Samstag, 28. August 2010

Und wohin jetzt?

Als wir England verließen, wussten wir noch nicht so recht, wie wir mit unserer Fahrradtour zurecht kommen würden. Wir hatten schon länger davon geträumt, nach Australien zu fahren, aber dann hatte Frederike eine Gelenkentzündung in ihrem Rücken. Nach vielen Monaten fruchtloser Physiotherapie bekam sie letztendlich eine Kortisoninjektion, kurz bevor wir auf unsere Reise aufbrachen. Zu der Zeit wusste niemand, ob es helfen würde. Wir fuhren trotzdem in Richtung Dover los, obwohl wir nicht sicher waren, ob wir es durch Frankreich schaffen würden. Zum Glück wirkte die Injektion sehr gut und die Schmerzen kamen nicht wieder.

Zu der Zeit konzentrierten wir uns nur auf die erste Etappe nach Istanbul, um unser Ziel erreichbarer zu machen. Der Gedanke, nach Australien zu fahren, als Frederike noch nicht mal 10km ohne Schmerzen fahren konnte, war einfach zu entmutigend.

Nach den ersten paar Wochen fühlten wir uns fitter und gesünder, und waren zuversichtlicher in Bezug auf unsere Pläne. Wir genossen die Fahrt durch Frankreich, Deutschland und Österreich. Oft war das Radfahren flach und einfach, mit keinen großen Herausforderungen und einer vorhersehbaren täglichen Routine.

Unsere Beziehung ging allerdings anfangs durch eine kleine Krise, so dass die Ehefrau sich sogar zu der folgenden Aussage hinreißen ließ: “Wenn das so weitergeht, sind wir bis Istanbul geschieden!” Zum Glück beruhigte sich die Situation bald wieder, und wir fanden einen Weg, mit unserem ständigen Zusammensein umzugehen: Ein zweites Laptop! Das extra Gewicht ist es wirklich wert.

Als wir Wien erreichten, waren wir bereit für anspruchsvolleres Terrain, aber auch ein wenig unsicher, ob uns Osteuropa gefallen würde. Am Ende hatten wir eine tolle Fahrt, wobei wir kurz in die Slowakei fuhren, dann durch Ungarn, wo wir zufällig Di trafen. Di ist aus Neuseeland, und wir sind letztendlich mit ihr zusammen von Budapest bis nach Istanbul gefahren. Die vom Krieg zerstörten Grenzorte im Osten von Kroatien waren ernüchternd, Serbien war eine angenehme Überraschung, und Rumänien hat uns sehr viel Spaß gemacht. Die Donau nach so vielen gemeinsamen Kilometern zu verlassen, fiel uns etwas schwer, aber die abwechslungsreiche Fahrt durch Bulgarien entschädigte uns dafür. Wir hatten uns etwas Sorgen um die Fahrt ins Zentrum von Istanbul gemacht, aber wählten am Ende eine gute Route, auf der wir viel türkische Gastfreundlichkeit erlebten. Natürlich gab es auch schwerere Zeiten, da wir für die letzten zwei Monate fast jeden Tag in extremer Hitze fuhren, manchmal mit Gegenwind und schlechten Straßen zu kämpfen hatten, sowie einige unangenehme Lebensmittelvergiftungen.

Morgen verlassen wir Istanbul und fahren in Richtung Kappadokien, und dann weiter durch die Türkei in Richtung Ost-Anatolien. Von nun an wird alles noch etwas aufregender: Größere Berge, abgeschiedenere Landschaften, schnellere Hunde…

Wir haben in Istanbul unser Visum für Iran organisiert und möchten gerne den Iran besuchen, da wir viele tolle Geschichten über die Gastfreundschaft der Leute und die Schönheit von Orten wie Esfahan und Shiraz gehört haben. Natürlich verfolgen wir die Nachrichten ständig, und falls die Situation zu unsicher wird, können wir stattdessen Richtung Norden nach Georgien und Aserbaidschan fahren.

Von Iran aus gibt es ein paar Möglichkeiten zur Weiterreise. Die erste Option ist, durch Zentralasien und China nach Südostasien zu fahren. Dies ist so ziemlich der einzige Weg, die ganze Fahrt nach Singapur überland zu bewältigen. Allerdings wird es Winter sein, wenn wir dort ankommen, und Winter im Himalaya ist nicht die ideale Zeit zum Radfahren… Die meisten Länder in Zentralasien machen es einem auch ziemlich schwer durch ihre Visumsbestimmungen, wobei man für jedes Land genaue Ein- und Ausreisedaten angeben muss, und im Fall von Turkmenistan bekommt man nur eine Woche Zeit, das Land zu durchqueren.

Die andere Möglichkeit ist, durch Pakistan nach Indien zu fahren. Allerdings ist die Grenzregion zwischen Iran und Pakistan ziemlich unsicher, mit einem Entführungsrisiko, so dass man zwangsweise eine Polizeieskorte in Anspruch nehmen muss. Offensichtlich gab es in letzter Zeit auch einige Terroranschläge und die furchtbaren Überflutungen. Bei der jetzigen Situation ist Pakistan nichts für uns, und so planen wir, stattdessen eine Fähre vom Süden Irans nach Dubai zu nehmen. In Dubai können wir hoffentlich ein Visum für Indien arrangieren und einen Flug nach Mumbai nehmen (Indien hat vor kurzem seine Visumsvorschriften geändert, so dass wir unser Visum nicht vor Dubai organisieren können).

Wir werden Indien durchqueren und wahrscheinlich von Chennai nach Bangkok fliegen. Man kann nicht über die Landesgrenzen nach Myanmar reisen, so dass wir darüber hinweg fliegen müssen. Wir werden durch Thailand, Malaysien und Singapur fahren, und dann einen letzten Flug nach Nordaustralien nehmen, wo wir unsere Route nach Melbourne festlegen werden.

Eines der Ziele unserer Reise ist, Spenden für SOS Kinderdorf zu sammeln. SOS Kinderdorf hilft verwaisten und verlassenen Kindern rund um die Welt, ein stabiles Familienleben mit einer neuen Familie wiederzuerlangen. SOS Kinderdorf arbeitet auch in Pakistan, um Essen und Notunterkünfte für Familien bereitzustellen, die von den Überflutungen betroffen sind. Wenn Ihr uns sponsern möchtet, könnt ihr dies hier tun. Auch der kleinste Betrag hilft. Ihr braucht dazu allerdings eine Kreditkarte, denn die Spenden werden über die englische Virginmoneygiving.com Webseite gesammelt und an SOS Kinderdorf weitergeleitet.

Wir hören immer gerne von Euch, und wenn ihr uns einige Gedanken mitteilen oder etwas fragen möchtet, könnt Ihr uns hier eine Nachricht schicken.

Sonntag, 22. August 2010

Die letzten Tage vor Istanbul

Kurz nachdem wir Vize verlassen hatten, sahen wir die ersten Radtourer seitdem wir die Donau verlassen hatten. Es waren zwei junge Schweizer, die ca. 50km voneinander entfernt fuhren, da sie sich in Istanbul zerstritten hatten. Sie waren auf dem Weg nach Rumänien, und so konnten wir ihnen einige Tips über die Route geben.

Vormittags hielten wir in einem kleinen Dorf an, um eine Pause zu machen. Außerhalb der Dörfer gab es nicht viel Schatten, und so fanden wir ein schattiges Plätzchen, um etwas kaltes zu trinken und etwas zu essen. Wir wollten etwas versteckt sein, da wir uns schuldig fühlen, wenn wir im Ramadan vor den Leuten essen und trinken. Allerdings standen nach ein paar Minuten ca 10 Leute um uns herum, und eine der Frauen lud Frederike ein, in ihrem Garten Tomaten und Paprika für uns zu pflücken. Der einzige Englisch-Sprecher im Dorf wurde gefunden, ein junger Mann, der gerade fertig studiert hatte. Er zeigte uns das Dorf und den Wochenmarkt, bevor wir uns verabschiedeten und weiterfuhren.

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Mittags wollten wir aber wirklich einen ruhigen Platz haben, so dass wir in Ruhe essen konnten, ohne uns schuldig zu fühlen, während alle anderen die Hitze ohne Essen oder Trinken aushalten. Wir fanden den perfekten Platz mit etwas Schatten unter einem Baum in einer Weide. Sobald wir die Fahrräder abgestellt hatten, hörten wir allerdings Hundegebell und Kuhglocken, und ein Kuhhirte kam durch die Büsche auf uns zu. Er schüttelte unsere Hände und bot uns Zigaretten an (die wir aber ablehnten), bevor er wieder verschwand. Als wir uns hinsetzten, um zu essen, kam er aber wieder zurück, mit noch einem zweiten Kuhhirten. Sie setzten sich zu uns in den Schatten. Wir boten ihnen etwas zu essen an, aber natürlich fasteten sie und konnten das Essen nicht annehmen. Wir aßen dann vor ihnen, was uns etwas unangenehm war, aber es schien ihnen nicht auszumachen. Wir konnten nur mit ein paar türkischen Worten kommunizieren, und unser Point It Büchlein half uns auch nicht weiter, da die Kuhhirten nicht gut sehen konnten. Sie waren aber sehr freundlich, und obwohl sie sehr arm aussahen, boten sie uns trotzdem alles an, was sie hatten, was in diesem Fall eine Zigarette und ein paar frisch gepflückte Haselnüsse waren.

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Kurz danach fuhren wir einen Hügel hoch. Guy war vorne und schaute auf die Straße direkt vor ihm, während er sich auf die Steigung konzentrierte. Auf einmal sah er ein paar Füße am Straßenrand stehen. Daneben schwang eine Tüte, und darin die unverwechselbare ovale Form – ja, schon wieder eine der gefürchteten Wassermelonen. Aber nicht irgendeine Melone, sondern ein 8 kg schweres Monster. Der Schenker war ein netter Universitätsprofessor aus Istanbul, der gesehen hatte, wie wir uns in der Hitze abstrampelten und entschieden hatte, uns eine Melone und etwas Brot zu schenken.

In sportlicher Laune befestigte Guy die Wassermelone hinten auf dem Fahrrad und war ein paar Kilometer später völlig fertig, so dass wir am Straßenrand für eine kurze Pause anhalten mussten. Ein Honigverkäufer bemitleidete uns und bot uns an, ein Nickerchen zu machen, da er eine Decke und einige Kissen im Schatten ausgebreitet hatte. Wir lehnten dankend ab, da es langsam spät wurde. Es musste für ihn wohl ziemlich lustig aussehen, wie wir uns in der Hitze mit der Wassermelone abmühten.

Wir wussten, dass es jetzt bis Istanbul keine größeren Orte geben würde, und daher mussten wir campen. Normalerweise macht uns das nichts aus, aber in der momentanen Hitzewelle ist es nicht besonders angenehm, zu campen ohne Zugang zu Wasser zu haben. Da es spät wurde, hielten wir in einem Dorf an, um zu sehen, ob es dort die Möglichkeit zum Campen gab. Wir tranken einen Tee und sprachen mit einem Mann, der Englisch konnte. Wir fragten, ob wir im Dorf campen könnten, und er sagte, dass wir überall in der Umgebung campen könnten, oder vielleicht auf dem Basketballfeld. Das Dorf schien Wasser mit besonderen Qualitäten zu haben, denn es gab eine riesige Schlange von teuren Autos, die am Wasserhahn anstanden, um ihre Kofferräume mit großen Wasserflaschen zu füllen. Anscheinend kommen die Leute aus Istanbul, um im Dorf Wasser zu holen, da es gut für den Magen ist. Wir entschieden, stattdessen Wasser zu kaufen, da wir nicht so lange anstehen wollten, und gerade als wir losfuhren, fragte uns der englisch-sprachige Mann, was wir vorhatten, und bot uns an, in seinem Garten zu campen. Wir zögerten nicht lange und folgten ihm dann durch das Dorf zu seinem Haus.

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Erzoy ist ein Flugzeugtechniker bei Turkish Airlines und hat ein schönes Haus am Rand des Dorfes, mit einem schönen Rasen, auf dem wir campen konnten. Wir stellten unsere Zelte auf, und bald erschien ein Tisch und ein paar Stühle, mit einem Teller voll Wassermelone. Andere Dorfbewohner erschienen am Zaun, um uns zu begrüßen. Anscheinend war es das erste Mal, dass ein Australier und eine Neuseeländerin (Di) im Dorf übernachteten.

Gerade als wir unser Abendessen kochen wollten, wurde uns ein Teller mit gefüllter Paprika und gerösteten Tomaten gebracht. Dann spendete uns die Nachbarin etwas Baklava und noch mehr Wassermelone. Nach dem Essen sahen wir wie unser Gastgeber im Garten einen großen Samovar bereitstellte, aus dem bald viel Rauch und Flammen herauskamen. Es war ein beeindruckendes Spektakel! Wir wurden zum Tee eingeladen, und bald kamen die Nachbarn dazu, sowie weitere Freunde und Familie, bis wir ungefähr ein Dutzend Leute waren. Wir verbrachten einen lustigen Abend und gingen gegen Mitternacht ins Bett.

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Am nächsten Morgen waren wir in einer heiklen Situation. Unser Gastgeber hatte keine Toilette erwähnt, aber wir wussten, dass es eine in der Moschee gab, die etwa 500m weit weg war. Guy musste dringend auf’s Klo, und die Moschee fühlte sich so weit weg an wie Mekka. Sobald wir aufgestanden waren, sprangen wir auf die Fahrräder und fuhren so schnell wie möglich zur Moschee. Einige der Dorfbewohner waren schon wach und schauten uns ungläubig nach, als wir durch die leeren Straßen rasten. Hühner rannten in alle Richtungen als wir um die letzte Ecke kamen. Guy sprang schon fast vom Rad bevor es anhielt und rannte gleich auf die Toilette, während er hoffte, dass ihn der Imam nicht aufhalten würde. Wir sind noch nie so schnell zu einem religiösen Gebäude gerannt, wahrscheinlich glauben die Dorfbewohner jetzt, dass alle Australier extrem gläubig sind.

Wir fuhren früh in Richtung Bosporus weiter. Wir erwarteten viel Verkehr, aber der größte Teil der Strecke war überhaupt kein Problem. Es gab nur eine Gegend, in der gerade eine Autobahn gebaut wurde, die parallel zu der Straße, auf der wir fuhren, verlief. Das bedeutete, dass Dutzende von Lastwagen auf unserer Straße unterwegs waren, die von der Baustelle hin und her fuhren. Es war nicht sehr angenehm, aber die Lastwagenfahrer gaben uns genug Platz, und ein Ladenbesitzer lud uns zur Stärkung auf einen Tee ein.

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Für den größten Teil des Tages fuhren wir in einer dicht bewaldeten Gegend mit vielen Hügeln. Es sah nicht gerade so aus, als ob wir in der Nähe der fünftgrößten Stadt der Welt wären, mit 13 Millionen Einwohnern. Als wir am Nachmittag einen Berg hochfuhren, redeten wir darüber, wie toll es wäre, wenn jemand anhalten und uns ein Eis oder ein kaltes Getränk geben würde. Kurz danach sahen wir einen Mann am Straßenrand winken. Er hielt einen Plastikbecher und eine Flasche Wasser hoch. Wir hielten an und er gab uns das eiskalte Wasser. Wir fühlten uns wie auf der Tour de France! Wir hatten keine gemeinsame Sprache, aber diese kleine Geste hob unsere Laune beträchtlich.

Etwas später kamen wir um eine Ecke, und auf einmal sahen wir den Bosporus vor uns. Es war zauberhaft. Wir waren recht hoch in den Hügeln und konnten die Schiffe sehen, die durch den Bosporus vom Schwarzen Meer zum Marmara-Meer fuhren. Asien war auf der anderen Seite, und der Vorort Sarayer direkt unter uns. Wir hielten gleich in einem kleinen Cafe mit einem schönen Ausblick an, um etwas zu trinken und den Augenblick zu genießen. Wir bemerkten auch ein kleines Stück Rasen neben dem Cafe und redeten darüber, wie perfekt es zum zelten wäre.

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Bald kam der Cafe-Besitzer herüber, um sich mit uns zu unterhalten. Er sprach sehr gut Deutsch, da er lange in Deutschland gelebt hatte, und er mochte Deutschland sehr gerne. Wir fragten ihn, ob es in der Nähe Hotels gab, aber anscheinend gab es nur ein Luxushotel, was wir uns nicht leisten konnten. “Warum schlaft ihr nicht einfach hier?”, sagte er zu Frederike. “Du bist Deutsch, daher bist Du wie mein Nachbar. Ihr seid meine Gäste.” Bingo! Wir nahmen sein Angebot dankend an und bauten bald unsere Zelte auf, während wir immer wieder Pausen machten, um die Aussicht zu bewundern. Murat lud uns auch ein, mit ihm und seiner Familie die Ifta-Mahlzeit zu essen, die man kurz nach Sonnenuntergang isst, um das Fasten zu brechen. Er ließ uns auch seine Dusche benutzen. Wir redeten dann noch lange mit ihm, seinem Bruder und dessen Frau, während wir über die glitzernden Lichter von Istanbul hinüber schauten.

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Unser Plan war, vor Sonnenaufgang aufzustehen und die letzten 30km ins Zentrum von Istanbul vor der Hauptverkehrszeit zu fahren. Wir erwarteten ziemlich starken Verkehr und eine unangenehme Fahrt. Wir fuhren los, als es noch dunkel war, und es gab am Anfang überhaupt keinen Verkehr. Nur ein paar wilde Hunde, die uns anbellten. Wir fuhren auf einer kleinen Straße direkt am Bosporus entlang, wobei wir die Sonne über Asien aufgehen sahen, und die Angler bestaunten, die schon lange wach waren.

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Es ging durch die reichen nördlichen Vororte von Istanbul, an vielen Cafes und einer Promenade vorbei. Gegen 7 Uhr gab es etwas mehr Verkehr, aber die Fahrer waren respektvoll und wir genossen die schöne Fahrt ins Stadtzentrum. Als wir an der Galata Brücke ankamen, war es Zeit zu feiern. Wir baten einen Angler, ein Foto zu machen, und verbrachten die nächsten 3 Stunden damit, in einem Cafe zu sitzen und die Atmosphäre zu genießen, bevor wir über die Brücke fuhren und unser Hotel fanden.

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Wir wollen hier für 12 Tage bleiben, bevor wir in Richtung Osten weiterfahren. Mehrere Freunde werden zu Besuch kommen, und auch Frederike’s Vater, so dass wir sicher hier viel Spaß haben werden. Di fliegt nächste Woche zurück nach England. Wir sind mit ihr seit Budapest zusammen gefahren, und haben uns sehr gut verstanden. Es wird komisch sein, wenn sie nicht mehr hier ist, und ihr kleines Zelt nicht mehr neben unserem steht.

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Samstag, 21. August 2010

Die nördliche Route nach Istanbul (D020)

Dieser Blog ist für Radfahrer gedacht, die vom Westen nach Istanbul fahren wollen. Wir haben von vielen Radfahrern gehört, die schlechte Erfahrungen gemacht haben und mit einem “nie wieder” Gefühl in Istanbul ankamen. Unsere Erfahrung dagegen war sehr positiv und war sogar eine sehr schöne Route, die wir gerne nochmal fahren würden.

Wir wollten gerne nach Istanbul reinfahren, aber wir wollten eine ruhige Route nehmen, auf der nicht soviel Verkehr ist. Viele Radfahrer nehmen die direkte D100, aber das war für uns keine Option, da wir nicht mutig genug sind, auf einer mehrspurigen Autobahn zu fahren. Stattdessen folgten wir der D020.

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Von Bulgarien aus überquerten wir einen kleinen Fluss bei Lyubimets und fuhren für 15km auf der E85, bis zur Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland. Auf der Straße gab es schon einige Laster und recht viele Autos, aber es war eigentlich kein Problem, da es einen (ziemlich kleinen) Seitenstreifen gab. Die Grenzüberquerung ging schnell vonstatten, und in Griechenland wurde die E85 zu einer Schnellstraße mit zwei Spuren in jeder Richtung. Es gab auch einen sehr breiten Seitenstreifen, der über 1m breit war, und auf der Straße war fast kein Verkehr.  Die Straßenqualität war sehr gut.

Die Orte, die auf unsere Karte eingezeichnet waren, lagen etwas abseits der Straße. Nach ca 20km gab es eine große Tankstelle, bei der man Wasser etc kaufen konnte. Man bleibt auf der E85, bis man die Ausfahrt zur türkischen Grenze sieht. Von da aus sind es nur ca 3km bis zur Grenze. Der kleine griechische Grenzort Kastanies ist ein netter Ort, an dem man noch ein paar griechische Spezialitäten kaufen kann.

Die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei ist sehr ruhig, da es eine Gewichtsbegrenzung gibt, so dass keine Laster hier die Grenze überqueren können. Wir mussten ca 15 Minuten anstehen, um unsere Einreisestempel zu bekommen. Der erste größere Ort kurz hinter der Grenze ist Edirne. Es ist ein schönes Städtchen, wo wir 3 Tage verbrachten. Die Straßen sind lebendig und die Moscheen sehenswert. Es gibt nicht viele ausländische Touristen in Edirne, aber es gibt einige (leider recht teure) Hotels und viele Restaurants.

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Aus Edirne fuhren wir auf der D100 hinaus, für einige Kilometer, bis zur Kreuzung it der D020. Auf der D100 gab es relativ viel Verkehr und nur einen kleinen Seitenstreifen. Auf der D020 gab es fast keinen Verkehr. Es ist eine kleinere Straße aus grobem Asphalt, die durch Ackerland und kleine Dörfer führt. Die Autos waren sehr rücksichtsvoll, und ein Mann in einem der Dörfer sagte uns, dass die Autofahrer hier an Radfahrer gewöhnt sind.

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In unserer ersten Nacht übernachteten wir in einem Hotel in Kirklareli. Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Vize und übernachteten wieder in einem Hotel. Die Straßenverhältnisse blieben ziemlich gleich, und das Terrain ist die ganze Zeit hügelig mit keinen größeren Bergen. Wir hatten allerdings sehr heißes Wetter und einen Gegenwind, so dass wir es teils recht anstrengend fanden, vor allem da der Asphalt halb geschmolzen war.

Nach Vize fuhren wir weiter zu einem kleinen Dorf, das Akalan hieß, wo wir im Garten von einer Familie campten. Die Gegend ist sehr bewaldet, mit vielen Möglichkeiten zum campen. Es gibt auch Hotels in Saray und Subaşi.

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Am nächsten Tag fuhren wir weiter auf der D020, die theoretisch die D010 wird, aber auf den Schildern sahen wir dies nicht. Auf dieser Strecke gab es sehr viel Verkehr, der kurz hinter dem Dorf Örcünlü begann. Anscheinend wird gerade eine neue Autobahn gebaut, die teilweise parallel zur D020 verläuft. Daher gab es sehr viele Lastwagen, die Baumaterialien hin und her transportierten. Wir fühlten uns etwas eingequetscht, aber die Fahrer gaben uns viel Raum.

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Das ging so weiter für die nächsten 50km nach Kemerburgaz, wo wir auf eine relativ ruhige Waldstraße abbogen, die nach Sarayer am Bosporus führt. Wir campten am Rand von Sarayer, da es dort fast keine Unterkünfte gab. Anscheinend gibt es ein Hotel, aber es ist extrem teuer.

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Am nächsten Morgen fuhren wir um 5:30 Uhr los, kurz vor Sonnenaufgang. Wir fuhren auf die Promenadenstraße, die direkt am Bosporus entlang führt. Wir hatten eine mehrspurige Straße erwartet, aber es war eine sehr ruhige, kleine Straße, die durch kleine Vororte und Häfen führte. Mit dem Sonnenaufgang über der asiatischen Seite des Bosporus war es eine unserer schönsten Fahrten bisher. Wirklich ein toller Weg, in Istanbul anzukommen.

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Die Straße wird am Ende mehrspurig und verkehrsreich, wenn man ins Stadtzentrum von Istanbul kommt, aber der Verkehr bewegt sich recht langsam, und es ist nicht schlimmer als jede andere Stadt zur Hauptverkehrszeit. Dies ist auch nur für die letzten 3km bis zur Galata Brücke. Die Hauptverkehrszeit startete um ca 7 Uhr, also hätten wir dies wohl vermeiden können, wenn wir etwas früher losgefahren wären.

Der Link unten ist eine gpx Datei der Route, die man auf ein GPS Gerät laden kann. Die Gesamtlänge der Strecke von Lyubimets nach Istanbul war 370 km.

Istabul GPX Datei herunterladen.

Hier ist das Streckenprofil:

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Es wäre interessant von Leuten zu hören, die diese Route nach uns gefahren sind, insbesondere in Bezug auf die Straße von Örcünlü nach Kemerburgaz. Für uns sah es so aus, als ob die neue Autobahn neben der D020 laufen wird, was vielleicht bedeutet, dass es dann noch weniger Verkehr auf der D020 gibt.

Bitte kontaktieren Sie uns, wenn Sie weitere Infos brauchen. Hoffentlich machen Sie die gleichen guten Erfahrungen auf dieser Route wie wir. In diesem Eintrag sind weitere Details über unsere Erfahrungen auf dieser Route.

Gute Fahrt!

Mittwoch, 18. August 2010

4000 km Foto

Wir machten dieses Foto kurz hinter Edirne in der Türkei, als unser Tacho 4000 Kilometer anzeigte. Es war ein extrem heißer Tag, wie man unseren Gesichtern vielleicht ansehen kann! Kurz danach bekamen wir eine leckere, saftige Wassermelone geschenkt.

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Dienstag, 17. August 2010

Unser erster Tag in der Türkei

Wir haben diesen Eintrag ein paar Tage später hochgeladen, da wir kein Internet hatten. Inzwischen sind wir schon in Istanbul angekommen – mehr darüber später.

Wow. Unser erster Radfahr-Tag in der Türkei war wirklich aufregend. Nachdem wir 4 Nächte in Edirne verbracht hatten, so dass Frederike sich von ihrer Lebensmittelvergiftung erholen konnte, sind wir gestern endlich weitergefahren. Edirne ist eine schöne Stadt, die sich sehr europäisch anfühlt und einige interessante Moscheen hat, aber die Hotels sind teuer und nach einigen Tagen hatten wir so ziemlich alles gesehen.

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Viele Radfahrer nehmen die berüchtigte D100 nach Istanbul, was eine ziemlich große Straße mit bis zu 10 Spuren ist. Es ist der direkteste Weg, und sicher viel flacher als unsere Route, aber wir wollen uns nicht dem Verkehr aussetzen und haben noch ein paar Tage Zeit, und so fahren wir weiter nördlich die D020 entland. Wir wollen bis zum Bosporus, und dem Ende Europas fahren, und dann Richtung Süden nach Istanbul reinfahren. Falls der Verkehr zu schlimm wird, können wir dann hoffentlich eine Fähre den Bosporus runter nach Istanbul nehmen.

Als wir aus Edirne herausfuhren, wurde die Straße schnell hügelig, und wir hatten einen starken Gegenwind. Von den Leuten hier fanden wir heraus, dass es momentan die schlimmste Hitzewelle seit 60 Jahren gibt. Normalerweise sind die Temperaturen in den hohen 20gern, aber dieses Jahr sind sie jeden Tag in den hohen 30gern im Schatten. Die Straßen schmelzen, und ab späten Vormittag wird der Asphalt so weich und klebrig, dass sogar unsere Fahrradreifen Spuren hinterlassen.

Bisher hatten wir noch keine Platten, aber gestern mittag kam dann die Luft aus Guy’s Hinterreifen, gerade als wir 4000km überschritten hatten. Es gab keinen Schatten, so dass wir am Straßenrand anhalten mussten, um den Platten zu reparieren. Inzwischen stieg das Thermometer an Guy’s Tacho auf 47°C, die höchste Temperatur, die wir bisher gemessen haben.

An diesem Punkt begannen die Türken, uns zu beweisen, was für tolle Leute sie sind. Erstmal fuhr ein Auto an uns vorbei, drehte um und kam zurück. Ein junger, gut angezogener Mann fragt, ob wir Hilfe brauchten. Als wir sagten, dass alles ok ist, stieg er trotzdem aus seinem klimatisierten Auto aus und stand mit uns in der extremen Hitze, redete auf türkisch auf uns ein, hielt das Fahrrad während Guy den Platten reparierte, und half uns, die Satteltaschen wieder anzubringen.

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Di war schon weiter gefahren in ein kleines Dorf, wo sie im Schatten wartete. Sie redete mit einem pensionierten Man, der deutsch sprach, und als wir ankamen, kaufte er uns eine Wassermelone von einem Bauern. Wir waren etwas unsicher über die Etikette, da gerade Ramadan ist, und die meisten Leute im Dorf fasteten. Die Willenskraft der Muslime ist echt bewundernswert. In dieser Hitze und bei den langen Tagen zu fasten muss wirklich schwer sein – nichts zu essen, und noch schlimmer, den ganzen Tag nicht mal einen Schluck Wasser zu trinken. Dennoch gab der Mann und Wassermelone während er fastete, und natürlich wäre es unhöflich, das Angebot abzulehnen. Wir unterhielten uns ein ganzes Weilchen bevor wir weiterfuhren.

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Etwas später hielten wir an einem kleinen schattigen Platz am Straßenrand an, hinter einem kleinen Graben. Gerade als wir uns hinsetzten hielt ein Bauer in seinem Traktor an und stieg aus. Er kam zu uns rüber und legte eine Wassermelone sowie einige Tomaten und Gurken auf den Boden vor uns, bevor er wieder in den Traktor stieg, winkte und weiterfuhr. Unser Mittagessen war dadurch viel leckerer, obwohl wir es nicht schafften, noch mehr Wassermelone zu essen. Noch einige weitere Leute hielten mit ihren Motorrädern oder Traktoren an, um sich mit uns zu unterhalten, und dann hielt ein Auto an, und zwei schick angezogene Herren stiegen aus. Sie sprangen über den Graben und gaben uns Pflaumen. Einer von ihnen sprach sehr gut Deutsch, und wir fanden heraus, dass der andere Mann ein Journalist bei einer Lokalzeitung war und uns interviewen wollte. Wir unterhielten uns dann für eine halbe Stunde über unsere Reise. Danach machten sie noch Fotos von uns, wobei wir uns zum Narren machten, als sie uns baten, die Wassermelone zu präsentieren, die uns der Bauer geschenkt hatte.

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Die beiden waren ziemlich lustig, und bevor sie abfuhren, sagte uns Erol (der Mann, der Deutsch sprach), dass er bei der Shell Tankstelle in Kirklareli arbeitete, dem Ort, in dem wir übernachten wollten. Er bot uns an, uns zu etwas zu trinken einzuladen, und uns bei der Hotelsuche zu helfen. Der Journalist fing dann an, im Auto herumzusuchen, und schenkte uns alles, was er finden konnte: Erdnüsse, Kaugummi, eine kleine Flasche Parfüm, und Taschentücher. Dann holte er seine eigene Flache Aftershave heraus und sprayte Guy damit ein, bevor er ihm auf den Rücken klopfte und lachend ins Auto sprang, um loszufahren. Es scheint also, als ob unsere tägliche Dusche bei dieser Hitze nicht genügt!

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Mit den besten Absichten banden wir die Wassermelone auf Guy’s Fahrrad fest, aber nach weitere 10km von Hügeln und Gegenwind gaben wir auf, da sie zu schwer war. Wir entschieden, sie einer Gruppe von Männern zu schenken, die an einem Tisch in einem Dorfpark saßen. Guy ging einfach zu ihnen rüber und setzte die Melone auf ihrem Tisch ab, was sie ziemlich verwirrte. Einer der Männer sprach Deutsch, und so ging Frederike rüber, um es ihnen zu erklären. Sie dachten erst, dass wir wollten, dass sie die Melone für uns anschneiden, und als wir sagten, dass es ein Geschenk für sie war, lachten sie uns luden uns auf eine Limonade ein. Sie waren sehr nett und boten uns ihre Hilfe an, falls wir irgendetwas brauchten.

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Es wurde langsam spat und wir mussten zu unserem Date an der Shell Tankstelle. Wir fuhren weiter in den Gegenwind und waren ziemlich fertig, als wir in Kirklareli ankamen. Erol war nicht an der Tankstelle, aber seine Kollegen riefen ihn gleich an und gaben uns kalte Getränke. Als Erol in seinem Auto ankam, erklärte er uns, dass dem Besitzer der Tankstelle früher mal ein Hotel im Ort gehörte, und dass er das Hotel für uns angerufen hatte, um einen Spezialpreis für uns auszuhandeln – zwei Drittel weniger als der normale Preis!

Erol brachte uns gleich zum Hotel, so dass wir duschen konnten, und er versprach, und später abzuholen. Er kam mit seinem Schwager, Tavruk, und wir gingen im Ort spazieren. Der Park war voller Leute, die die etwas kühlere Abendluft genossen (um 23 Uhr waren es immer noch 30°C…). Sie luden uns ein, etwas zu trinken, und wir trafen ihre Söhne, die auch im Park waren. Erol hatte in den späten 70gern und frühen 80gern in Deutschland gearbeitet und sprach sehr gut Deutsch. Nachdem sie und noch Eis gekauft hatten, und jegliches Angebot von uns, für etwas zu zahlen, abgelehnt hatten, brachten sie uns zurück zum Hotel.

Wir alle verbrachten leider eine ziemlich schlaflose Nacht, da es einfach zu heiß zum Schlafen war. Wir hatten die Fenster offen, und gerade als wir eingeschlafen waren, kamen die Trommler. Ach ja, die Trommler, einer der weniger angenehmen Aspekte von Ramadan. Jeder Ort hat einen Trommler, der nachts um 3 Uhr durch den Ort geht und alle Leute aufweckt, so dass sie frühstücken, bevor die Sonne aufgeht. Ein netter Typ. Leider weckt er aber auch uns jede Nacht auf, aber wenigstens müssen wir dann nicht aufstehen uns frühstücken…

Wir standen früh auf und fuhren um 7 Uhr los, bevor es zu heiß wurde. Wir wollten uns von Erol verabschieden, aber er war nicht an der Tankstelle. Als wir aus der Stadt fuhren, sahen wir ein Motorrad am Straßenrand, und es war Erol, der sich verabschieden wollte. Er hatte unsere Zeit in Kirklareli wirklich zu etwas besonderem gemacht.

Heute fuhren wir weiter Richtung Osten, in den gleichen starken Gegenwind, und wir schafften nur 58km bevor wir mittags in Vize ankamen. Nach der vorigen schlaflosen Nacht wollten wir unbedingt eine Klimaanlage haben. Leider kannte der Mann in dem einzigen Hotel mit Klimaanlage seinen Markt sehr genau und gab einen sehr teuren Preis an. Wir schafften, ihn ein wenig herunterzuhandeln, aber wir denken, dass wir trotzdem zu viel zahlen, da es keine Alternative im Ort gibt.

Generell finden wir die Hotels hier ziemlich teuer, doppelt so viel wie wir in Rumänien oder Bulgarien gezahlt haben. Kebab Shops sind günstig, aber Restaurants sind nicht viel billiger als in London. Manche haben kein Menü, und wir denken, dass sie manchmal den Preis für uns verdoppeln. Wir lernen langsam, wieviel alles kosten sollte, aber es dauert noch eine Weile. Genau wie die Türken privat die großzügigsten, nettesten Leute sind, wollen sie aber auch oft soviel Geld wie möglich aus uns herausholen, wenn wir etwas kaufen, und wir müssen lernen, uns ihrer langen Tradition des Handelns anzupassen.

Mittwoch, 11. August 2010

Verblüfft in Bulgarien

Ein Kopfschütteln bedeutet “ja”, ein Nicken heißt “nein”, der gleiche Salat hat drei verschiedene Namen, Kleinstädte und Dörfer sind so gut wie ausgestorben. Bulgarien hat uns verblüfft. 

Bei der Anfahrt von der rumänischen Seite bekamen wir endlich einen Geschmack für das „echte Rumänien“, vor dem uns alle gewarnt hatten. Die letzten 5 Kilometer waren auf einer Kopfsteinplasterstraße, die einen richtig durchrüttelte, und kurz vor der Passkontrolle verabschiedeten uns noch ein paar agressive Hunde.

Am Straßenrand stand eine alte Fabrik, die auf den ersten Blick verlassen aussah, bis wir die giftgelbe Wolke sahen, die aus einem der alten Schornsteine hochstieg.

Wir gaben dem Beamten unsere Pässe. Er schaute sich die Pässe an und sagte dann: „Es gibt ein kleines Problem“. Mist – die nächste Grenzstelle war über 100km weit weg, wenn wir hier nicht durchkommen, müssen wir einen riesigen Umweg machen. „Es gibt erst um 18 Uhr wieder eine Fähre“, sagte der Beamte.

Er muss wohl überrascht gewesen sein, als er unser Grinsen sah. Das bedeutete zwar, dass wir 6 Stunden warten mussten, aber wenigstens kamen wir durch. Wir richteten uns dann ein gemütliches Plätzchen im Niemandsland ein, neben der Wanne, in der die Laster desinfiziert werden. Aus dem leuchtend grün gefärbten Wasser schauten uns die Frösche zu.

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Nach kurzer Zeit kam die Frau, von der wir unsere Tickets für die Fähre gekauft hatten, auf uns zu. Sie brachte gute Neuigkeiten: Um 15 Uhr würden einige Laster kommen, und es gab eine Sonderfahrt für sie. Sie hatte arrangiert, dass wir dort mitfahren könnten.

Als der letzte Laster auf der Fähre war und wir kurz vor der Rampe waren, schaute uns der Kapitän streng an und wackelte mit dem Finger. Also durften wir wohl doch nicht mitfahren. Einen Moment später lachte er über unsere enttäuschten Gesichter und winkte uns auf die Fähre.

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Das erste, was wir auf der bulgarischen Seite der Donau bemerkten, war, dass der Ort total verlassen war, und auf den Straßen war fast kein Verkehr. Am Anfang dachten wir, dass es nur im Grenzort so wäre, aber später merkten wir, dass viele Dörfer und Kleinstädte ziemlich verlassen und deprimierend sind. Die Landschaft war hügelig, mit vielen Feldern und Bäumen, und wir fuhren Richtung Süden, um einen Platz zum Zelten zu finden.

Nach ein paar Kilometern verließen wir die Donau zum letzten Mal, nachdem wir ca 2,300km an ihr entlang gefahren sind. Die offizielle Donau-Radroute führt noch ca 500km weiter, bevor die Donau sich in das Schwarze Meer ergießt. Es war traurig, uns zu verabschieden. Wir hätten nie gedacht, dass wir solche starken Gefühle für einen Fluss haben könnten!

Bald merkten wir, dass die meisten Dörfer eine kleine Wasser-Zapfstelle hatten, und so füllten wir unsere Flaschen auf, bevor wir einen Zeltplatz suchten. Die Dorfbewohner waren erst zurückhaltend, aber offensichtlich waren sie auch neugierig, denn plötzlich mussten alle unbedingt mal dringend zur Wasserstelle, um uns gleichzeitig zu beäugen. Es war allerdings etwas unangenehm, da unser Lächeln und Winken nur mit einem ernsten Starren beantwortet wurde. So kurz hinter der Grenze schienen die enthusiastischen Rumänier bereits eine Million Kilometer weit weg zu sein.

Kurz hinter dem nächsten Dorf hielt ein Auto neben uns an, und die Fahrerin fragt, ob wir Deutsch sprachen. Sie hatte von anderen Dorfbewohnern gehört, dass wir vorbeigefahren waren, und sie hatten sich gedacht, dass wir wahrscheinlich Deutsch sind, da wohl die meisten Radfahrer hier Deutsche sind. Sie bot uns an, zu ihrem Haus zu kommen und Kaffee zu trinken. Vili selbst lebt in Deutschland aber war zurück nach Hause gekommen, um ihre Eltern zu besuchen.

Wir zögerten erst, da es schon spät wurde und wir einen Platz zum Schlafen finden mussten, aber sie überzeugte uns, zurück zum Haus zu kommen. Das Haus selber war recht bescheiden, etwas zerkrümelt und aus Beton, aber der Garten war unglaublich. Es gab verschieden Bereiche für Obstbäume, einen Gemüsegarten, Weinreben, die genug Trauben für über 400 Flaschen Wein pro Jahr produzierten, und ein großes Haus für die Hühner.

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Unsere Gastgeberin pflückte frische Tomaten, Gurken, Paprika, Zwiebeln und Petersilie aus dem Garten, mischte sie mit etwas Feta und Öl und machte uns einen Chopski Salat, der mit Frikadellen serviert wurde. Dazu gab es selbstgemachten Schnapps, mit dem der Salat „getrunken“ wurde. Wir bekamen auch Geburtstagskuchen, der von einem Kindergeburtstag am gleichen Tag übrig war, sowie Kaffee.

Letztendlich mussten wir das Thema vom Schlafensplatz wieder anschneiden, und Vili fragte ihre Mutter, ob wir unsere Zelte in ihrem Garten aufstellen könnten. Beunruhigt sahen wir, wie die Mutter energisch den Kopf schüttelte, während sie etwas auf Bulgarisch sagte. „Ok, ihr könnt bleiben“, sagte Vili. Ach ja, ein Kopfschütteln bedeutet „da“ – ja…

Wir stellten unsere Zelte under den Pflaumenbäumen neben dem Hühnerhaus auf, mit Hilfe von Vili’s kleiner Nichte und einer süßen kleine Katze, die dann aber leider immer wieder auf unser Zelt sprang und ihre kleinen Klauen in das teure Zeltmaterial grub, um hochzuklettern.

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In der Nacht schliefen wir nicht viel. Die Aufregung des Tages und der Kaffee hielten uns wach, und als wir dann Schritte und Stimmen in der Nähe hörten, wurden wir paranoid als wir uns vorstellten, wie die neugierigen Dorfbewohner hereinkamen, um unser Zelt zu inspizieren.

Am nächsten Tag fuhren wir früh los und hielten kurz nach dem Dorf in einem Feld an, um zu frühstücken. Hirten und ihre Ziegenherden wanderten vorbei und beäugten uns neugierig.

Da wir alle nicht viel geschlafen hatten, waren wir müde und die Straße fühlte sich an wie Sand, und unsere Beine waren schwer wir Blei. Die Hitze machte uns noch müder, und als wir 90km später in Veliko Tarnovo ankamen, waren wir total fertig. Wir konnten unser Hostel nicht finden, das auf der anderen Seite der hügeligen historischen Stadt war, und so stießen wir zufällig auf Nomads Hostel. Sobald wir ankamen, wurden unsere Taschen hochgetragen, unsere Fahrräder weggeschlossen, und uns wurde sogar Tee gemacht. Im Hostel arbeiteten Giorgi und seine Freundin Katja, die vorhaben, eines Tages mit dem Fahrrad nach Neuseeland zu fahren, und so unterhielten wir uns viel über Fahrräder und Tourplanung. Am Abend kochte Giorgi einen bulgarischen Eintopf mit Gemüse und Lagen von Käse und Eiern, und wir wurden dazu eingeladen. Die bulgarische Küche hat uns wirklich beeindruckt, mit all den frischen Salaten und den Einflüssen von Griechenland und der Türkei.

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Da es oben auf einem Hügel lag, hatte das Hostel eine beeindruckende Aussicht auf das Fluss-Tal, und wir fühlten uns dort wie zu Hause. Wir blieben für 3 Nächte, aber hätten auch gerne länger bleiben können.

Es ist immer schwer, so einen freundlichen Ort zu verlassen, aber dismal war es besonders schwer, da wir wussten, dass wir die bulgarische Bergkette, Stara Planina, überqueren mussten, und es würden wie immer um die 40 Grad sein, mit fraglichen Straßenverhältnissen. Wir verbrachten die Nacht in Elena, einem Ort kurz vor dem großen Anstieg auf über 1000m Höhe. Zum Glück war es am nächsten Morgen bewölkt, mit der kältesten Temperatur seit Wochen, 20 Grad. Alles lief super, bis der Asphalt sich verschlechterte und dann ganz verschwand. Die Straße bestand nur noch aus Schotter und Steinen in verschiedenen Größen, und wir hatten noch 20km und 400 Höhenmeter Anstieg vor uns. Es dauerte mehrere Stunden, da wir auch viel schieben mussten. Wir machten uns auch alle unsere Gedanken über die Bären, die hier leben, da die Straße sehr verlassen war. Ab und zu sahen wir einen kleinen Laster mit Zigeunern, die im Wald irgendwas jagten oder sammelten, aber ansonsten war niemand da, nur dichter Wald. Kurz vor dem Pass trafen wir auf einige Holzfäller, die direkt neben der Straße Bäume fällten. Sie starrten uns unfreundlich an, während sie ihre Äxte schwangen, und wir beeilten uns, an ihnen vorbeizukommen.

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Kurz hinter dem Pass auf 1060 Höhenmetern passierte das unerwartete: Der Asphalt war wieder da! Nach 20km auf der extrem schlechten Straße konnten wir wenigstens die 12km lange Abfahrt genießen.

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Am Abend übernachteten wir in einem Hotel in Nova Zagora, um unsere Bergüberquerung zu feiern. Von da an war die bulgarische Landschaft immer noch hübsch und hügelig, aber es gab keine richtig großen Anstiege mehr. Am folgenden Tag fanden wir kurz hinter dem Dorf Glaven einen schönen Platz zum Zelten, mit Aussicht auf das Tal darunter, und schön weit weg von der Hauptstraße.

Wild camp

Am nächsten Tag fuhren wir die letzten 50km durch relativ (!) flaches Terrain. In einem Dorf sahen wir einen ultra modernen Komplex, der überhaupt nicht zum Rest des halb verfallenen Dorfs passte. Kurz danach rief uns jemand aus seinem Garten zu „Habt ihr Euch verirrt?“ Es war ein Engländer, der die Hälfte des Jahres in Bulgarien verbringt, und die andere Hälfte in Neuseeland. Wir fanden nie heraus, warum er in so einem kleinen Dorf wohnt, aber er erklärte uns, dass das moderne Gebäude ein Projekt der EU ist, das 15 Millionen Euro kostet – es ist ein Weingut! Ist ja egal, dass daneben die Straße voller Schlaglöcher ist, und dass die meisten Häuser in den Dörfern keine Kanalisation haben – mehr Weingüter werden dringend gebraucht…

Wir fanden Bulgarien das Land mit der hübschesten Landschaft bisher, die Preise niedrig und das Essen sehr gut. Die Dörfer waren aber oft recht häßlich und deprimierend, und die Leute nicht so offen freundlich wie in Serbien und Rumänien, obwohl sie immer zur Stelle waren, wenn wir mal Hilfe brauchten. Die Straßenverhältnisse waren viel schlechter als die Straßen, auf denen wir in Rumänien gefahren sind (auf dem Foto ist ein extremes Beispiel).

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Das Ende von unserer Zeit in Bulgarien bedeutet den Anfang der Türkei, unser Ziel für den ersten Teil unserer Reise. Wir waren sehr aufgeregt, so kurz vor der Grenze, aber erstmal wollten wir 30km durch den Norden von Griechenland fahren, um die direkte Grenze von Bulgarien in die Türkei zu umgehen – das ist nämlich eine der wichtisten Grenzen in Europa, da der ganze Verkehr von Europa zur Türkei und zum mittleren Osten durch diese Grenze muss. Wir wollten daher durch die kleinere Grenze von der griechischen Seite kommen, an der auch keine Laster erlaubt sind. Wir maßen unsere heißeste Temperatur bisher auf der offenen Straße in Griechenland, 43 Grad Celsius. Wir hatten fast kein Wasser mehr, denn die Dörfer, die auf unserer Karte eingezeichnet waren, wären ziemliche Umwege gewesen. Endlich sahen wir eine Tankstelle, und gaben unser halbes tägliches Budget für Wasser und Eis aus – eine Erinnerung an die höheren Lebenshaltungkosten im Westen.

Als wir nur ca 2 km entfernt waren, fragten wir einen Bauern nach dem Weg zur Grenze, da wir keine Schilder sahen.

„Es ist nicht weit, erst rechts abbiegen, dann nochmal rechts, und dann seid ihr fast da“, sagte er.

Nach einem Kilometer kamen wir um eine Kurve und sahen vor uns einen Fluss, der über die Straße floss und uns den Weg abschnitt. Nur ein paar Autos oder Laster fuhren durch. Bevor wir uns überlegen konnten, was wir jetzt machen sollten, begrüßte uns ein junger Grieche und sagte:

“Bevor Ihr Griechenland verlasst, müsst Ihr wenigstens einen griechischen Kaffee trinken.”

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Und damit wurden wir zu einem Tisch geführt, während er uns leckeren griechischen Kaffee servierte und uns erzählte, welche Sehenswürdigkeiten wir uns nächstes Mal ansehen sollten, wenn wie nochmal nach Griechenland kämen. Er sagte, dass wir umsonst am Fluss campen könnten, wo es einen Picknickplatz gab. Bei dem Angebot wussten wir, dass die Türkei noch einen Tag warten musste.

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Der Zeltplatz war nicht so sauber wie er sein könnte. Die Gegend war so wunderschön, aber leider lag überall Müll und Pferdemist umher, und in der Dusche hüpften Frösche herum. Die Toilettenspülung bestand aus einem Gartenschlauch, der an eines der Waschbecken angeschlossen wurde.

Wir hatten fast kein Essen mehr, also mussten wir beim Imbisswagen essen. Die Leute, denen er gehörte, waren sehr nett und gaben uns am ersten Abend verschiedene Fleischarten, Salat und Brot, sowie umsonst Schnaps, Pfannkuchen und Wassermelone. Am nächsten Tag aßen wir wieder dort, aber diesmal ohne den desinfizierenden Schnaps. Das war ein Fehler, denn ein paar Stunden später wurde Frederike schlecht, und sie verbrachte die eine ungemütliche Nacht, in der sie alle halbe Stunde aus dem Zelt rannte. Am folgenden Tag schaffte sie es aber über die Grenze in die Türkei. Wir mussten wieder etwas zurückfahren und über eine Brücke, um die Flussüberquerung zu vermeiden.

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Wir fuhren nur 20km um nach Edirne zu gelanden, wo zwei Tage freinehmen, um uns zu erholen und uns auf die Anfahrt nach Istanbul vorzubereiten. Mit den Moscheen und lebhaften Märkten fühlt es sich schon an, als ob wir fast in Asien sind. Unser Plan ist, Istanbul über eine indirekte, nördliche Route zu erreichen, so dass wir die verstopften Autobahnen und Hauptstraßen im Süden vermeiden. Wenn wir da sind, werden wir entscheiden, wie es genau weitergeht – aber eins ist sicher, wir sind noch nicht fertig mit dem Radfahren!