Freitag, 30. Juli 2010

Radfahren in Rumänien – ein typischer Tag

Um 6 Uhr klingelt unser Wecker und die ersten Sonnenstrahlen wärmen das Zelt auf. Wir bleiben noch ein paar Minuten liegen, und dann beginnt der Tag: Ein typischer Tag unserer Radtour in Rumänien.

Um uns im Zelt anzuziehen, müssen wir erstmal ein paar Yoga Positionen einnehmen. Sobald wir angezogen sind, öffnen wir den Reißverschluss und schauen hinaus, um zu sehen, wie das Wetter ist. Am besten ist ein starker Rückenwind und bewölkter Himmel. Heute wird es wieder ein heißer Tag mit etwas Wind, es sieht nach Rückenwind aus.

Es gibt keine Duschen, aber wir können uns am Fluß kurz waschen. Das Wasser der Donau ist weich und fühlt sich gut auf der Haut an. Wir schmeißen unseren Kocher an und kochen Wasser für Kaffee, während wir anfangen, zu packen.

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Dieser Ort war auf unserer Karte als Campingplatz eingezeichnet, aber als wir ankamen, war kein Campingplatz in Sicht. Die Besitzerin eines Hauses in der Nähe war offensichtlich schon daran gewöhnt, dass Radfahrer bei ihr auftauchten, und ließ uns auf ihrem Rasen campen.

Wenn das Wasser gekocht ist, machen wir Kaffee und frühstücken. Normalerweise essen wir Müsli mit Milch oder Joghurt, Obst und Brot mit Nutella oder Marmelade.

Wir waschen unser Geschirr unter einem Wasserhahn in der Nähe und packen. Zwischen 8 Uhr und 8:30 Uhr fahren wir los.

In den ersten Minuten wissen wir schon, ob uns heute was wehtun wird. Guy spezialisiert sich auf Knieschmerzen, und Frederike hat öfter ein bisschen Schulterschmerzen.

In den Dörfern überholen wir oft Pferde und Wagen, und fast jeder, den wir sehen, winkt uns zu und ruft uns enthusiastisch Begrüßungen zu, sogar ein vorbeifahrender Zug hupt für uns während die Fahrer aus dem Fenster hängen und winken.

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Nach ca 25 km grummelt langsam der Magen und es ist Zeit für eine kurze Pause. 

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Es ist wichtig, genug Essen dabeizuhaben, und so finden wir einen kleinen Laden und kaufen Essen für den Tag (während wir versuchen, den Cola-Automaten zu ignorieren).

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Als wir durch einen Wassermelonen-Markt fahren, halten wir an, um Fotos von den Pferden und ihren Wagen zu machen, die hoch mit Melonen beladen sind. Es gibt auch Autos, die mit Melonen voll bepackt sind, und auch welche auf dem Dach aufgetürmt haben. Ein freundlicher Verkäufer schenkt uns eine 4kg Melone – nicht das ideale Geschenk für einen Radfahrer, aber wir nehmen es trotzdem dankend an. 

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Wir fahren für weitere 25km und finden auf dem Weg eine Tankstelle, um die Benzinflasche für unseren Kocher aufzufüllen. Normalerweise reicht eine Flasche für eine Woche, aber wir füllen sie lieber etwas öfter auf. Kosten: 25 Cent. 

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Als wir nach einer Bank oder einem Feld suchen, wo wir Mittagspause machen können, finden wir einen schönen schattigen Ort unter einem Baum. 

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Wir essen Brot, Makrele aus der Dose, Käse und Tomaten, und Joghurt zum Nachtisch. Wir finden auch einen Pflaumenbaum in der Nähe. 

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Wir fahren nochmal ca 25km bis zum Nachmittag und kommen durch viele kleine Dörfer. Viele süße Kinder laufen auf die Straße, um die komischen Radfahrer zu begrüßen und uns alle fünfe zu geben und uns auf ihren rostigen, übergroßen Fahrrädern zu überholen.

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Am Nachmittag ist es Zeit für unser tägliches Eis. Während Frederike Eis kaufen geht, versucht Guy einigen Leuten auf einer Karte zu zeigen, woher wir kommen uns wohin wir fahren. 

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Heute ist ein guter Tag, denn die Straßen sind viel besser als erwartet. Wir waren gewarnt worden, dass wir extrem schlechte Straßen erwarten müßten, mit vielen Schlaglöchern, und auch ziemlich schreckliche Autofahrer. Irgendwie haben wir das aber alles umgangen. Wir sind fast nur auf guten Straßen gefahren, und die Autofahrer waren bisher sehr rücksichtsvoll. 

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Am späten Nachittag beginnen wir, über unsere Unterkunft nachzudenken. Das könnte ein Campingplatz sein (obwohl es hier viel weniger gibt als in Westeuropa), ein Platz zum Wildcampen, der idealerweise versteckt ist und mit einem Fluß zum Waschen in der Nähe, oder ein Hostel oder Hotel.

Manchmal existieren die Campingplätze, die auf unserer Karte eingezeichnet sind, gar nicht, aber heute sehen wir ein Schild. 

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Wir sind heute 101 km gefahren. Die Straßen waren flach und wir hatten einen Rückenwind, also war es ein relativ einfacher Tag.

Am Campingplatz müssen wir erstmal die Hunde begrüßen. Es gibt überall Hunde, die meisten sind recht schüchtern und sehr hungrig. Manchmal haben sie Glück und wir geben ihnen etwas Brot, am liebsten mögen sie es mit Milch. 

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Wir stellen Boris, unser Zelt, auf und schließen die Fahrräder ab. 

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Nach einer richtig ekligen Dusche mit verfault riechendem Wasser kochten wir unser Essen. Spaghetti mit Thunfisch, Tomatensoße und und Käse, wie immer. Wir redeten noch ein bisschen mit anderen Radfahrern bevor wir gute Nacht sagten. 

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Als wir in Boris kriechen sind wir müde von der Aufregung des Tages, aber gerührt von der Wärme und Freundlichkeit der Rumänier. Nicht jeder Tag ist so interessant, aber Rumänien hat uns bisher auf jeden Fall das unterhaltsamste Radfahren unserer Tour beschert.

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Gute Nacht!

Montag, 26. Juli 2010

Auf in den Balkan

Kroatien - Serbien

An unserem letzten Tag in Ungarn bekamen wir eine Empfehlung für einen Campingplatz von ungarischen Radfahrern, während wir unter einer Brücke eine Pause von der 38C Hitze einlegten. Als wir am Campingplatz ankamen, wurden wir gleich von einem vierbeinigen Freund besucht, der auf unserem Zeltboden lag, während wir versuchten, Boris aufzustellen.

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Bald merkten wir, dass er nur darauf wartete, am Bauch gestreichelt zu werden.

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Süß, dachten wir, aber in Wirklichkeit waren seine Absichten nicht so ehrlich wie wir erst dachten. Während er uns ablenkten, untersuchten seine beiden Komplizen unsere Satteltaschen und buddelten leise mit ihren Schnauzen darin herum, um Essen zu finden. Den ganzen Abend lang hatten wir Spaß mit den Hunden, aber das unterhaltsamste war, als sie mit den Sandalen eines anderen Campers davonliefen. Jeder Hund hatte eine Sandale, und als sie in verschiedene Richtungen liefen, schauten sie schuldbewußt zu uns zurück.

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Auf dem Campingplatz gab es nur einen anderen Camper, ein deutscher Radfahrer mit einem perfekt organisierten Zelt. Wir fanden später heraus, dass er aus derselben Kleinstadt kommt wie Frederike, Uetersen in Schleswig-Holstein.

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Es war etwas schockierend, sein Zelt zu sehen, da uns dann klarwurde, dass man auch Ordnung halten kann, aber leider sind wir von solcher Perfektion noch weit entfernt.

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Am folgenden Tag hatten wir einige Grenzen zu überqueren, da wir erst von Ungarn nach Serbien, und dann gleich wieder von Serbien nach Kroatien fuhren. Grenzen sind immer etwas nervzehrend, denn wenn wir da nicht weiterkämen, müssten wir einen riesigen Umweg machen. Zum Glück wurden wir aber mit einem Lächeln begrüßt und durchgelassen.

Nach nur 15km in Serbien waren wir schon wieder in Kroatien. In Kroatien mussten wir erstmal einen Geldautomaten finden, aber alle drei hatten wir keine Ahnung, was der Wechselkurs war, also wussten wir nicht, wieviel Geld wir holen sollten. Am Ende basierten wir unsere Kalkulation auf den Preis eines Stücks Kuchen in einem Supermarkt in der Nähe, und wir rechneten aus, dass 200 Stücke Kuchen genug sein würden, um zwei Tage in Kroatien zu überleben.

Unsere einzige Nacht in Kroatien war in Vukovar, einer Stadt, die ziemlich viel Krieg erlebt hat. Vukovar wurde im 2. Weltkrieg heftig bombardiert, und dann in den 90gern im Jugoslawien-Krieg fast völlig zerstört. Es war schockierend, denn immer noch ist ca. jedes 5. Gebäude eine Ruine oder hat zumindest Einschußlöcher vorzuweisen.

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Der zerstörte Wasserturm steht noch als Denkmal an den Krieg.

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Was wir auf unserer Kamera nicht zeigen konnten, war die Freundlichkeit der Leute. Obwohl sie jeden Tag mit den offensichtlichen Erinnerungen an schlimme Zeiten leben müssen, waren sie doch sehr herzlich uns gegenüber.

Das einzige Problem, das wir in Vukovar hatten, war, dass es fast keine Unterkünfte gab. Das einzige Hotel war uns zu teuer. Di nahm sich trotzdem ein Zimmer, aber wir fragten erstmal einige Leute nach anderen Optionen. Während Guy herumfragte, kam Frederike auf der Straße mit einem deutschen Pärchen ins Gespräch. Die beiden waren mit einem selbstgebauten Floß auf der Donau unterwegs, von der Quelle bis zur Mündung. Es klang ziemlich verrückt, und so unterhielten wir uns für eine Weile. Als sie von unserer Suche nach einer Unterkunft hörten, boten sie uns netterweise an, unser Zelt auf ihrem Floß aufzustellen. Wir machten uns etwas Gedanken, so nah am Wasser zu campen, da es einen Sturm gab und uns immer noch die Erinnerungen von der Überflutung in Donauwörth jagten, aber wie oft kann man schon auf einem Floß schlafen? Sie führten uns zum Hafen, wo das Floß lag, und auf den ersten Blick konnte man sehen, dass es von einem talentierten Handwerker gebaut wurde.

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Marek ist ein gelernter Handwerker, und hat ein tolles Floß gebaut.

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Boris passte nicht auf das Floß, und so stellten wir ihn gleich daneben im Hafen auf.

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Wir waren uns nicht ganz sicher, ob das legal war – naja, eigentlich wussten wir, dass es das nicht war, und so war uns etwas mulmig, als ein Polizeiboot in den Hafen fuhr. Der Pólizist warf uns einen kurzen Blick zu, lächelte und winkte uns zu.

Auf dem Floß bereiteten Marek und Louise uns eine leckere Mahlzeit zu.

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Trotz des Gewitters schliefen wir sehr gut und werden die Großzügigkeit und Freundlichkeit der beiden immer in Erinnerung behalten. Ihre Abenteuerlust und Sorglosigkeit waren sehr inspirierend.

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Am nächsten Tag ging es schon wieder zurück nach Serbien, und zwar nach Novi Sad, Serbien’s zweitgrößter Stadt. Serbien sah ärmer aus als Kroatien, mit mehr Müll auf den Straßen, und streunenden Hunden. Die Leute sind aber sehr freundlich, und viele hupen und winken uns zu, oder fahren im Auto neben uns her, um sich mit uns zu unterhalten. Viele Leute sprechen auch etwas Deutsch oder Englisch.

Montag Abend in Novi Sad fühlte sich eher wie Samstag an, mit vielen Erwachsenen und Kindern, die Eis aßen oder in Cafes saßen, jungen Leuten, die sich für die Disco vorbereiteten, und einer Band, die auf dem Marktplatz spielte. Die Stadt ist recht hübsch und im Gegensatz zu Kroatien sind die Gebäude in guter Verfassung, so dass man nicht ständig an den Krieg erinnert wird.

Wir fahren immer noch mit Di zusammen und werden hoffentlich bis Istanbul zusammenbleiben. Wir haben ungefähr den gleichen Rhythmus, und es ist schön, sich mal mit jemand anderem zu unterhalten! Ausserdem isst sie genauso gerne Eis wie wir.

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Ihr Partner John unterstützt uns von zu Hause in England, sucht für uns Informationen im Internet, gibt uns die Wettervorhersage durch, organisiert Unterkünfte für uns und plant die beste Route durch Bulgarien. Die gute Planung ist momentan perfekt für uns, da wir in Istanbul Freunde treffen und am 18. August da sein müssen. Daher fahren wir jetzt ca 80-110km pro Tag, also etwas mehr als vorher.

Nach Novi Sad radelten wir nur für einen Tag bevor wir in Belgrad ankamen. Während unseres Aufenthalts trafen wir Vladimir, der für einige Hostels arbeitet indem er Leute dorthin bringt und im Gegenzug etwas Geld von den Hostels bekommt. Da wir unser Hostel bereits gebucht hatten, gab es für ihn keinen Grund, uns dorthin zu bringen, aber er ging trotzdem mit uns, um uns den Weg zu zeigen. Er hatte freundliche Augen und eine nettes Lachen, und als er gerade wegging, lief Guy ihm schnell hinterher, um ihn zu fragen, ob er einen Stadtrundgang mit uns machen würde. Er freute sich darüber und sagte, dass wir ihm nur ein wenig Geld geben sollten, wenn es uns gefiel. Sechs Stunden später hatten wir die meisten von Belgrads wichtigen Sehenswürdigkeiten gesehen, in einem serbischen Restaurant gegessen, waren in vielen Bussen umsonst gefahren und hatten kurz Vladimir’s Wohnung besucht, wo er seine Wäsche aufhängen musste.

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Vladimir hatte uns sehr viel zu erzählen und wusste auch viel über die serbische Politik, da er mehrere Jahre für die Liberaldemokraten im Parlament gewesen war. Er arbeitet sehr viel, um etwas Geld zu verdienen, und trifft Touristen zu jeder Tages- und Nachtzeit am Bahnhof, um sie entweder in ein Hostel zu bringen, oder mit in seine kleine Wohnung zu nehmen. Er hat schonmal 14 Leute in seinem Wohnzimmer beherbergt, die jeder 2 Euro für die Nacht bezahlten. Vladimir kümmert sich auch um seinen alten Vater, der krank ist und in einem Dorf in der Nähe von Belgrad wohnt. Unsere Tour hat uns sehr gut gefallen, aber unsere Füße taten etwas mehr weh, als sie das nach einem „Ruhetag“ eigentlich tun sollten! Belgrad ist mit Sicherheit nicht die schönste Stadt, aber sie hat eine interessante Geschichte und viele Cafes und Restaurants, und dazwischen ein paar zerbombte Gebäude, die 1999 von NATO zerstört wurden.

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Nachdem wir Belgrad verließen, campten wir in einem Feld am Straßenrand. Es war zwar ein gutes Plätzchen, aber nicht besonders angenehm, da wir nicht duschen konnten, obwohl wir den ganzen Tag in 40C Hitze gefahren waren. Zum Glück fanden wir am folgenden Tag einen Campingplatz bei Veliko Gradiste, an einem Bade- und Angelsee, dem Silbersee. Als wir uns vor einem Gewitter in eine Strandbar retteten, trafen wir Marco und seinen Vater, Sasha, dem der Campingplatz gehörte.

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Sie fingen an, uns Getränke zu spendieren, und dann baten sie den Mann am Grill, uns traditionelle serbische Wurst und gegrilltes Brot zu machen. Das war ein etwas komplizierter Prozess und dauerte ein Weilchen, war aber sehr lecker. Sie lehnten alle unsere Angebote ab, ihnen auch etwas zu trinken zu kaufen oder für unser Essen zu zahlen, und sagten, dass wir sie einladen könnten, wenn sie mal in unserem Land zu Gast sind. Marco sagte immer wieder, wie schön es für ihn war, mit uns zu reden, und erklärte uns, dass Gäste in Serbien mit dem höchsten Respekt behandelt werden. Sie boten uns auch an, in einem Wohnwagen zu schlafen, falls es uns im Zelt zu nass sein sollte, und versuchten uns zu überzeugen, noch einen weiteren Tag zu bleiben. Wir waren dankbar und gerührt, dass sie sich so um uns kümmerten. Leider mussten wir dann wirklich etwas länger als geplant bleiben, da Di die serbische Wurst nicht vertrug! Nachmittags fuhren wir aber weiter, und sie radelte stoisch weiter, mit ein paar kurzen Nickerchen auf dem Weg.

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Als wir den Silbersee verließen, fuhren wir entlang einer schönen Route direkt an der Donau. Die Berge von Rumänien auf der anderen Seite des Flusses und die drohenden Sturmwolken waren ein fantastischer Anblick. Zufällig fanden wir noch einen Campingplatz, der direkt neben dem Fluss lag. Es gibt auch einen kleinen Pier, der perfekt für einen morgendlichen Sprung ins Wasser aussah.

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Wenn alles nach Plan geht, werden wir in ca 100km die Donau überqueren und uns nach Rumänien wagen, der Heimat von Graf Dracula. ||

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Wir waren gerade bei 40°C Hitze aus Belgrad gekommen und hatten einen langen Hügel erklommen. Wir mussten dann erstmal ein Eis essen, um uns abzukühlen, und später am Tag folgten dann zwei weitere, bevor wir in einem Feld wild campten. Zum Glück sank die Temperatur ein paar Tage später auf 16°C – wir hatten schon vergessen wieviel einfacher es ist, bei kühlen Temperaturen radzufahren!

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Montag, 19. Juli 2010

Unsere erste Woche in Osteuropa

Bratislava – Budapest – Grenze Ungarn / Kroatien

Nachdem wir uns halbwegs von den Bettwanzen erholt hatte, nahmen wir an einer kostenlosen Stadtführung von Bratislava teil. Unser Führer war ein junger Australier, der uns einen interessanten Einblick in die Geschichte der Stadt gab, wobei er auch die dunkleren Kapitel der Geschichte detaillierte, die die anderen Touren angeblich eher vermeiden.

Die Cafe-Kultur war lebendig und führte uns an jeder Straßenecke in Versuchung. Wir fanden ein nettes Cafe mit einer Terasse in der Altstadt, von dem aus wir die Straßenkünstler beobachten konnten, die die Touristen und Bratislaver unterhielten.

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Die alte Burg hoch über der Stadt war ein beeindruckender Ort. Von dort aus konnte man die Altstadt und die Donau sehen, aber auf der anderen Seite der Donau lagen häßliche Wohnhäuser als Erinnerung an die kommunistische Vergangenheit der Stadt. Die Burg, die über das letzte Jahrtausend fast allen invasierenden Armeen standhielt, fiel letztendlich unter Napoleon, der sie zwei Jahre lang belagerte.

Als wir Bratislava verließen und nach Ungarn hinein fuhren, spürten wir sofort, dass wir jetzt in Osteuropa waren. Die Straßen haben recht viele Schlaglöcher, bekannte Marken verschwinden (außer einigen Supermärkten wie Lidl und Penny), und sogar Frederike hat keine Sprache mehr übrig, um hier zu kommunizieren. In den ersten Tagen in Ungarn sind wir hauptsächlich durch Felder gefahren, da hier sehr viel Landwirtschaft betrieben wird – sogar innerhalb der Dörfer gibt es Weizen- oder Maisfelder zwischen den Häusern. Es gibt überraschend viele Radwege, wobei die anderen Radfahrer hauptsächlich ältere Männer mit Schnurrbärten und Hauslatschen sind. Viele Gebäude sind häßliche kommunistische Bauten, obwohl auch vieles renoviert oder neu gebaut wird.

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In unserer ersten Nacht in Ungarn kamen wir auf einem Campingplatz in Györ an, der aber schon voll war. Das einzige, was der Besitzer uns anbieten konnte, war ein Wohnwagen für den gleichen Preis eines Zeltplatzes. Da sagten wir natürlich nicht nein und bekamen einen Wohnwagen mit Vorgarten für die Nacht. Die nächsten beiden Campingplätze hatten Schwimmbäder, was abends für Erfrischung sorgte. Die Temperaturen sind schon seit Wochen über 30 Grad, oft bis zu 36 Grad im Schatten. Wir versuchen, morgens etwas früher loszufahren, aber wir brauchen schon etwas Zeit um unser Zelt einzupacken, zu frühstücken etc, und so schaffen wir es nie, vor 8:30 Uhr loszufahren. Dann ist es schon sehr heiss, aber wenigstens haben wir noch für eine Stunde oder so etwas mehr Schatten.

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Letzten Sonntag kam uns ein Radrennen entgegen, als wir gerade in einem kleinen Dorf anhielten, um eine Pause zu machen. Auf einer Bank im Schatten saß schon ein Paar - auch Radfahrer. Wir unterhielten uns auf Deutsch, und sie waren sehr interessiert an unserer Reise. Sie waren aus Budapest da, um sich das Radrennen anzusehen. Beide waren bereits 70 Jahre alt, aber sehr fit, und hatten auch schon mehrmals an dem Radrennen teilgenommen und gewonnen. Der Mann zeigte Frederike eine kleine Kirche, und dort erzählte er dann, dass sein Lieblingsrestaurant in diesem Dorf ist. „Bitte, kommt mit uns mit, ich möchte Euch das Restaurant zeigen“, sagte er. „Ihr seid meine Gäste. Sollen wir gleich losgehen?“. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, und so gingen wir gleich zum Restaurant, was lustigerweise ein bayerisches Restaurant war, da in dem Dorf schon seit Jahrhunderten viele Deutsche wohnen (Donauschwaben). Wir aßen Suppe und Palatsschinken (Pfannkuchen), und danach machten wir uns gestärkt und dankbar wieder auf den Weg.

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In Budapest buchten wir eine zentral gelegene Wohnung für drei Nächte. Da wir sie kurzfristig über das Internet gebucht hatten, bekamen wir sie für einen niedrigeren Preis als wir normalerweise für ein Hostel-Zimmer bezahlen würden. Die Wohnung hatte wei Schlafzimmer, eine Küche, Essecke, Waschmaschine, Balkon etc. Wir haben nie herausgefunden, wo der Haken war.

Nachdem wir uns niedergelassen hatten, riefen wir Tony an. Tony war ein Australischer Kontakt von Guy’s Vater, und er traf uns eine Stunde später in der Nähe unserer Wohnung. „Mein Taxi wartet schon, es ist zu heiß zum Laufen. Sollen wir zum Schloss fahren?“ Ein wenig später erreichten wir die Schlossgegend, die auf einem Hügel über der Stadt gelegen war. Wir genossen die Aussicht auf die beeindruckenden Parlamentsgebäude und besichtigten die Schlossgegend. Dann war es schon Zeit für die nächste Besichtigung, die Tony bereits für uns organisiert hatte. Wir trafen uns mit einem Freund von Tony, Andras, der ein ungarischer Historiker ist.

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Gemeinsam besichtigten wir das Hospital in the Rocks, welches Teil des 10km langen Labyrinths unter der Schlossgegend ist. Es wurde im 2. Weltkrieg als bombensicheres Krankenhaus verwendet, und es lag neben dem Hauptsitz des ungarischen Militärs, das auch im Labyrinth war. Im Kalten Krieg wurde das Krankenhaus zu einem Atombomben-sicheren Ort umfunktioniert, mit einer Abteilung wo Opfer von Atombomben behandelt werden konnten. Das Seltsame dabei war, dass ein Hausmeister und seine Frau das Krankenhaus bis 2004 operationsfähig hielten, obwohl es schon seit den 50ger Jahren nicht mehr benutzt wurde. Das Krankenhaus war währenddessen geheim, und die Hausmeister mussten 40 Jahre lang alle zwei Wochen die Bettwäsche wechseln, alle Instrumente sterilisieren, Kleidung für Hunderte von Patienten vorbereiten und den Stromgenerator am Laufen halten.

In der Nähe gab es noch ein weiteres Labyrinth, welches nun eine Art Kunstprojekt ist. Zum Glück kannte Tony eine Geheimtür, und so schlichen wir uns herein, ohne zu zahlen. Nach ein (oder zwei) Eis gingen wir auf der Margareten-Insel in der Mitte der Stadt spazieren, wo es einen schönen Park gibt und einen Springbrunnen mit Musik, an dem sich die Budapester abkühlten.

Danach verabschiedeten wir uns erstmal von Andras, aber wir gingen mit Tony weiter zum Stadtzentrum, welches eine Kombination von alten, grauen Gebäuden und wundervoll restaurierten Gebäuden von der letzten Jahrhundertwende ist. In den Innenhöfen von manchen Gebäuden gab es coole Garten-Kneipen, die ziemlich kunterbunt eingerichten waren. Manche sind nur für ein oder zwei Jahre da, dann verschwinden sie wieder. Wir saßen auf einem Sofa, das aus einer Badewanne gemacht war. Als wir die recht große Kneipe erkundeten, entdeckten wir im Dachgeschoss eine Fahrradwerkstatt, die zweimal die Woche offen ist, und wo man sein Fahrrad hinbringen und daran arbeiten kann.

Am nächsten Tag trafen wir Tony wieder, und er schlug vor, eine Bustour zu machen. Den Bus hatten wir schon am vorigen Tag bemerkt, da er gerade in der Donau schwamm wie ein Schiff. Anscheinend war es der erste Bus auf dem Kontinent, der so etwas macht. Unsere Herzen setzten schon einen Schlag aus, als wir in den Fluss fuhren.

Dann trafen wir Andras und verbrachten den Rest des Nachmittags im Szechenyi Bad, einem legendären Thermalbadkomplex mit ca 15 verschiedenen Schwimmbecken, Saunen und Dampfbädern. Das Gebäude wurde vor über 100 Jahren gebaut und war wunderschön, und wir fühlten uns danach ziemlich entspannt.

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Als wir uns von Tony und Andras verabschiedeten, waren wir schon etwas traurig, denn sie fühlten sich schon wie alte Freunde an. Sie verbrachten so viel Zeit mit uns, um uns ihre Stadt zu zeigen, und wir werden ihre Großzügigkeit nie vergessen.

Nachdem wir Budapest verlassen hatten, gab es eine Überraschung. Wir fuhren in einen kleinen Pfad, der von der Strasse abzweigte, um dort unsere Mittagspause zu machen. Ein anderer Radfahrer hatte den gleichen Platz ausgewählt, und wir stellten schnell fest, dass es Di war, die wir schonmal in London getroffen hatten. Wir hatten sie im März in einem Pub bei einem Treffen für Radtourer getroffen. Sie hatte London eine Woche vor uns verlassen und war auch auf dem Weg nach Istanbul. Wir radelten gemeinsam in Richtung Campingplatz.

Leider stellte sich heraus, dass der Campingplatz nur auf unserer Karte existierte. Das Touristenbüro sagte uns, dass die einzige Möglichkeit Aqualand war, ein Schwimmbad, bei dem man auch zelten konnte. Als wir gerade überlegten, was wir machen sollten, kam ein französisches Paar mit drei Kleinkindern an, die gerade auf dem Weg nach Hanoi waren. Sie schlugen einen Wildcamp-Platz an einem Strand vor, und wir fuhren mit ihnen mit. Leider war der Strand sehr klein und voller Leute. Die Franzosen blieben trotzdem da, aber wir fuhren weiter.

Nach ein paar Kilometern fanden wir etwas Gras, das perfekt aussah. Es war bei einigen kleinen Ferienhäusern am Fluss. Wir fragten ein paar Leute, und sie meinten wir könnten dort campen. Wir stellten unsere Zelte auf und sprangen in die Donau, da wir dringend ein Bad brauchten. Wir wurden auch fast von den Mücken aufgefressen. Die plagen uns schon seit Wochen und machen das Campen zur Hölle, da sie abends zu Hunderten rauskommen. Da kann man nur noch ins Zelt springen und hoffen, dass man nicht nochmal rausmuss.

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Am nächsten Tag fuhren wir zusammen mit Di weiter. Flaches Agrarland begleitete uns den ganzen Tag, und wieder gab es den Campingplatz, der in unserem Reiseführer gelistet war, nicht. Wir fragten bei einem Restaurant, das ein größeres Stück Rasen daneben hatte, und sie erlaubten uns, umsonst zu campen, solange wir auch etwas im Restaurant konsumierten. Das war die perfekte Ausrede, dort zu abend zu essen, und wir aßen leckeren Donaufisch und genossen den Sonnenuntergang, bis uns die Mücken wieder ins Zelt jagten. Leider gab es aber keine Dusche, und so badeten wir wieder in der Donau. Als nächstes fahren wir für zwei Tage nach Kroatien, und dann geht es weiter nach Serbien.

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