Dienstag, 17. August 2010

Unser erster Tag in der Türkei

Wir haben diesen Eintrag ein paar Tage später hochgeladen, da wir kein Internet hatten. Inzwischen sind wir schon in Istanbul angekommen – mehr darüber später.

Wow. Unser erster Radfahr-Tag in der Türkei war wirklich aufregend. Nachdem wir 4 Nächte in Edirne verbracht hatten, so dass Frederike sich von ihrer Lebensmittelvergiftung erholen konnte, sind wir gestern endlich weitergefahren. Edirne ist eine schöne Stadt, die sich sehr europäisch anfühlt und einige interessante Moscheen hat, aber die Hotels sind teuer und nach einigen Tagen hatten wir so ziemlich alles gesehen.

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Viele Radfahrer nehmen die berüchtigte D100 nach Istanbul, was eine ziemlich große Straße mit bis zu 10 Spuren ist. Es ist der direkteste Weg, und sicher viel flacher als unsere Route, aber wir wollen uns nicht dem Verkehr aussetzen und haben noch ein paar Tage Zeit, und so fahren wir weiter nördlich die D020 entland. Wir wollen bis zum Bosporus, und dem Ende Europas fahren, und dann Richtung Süden nach Istanbul reinfahren. Falls der Verkehr zu schlimm wird, können wir dann hoffentlich eine Fähre den Bosporus runter nach Istanbul nehmen.

Als wir aus Edirne herausfuhren, wurde die Straße schnell hügelig, und wir hatten einen starken Gegenwind. Von den Leuten hier fanden wir heraus, dass es momentan die schlimmste Hitzewelle seit 60 Jahren gibt. Normalerweise sind die Temperaturen in den hohen 20gern, aber dieses Jahr sind sie jeden Tag in den hohen 30gern im Schatten. Die Straßen schmelzen, und ab späten Vormittag wird der Asphalt so weich und klebrig, dass sogar unsere Fahrradreifen Spuren hinterlassen.

Bisher hatten wir noch keine Platten, aber gestern mittag kam dann die Luft aus Guy’s Hinterreifen, gerade als wir 4000km überschritten hatten. Es gab keinen Schatten, so dass wir am Straßenrand anhalten mussten, um den Platten zu reparieren. Inzwischen stieg das Thermometer an Guy’s Tacho auf 47°C, die höchste Temperatur, die wir bisher gemessen haben.

An diesem Punkt begannen die Türken, uns zu beweisen, was für tolle Leute sie sind. Erstmal fuhr ein Auto an uns vorbei, drehte um und kam zurück. Ein junger, gut angezogener Mann fragt, ob wir Hilfe brauchten. Als wir sagten, dass alles ok ist, stieg er trotzdem aus seinem klimatisierten Auto aus und stand mit uns in der extremen Hitze, redete auf türkisch auf uns ein, hielt das Fahrrad während Guy den Platten reparierte, und half uns, die Satteltaschen wieder anzubringen.

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Di war schon weiter gefahren in ein kleines Dorf, wo sie im Schatten wartete. Sie redete mit einem pensionierten Man, der deutsch sprach, und als wir ankamen, kaufte er uns eine Wassermelone von einem Bauern. Wir waren etwas unsicher über die Etikette, da gerade Ramadan ist, und die meisten Leute im Dorf fasteten. Die Willenskraft der Muslime ist echt bewundernswert. In dieser Hitze und bei den langen Tagen zu fasten muss wirklich schwer sein – nichts zu essen, und noch schlimmer, den ganzen Tag nicht mal einen Schluck Wasser zu trinken. Dennoch gab der Mann und Wassermelone während er fastete, und natürlich wäre es unhöflich, das Angebot abzulehnen. Wir unterhielten uns ein ganzes Weilchen bevor wir weiterfuhren.

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Etwas später hielten wir an einem kleinen schattigen Platz am Straßenrand an, hinter einem kleinen Graben. Gerade als wir uns hinsetzten hielt ein Bauer in seinem Traktor an und stieg aus. Er kam zu uns rüber und legte eine Wassermelone sowie einige Tomaten und Gurken auf den Boden vor uns, bevor er wieder in den Traktor stieg, winkte und weiterfuhr. Unser Mittagessen war dadurch viel leckerer, obwohl wir es nicht schafften, noch mehr Wassermelone zu essen. Noch einige weitere Leute hielten mit ihren Motorrädern oder Traktoren an, um sich mit uns zu unterhalten, und dann hielt ein Auto an, und zwei schick angezogene Herren stiegen aus. Sie sprangen über den Graben und gaben uns Pflaumen. Einer von ihnen sprach sehr gut Deutsch, und wir fanden heraus, dass der andere Mann ein Journalist bei einer Lokalzeitung war und uns interviewen wollte. Wir unterhielten uns dann für eine halbe Stunde über unsere Reise. Danach machten sie noch Fotos von uns, wobei wir uns zum Narren machten, als sie uns baten, die Wassermelone zu präsentieren, die uns der Bauer geschenkt hatte.

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Die beiden waren ziemlich lustig, und bevor sie abfuhren, sagte uns Erol (der Mann, der Deutsch sprach), dass er bei der Shell Tankstelle in Kirklareli arbeitete, dem Ort, in dem wir übernachten wollten. Er bot uns an, uns zu etwas zu trinken einzuladen, und uns bei der Hotelsuche zu helfen. Der Journalist fing dann an, im Auto herumzusuchen, und schenkte uns alles, was er finden konnte: Erdnüsse, Kaugummi, eine kleine Flasche Parfüm, und Taschentücher. Dann holte er seine eigene Flache Aftershave heraus und sprayte Guy damit ein, bevor er ihm auf den Rücken klopfte und lachend ins Auto sprang, um loszufahren. Es scheint also, als ob unsere tägliche Dusche bei dieser Hitze nicht genügt!

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Mit den besten Absichten banden wir die Wassermelone auf Guy’s Fahrrad fest, aber nach weitere 10km von Hügeln und Gegenwind gaben wir auf, da sie zu schwer war. Wir entschieden, sie einer Gruppe von Männern zu schenken, die an einem Tisch in einem Dorfpark saßen. Guy ging einfach zu ihnen rüber und setzte die Melone auf ihrem Tisch ab, was sie ziemlich verwirrte. Einer der Männer sprach Deutsch, und so ging Frederike rüber, um es ihnen zu erklären. Sie dachten erst, dass wir wollten, dass sie die Melone für uns anschneiden, und als wir sagten, dass es ein Geschenk für sie war, lachten sie uns luden uns auf eine Limonade ein. Sie waren sehr nett und boten uns ihre Hilfe an, falls wir irgendetwas brauchten.

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Es wurde langsam spat und wir mussten zu unserem Date an der Shell Tankstelle. Wir fuhren weiter in den Gegenwind und waren ziemlich fertig, als wir in Kirklareli ankamen. Erol war nicht an der Tankstelle, aber seine Kollegen riefen ihn gleich an und gaben uns kalte Getränke. Als Erol in seinem Auto ankam, erklärte er uns, dass dem Besitzer der Tankstelle früher mal ein Hotel im Ort gehörte, und dass er das Hotel für uns angerufen hatte, um einen Spezialpreis für uns auszuhandeln – zwei Drittel weniger als der normale Preis!

Erol brachte uns gleich zum Hotel, so dass wir duschen konnten, und er versprach, und später abzuholen. Er kam mit seinem Schwager, Tavruk, und wir gingen im Ort spazieren. Der Park war voller Leute, die die etwas kühlere Abendluft genossen (um 23 Uhr waren es immer noch 30°C…). Sie luden uns ein, etwas zu trinken, und wir trafen ihre Söhne, die auch im Park waren. Erol hatte in den späten 70gern und frühen 80gern in Deutschland gearbeitet und sprach sehr gut Deutsch. Nachdem sie und noch Eis gekauft hatten, und jegliches Angebot von uns, für etwas zu zahlen, abgelehnt hatten, brachten sie uns zurück zum Hotel.

Wir alle verbrachten leider eine ziemlich schlaflose Nacht, da es einfach zu heiß zum Schlafen war. Wir hatten die Fenster offen, und gerade als wir eingeschlafen waren, kamen die Trommler. Ach ja, die Trommler, einer der weniger angenehmen Aspekte von Ramadan. Jeder Ort hat einen Trommler, der nachts um 3 Uhr durch den Ort geht und alle Leute aufweckt, so dass sie frühstücken, bevor die Sonne aufgeht. Ein netter Typ. Leider weckt er aber auch uns jede Nacht auf, aber wenigstens müssen wir dann nicht aufstehen uns frühstücken…

Wir standen früh auf und fuhren um 7 Uhr los, bevor es zu heiß wurde. Wir wollten uns von Erol verabschieden, aber er war nicht an der Tankstelle. Als wir aus der Stadt fuhren, sahen wir ein Motorrad am Straßenrand, und es war Erol, der sich verabschieden wollte. Er hatte unsere Zeit in Kirklareli wirklich zu etwas besonderem gemacht.

Heute fuhren wir weiter Richtung Osten, in den gleichen starken Gegenwind, und wir schafften nur 58km bevor wir mittags in Vize ankamen. Nach der vorigen schlaflosen Nacht wollten wir unbedingt eine Klimaanlage haben. Leider kannte der Mann in dem einzigen Hotel mit Klimaanlage seinen Markt sehr genau und gab einen sehr teuren Preis an. Wir schafften, ihn ein wenig herunterzuhandeln, aber wir denken, dass wir trotzdem zu viel zahlen, da es keine Alternative im Ort gibt.

Generell finden wir die Hotels hier ziemlich teuer, doppelt so viel wie wir in Rumänien oder Bulgarien gezahlt haben. Kebab Shops sind günstig, aber Restaurants sind nicht viel billiger als in London. Manche haben kein Menü, und wir denken, dass sie manchmal den Preis für uns verdoppeln. Wir lernen langsam, wieviel alles kosten sollte, aber es dauert noch eine Weile. Genau wie die Türken privat die großzügigsten, nettesten Leute sind, wollen sie aber auch oft soviel Geld wie möglich aus uns herausholen, wenn wir etwas kaufen, und wir müssen lernen, uns ihrer langen Tradition des Handelns anzupassen.

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