als wir.“

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Am Abend wurde das Gurgeln des Flusses etwas stärker. Aber jetzt hatten wir das Zelt schon aufgebaut und es regnete nicht, so dass wir recht zuversichtlich waren, dass alles in Ordnung sein würde. Auch wenn das Wasser langsam weiter anstieg, würde es noch bis zum nächsten Tag dauern, bis es unseren Zeltplatz erreichte. Wir krabbelten in unser Zelt und versuchten, etwas Schlaf zu finden. Die Kanu-Club Leute waren nach Hause gegangen, und so waren wir alleine, da wir die einzigen Gäste des Campingplatzes waren.

Guy stand einige Stunden später auf um sich nochmal das Wasser anzusehen. Der Fluss war immer noch angeschwollen, aber nicht viel mehr als vorher, und sah nicht bedrohlich aus. Beruhigt ging er zurück ins Bett.

Irgendwann drehte sich Frederike um. Guy hatte das undeutliche Gefühl, dass seine Schlafmatte sich etwas anhob. Im Halbschlaf war er verwirrt, da er das noch nie vorher bemerkt hatte, aber dachte sich dann, es wäre wohl nur eine Halluzination.

Das nächste Mal, als Frederike sich bewegte, war das Gefühl viel stärker, es fühlte sich an wie ein Wasserbett. Als ob unter dem Zelt Wasser war. Guy schlug mit der Hand auf den Zeltboden. Wieviel Wasser war unter uns? Warum waren wir nicht nass? Trieben wir etwa schon auf der Donau?

Panik ergriff Guy. Er versuchte ruhig zu bleiben uns weckte Frederike auf. Sie starrte in für einige Sekunden an, bis sie den Ernst der Situation erkannte.

Als wir das Zelt öffneten, sahen wir unsere Habseligkeiten um uns herum im Wasser treiben, wie eine heilige Prozession auf dem Ganges Fluss. Mist... unser Laptop, die Kamera, die Pässe! Wir rannten herum und griffen alles was wir mit dem Licht unserer Taschenlampen finden konnten, und schmissen alles auf einen höhergelegenen Boden. In unserer besten Unterwäsche und barfuß planschten wir durch das Wasser, dass uns bereits bis zu den Waden stand.

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Zum Glück rettete uns unsere Entscheidung, Ortlieb’s wasserfeste Satteltaschen zu kaufen, so dass unsere wertvollen Dinge noch trocken waren. Nur etwas Kleidung, Schuhe und natürlich das Zelt waren richtig nass. Als wir alle unsere Besitztümer aufs Trockene gebracht hatten, schauten wir uns erstmal richtig um. Obwohl der Wasserstand der Donau viel höher war als vorher, hatte er noch nicht unseren Zeltplatz erreicht. Wir entdeckten, dass das Wasser durch einen Abfluss unter dem Keller hereinkam.

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Es war 3 Uhr morgens. Wir packten unsere Sachen, während das Wasser um uns weiter anstieg und der Keller sich mit Wasser füllte, und radelten die 70km bis zu unserem nächsten Ziel, Ingolstadt. Wir lachten erleichtert über unser Erlebnis, da wir alles gut überstanden hatten, aber wir müssen wohl auch lernen, uns bessere Campingplätze auszusuchen.

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