Donnerstag, 30. September 2010

Der “Wilde Osten”

Sivas – Erzurum

Unser Ruhetag in Sivas war gutes Timing, denn es gewitterte und regnete fast den ganzen Tag. Leider waren einige der Moscheen und andere historische Gebäude geschlossen, so dass wir nur die Bürüciye Medresesi besuchten. Diese wurde in 1271 im seldschukischen Stil gebaut, aber vor allem gab es ein schönes Cafe im Innenhof! Wir fanden auch noch ein anderes nobles Cafe, wo wir unseren ersten Cafe Latte seit Istanbul tranken und auch ein Banana Split fanden. Dieses wurde mit türkischem Eis gemacht, das so reich und klebrig ist, dass man es mit Messer und Gabel essen muss. Lecker!

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Am folgenden Tag fuhren wir weiter und waren nachmittags in der Nähe einer kleinen Stadt namens Zara. Wenn wir genug Wasser zum zelten gehabt hätten, wären wir einfach dran vorbeigefahren, da es ziemlich häßlich und industriell aussah. Wir mussten aber reinfahren, um wenigstens Wasser zu holen, und wurden sofort von Horden von Schulkindern begrüßt. Ein Mann empfahl uns ein Hotel, und einige Kinder zeigten uns den Weg. Das Hotel war sehr schön und sehr günstig, und so entschieden wir, gleich dazubleiben. Der Hotelmanager machte uns Tee und bot uns an, unsere Kleidung zu bügeln. Der arme Mann hätte damit den ganzen Nachmittag zu tun gehabt wenn wir so fies gewesen wären, ihm unsere Klamotten zu geben, die seit Monaten in unsere Fahrradtaschen gequetscht sind.

Wir mussten ein paar Sachen besorgen und gingen erstmal in einen kleinen Laden, um Sekundenkleber zu kaufen. Sofort ludt uns der Besitzer auf einen Tee ein – er sprach etwas Englisch und sehr viel Russisch (leider nicht so nützlich für uns). Als wir weitergingen, trafen wir einen sehr netten Mann, der flüssig Französisch, Englisch und Italienisch sprach, und der uns auch auf einen Tee einludt. Er hat eine Mühle in Zara, und reist auch durch die Welt, von China bis nach Belgien, um Schmuck zu kaufen und verkaufen. Wir fanden heraus, dass Zara eine Universität hat, sowie sehr viele Geschäfte, obwohl die Stadt nur 12.000 Einwohner hat. Viele Leute sprechen Fremdsprachen, und wir wären wirklich gerne länger geblieben, um den Ort auszukundschaften.

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Am nächsten Tag mussten wir aber weiterfahren, und dazu gab es einen starken Gegenwind. Fast den ganzen Tag ging es bergauf, um unseren höchsten Pass bisher zu erklimmen – auf 2.190m Höhe. Es war anstrengend, mit grobem Asphalt, und wir waren froh, als wir oben waren. Frederike ist in letzter Zeit von Bären-Angst besessen, so dass wir in einem Dorf zelten wollten anstatt im Wald. Die Leute hier haben uns auch immer wieder vor der PKK gewarnt, die kurdische Terroristen-Organisation, die für Unabhängigkeit kämpft und in dieser Gegend aktiv ist. Trotz der geflüsterten Warnungen und begleitenden Maschinengewehr-Pantomimen sind wir nicht überzeugt, dass sich die PKK wirklich dafür interessieren würden, ein paar zeltende Touristen auszurauben. Um auf der sicheren Seite zu sein fragten wir aber in einem kleinen Dorf, ob wir dort zelten könnten, und ließen uns auf einem Grasstück in der Mitte des Dorfs nieder. Später fanden wir heraus, dass der Mann, der uns erlaubt hatte zu campen, der Dorfvorsteher war. Sein Haus war neben unserem Zelt, so dass wir uns sehr sicher fühlten.

Neben dem Dorf gab es einen kleinen Fluß und einen Picknick-Tisch. Dort hatten sich zwei Lastwagenfahrer niedergelassen, die uns energisch zu sich herüberwinkten. Als wir ankamen, sahen wir, dass sie ein Feuer gemacht hatten, worauf sie eine gusseiserne Pfanne gesetzt hatten, in der sie einen leckeren Eintopf mit Hühnchen und Gemüse kochten. Sie breiteten etwas Zeitungspapier auf dem Tisch aus, setzten die Pfanne in die Mitte und gaben uns jedem etwas gerösteten Knoblauch, Paprika, Zwiebel und Brot. Mit den Brotstücken schöpften wir den Eintopf aus der Pfanne. Die Lastwagenfahrer machten sich über Frederike lustig, weil sie so bescheiden ihr Brot in die Pfanne tupfte. Sie zeigten ihr, wie ein Mann zu essen, indem man den Eintopf hoch auf die Brotstücke häufte.

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Nachdem wir gegessen hatten und uns im Bad der Moschee gewaschen hatten, zogen wir uns ins Zelt zurück. Am nächsten Morgen war es kalt und neblig. Erstmal ging es bergab auf 1.500m Höhe, und danach nahmen wir den nächsten Pass in Angriff, auf 2.160m Höhe. Die Steigung war recht angenehm, und die Landschaft war schön, aber sobald wir über den Pass kamen, fing ein Gewitter an. Zum ersten Mal seit wir fast 3 Monate zuvor Wien verlassen hatten, zogen wir unsere Regenjacken an. Es gab einen starken Gegenwind, so dass wir ziemlich scharf in die Pedale treten mussten, um den Berg runter zu kommen!

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Die Landschaft hier ist sehr abgeschieden, und abgesehen von der Hauptstraße gibt es nicht viele geteerte Straßen. Oft schlängelt sich die Straße durch tiefe Flusstäler, wobei uns rechts und links die Berge überragen. Es gibt viele Wegweiser für abgelegene Bergdörfer, die nur über kleine, steile Wege erreicht werden können, wobei manche Dörfer über 50km weit weg von der geteerten Straße sind. Manche der Wege führen durch Flüsse, und die Dörfer müssen im Winter komplett von der Außenwelt abgeschnitten sein. Wir haben schon einige Dörfer gesehen, in denen Kuhfladen getrocknet wurden, die dann im Winter zum Heizen benutzt werden. Leider werden viele der Dörfer aus Lehmziegeln gebaut, was katastrophal sein kann, da sie bei Erdbeben leicht einstürzen.

Bisher wussten wir zwar, dass die Türkei in einem Erdbebengebiet ist, aber hatten das noch nicht am eigenen Leib erfahren. Das änderte sich aber bald. Wir schliefen in unserem Hotel in Erzincan, wo wir einen Ruhetag einlegten, als wir um 5 Uhr morgens aufwachten, weil unser Bett wackelte und klapperte. “Erdbeben!” rief Frederike, und wir sahen, wie in den benachbarten Gebäuden die Lichter angingen und Türen knallten. Das Beben hörte zwar schnell wieder auf, aber trotzdem entschieden wir, lieber schnell aus dem Hotel nach draußen zu gehen. Als wir unten ankamen, waren da zwar ein paar Leute, aber die Hotelangestellten lachten uns nur aus und schickten uns wieder ins Bett. Sie sind wohl daran gewöhnt, aber für uns war es eine neue Erfahrung, und auch etwas beängstigend. Das Erdbeben war 3.2 auf der Richter Skala, also nichts allzu Großes, aber wir waren schon etwas besorgt, als wir herausfanden dass Erzincan 1939 komplett von einem Erdbeben zerstört wurde. Mehr als 32.000 Leute starben, und der ganze Ort wurde etwas weiter nördlich wieder aufgebaut.

Das erklärte auch, warum sich der Ort so modern anfühlte, mit breiten Straßen, Parks und Einkaufspassagen. Es war jedenfalls nicht der “Wilde Osten”, den wir erwartet hatten. Überraschenderweise sahen wir sogar einige Radfahrer im Ort, was wir bisher in der Türkei noch nicht gesehen hatten. Auf dem Weg aus der Stadt hielten wir an einer Tankstelle an, um unseren Reifendruck zu überprüfen. Einer der jungen Männer, die dort arbeiten, erzählte uns, dass er über 21,000km durch die Türkei getourt ist! Dies war der erste türkische Touren-Radfahrer, den wir bisher getroffen hatten, und obwohl wir keine Sprache gemeinsam hatten, konnten wir dennoch über Fahrradreifen, Sättel und Routen kommunizieren.

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Wir fuhren dann fast den ganzen Tag durch eine große Schlucht. Die Straße wurde einspurig, aber es gab riesige Bauarbeiten, um die Straße zu erweitern indem der Fluss umgeleitet und die Straße auf Pfeilern darüber gebaut wurde. Am späten Nachmittag waren wir in einem weiten Tal und kamen an einer Tankstelle vorbei (sogar diese gibt es hier nur noch selten). In letzter Minute sahen wir dahinter einen Rasen. Wir fragten, ob wir dort campen konnten, und der Besitzer der Tankstelle war sehr nett. Er sprach etwas Englisch und zeigte uns, wo wir das Zelt aufstellen konnten. Wir holten auch unseren Kocher heraus und machten Nudeln mit Thunfischsoße (hier macht sich niemand Sorgen um Feuer oder Zigaretten an Tankstellen…).

Obwohl wir das türkische Essen mögen, finden wir es in Restaurants ziemlich langweilig. Döner Kebab und Shish Kebab sind so ziemlich die einzigen Optionen, vor allem da wir ein recht kleines Budget haben und uns die teureren Restaurants nicht leisten können. Wir haben seit Istanbul keine internationalen Restaurants mehr gesehen, wahrscheinlich weil es in der Türkei nicht viele Immigranten gibt, und daher auch nicht die entsprechende Vielfalt an Restaurants. Die Supermärkte sind allerdings sehr gut. Vor allem nach den spärlich bestückten Läden in Osteuropa freuen wir uns hier darüber, dass wir überall gutes Essen kaufen können. Wir finden auch oft gute Bäckereien, und das Obst und Gemüse ist frisch und ziemlich günstig. 

Der Besitzer der Tankstelle, Ulaş, hatte uns vorher ein Restaurant gezeigt, dass Teil der Tankstelle war, und so fühlten wir uns etwas schuldig, dass wir unser eigenes Essen kochten. Natürlich erwischt uns Ulaş dabei. Er lachte nur und schüttelte den Kopf, dann ludt er uns in sein Büro ein, wo wir Tee tranken und Reispudding aßen. Wir lieben Reispudding, daher war es der perfekte Nachtisch für uns. Danach überschüttete er uns mit Geschenken – T-Shirts, Schlüsselanhänger und Kugelschreiber, bevor er uns alles in der Umgebung zeigte. Die Tankstelle gehört seinem Vater, und dazu besitzt er ein 30km² großes Waldstück, durch das ein Fluß direkt hinter der Tankstelle fließt. Ulaş erklärte, dass dies der Karasu Fluss ist, einer der beiden Hauptzuflüsse, die den Euphrates bilden, der bis zum Persischen Golf fließt.

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Ulaş zeigte uns auch eine kleine Moschee, die Teil der Tankstelle war (das ist hier ziemlich üblich). In der Moschee versuchte er, und einen wunderschönen arabischen Koran zu schenken, was wir aber fest ablehnten. Er würde sowieso nicht in unsere Radtaschen passen, aber er war auch viel zu schön, um ihn uns Ungläubigen zu schenken! Am Ende waren wir in Ulaş’ Zimmer und sahen fern, bevor er weiterarbeiten musste. Bevor er ging, gab er uns die Fernbedienung und sagte “Ihr schlaft heute Nacht hier, kein Zelt!” Wir protestierten, da es das Zimmer war, wo er normalerweise schlief, aber er bestand darauf und sagte, dass er noch ein anderes Zimmer hatte, in dem er schlafen würde. Boris war auch glücklich, denn es gab recht viele Tiere, und inzwischen hatte schon ein Hund auf ihn gepinkelt und ein Schwarm Vögel auf ihn gekackt.

Mit schlechtem Gewissen machten wir es uns in Ulaş’ Bett gemütlich. Morgens frühstückten wir im Restaurant (der Kassierer bekam später Ärger, weil er uns bezahlen ließ, aber wir waren froh, dass wir wenigstens für etwas bezahlen konnten!). Ulaş sah ziemlich verschlafen aus, er hatte wahrscheinlich die Nacht in einer Abstellkammer verbracht oder so… Nach einem großen Abschied und Gruppenfotos machten wir uns wieder auf den Weg.

Fast den ganzen Tag fuhren wir bergauf. Wir mussten wieder über einen Pass, dieser auf 2.060m Höhe, und irgendwie waren wir für den Rest des Tages sehr müde. Am Nachmittag machten wir eine Pause, als zwei Schweizer Radfahrer vorbeikamen. Das war das erste Mal seit Istanbul, dass wir zufällig Tourenradler auf der Straße trafen. Sie fuhren beide nach Indien, so dass wir viel zu reden hatten und sie wahrscheinlich irgendwo unterwegs nochmal sehen werden. Lustigerweise waren von den 10 Tourenradlern, die wir in der Türkei getroffen haben, 6 aus der Schweiz!

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Wir redeten für eine Weile, und dann war auf einmal die Abenddämmerung da und wir mussten noch über 20km fahren, um nach Erzurum zu gelangen. Wir kamen zur Hauptverkehrszeit an, es fing an zu regnen und wir waren ziemlich fertig, als wir endlich in der Stadt ankamen, als es gerade dunkel wurde. Wir hielten an, um in unseren Reiseführer zu schauen, und ein vorbeikommender Mann gab uns einen Stadtplan. Als wir von unserem Reiseführer aufschauten, sahen wir, dass wir von ca 20 Leuten umringt waren, darunter Schulkinder, ein Polizist, und andere Leute, die nur Hallo sagen wollten. Dort waren auch drei gescheit aussehende iranische Studenten, die uns anboten, unsere Fragen über Erzurum und Iran zu beantworten. “Also, habt ihr denn irgendwelche Fragen?”, fragte uns einer der ernsthaft aussehenden Studenten. Wir sahen einander an, als wir da so im Dunkeln standen, nass vom Regen, und uns fiel keine einzige Frage ein. Wir konnten nur daran denken, zum Hotel zu gelangen und in ein weiches Bett zu sinken! Wir müssen ziemlich dumm ausgesehen haben, als wir uns nicht mal eine Frage ausdenken konnten. Am Ende schafften wir es aber zum Hotel und schliefen sehr lange und sehr tief.

Wir sind immer noch ca 300km von der iranischen Grenze entfernt, aber Erzurum ist die letzte größere Stadt in der Türkei durch die wir kommen. Wir werden hier ein paar Tage verbringen, nicht nur um Eis zu essen und Kaffee zu trinken, sondern auch um einige Dinge zu erledigen. Wir müssen ein neues Outfit für Frederike kaufen (sie muss in Iran ein Kopftuch tragen, sowie ein langärmliges Top, das auch ihren Hintern kaschieren muss), und wir müssen Geld in Euro oder US Dollar wechseln, da Iran nicht an das internationale Banksystem angeschlossen ist und unsere Bankkarten dort nicht funktionieren werden.

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Mittwoch, 22. September 2010

Kappadokien

Göreme - Sivas

Wir verbrachten eine Woche in Kappadokien und entdeckten die Gegend gemeinsam mit anderen Radfahrern: Justin und Emma, und Roger und Catherine, einem kanadischem Paar aus Quebec, das wir auf unserem Campingplatz trafen.

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Wir gingen in den Tälern spazieren und bewunderten die Felsformationen und Höhlen, und wir mieteten ein Auto und sahen uns die unterirdische Stadt Kaymakli an. Dies ist eine von 200 unterirdischen Städten in der Gegend, die von Christen zwischen dem 4. und 9. Jahrhundert benutzt wurden. Die Stadt hat 7 Stockwerke mit vielen Räumen, Küchen und Ställen, wo Familien sich bis zu 3 Monate am Stück vor Verfolgern verstecken konnten.

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Von unserem Campingplatz aus (Kaya Camping) hatten wir einen tollen Ausblick auf die Täler, und jeden Morgen sahen wir zu, wie 40-50 Heißluftballons über die Felsformationen flogen. Am Ende gaben wir uns geschlagen und gaben jeder 120 Euro für eine Ballonfahrt aus. Gemeinsam mit Justin und Emma wurden wir morgens um 5 Uhr abgeholt und zum Abflugsort gebracht, der je nach Windrichtung jeden Tag anders ist. Unser Ballon wurde langsam aufgeblasen, bis er vom Boden abhob und sich senkrecht stellte. In den Korb passten 16 Leute, mit dem Piloten in der Mitte. Plötzlich hoben wir ab und schwebten über dem Tal. Die Sonne ging über Erciyes Dagi auf, einem 3,916 Meter hohen Vulkan – der höchste Berg in Zentralanatolien.

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Es war beeindruckend, die Gegend von oben zu sehen, und es fühlte sich sehr sicher an, da wir so langsam schwebten. Genauso beeindruckend war die Aussicht auf die vielen anderen Ballons um uns herum, die tief in die Täler eintauchten oder hoch über uns hinweg flogen. Der Flug dauerte eine Stunde, und als wir landeten, waren wir so nah an den Felsen, dass wir sie fast anfassen konnten. Der Pilot landete direkt auf dem Anhänger eines Landrovers und servierte uns dann Champagner.

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Es war schwer, Kappadokien und unsere neuen Freunde zu verlassen, die alle zurück nach Istanbul fuhren. Der erste Tag auf dem Fahrrad war hart, da es viel Verkehr auf den Straßen gab und wir für ca 50km durch die Vororte von Kayseri fuhren, eine der größten Städte in der Türkei. Auf einmal blockierte ein Verkehrspolizist unseren Weg und hielt uns an. Mit strengem Blick zeigte er auf eine kleine Polizeistation. Irgendwas hatten wir wohl falsch gemacht, also gingen wir besorgt zur Polizeistation. Dort wurde uns Tee serviert, und die Polizisten schenkten uns frische Brötchen, bevor sie uns weiterfahren ließen! Es wurde langsam spät und wir waren auf einer Umgehungsstraße um Kayseri. Wir hatten nur wenig Wasser und wollten einen Platz zum zelten finden. Roger und Catherine hatten uns erzählt, dass sie oft an Tankstellen campten, wo es zwar manchmal etwas laut ist, aber immerhin ist es ein sicherer Platz und es gibt Wasser und Toiletten. Wir fragten also auch an einer Tankstelle. Hinter der Tankstelle gab es einen kleinen Garten, und dort durften wir unser Zelt aufstellen.

Anfangs war es etwas schwierig zu kommunizieren, aber dann kam der Besitzer und sprach perfekt Englisch. Er ludt uns zum Teetrinken ein und warnte uns vor Schlangen und Skorpionen. Er bot uns sogar an, drinnen zu schlafen, aber wir hatten schon das Zelt aufgestellt und lehnten ab. Die Tankstelle lief nicht besonders gut, was kein Wunder war, da es in der Türkei viel zu viele Tankstellen gibt. Das Restaurant war zu einem Schlafplatz für Bauarbeiter umfunktioniert worden. Einige der Bauarbeiter sahen etwas wild aus, aber einer war sehr freundlich. Erol sprach etwas französisch, und gerade als wir unser Abendessen kochen wollten, kam er mit einem Tablett an: Hühnchen, Reis, Salat und Brot, und dazu Tee. In der Nacht schliefen wir nicht so gut, da es sehr laut war vom Verkehr. Am nächsten Morgen wollten wir gerade frühstücken als Erol mit einem Korb Brot ankam, und dazu Marmelade, Oliven und Tee.

Zum Glück wurde die Straße etwas ruhiger und wir verbrachten einen recht ereignislosen Tag, wobei wir öfters an Tankstellen anhielten, wo wir uns unterhielten und umsonst Tee bekamen. In dieser Gegend der Türkei gibt es nicht viele Städte und Dörfer, und die meisten sind nicht direkt an der Hauptstraße, so dass die Tankstellen oft die beste Möglichkeit zum Anhalten sind. Dort gibt es Schatten, Toiletten, und meistens bekommen wir auch Tee serviert. Jemand spendete uns eine türkische Pizza zum Mittagessen, und am Nachmittag hielten wir an einer weiteren Tankstelle an, um Wasser zu holen, bevor wir einen Platz zum Zelten suchten. Zufällig sahen wir, dass es an der Tankstelle auch ein Hotel gab, und wir fanden heraus, dass ein schönes Zimmer mit Balkon und Bad nur 10 Euro kostete! Natürlich blieben wir gleich da.

Seit Kappadokien sind uns ein paar Sachen kaputtgegangen. Erst verlor Frederike eine Klemme von ihrer Satteltasche, so dass diese nicht mehr so stabil auf dem Fahrrad sitzt wie vorher. Das ist allerdings nur auf holprigen Straßen wichtig, so dass es momentan kein Problem ist. Etwas ernster ist der Zustand von Guy’s Schlafmatte. Es ist eine aufblasbare Matte, und sie hat irgendwie auf einmal eine große Blase entwickelt. Momentan ist es nur etwas unbequem, aber wir müssen wohl einen Ersatz besorgen bevor es schlimmer wird. Dann, gerade als wir an einem kleinen Ort namens Sarkisla ankamen, ging Guy’s rechte Pedale kaputt. Auf einmal wurde sie ganz wackelig, und wir hielten an der nächsten Tankstelle an, um sie zu reparieren. Sofort kamen Leute herüber um uns zu helfen, und ein Mann, der sehr gut Englisch sprach, bot seine Hilfe an. Während Frederike an der Tankstelle wartete und Tee trank, fuhren Guy und Ilhan zu einem Fahrradladen. Dort ersetzte der Mechaniker das Kugellager in der Pedale, aber er hatte nicht die richtigen Geräte, so dass es nicht so richtig funktionierte. Am Ende entschied Guy, ein paar neue Pedalen zu kaufen. Als er zahlen wollte, bestand Ilhan fest darauf, für den Mechaniker UND die neuen Pedalen zu zahlen! Guy konnte ihn nicht umstimmen, obwohl Ilhan schon eine Stunde damit verbracht hatte, ihn herumzufahren und zu übersetzen. “Du bist ein Fremder in unserem Ort, und das ist das Mindeste, was ich für Dich tun kann – es tut mir leid, dass ich nicht noch mehr helfen konnte”, sagte er, als er Guy zurück zur Tankstelle brachte.

Wir ersetzten die kaputte Pedale und fuhren weiter, wobei wir noch kurz an einem Supermarkt anhalten wollten. Allerdings verfuhren wir uns dabei etwas, bis uns eine Frau auf Englisch ansprach. Sie erklärte uns den Weg zum Supermarkt und ludt uns ein, auf dem Rückweg auf einen Tee vorbeizukommen. Kaya wohnte in Dänemark aber war für eine Woche zurück nach Hause gekommen. Wir fanden den Supermarkt und sprachen dort mit ein paar Teenagern, die uns auf eine Cola einluden. In der Türkei haben wir hauptsächlich mit Männern zu tun, wobei die Frauen sehr im Hintergrund blieben, und wir hatten bisher noch keine gemischte Gruppe von jungen Leuten getroffen. Wir waren neugierig und gingen mit ihnen in eine Art Clubhaus. Sie waren alle verschiedenen Alters, manche in Schuluniformen und andere waren Universitäts-Studenten. Wir fanden nie genau heraus, was das für ein Club war, aber eins war sicher: Sie waren alle glühende Atatürk-Fans. Die Zimmer waren voll von Bildern und Statuen von Atatürk, dem Vater der modernen Türkei, der in der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts viele weitsichtige Reformen eingeführt hatte. Einer der Schüler sprach ein wenig Englisch, aber ansonsten versuchten wir, durch unseren Sprachführer zu kommunizieren. Am Ende bekamen wir ein Atatürk Bild geschenkt, sowie eine kleine Atatürk Brosche, die an Guy’s T-Shirt geheftet wurde.

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Auf dem Weg aus der Stadt hielten wir bei Kaya’s Haus an, um Tee zu trinken. Das Haus war sehr schön, es war von oben bis unten mit kleinen weißen und blauen Mosaik-Kacheln besetzt. Es gab mehrere Balkone und einen großen Garten. Die ganze Familie war da, sowie einige Nachbarn, so dass wir ca 15 Leute im Wohnzimmer waren. Kaya lebt schon seit langem in Dänemark und hat sehr moderne Ansichten, aber sie meinte, dass ihre Eltern das ganze nächste Jahr allen davon erzählen würden, dass sie zwei Radfahrer zum Tee eingeladen hatten. Beladen mit einer Tüte voller Äpfel von Garten verließen wir dann die Stadt, 5 Stunden nachdem wir angekommen waren.

Kaya, und auch eine der Schülerinnen, hatten uns einen Schlafplatz in ihrem Haus angeboten, aber wir meinten, dass wir doch noch etwas weiterfahren sollten. So zelteten wir in einem Feld 20 km weiter. Es war ein guter Platz, und obwohl es in einer flachen, offenen Gegend war, war niemand da, der uns stören konnte. Nach der flachen Landschaft in Zentralanatolien wurde es langsam wieder bergiger und interessanter. Nachts wachten wir auf, als etwas im Zelt raschelte. Im Mondlicht sahen wir einen Schatten am Zelt hochklettern und dann wieder herunterrutschen. Wir hatten keine Ahnung, was es war, aber dann machten wir die Taschenlampe an und sahen eine Maus auf unseren Satteltaschen herumlaufen. Daran konnten wir nichts ausrichten, und da unser Essen gut verpackt war, gingen wir einfach wieder schlafen. Am morgen sahen wir die Maus (oder eine ihrer Verwandten) aus einem Loch herausgucken, als wir gerade frühstückten. Wir versuchten, sie mit Käse zu füttern, aber da es eine Feldmaus war, ignorierte sie den Käse und aß stattdessen gesundes Gras.

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Gestern Nachmittag kamen wir in Sivas an, einem modernen Ort mit 300,000 Einwohnern. Es gibt einen schönen Park, einige interessante Moscheen und eine moderne Einkaufsstraße. In unserem Reiseführer sahen die Hotelpreise extrem teuer aus, und so waren wir froh, eine kleine Pansyon zu finden, die uns ein Doppelzimmer für 20 Euro vermietete. Nachdem wir eingezogen waren, wurde uns klar dass es ein Studentenwohnheim für junge Männer ist. Manchmal übernachten wir schon an seltsamen Orten, aber meistens lohnt es sich, da wir so einen kleinen Einblick in das Leben anderer Leute bekommen. Das wäre so nicht möglich, wenn wir mit dem Bus unterwegs wären und immer in schönen Hotels übernachten würden. Wir werden einen Tag hierbleiben, bevor wir in Richtung Erzincan und Erzurum weiterfahren.

Dienstag, 14. September 2010

Zentral-Anatolien – Veni, Vidi, Vici

Jede Stadt mit wenigen Museen und viel Gastronomie ist für uns perfekt, da wir mit gutem Gewissen die kulinarischen Angebote genießen können, ohne den Druck, die vielen Museen zu besuchen. Genau das fanden wir in Beypazari. Ja, die ottomanischen Häuser sind recht hübsch, aber so aufregend sind Holzhäuser auch nicht, vor allem da Guy gegen das behandelte Holz allergisch zu sein scheint. Wir entdeckten die leckerste Suppe, die wir seit langem gegessen haben: Anatolische Suppe, die gefüllte Weinblätter enthielt, die dann püriert und mit anderen Zutaten kombiniert wurden.

Der beste Teil der Stadt waren die alten Straßen, in denen viele Handwerker arbeiteten, von Schmieden bis zu Teehändlern. Es war schön zu sehen, wie ein Ort die türkischen Traditionen bewahrt und durch Tourismus unterstützt. Wir waren die einzigen Ausländer, und ansonsten kamen die meisten Touristen aus Ankara.

Auf dem Anatolischen Plateau gab es nur wenige Unterkunftsmöglichkeiten. Allerdings war das Terrain sehr entlegen und daher gut für Camping geeignet. In einer Nacht campten wir auf einem Hügel, wo wir meilenweit sehen konnten. Um uns herum war allerdings gar nichts, nur leere Hügel und ein paar riesige abgeerntete Felder, und nachts wachten wir auf, als mehrere Eulen über unserem Zelt herumkreisten.

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In der folgenden Nacht campten wir wieder hoch oben auf einem Hügel, aber dieses Mal fanden wir den Nachteil heraus: Wind. Am Anfang war es nur eine windige Nacht, aber dann wurde es schon etwas stürmisch, und der Wind wechselte andauernd die Richtung. Dabei gab es ein Gewitter, das je nach Windrichtung mal näher und mal weiter entfernt war. Den Rest der Nacht schliefen wir nicht viel, aber am frühen Morgen wurde es etwas ruhiger, und Boris hielt allem gut stand.

Als wir weiter nach Zentral-Anatolien kamen, waren wir auf einem Plateau um die 700m hoch, so dass es nicht mehr so viele Berge zu erklimmen gab. Ankara liegt auch in dieser Gegend, und hier fanden viele historische Momente statt. Hier verwandelte König Midas alles in Gold, und Caesar sprach seine berühmten Worte „Veni, Vidi, Vici“ (ich kam, ich sah, ich siegte).

Auf der Straße nach Polatli hatten wir gerade für eine kurze Pause angehalten, als wir lautes Singen und das Klappern von Hufen hörten. Kurz danach kam ein Mann in traditioneller türkischer Tracht mit einem Pferdewagen um die Ecke. Vom Dach des Wagens hingen alle möglichen nützlichen Sachen, von Fliegenklatschen bis zu Töpfen und Pfannen. Als er uns sah, hielt er sofort an, sprang von seinem Wagen und brachte uns ein Paket Kekse. Guy versuchte, ihm dafür etwas Geld zu geben, aber der Mann antwortete mit einer immer lauter werdenden Predigt, die mit endlosem Enthusiasmus und einem wirklich religiösen Blick gegeben wurde (ein Auge war permanent auf den Himmel fixiert). Wir verstanden nur „Mohammed“ und „Allah“. Am Ende küsste der Mann Guy immer wieder auf die Wangen und umarmte ihn, bevor er wieder auf sein Pferd stieg und laut singend weiterfuhr.

Am nächsten Tag fuhren wir lange Zeit durch einen ausgetrockneten Salzsee. Wir hatten uns das etwas romantischer vorgestellt, ein weißer See mit Salzbergen so wie in Bolivien. Daher freuten wir uns sehr darauf, den großen Tuz Gölu Salzsee zu überqueren. Leider fanden wir aber nur 100km Steppe vor, mit deprimierenden staubigen Dörfern und kein bisschen Salz (was ärgerlich war, da wir unseren Salzkanister auffüllen wollten). Es gab auch keine Möglichkeit irgendwo versteckt zu zelten, und so fragten wir in einer Moschee nach einem Hotel. Leider war das nächste Hotel noch 30km weiter, was bedeutete, dass wir einen 120km Tag hatten.

Um unsere Gehirne zu aktivieren und nicht einzuschlafen spielten wir “ich sehe was was Du nicht siehst”, aber nach “Straße”, “Himmel” und “Busch” war das Spiel vorbei, mangels anderer Objekte. Guy’s Vorschlag, „Mal-sehen-wie-lange-ich-mit-geschlossenen-Augen-fahren-kann“ zu spielen wurde abgelehnt.

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Endlich kamen wir in Eskil an, in der Mitte des Salzsees. Wir fragten eine Gruppe von Männern nach einem Hotel. Unsere Fragen lösten eine animierte Diskussion aus, wobei einige Männer meinten, es gäbe in Eskil kein Hotel – das nächste wäre noch 30km weiter. Am Ende schrieb ein Mann einen Hotelnamen auf ein Stück Papier und erklärte uns den Weg. Dankbar machten wir uns auf die Suche. Nach einer Weile fanden wir das Gebäude, das aber eher nach einem Gefängnis als nach einem Hotel aussah. Guy kletterte die miefige Treppe hinauf, durch mehrere leere Korridore, bis plötzlich ein Soldat erschien. Guy zeigte ihm den Zettel und der Soldat eskortierte ihn zu einem Mann, der wohl Zimmer an Soldaten vermietete. Zum Glück gab er uns ein Zimmer für die Nacht, was die anderen Soldaten wohl sehr unterhaltsam fanden.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Aksaray und besuchten auf dem Weg die Karawanserei in Sultanhani. Wir genossen die generelle Aufregung, da es der letzte Tag des Ramadan war und alle sich auf das Seker Bayrami Fest vorbereiteten. Wir haben uns schon länger auf das Ende von Ramadan gefreut, da wir dann nicht mehr mitten in der Nacht aufgeweckt werden, und wir endlich vor anderen Leuten essen können ohne uns zu schuldig zu fühlen.

Das 3 Tage lange Fest bedeutete, dass viele Leute auf den Straßen unterwegs waren. Innerhalb eines Tages waren die rücksichtsvollen Leute von den Straßen verschwunden und durch verrückte Raser ersetzt worden. Autos überholten uns auf der falschen Seite, Leute brüllten uns an und warfen mit Süßigkeiten nach uns (es ist ein Süßigkeiten-Fest, normalerweise wäre das kein Problem, aber dies waren harte Süßigkeiten, und es tat weh!).

Der Grund war wohl die Aufregung über das Ende des Ramadan, mehrere Feiertage und die Tatsache, das Aksaray eine Studentenstadt ist, weshalb viele Gruppen von jungen Männern auf den Straßen unterwegs waren. Zum Glück war es nicht weit bis ins Ilhara-Tal, wo wir einen Tag freinahmen. Es war gutes Timing, da wir dann nicht während des Festes auf den Straßen waren.

Auf dem Weg ins Ilhara-Tal hielten wir bei einer Tankstelle an. Innerhalb von Sekunden lud uns der Tankwart auf einen Tee ein. Während er den Tee kochte, machten wir es uns auf seinem Sofa gemütlich. Nachdem wir unser türkisches Vokabular aufgebraucht hatten, seine leckeren Sesam-Süßigkeiten probiert und die Teekanne leergetrunken hatten machten wir uns wieder auf den Weg.

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Radtouren ist anders als andere Reisen, die wir bisher gemacht haben. Der Fokus liegt mehr auf dem eigentlichen Reisen, nicht auf dem Ziel. Das Resultat ist, dass wir die meiste Zeit mit Leuten verbringen, die ihren Lebensunterhalt von der Straße verdienen. Also Bauarbeiter, Lastwagenfahrer und Tankwarte, die sich inzwischen fast wie Familie anfühlen, vor allem weit von den Städten entfernt. Einmal hielt sogar ein großer Laster extra vor uns an, damit uns der Fahrer eine Birne schenken konnte.

Wir verbrachten dann zwei Nächte im Ilhara-Tal, das berühmt für die byzantinischen Mönche ist, die um das 9. Jahrhundert mehrere Kirchen in die Felsen über dem Tal einmeißelten, einige mit Fresken und recht eleganten Fassaden.

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Es gab ein paar kleine, informelle Campingplätze bei den Restaurants im Tal, und wir richteten uns dort ein. Wir waren die einzigen Camper. Abends machten wir ein offenes Feuer (zum ersten Mal auf unserer Reise!), schauten die Sterne an und hörten wirklich tolle live Musik von einer Feier oben im Dorf, wobei die Klänge durch den Canyon widerhallten.

Danach fuhren wir nach Kappadokien weiter, wo wir ca eine Woche verbringen werden, um die vulkanischen Gesteinsformationen und unterirdischen Städte anzusehen. Einen Tag nachdem wir auf dem Campingplatz in Göreme ankamen, kamen auch Justin und Emma von Rolling Tales. Wir hatten sie vor unserer Reise kurz in London getroffen, und sie sind auf einem anderen Weg mit dem Fahrrad hierhergefahren. Es ist schön, Geschichten zu teilen und Kappadokien gemeinsam zu erkunden.

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Mittwoch, 8. September 2010

5000 km Foto

Wir machten diese Foto kurz nachdem wir die 5000 km Marke überschritten hatten, während wir durch einen ausgetrockneten Salzsee, den Tuz Gölü, fuhren. Wir hielten an, um die Karawanserai in Sultanhani zu besuchen, die im 13. Jahrhundert als Rastplatz auf der alten Seidenstraße nach Persien gebaut wurde. Diese Karawanserei war die größte in der Türkei, und anscheinend eines der besten Beispiele der Architektur der Seldschuken. Wir waren die einzigen Besucher und schmuggelten die Fahrräder mit hinein.

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Freitag, 3. September 2010

Berge und Seen

Istanbul ist keine Stadt, die für Radfahrer gemacht ist. Um zu vermeiden, auf einer Autobahn aus der Stadt zu fahren, nahmen wir stattdessen eine Fähre, um über das Marmara-Meer nach Yalova zu gelangen. Von dort aus fuhren wir landeinwärts. Die Türkei ist ein bergiges Land, und über die nächsten Tage erklommen wir mehrere Pässe, um auf das Anatolische Plateau zu gelangen.

Die Fahrräder fühlten sich sehr schwer und langsam an, wahrscheinlich teilweise, weil wir in Istanbul etwas Fitness verloren hatten. Nach unserem ersten 300 m Pass kamen wir in ein Tal mit einem sehr blauen See, Iznik Gölü, der wie ein Juwel in die Berge eingeschlossen war. Wir fuhren am See entlang durch viele Kilometer von Olivenhainen, und sahen den See selbst nur selten. Am Abend waren wir ziemlich müde und wollten einen Ort zum zelten finden. Aber nicht irgendeinen Ort, nein, er sollte auch eine Aussicht auf den See haben! Zur Zeit gehen die meisten Bauern gegen 18 Uhr nach Hause, um sich für die Ifta Mahlzeit vorzubereiten, die gegen 19:30 Uhr stattfindet, wenn die Sonne untergeht. Wir nahmen einen kleinen Weg durch einen Olivenhain in Richtung See. Frederike war damit zufrieden, zwischen den Bäumen zu zelten, aber Guy war anspruchsvoller und entdeckte einen kleinen Strand. Dort gab es sogar ein Sofa! Wir entschieden, es zu riskieren, und ließen uns auf dem Sofa nieder. Um weniger aufzufallen, wollten wir nicht unser Zelt aufstellen, sondern einfach in unseren Schlafsäcken schlafen. Wir hatten einen guten Schlafplatz hinter dem Sofa gefunden, aber als die Sonne unterging entdeckte Guy einen kleine Schlange genau an diesem Platz. Wir machten in letzter Minute die Entscheidung, den Schlafplatz direkt an den Strand zu verlegen, wo es wohl keine Schlangen geben würde. Also legten wir unsere Schlafsäcke hin und gingen schlafen.

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Kurz darauf wurde klar, dass die Nacht nicht ganz so friedlich verlaufen würde wie geplant. Der Strand war etwas schief, und so musste Frederike sich an Guy klammern um nicht herunterzurutschen. Dann fühlte Guy etwas unter seiner Schlafmatte herumkriechen. Als er aufsprang und mit seiner Taschenlampe unter die Schlafmatte leuchtete, entdeckte er einen handflächengroßen Krebs, der wohl die Schlafmatte für einen Stein gehalten hatte, unter dem er sich verstecken konnte. Er wollte auch nicht weggehen, bis wir ihn mit Hilfe eines Stocks wegschoben. Trotzdem war es ein schöner Platz, und wir schauten die Milchstraße an, und die Lichter am anderen Seeufer. Der Mond ging auf und wanderte langsam über den Himmel, und Frösche sprangen um unseren Schlafplatz herum. Endlich ging die Sonne auf, und wir brauchten einen starken Kaffee. Als wir da saßen und Kaffee tranken, sahen wir plötzlich Bewegung im Schilf hinter uns. Ein Fischer zog sein Boot aus dem Schilf und kam auf der anderen Seite herausgerudert. Er sah etwas überrascht aus, als er uns entdeckte, aber er erwiderte nur unseren Gruß und ruderte weiter.

An diesem Morgen fuhren wir weiter über einen 400 m Pass und dann wieder herunter in ein fruchtbares Tal. Es ist Erntezeit, und wir probierten Tomaten, Paprika, Feigen, Äpfel und Weintrauben. Am späten Nachmittag hielten wir in einem kleinen Dorf an, um Wasser zu holen und Milch zu kaufen. Wir waren eine richtige Attraktion für die Dorfbewohner, und viele Kinder und Erwachsene standen um uns herum. Ungefähr 10 Leute folgten Guy in den Laden, um ihm zu helfen, einen Liter Milch zu kaufen. Wasser war bisher kein Problem für uns, da es in fast jedem Dorf und bei jeder Moschee Wasserhähne mit Trinkwasser gibt. Das Land um uns herum wurde alles von Bauern genutzt, so dass es nicht ganz einfach war, einen Platz zum Zelten zu finden. Die meisten Bauern leben in den Dörfern, so dass es nicht ganz einfach ist, jemanden zu identifizieren und um Erlaubnis zu fragen. Am Ende fuhren wir in einen Olivenhain und ließen die Fahrräder herab in ein angrenzendes Weingut, um zwischen den Weinreben zu campen. Wir waren gut versteckt und hatten gleichzeitig eine schöne Aussicht auf den Sonnenuntergang über dem Tal.

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Wir wussten, dass a Morgen ein größerer Anstieg auf uns wartete, wobei es für eine Weile keine Dörfer gab, und so füllten wir unsere Wasserflaschen an einer Moschee auf. Dort sprachen wir mit einem Studenten, der gut Englisch konnte, und erklärten ihm unsere Route für den Tag. Er machte eine Grimasse und sagte, “Das wird schwer werden. Ich hoffe Gott wird bei Euch sein.” Es war auch ziemlich schwer, da wir den ganzen Tag bergauf fuhren (70km). Zwischendurch ging es mal kurz bergab auf eine geringere Höhe, aber dann ging es gleich wieder los mit dem Anstieg. Es gab auch 5km Bauarbeiten, wo die Straße sich in ein staubiges Nichts auflöste. In der Türkei gibt es überall Bauarbeiten an den Straßen. Wir wissen nicht warum, aber oft werden größere, breitere Straßen direkt neben guten existierenden Straßen gebaut. Auch ist der Asphalt nicht von guter Qualität, denn er schmilzt jeden Sommer und muss dann jeden Herbst neu gemacht werden. Generell sind die Straßen aber gut zum Radfahren, denn es gibt nicht viele Schlaglöcher, was nach Osteuropa eine willkommene Änderung ist.

Obwohl es anstrengend ist, auf Straßen mit Bauarbeiten zu fahren, sind die Arbeiter doch immer sehr freundlich und laufen manchmal zu uns herüber, um sich zu unterhalten. Eine Gruppe ludt uns sogar zum Essen ein und winkte uns mit Brot und Gurken zu. Leider mussten wir ablehnen, da wir noch einen langen Tag vor uns hatten, aber wir akzeptierten dankbar die Gabe eines Bauern, die aus 8 Tomaten bestand, die er in unsere Lenkertaschen stopfte, bis nichts mehr hineinpasste. In dieser Nacht campten wir auf 850m Höhe in einem Pinienwald über dem Ort Göynük. Der Wald erinnerte uns an den Schwarzwald, da er auch sehr dunkel war. Es gab zwei Moscheen im Ort, die uns beim letzten Aufruf zum Gebet das schönste Frage- und Antwort-Singen bescherten, das wir bisher gehört hatten. Wir schliefen gut bis um 3 Uhr morgens, als wir plötzlich aufwachten als wir einen lauten Knall hörten. Die meisten Orte haben während des Ramadans Trommler, um die Leute aufzuwecken, so dass sie vor Sonnenaufgang frühstücken können, aber dieser Ort benutzte stattdessen eine Kanone. Sehr effektiv!

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Wir standen vor Sonnenaufgang auf, um unseren ersten Pass auf 1.130m Höhe zu erklimmen bevor es zu heiß wurde. Danach ging es wieder auf 700m runter, und dann über den nächsten Pass auf 1.270m Höhe. Es gab einige Wolken, und die Steigung war recht angenehm. Die Steigungen hier sind viel weniger steil als im Schwarzwald, wo wir fast zusammengebrochen sind als wir die Schwarzwaldhochstraße hochfuhren. Irgendwie war es aber trotzdem sehr anstrengend, als ob wir auf einem Sandstrand fuhren. Wir konnten nicht glauben, dass unsere neuen Reifen so viel langsamer sein würden. Als wir gerade über den letzten Pass kamen hatte Guy die brilliante Idee, bei einer Tankstelle den Druck in den Reifen zu messen. Und siehe da, der Druck war viel zu niedrig! Obwohl sich die Reifen so hart anfühlten, wie unsere vorigen Reifen, war es schwer, den Druck abzuschätzen ohne einen Druckmesser. Plötzlich fühlten wir uns viel schneller und leichter. Schade, dass uns das nicht früher eingefallen war, aber vielleicht hat die extra schwere Arbeit uns ja noch ein bisschen fitter gemacht. Auf der anderen Seite führte unser Stopp an der Tankstelle aber auch dazu, dass wir auf Tee und Cola eingeladen wurden.

Jetzt genossen wir eine 40km lange Abfahrt. Wir machten eine kleine Pause als wir einen bewaldeten Picknickplatz fanden, wo es einen Wasserhahn gab. Das wilde Zelten machte uns zwar Spaß, aber es war schwierig zu duschen und Kleidung zu waschen. Manchmal wuschen wir uns an Tankstellen oder bei Moscheen. Da niemand auf dem Picknickplatz war, nahmen wir die Gelegenheit war, uns und unsere Kleidung zu waschen.

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Die Landschaft wurde weiter und es gab große Täler und ausgetrocknete Berge in feenhaften Formationen, die manchmal von einem Fluss oder See unterbrochen wurden. Wir entdeckten einen Platz zum Zelten in einem ausgetrockneten Flussbett zwischen einigen Feldern, die bereits abgeerntet waren. Es schien als ob niemand in der Gegend war, ausser dass es ein Bauernhaus in der Ferne gab. Am morgen packten wir, und als wir gerade fertig waren uns losfahren wollten, hörten wir den Klang von Schafsglocken, der immer näher kam. Als wir da im Flussbett standen und darauf warteten, den Fremden mit einem herzlichen “Merhaba” zu begrüßen, erschien auf einmal ein großer Hund über uns an der Böschung. Er schaute auf uns herunter und wedelte mit dem Schwanz. Eine Herde Schafe lief vorbei, und dann kam der Schäfer. Es musste für ihn schon ein lustiger Anblick sein, uns zwei Radfahrer da im Flussbett stehen zu sehen. Nachdem er uns kurz betrachtet hatte, winkte er uns zu und ging weiter. Wir fuhren aus dem Flussbett heraus, und die Schafe waren vor uns auf der Straße. Der Schäfer sah uns und fing ein Lamm. Er brachte es zu uns herüber, so dass wir es streicheln konnten. Das ist wirklich eine tolle Eigenschaft der Leute hier: Sie sind so entspannt, dass nicht mal ein paar Radfahrer, die im Flussbett campen, sie aus der Ruhe bringen können.

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Den ganzen Tag hatten wir ein großes Grinsen auf dem Gesicht, da wir durch eine der schönsten und interessantesten Landschaften unserer Reise bisher fuhren. Das war es, wovon wir schon lange geträumt hatten. Weite, offene Plateaus mit tiefen Fluss-Canyons und einer felsigen Landschaft. Die Steigungen waren perfekt zum Radfahren, mit tollen langen Abfahrten. Es half auch, dass das Klima hier ganz anders ist als an der Küste. Zwei Tage früher waren wir noch in 43°C Hitze gefahren, und jetzt war uns morgens sogar kalt. Wir fuhren das erste Mal seit Deutschland wieder mit langärmligen Tops.

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Jetzt sind wir in Beyparari, einem Ort, zu dem viele Leute aus Ankara für Tagesausflüge kommen. Es gibt hier viele restaurierte ottomanische Häuser, und einen Handwerkermarkt, den wir uns heute ansahen. Der Besitzer unseres Hotels ist ziemlich versessen auf Sauberkeit. Jedes Mal, wenn wir ins Hotel kommen, müssen wir unsere Füße in eine Maschine stecken, die einen blauen Plastikbeutel um unsere Schuhe wickelt, so dass die Teppiche nicht dreckig werden. Wir müssen diese Plastikbeutel im Hotel immer tragen, und wenn wir rausgehen, müssen sie weggeschmissen werden, da sie jetzt “dreckig” sind. Dann müssen wir wieder neue Beutel benutzen, wenn wir wiederkommen. Heute morgen zogen wir wieder unser “Schlumpfenfüße” an, um zum Frühstück zu gehen, und merkten, dass wir wohl die einzige Gäste waren. Dennoch gab es am Frühstücksbuffet neun (!) verschiedene Sorten Käse aus der Region. Sie müssen ganz schön stolz auf ihren Käse sein.

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Eigentlich wollten wir heute in ein Hamam gehen, um eine Massage zu bekommen, aber leider fanden wir heute morgen heraus, dass der LCD Monitor an einem unserer Laptops kaputt ist. Die linke Hälfte des Monitors zeigt kein Bild mehr an, also verbrachten wir den Großteil des Tages damit, herauszufinden, wie wir ihn reparieren lassen könnten… Zum Glück haben wir ja noch ein zweites Laptop!

Istanbul

Wir verbrachten 12 Tage in Istanbul, die längste Pause auf unserer Tour bisher. Wir hatten so einige Besucher: Erst kamen Janna und Marco aus London zu Besuch, dann kam Frederike’s Vater, und zum Schluss noch Gerry, auch aus London. Es war wirklich schön, Freunde und Familie zu sehen, und zur Abwechslung mal nicht ans Radfahren zu denken. Wir genossen auch die letzten Tage mit Di bevor sie zurück nach England flog, da sie ihre London – Istanbul Radtour beendet hatte.

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Die meiste Zeit in Istanbul verbrachten wir mit dem Besichtigen von Sehenswürdigkeiten, mit den Fähren auf dem Bosporus herumzufahren, und damit, Tee zu trinken und Reispudding zu essen. Wir besuchten den Topkapi Palast, die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, und erkundeten die moderne Seite von Istanbul um Taksim Square. Wir gingen auch öfter in die Gegend um den Großen Basar. Dort gibt es Läden, und sogar ganze Straßen, die sich auf ganz bestimmte Produkte spezialisieren. Manchmal dauert es etwas länger, etwas zu finden, aber es ist so lebendig, dass es einfach Spaß macht, dort herumzuwandern.

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Am Anfang fanden wir es schwierig, uns daran zu gewöhnen, “nur ein Tourist” zu sein. Ohne unsere Fahrräder verloren wir auch einen Teil unserer Identität. Auf einmal verschwand die warme Gastfreundschaft, an die wir uns schon gewöhnt hatten, und wir wurden von Schleppern genervt und von Obstverkäufern abgezockt. Jedes Mal wenn wir unser Hotel verließen oder wiederkamen, war dort eine Gruppe von Schleppern, die uns überzeugen wollten, in ihrem Restaurant zu essen. Leider waren die Preise in diesen Restaurants doppelt so teuer wie in den Restaurants eine Straße weiter, und sie waren sogar oft teurer als in London. Ein winziger türkischer Kaffee für €3,50? Ein Teller Mezze für €11? Diese Preise waren zu hoch für uns. Wir versuchen, pro Tag mit €35 gemeinsam auszukommen. Für eine Radtour ist das sogar ein recht großzügiges Budget, aber Istanbul brachte uns an unsere Grenzen. Unsere Unterkunft alleine kostete schon €50 pro Tag. Wir glauben, dass wir die Stadt mehr genossen hätten, wenn wir ein größeres Budget gehabt hätten. Stattdessen lernten wir, die billigeren Restaurants und €1 Kebabs zu finden!

Die Türken mögen gerne Picknicken, und wir merkten, dass viele Istanbuler sich abends im Park beim Hippodrom, zwischen der Hagia Sophia und der Blauen Moschee trafen, um das Fasten zu brechen. Eines abends kauften wir auch Picknick-Sachen und saßen dort mit den Leuten und warteten darauf, dass die Sonne unterging und der Imam der Blauen Moschee ankündigte, dass das Fasten gebrochen werden durfte. Andere Familien um uns herum schenkten uns gefüllte Weinblätter und Kuchen, während ein kleiner Junge immer wieder versuchte, einen Apfel zu werfen, der irgendwie immer auf Guy’s Kopf landete. Wir machten auch ein schönes Picknick mit Gerry auf der Prinzeninsel im Marmara-Meer. Wir nahmen unsere Fahrräder dorthin mit und fuhren im Pinienwald herum, bis wir den perfekten Picknickplatz entdeckten, mit Meerblick und sogar mit einer Hängematte.

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Während wir in Istanbul waren, bereiteten wir auch unsere Fahrräder für den nächsten Abschnitt unseres Abenteuers vor. Nach ca 10.000 km mussten unsere Bremsklötze endlich ersetzt werden (wir benutzen Swissstop Blue Bremsklötze mit keramik-beschichteten Felgen). Frederike’s Vater brachte uns auch neue Schwalbe Marathon XR Reifen mit, um unsere dünneren Continental Panaracer Pasela Tourguard Reifen zu ersetzen, die wir in Europa benutzt hatten. Die neuen Reifen sind breiter und haben mehr Profil, und rückblickend denken wir, dass sie schon ab Bratislava nützlich gewesen wären, da die Straßen in Osteuropa teilweise recht schlecht waren.

Unsere Ausrüstung hält bisher sehr gut, aber es gab ein paar Dinge, die ersetzt werden mussten: Unsere First Need XL Wasserfilter Kartusche ging schon nach zweimaliger Benutzung kaputt, aber zum Glück hat uns die Firma umsonst eine neue geschickt – hoffentlich hält diese länger. Eines von Guy’s geliebten Icebreaker T-Shirts bekam kleine Löcher und riss letztendlich, da das Material irgendwie fehlerhaft war, und auch hierfür bekamen wir kostenlos einen Ersatz.

Vielen Dank an Janna und Marco, die uns netterweise erlaubt hatten, einige Dinge an ihre Adresse in London schicken zu lassen, und es dann alles nach Istanbul schleppten. Darunter waren auch eine Australische und eine Deutsche Flagge, die von Helmut in Köln gesponsert worden waren (wir hatten Helmut, Rolf, Christa und Eveline auf dem Donauradweg in Österreich kennengelernt).

Am Ende unseres Aufenthalts in Istanbul waren wir wirklich bereit, wieder auf die Fahrräder zu steigen und die Stadt zu verlassen, so dass wir die unberührte Türkei entdecken konnten, die man nur in den Dörfern und ländlichen Gebieten finden kann.