Montag, 19. Juli 2010

Unsere erste Woche in Osteuropa

Bratislava – Budapest – Grenze Ungarn / Kroatien

Nachdem wir uns halbwegs von den Bettwanzen erholt hatte, nahmen wir an einer kostenlosen Stadtführung von Bratislava teil. Unser Führer war ein junger Australier, der uns einen interessanten Einblick in die Geschichte der Stadt gab, wobei er auch die dunkleren Kapitel der Geschichte detaillierte, die die anderen Touren angeblich eher vermeiden.

Die Cafe-Kultur war lebendig und führte uns an jeder Straßenecke in Versuchung. Wir fanden ein nettes Cafe mit einer Terasse in der Altstadt, von dem aus wir die Straßenkünstler beobachten konnten, die die Touristen und Bratislaver unterhielten.

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Die alte Burg hoch über der Stadt war ein beeindruckender Ort. Von dort aus konnte man die Altstadt und die Donau sehen, aber auf der anderen Seite der Donau lagen häßliche Wohnhäuser als Erinnerung an die kommunistische Vergangenheit der Stadt. Die Burg, die über das letzte Jahrtausend fast allen invasierenden Armeen standhielt, fiel letztendlich unter Napoleon, der sie zwei Jahre lang belagerte.

Als wir Bratislava verließen und nach Ungarn hinein fuhren, spürten wir sofort, dass wir jetzt in Osteuropa waren. Die Straßen haben recht viele Schlaglöcher, bekannte Marken verschwinden (außer einigen Supermärkten wie Lidl und Penny), und sogar Frederike hat keine Sprache mehr übrig, um hier zu kommunizieren. In den ersten Tagen in Ungarn sind wir hauptsächlich durch Felder gefahren, da hier sehr viel Landwirtschaft betrieben wird – sogar innerhalb der Dörfer gibt es Weizen- oder Maisfelder zwischen den Häusern. Es gibt überraschend viele Radwege, wobei die anderen Radfahrer hauptsächlich ältere Männer mit Schnurrbärten und Hauslatschen sind. Viele Gebäude sind häßliche kommunistische Bauten, obwohl auch vieles renoviert oder neu gebaut wird.

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In unserer ersten Nacht in Ungarn kamen wir auf einem Campingplatz in Györ an, der aber schon voll war. Das einzige, was der Besitzer uns anbieten konnte, war ein Wohnwagen für den gleichen Preis eines Zeltplatzes. Da sagten wir natürlich nicht nein und bekamen einen Wohnwagen mit Vorgarten für die Nacht. Die nächsten beiden Campingplätze hatten Schwimmbäder, was abends für Erfrischung sorgte. Die Temperaturen sind schon seit Wochen über 30 Grad, oft bis zu 36 Grad im Schatten. Wir versuchen, morgens etwas früher loszufahren, aber wir brauchen schon etwas Zeit um unser Zelt einzupacken, zu frühstücken etc, und so schaffen wir es nie, vor 8:30 Uhr loszufahren. Dann ist es schon sehr heiss, aber wenigstens haben wir noch für eine Stunde oder so etwas mehr Schatten.

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Letzten Sonntag kam uns ein Radrennen entgegen, als wir gerade in einem kleinen Dorf anhielten, um eine Pause zu machen. Auf einer Bank im Schatten saß schon ein Paar - auch Radfahrer. Wir unterhielten uns auf Deutsch, und sie waren sehr interessiert an unserer Reise. Sie waren aus Budapest da, um sich das Radrennen anzusehen. Beide waren bereits 70 Jahre alt, aber sehr fit, und hatten auch schon mehrmals an dem Radrennen teilgenommen und gewonnen. Der Mann zeigte Frederike eine kleine Kirche, und dort erzählte er dann, dass sein Lieblingsrestaurant in diesem Dorf ist. „Bitte, kommt mit uns mit, ich möchte Euch das Restaurant zeigen“, sagte er. „Ihr seid meine Gäste. Sollen wir gleich losgehen?“. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, und so gingen wir gleich zum Restaurant, was lustigerweise ein bayerisches Restaurant war, da in dem Dorf schon seit Jahrhunderten viele Deutsche wohnen (Donauschwaben). Wir aßen Suppe und Palatsschinken (Pfannkuchen), und danach machten wir uns gestärkt und dankbar wieder auf den Weg.

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In Budapest buchten wir eine zentral gelegene Wohnung für drei Nächte. Da wir sie kurzfristig über das Internet gebucht hatten, bekamen wir sie für einen niedrigeren Preis als wir normalerweise für ein Hostel-Zimmer bezahlen würden. Die Wohnung hatte wei Schlafzimmer, eine Küche, Essecke, Waschmaschine, Balkon etc. Wir haben nie herausgefunden, wo der Haken war.

Nachdem wir uns niedergelassen hatten, riefen wir Tony an. Tony war ein Australischer Kontakt von Guy’s Vater, und er traf uns eine Stunde später in der Nähe unserer Wohnung. „Mein Taxi wartet schon, es ist zu heiß zum Laufen. Sollen wir zum Schloss fahren?“ Ein wenig später erreichten wir die Schlossgegend, die auf einem Hügel über der Stadt gelegen war. Wir genossen die Aussicht auf die beeindruckenden Parlamentsgebäude und besichtigten die Schlossgegend. Dann war es schon Zeit für die nächste Besichtigung, die Tony bereits für uns organisiert hatte. Wir trafen uns mit einem Freund von Tony, Andras, der ein ungarischer Historiker ist.

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Gemeinsam besichtigten wir das Hospital in the Rocks, welches Teil des 10km langen Labyrinths unter der Schlossgegend ist. Es wurde im 2. Weltkrieg als bombensicheres Krankenhaus verwendet, und es lag neben dem Hauptsitz des ungarischen Militärs, das auch im Labyrinth war. Im Kalten Krieg wurde das Krankenhaus zu einem Atombomben-sicheren Ort umfunktioniert, mit einer Abteilung wo Opfer von Atombomben behandelt werden konnten. Das Seltsame dabei war, dass ein Hausmeister und seine Frau das Krankenhaus bis 2004 operationsfähig hielten, obwohl es schon seit den 50ger Jahren nicht mehr benutzt wurde. Das Krankenhaus war währenddessen geheim, und die Hausmeister mussten 40 Jahre lang alle zwei Wochen die Bettwäsche wechseln, alle Instrumente sterilisieren, Kleidung für Hunderte von Patienten vorbereiten und den Stromgenerator am Laufen halten.

In der Nähe gab es noch ein weiteres Labyrinth, welches nun eine Art Kunstprojekt ist. Zum Glück kannte Tony eine Geheimtür, und so schlichen wir uns herein, ohne zu zahlen. Nach ein (oder zwei) Eis gingen wir auf der Margareten-Insel in der Mitte der Stadt spazieren, wo es einen schönen Park gibt und einen Springbrunnen mit Musik, an dem sich die Budapester abkühlten.

Danach verabschiedeten wir uns erstmal von Andras, aber wir gingen mit Tony weiter zum Stadtzentrum, welches eine Kombination von alten, grauen Gebäuden und wundervoll restaurierten Gebäuden von der letzten Jahrhundertwende ist. In den Innenhöfen von manchen Gebäuden gab es coole Garten-Kneipen, die ziemlich kunterbunt eingerichten waren. Manche sind nur für ein oder zwei Jahre da, dann verschwinden sie wieder. Wir saßen auf einem Sofa, das aus einer Badewanne gemacht war. Als wir die recht große Kneipe erkundeten, entdeckten wir im Dachgeschoss eine Fahrradwerkstatt, die zweimal die Woche offen ist, und wo man sein Fahrrad hinbringen und daran arbeiten kann.

Am nächsten Tag trafen wir Tony wieder, und er schlug vor, eine Bustour zu machen. Den Bus hatten wir schon am vorigen Tag bemerkt, da er gerade in der Donau schwamm wie ein Schiff. Anscheinend war es der erste Bus auf dem Kontinent, der so etwas macht. Unsere Herzen setzten schon einen Schlag aus, als wir in den Fluss fuhren.

Dann trafen wir Andras und verbrachten den Rest des Nachmittags im Szechenyi Bad, einem legendären Thermalbadkomplex mit ca 15 verschiedenen Schwimmbecken, Saunen und Dampfbädern. Das Gebäude wurde vor über 100 Jahren gebaut und war wunderschön, und wir fühlten uns danach ziemlich entspannt.

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Als wir uns von Tony und Andras verabschiedeten, waren wir schon etwas traurig, denn sie fühlten sich schon wie alte Freunde an. Sie verbrachten so viel Zeit mit uns, um uns ihre Stadt zu zeigen, und wir werden ihre Großzügigkeit nie vergessen.

Nachdem wir Budapest verlassen hatten, gab es eine Überraschung. Wir fuhren in einen kleinen Pfad, der von der Strasse abzweigte, um dort unsere Mittagspause zu machen. Ein anderer Radfahrer hatte den gleichen Platz ausgewählt, und wir stellten schnell fest, dass es Di war, die wir schonmal in London getroffen hatten. Wir hatten sie im März in einem Pub bei einem Treffen für Radtourer getroffen. Sie hatte London eine Woche vor uns verlassen und war auch auf dem Weg nach Istanbul. Wir radelten gemeinsam in Richtung Campingplatz.

Leider stellte sich heraus, dass der Campingplatz nur auf unserer Karte existierte. Das Touristenbüro sagte uns, dass die einzige Möglichkeit Aqualand war, ein Schwimmbad, bei dem man auch zelten konnte. Als wir gerade überlegten, was wir machen sollten, kam ein französisches Paar mit drei Kleinkindern an, die gerade auf dem Weg nach Hanoi waren. Sie schlugen einen Wildcamp-Platz an einem Strand vor, und wir fuhren mit ihnen mit. Leider war der Strand sehr klein und voller Leute. Die Franzosen blieben trotzdem da, aber wir fuhren weiter.

Nach ein paar Kilometern fanden wir etwas Gras, das perfekt aussah. Es war bei einigen kleinen Ferienhäusern am Fluss. Wir fragten ein paar Leute, und sie meinten wir könnten dort campen. Wir stellten unsere Zelte auf und sprangen in die Donau, da wir dringend ein Bad brauchten. Wir wurden auch fast von den Mücken aufgefressen. Die plagen uns schon seit Wochen und machen das Campen zur Hölle, da sie abends zu Hunderten rauskommen. Da kann man nur noch ins Zelt springen und hoffen, dass man nicht nochmal rausmuss.

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Am nächsten Tag fuhren wir zusammen mit Di weiter. Flaches Agrarland begleitete uns den ganzen Tag, und wieder gab es den Campingplatz, der in unserem Reiseführer gelistet war, nicht. Wir fragten bei einem Restaurant, das ein größeres Stück Rasen daneben hatte, und sie erlaubten uns, umsonst zu campen, solange wir auch etwas im Restaurant konsumierten. Das war die perfekte Ausrede, dort zu abend zu essen, und wir aßen leckeren Donaufisch und genossen den Sonnenuntergang, bis uns die Mücken wieder ins Zelt jagten. Leider gab es aber keine Dusche, und so badeten wir wieder in der Donau. Als nächstes fahren wir für zwei Tage nach Kroatien, und dann geht es weiter nach Serbien.

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