Mittwoch, 11. August 2010

Verblüfft in Bulgarien

Ein Kopfschütteln bedeutet “ja”, ein Nicken heißt “nein”, der gleiche Salat hat drei verschiedene Namen, Kleinstädte und Dörfer sind so gut wie ausgestorben. Bulgarien hat uns verblüfft. 

Bei der Anfahrt von der rumänischen Seite bekamen wir endlich einen Geschmack für das „echte Rumänien“, vor dem uns alle gewarnt hatten. Die letzten 5 Kilometer waren auf einer Kopfsteinplasterstraße, die einen richtig durchrüttelte, und kurz vor der Passkontrolle verabschiedeten uns noch ein paar agressive Hunde.

Am Straßenrand stand eine alte Fabrik, die auf den ersten Blick verlassen aussah, bis wir die giftgelbe Wolke sahen, die aus einem der alten Schornsteine hochstieg.

Wir gaben dem Beamten unsere Pässe. Er schaute sich die Pässe an und sagte dann: „Es gibt ein kleines Problem“. Mist – die nächste Grenzstelle war über 100km weit weg, wenn wir hier nicht durchkommen, müssen wir einen riesigen Umweg machen. „Es gibt erst um 18 Uhr wieder eine Fähre“, sagte der Beamte.

Er muss wohl überrascht gewesen sein, als er unser Grinsen sah. Das bedeutete zwar, dass wir 6 Stunden warten mussten, aber wenigstens kamen wir durch. Wir richteten uns dann ein gemütliches Plätzchen im Niemandsland ein, neben der Wanne, in der die Laster desinfiziert werden. Aus dem leuchtend grün gefärbten Wasser schauten uns die Frösche zu.

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Nach kurzer Zeit kam die Frau, von der wir unsere Tickets für die Fähre gekauft hatten, auf uns zu. Sie brachte gute Neuigkeiten: Um 15 Uhr würden einige Laster kommen, und es gab eine Sonderfahrt für sie. Sie hatte arrangiert, dass wir dort mitfahren könnten.

Als der letzte Laster auf der Fähre war und wir kurz vor der Rampe waren, schaute uns der Kapitän streng an und wackelte mit dem Finger. Also durften wir wohl doch nicht mitfahren. Einen Moment später lachte er über unsere enttäuschten Gesichter und winkte uns auf die Fähre.

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Das erste, was wir auf der bulgarischen Seite der Donau bemerkten, war, dass der Ort total verlassen war, und auf den Straßen war fast kein Verkehr. Am Anfang dachten wir, dass es nur im Grenzort so wäre, aber später merkten wir, dass viele Dörfer und Kleinstädte ziemlich verlassen und deprimierend sind. Die Landschaft war hügelig, mit vielen Feldern und Bäumen, und wir fuhren Richtung Süden, um einen Platz zum Zelten zu finden.

Nach ein paar Kilometern verließen wir die Donau zum letzten Mal, nachdem wir ca 2,300km an ihr entlang gefahren sind. Die offizielle Donau-Radroute führt noch ca 500km weiter, bevor die Donau sich in das Schwarze Meer ergießt. Es war traurig, uns zu verabschieden. Wir hätten nie gedacht, dass wir solche starken Gefühle für einen Fluss haben könnten!

Bald merkten wir, dass die meisten Dörfer eine kleine Wasser-Zapfstelle hatten, und so füllten wir unsere Flaschen auf, bevor wir einen Zeltplatz suchten. Die Dorfbewohner waren erst zurückhaltend, aber offensichtlich waren sie auch neugierig, denn plötzlich mussten alle unbedingt mal dringend zur Wasserstelle, um uns gleichzeitig zu beäugen. Es war allerdings etwas unangenehm, da unser Lächeln und Winken nur mit einem ernsten Starren beantwortet wurde. So kurz hinter der Grenze schienen die enthusiastischen Rumänier bereits eine Million Kilometer weit weg zu sein.

Kurz hinter dem nächsten Dorf hielt ein Auto neben uns an, und die Fahrerin fragt, ob wir Deutsch sprachen. Sie hatte von anderen Dorfbewohnern gehört, dass wir vorbeigefahren waren, und sie hatten sich gedacht, dass wir wahrscheinlich Deutsch sind, da wohl die meisten Radfahrer hier Deutsche sind. Sie bot uns an, zu ihrem Haus zu kommen und Kaffee zu trinken. Vili selbst lebt in Deutschland aber war zurück nach Hause gekommen, um ihre Eltern zu besuchen.

Wir zögerten erst, da es schon spät wurde und wir einen Platz zum Schlafen finden mussten, aber sie überzeugte uns, zurück zum Haus zu kommen. Das Haus selber war recht bescheiden, etwas zerkrümelt und aus Beton, aber der Garten war unglaublich. Es gab verschieden Bereiche für Obstbäume, einen Gemüsegarten, Weinreben, die genug Trauben für über 400 Flaschen Wein pro Jahr produzierten, und ein großes Haus für die Hühner.

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Unsere Gastgeberin pflückte frische Tomaten, Gurken, Paprika, Zwiebeln und Petersilie aus dem Garten, mischte sie mit etwas Feta und Öl und machte uns einen Chopski Salat, der mit Frikadellen serviert wurde. Dazu gab es selbstgemachten Schnapps, mit dem der Salat „getrunken“ wurde. Wir bekamen auch Geburtstagskuchen, der von einem Kindergeburtstag am gleichen Tag übrig war, sowie Kaffee.

Letztendlich mussten wir das Thema vom Schlafensplatz wieder anschneiden, und Vili fragte ihre Mutter, ob wir unsere Zelte in ihrem Garten aufstellen könnten. Beunruhigt sahen wir, wie die Mutter energisch den Kopf schüttelte, während sie etwas auf Bulgarisch sagte. „Ok, ihr könnt bleiben“, sagte Vili. Ach ja, ein Kopfschütteln bedeutet „da“ – ja…

Wir stellten unsere Zelte under den Pflaumenbäumen neben dem Hühnerhaus auf, mit Hilfe von Vili’s kleiner Nichte und einer süßen kleine Katze, die dann aber leider immer wieder auf unser Zelt sprang und ihre kleinen Klauen in das teure Zeltmaterial grub, um hochzuklettern.

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In der Nacht schliefen wir nicht viel. Die Aufregung des Tages und der Kaffee hielten uns wach, und als wir dann Schritte und Stimmen in der Nähe hörten, wurden wir paranoid als wir uns vorstellten, wie die neugierigen Dorfbewohner hereinkamen, um unser Zelt zu inspizieren.

Am nächsten Tag fuhren wir früh los und hielten kurz nach dem Dorf in einem Feld an, um zu frühstücken. Hirten und ihre Ziegenherden wanderten vorbei und beäugten uns neugierig.

Da wir alle nicht viel geschlafen hatten, waren wir müde und die Straße fühlte sich an wie Sand, und unsere Beine waren schwer wir Blei. Die Hitze machte uns noch müder, und als wir 90km später in Veliko Tarnovo ankamen, waren wir total fertig. Wir konnten unser Hostel nicht finden, das auf der anderen Seite der hügeligen historischen Stadt war, und so stießen wir zufällig auf Nomads Hostel. Sobald wir ankamen, wurden unsere Taschen hochgetragen, unsere Fahrräder weggeschlossen, und uns wurde sogar Tee gemacht. Im Hostel arbeiteten Giorgi und seine Freundin Katja, die vorhaben, eines Tages mit dem Fahrrad nach Neuseeland zu fahren, und so unterhielten wir uns viel über Fahrräder und Tourplanung. Am Abend kochte Giorgi einen bulgarischen Eintopf mit Gemüse und Lagen von Käse und Eiern, und wir wurden dazu eingeladen. Die bulgarische Küche hat uns wirklich beeindruckt, mit all den frischen Salaten und den Einflüssen von Griechenland und der Türkei.

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Da es oben auf einem Hügel lag, hatte das Hostel eine beeindruckende Aussicht auf das Fluss-Tal, und wir fühlten uns dort wie zu Hause. Wir blieben für 3 Nächte, aber hätten auch gerne länger bleiben können.

Es ist immer schwer, so einen freundlichen Ort zu verlassen, aber dismal war es besonders schwer, da wir wussten, dass wir die bulgarische Bergkette, Stara Planina, überqueren mussten, und es würden wie immer um die 40 Grad sein, mit fraglichen Straßenverhältnissen. Wir verbrachten die Nacht in Elena, einem Ort kurz vor dem großen Anstieg auf über 1000m Höhe. Zum Glück war es am nächsten Morgen bewölkt, mit der kältesten Temperatur seit Wochen, 20 Grad. Alles lief super, bis der Asphalt sich verschlechterte und dann ganz verschwand. Die Straße bestand nur noch aus Schotter und Steinen in verschiedenen Größen, und wir hatten noch 20km und 400 Höhenmeter Anstieg vor uns. Es dauerte mehrere Stunden, da wir auch viel schieben mussten. Wir machten uns auch alle unsere Gedanken über die Bären, die hier leben, da die Straße sehr verlassen war. Ab und zu sahen wir einen kleinen Laster mit Zigeunern, die im Wald irgendwas jagten oder sammelten, aber ansonsten war niemand da, nur dichter Wald. Kurz vor dem Pass trafen wir auf einige Holzfäller, die direkt neben der Straße Bäume fällten. Sie starrten uns unfreundlich an, während sie ihre Äxte schwangen, und wir beeilten uns, an ihnen vorbeizukommen.

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Kurz hinter dem Pass auf 1060 Höhenmetern passierte das unerwartete: Der Asphalt war wieder da! Nach 20km auf der extrem schlechten Straße konnten wir wenigstens die 12km lange Abfahrt genießen.

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Am Abend übernachteten wir in einem Hotel in Nova Zagora, um unsere Bergüberquerung zu feiern. Von da an war die bulgarische Landschaft immer noch hübsch und hügelig, aber es gab keine richtig großen Anstiege mehr. Am folgenden Tag fanden wir kurz hinter dem Dorf Glaven einen schönen Platz zum Zelten, mit Aussicht auf das Tal darunter, und schön weit weg von der Hauptstraße.

Wild camp

Am nächsten Tag fuhren wir die letzten 50km durch relativ (!) flaches Terrain. In einem Dorf sahen wir einen ultra modernen Komplex, der überhaupt nicht zum Rest des halb verfallenen Dorfs passte. Kurz danach rief uns jemand aus seinem Garten zu „Habt ihr Euch verirrt?“ Es war ein Engländer, der die Hälfte des Jahres in Bulgarien verbringt, und die andere Hälfte in Neuseeland. Wir fanden nie heraus, warum er in so einem kleinen Dorf wohnt, aber er erklärte uns, dass das moderne Gebäude ein Projekt der EU ist, das 15 Millionen Euro kostet – es ist ein Weingut! Ist ja egal, dass daneben die Straße voller Schlaglöcher ist, und dass die meisten Häuser in den Dörfern keine Kanalisation haben – mehr Weingüter werden dringend gebraucht…

Wir fanden Bulgarien das Land mit der hübschesten Landschaft bisher, die Preise niedrig und das Essen sehr gut. Die Dörfer waren aber oft recht häßlich und deprimierend, und die Leute nicht so offen freundlich wie in Serbien und Rumänien, obwohl sie immer zur Stelle waren, wenn wir mal Hilfe brauchten. Die Straßenverhältnisse waren viel schlechter als die Straßen, auf denen wir in Rumänien gefahren sind (auf dem Foto ist ein extremes Beispiel).

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Das Ende von unserer Zeit in Bulgarien bedeutet den Anfang der Türkei, unser Ziel für den ersten Teil unserer Reise. Wir waren sehr aufgeregt, so kurz vor der Grenze, aber erstmal wollten wir 30km durch den Norden von Griechenland fahren, um die direkte Grenze von Bulgarien in die Türkei zu umgehen – das ist nämlich eine der wichtisten Grenzen in Europa, da der ganze Verkehr von Europa zur Türkei und zum mittleren Osten durch diese Grenze muss. Wir wollten daher durch die kleinere Grenze von der griechischen Seite kommen, an der auch keine Laster erlaubt sind. Wir maßen unsere heißeste Temperatur bisher auf der offenen Straße in Griechenland, 43 Grad Celsius. Wir hatten fast kein Wasser mehr, denn die Dörfer, die auf unserer Karte eingezeichnet waren, wären ziemliche Umwege gewesen. Endlich sahen wir eine Tankstelle, und gaben unser halbes tägliches Budget für Wasser und Eis aus – eine Erinnerung an die höheren Lebenshaltungkosten im Westen.

Als wir nur ca 2 km entfernt waren, fragten wir einen Bauern nach dem Weg zur Grenze, da wir keine Schilder sahen.

„Es ist nicht weit, erst rechts abbiegen, dann nochmal rechts, und dann seid ihr fast da“, sagte er.

Nach einem Kilometer kamen wir um eine Kurve und sahen vor uns einen Fluss, der über die Straße floss und uns den Weg abschnitt. Nur ein paar Autos oder Laster fuhren durch. Bevor wir uns überlegen konnten, was wir jetzt machen sollten, begrüßte uns ein junger Grieche und sagte:

“Bevor Ihr Griechenland verlasst, müsst Ihr wenigstens einen griechischen Kaffee trinken.”

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Und damit wurden wir zu einem Tisch geführt, während er uns leckeren griechischen Kaffee servierte und uns erzählte, welche Sehenswürdigkeiten wir uns nächstes Mal ansehen sollten, wenn wie nochmal nach Griechenland kämen. Er sagte, dass wir umsonst am Fluss campen könnten, wo es einen Picknickplatz gab. Bei dem Angebot wussten wir, dass die Türkei noch einen Tag warten musste.

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Der Zeltplatz war nicht so sauber wie er sein könnte. Die Gegend war so wunderschön, aber leider lag überall Müll und Pferdemist umher, und in der Dusche hüpften Frösche herum. Die Toilettenspülung bestand aus einem Gartenschlauch, der an eines der Waschbecken angeschlossen wurde.

Wir hatten fast kein Essen mehr, also mussten wir beim Imbisswagen essen. Die Leute, denen er gehörte, waren sehr nett und gaben uns am ersten Abend verschiedene Fleischarten, Salat und Brot, sowie umsonst Schnaps, Pfannkuchen und Wassermelone. Am nächsten Tag aßen wir wieder dort, aber diesmal ohne den desinfizierenden Schnaps. Das war ein Fehler, denn ein paar Stunden später wurde Frederike schlecht, und sie verbrachte die eine ungemütliche Nacht, in der sie alle halbe Stunde aus dem Zelt rannte. Am folgenden Tag schaffte sie es aber über die Grenze in die Türkei. Wir mussten wieder etwas zurückfahren und über eine Brücke, um die Flussüberquerung zu vermeiden.

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Wir fuhren nur 20km um nach Edirne zu gelanden, wo zwei Tage freinehmen, um uns zu erholen und uns auf die Anfahrt nach Istanbul vorzubereiten. Mit den Moscheen und lebhaften Märkten fühlt es sich schon an, als ob wir fast in Asien sind. Unser Plan ist, Istanbul über eine indirekte, nördliche Route zu erreichen, so dass wir die verstopften Autobahnen und Hauptstraßen im Süden vermeiden. Wenn wir da sind, werden wir entscheiden, wie es genau weitergeht – aber eins ist sicher, wir sind noch nicht fertig mit dem Radfahren!

2 comments:

Anonym hat gesagt…

Hallo Freddie & Guy,

das war ja wieder sehr interessant.
Bin gespannt wie es weiter geht und wohin Euch Eure weitere Reise führen wird.
Viele Grüsse Helmut

Anonym hat gesagt…

ich habe das buch Medicus gelesen und eure reise ist sehr ähnlich wie im Buch Medicus erzählt wurde .Ihr solltet ein Buch schreiben.Ihr glücklichen.
Alles gute

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