Freitag, 3. September 2010

Berge und Seen

Istanbul ist keine Stadt, die für Radfahrer gemacht ist. Um zu vermeiden, auf einer Autobahn aus der Stadt zu fahren, nahmen wir stattdessen eine Fähre, um über das Marmara-Meer nach Yalova zu gelangen. Von dort aus fuhren wir landeinwärts. Die Türkei ist ein bergiges Land, und über die nächsten Tage erklommen wir mehrere Pässe, um auf das Anatolische Plateau zu gelangen.

Die Fahrräder fühlten sich sehr schwer und langsam an, wahrscheinlich teilweise, weil wir in Istanbul etwas Fitness verloren hatten. Nach unserem ersten 300 m Pass kamen wir in ein Tal mit einem sehr blauen See, Iznik Gölü, der wie ein Juwel in die Berge eingeschlossen war. Wir fuhren am See entlang durch viele Kilometer von Olivenhainen, und sahen den See selbst nur selten. Am Abend waren wir ziemlich müde und wollten einen Ort zum zelten finden. Aber nicht irgendeinen Ort, nein, er sollte auch eine Aussicht auf den See haben! Zur Zeit gehen die meisten Bauern gegen 18 Uhr nach Hause, um sich für die Ifta Mahlzeit vorzubereiten, die gegen 19:30 Uhr stattfindet, wenn die Sonne untergeht. Wir nahmen einen kleinen Weg durch einen Olivenhain in Richtung See. Frederike war damit zufrieden, zwischen den Bäumen zu zelten, aber Guy war anspruchsvoller und entdeckte einen kleinen Strand. Dort gab es sogar ein Sofa! Wir entschieden, es zu riskieren, und ließen uns auf dem Sofa nieder. Um weniger aufzufallen, wollten wir nicht unser Zelt aufstellen, sondern einfach in unseren Schlafsäcken schlafen. Wir hatten einen guten Schlafplatz hinter dem Sofa gefunden, aber als die Sonne unterging entdeckte Guy einen kleine Schlange genau an diesem Platz. Wir machten in letzter Minute die Entscheidung, den Schlafplatz direkt an den Strand zu verlegen, wo es wohl keine Schlangen geben würde. Also legten wir unsere Schlafsäcke hin und gingen schlafen.

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Kurz darauf wurde klar, dass die Nacht nicht ganz so friedlich verlaufen würde wie geplant. Der Strand war etwas schief, und so musste Frederike sich an Guy klammern um nicht herunterzurutschen. Dann fühlte Guy etwas unter seiner Schlafmatte herumkriechen. Als er aufsprang und mit seiner Taschenlampe unter die Schlafmatte leuchtete, entdeckte er einen handflächengroßen Krebs, der wohl die Schlafmatte für einen Stein gehalten hatte, unter dem er sich verstecken konnte. Er wollte auch nicht weggehen, bis wir ihn mit Hilfe eines Stocks wegschoben. Trotzdem war es ein schöner Platz, und wir schauten die Milchstraße an, und die Lichter am anderen Seeufer. Der Mond ging auf und wanderte langsam über den Himmel, und Frösche sprangen um unseren Schlafplatz herum. Endlich ging die Sonne auf, und wir brauchten einen starken Kaffee. Als wir da saßen und Kaffee tranken, sahen wir plötzlich Bewegung im Schilf hinter uns. Ein Fischer zog sein Boot aus dem Schilf und kam auf der anderen Seite herausgerudert. Er sah etwas überrascht aus, als er uns entdeckte, aber er erwiderte nur unseren Gruß und ruderte weiter.

An diesem Morgen fuhren wir weiter über einen 400 m Pass und dann wieder herunter in ein fruchtbares Tal. Es ist Erntezeit, und wir probierten Tomaten, Paprika, Feigen, Äpfel und Weintrauben. Am späten Nachmittag hielten wir in einem kleinen Dorf an, um Wasser zu holen und Milch zu kaufen. Wir waren eine richtige Attraktion für die Dorfbewohner, und viele Kinder und Erwachsene standen um uns herum. Ungefähr 10 Leute folgten Guy in den Laden, um ihm zu helfen, einen Liter Milch zu kaufen. Wasser war bisher kein Problem für uns, da es in fast jedem Dorf und bei jeder Moschee Wasserhähne mit Trinkwasser gibt. Das Land um uns herum wurde alles von Bauern genutzt, so dass es nicht ganz einfach war, einen Platz zum Zelten zu finden. Die meisten Bauern leben in den Dörfern, so dass es nicht ganz einfach ist, jemanden zu identifizieren und um Erlaubnis zu fragen. Am Ende fuhren wir in einen Olivenhain und ließen die Fahrräder herab in ein angrenzendes Weingut, um zwischen den Weinreben zu campen. Wir waren gut versteckt und hatten gleichzeitig eine schöne Aussicht auf den Sonnenuntergang über dem Tal.

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Wir wussten, dass a Morgen ein größerer Anstieg auf uns wartete, wobei es für eine Weile keine Dörfer gab, und so füllten wir unsere Wasserflaschen an einer Moschee auf. Dort sprachen wir mit einem Studenten, der gut Englisch konnte, und erklärten ihm unsere Route für den Tag. Er machte eine Grimasse und sagte, “Das wird schwer werden. Ich hoffe Gott wird bei Euch sein.” Es war auch ziemlich schwer, da wir den ganzen Tag bergauf fuhren (70km). Zwischendurch ging es mal kurz bergab auf eine geringere Höhe, aber dann ging es gleich wieder los mit dem Anstieg. Es gab auch 5km Bauarbeiten, wo die Straße sich in ein staubiges Nichts auflöste. In der Türkei gibt es überall Bauarbeiten an den Straßen. Wir wissen nicht warum, aber oft werden größere, breitere Straßen direkt neben guten existierenden Straßen gebaut. Auch ist der Asphalt nicht von guter Qualität, denn er schmilzt jeden Sommer und muss dann jeden Herbst neu gemacht werden. Generell sind die Straßen aber gut zum Radfahren, denn es gibt nicht viele Schlaglöcher, was nach Osteuropa eine willkommene Änderung ist.

Obwohl es anstrengend ist, auf Straßen mit Bauarbeiten zu fahren, sind die Arbeiter doch immer sehr freundlich und laufen manchmal zu uns herüber, um sich zu unterhalten. Eine Gruppe ludt uns sogar zum Essen ein und winkte uns mit Brot und Gurken zu. Leider mussten wir ablehnen, da wir noch einen langen Tag vor uns hatten, aber wir akzeptierten dankbar die Gabe eines Bauern, die aus 8 Tomaten bestand, die er in unsere Lenkertaschen stopfte, bis nichts mehr hineinpasste. In dieser Nacht campten wir auf 850m Höhe in einem Pinienwald über dem Ort Göynük. Der Wald erinnerte uns an den Schwarzwald, da er auch sehr dunkel war. Es gab zwei Moscheen im Ort, die uns beim letzten Aufruf zum Gebet das schönste Frage- und Antwort-Singen bescherten, das wir bisher gehört hatten. Wir schliefen gut bis um 3 Uhr morgens, als wir plötzlich aufwachten als wir einen lauten Knall hörten. Die meisten Orte haben während des Ramadans Trommler, um die Leute aufzuwecken, so dass sie vor Sonnenaufgang frühstücken können, aber dieser Ort benutzte stattdessen eine Kanone. Sehr effektiv!

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Wir standen vor Sonnenaufgang auf, um unseren ersten Pass auf 1.130m Höhe zu erklimmen bevor es zu heiß wurde. Danach ging es wieder auf 700m runter, und dann über den nächsten Pass auf 1.270m Höhe. Es gab einige Wolken, und die Steigung war recht angenehm. Die Steigungen hier sind viel weniger steil als im Schwarzwald, wo wir fast zusammengebrochen sind als wir die Schwarzwaldhochstraße hochfuhren. Irgendwie war es aber trotzdem sehr anstrengend, als ob wir auf einem Sandstrand fuhren. Wir konnten nicht glauben, dass unsere neuen Reifen so viel langsamer sein würden. Als wir gerade über den letzten Pass kamen hatte Guy die brilliante Idee, bei einer Tankstelle den Druck in den Reifen zu messen. Und siehe da, der Druck war viel zu niedrig! Obwohl sich die Reifen so hart anfühlten, wie unsere vorigen Reifen, war es schwer, den Druck abzuschätzen ohne einen Druckmesser. Plötzlich fühlten wir uns viel schneller und leichter. Schade, dass uns das nicht früher eingefallen war, aber vielleicht hat die extra schwere Arbeit uns ja noch ein bisschen fitter gemacht. Auf der anderen Seite führte unser Stopp an der Tankstelle aber auch dazu, dass wir auf Tee und Cola eingeladen wurden.

Jetzt genossen wir eine 40km lange Abfahrt. Wir machten eine kleine Pause als wir einen bewaldeten Picknickplatz fanden, wo es einen Wasserhahn gab. Das wilde Zelten machte uns zwar Spaß, aber es war schwierig zu duschen und Kleidung zu waschen. Manchmal wuschen wir uns an Tankstellen oder bei Moscheen. Da niemand auf dem Picknickplatz war, nahmen wir die Gelegenheit war, uns und unsere Kleidung zu waschen.

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Die Landschaft wurde weiter und es gab große Täler und ausgetrocknete Berge in feenhaften Formationen, die manchmal von einem Fluss oder See unterbrochen wurden. Wir entdeckten einen Platz zum Zelten in einem ausgetrockneten Flussbett zwischen einigen Feldern, die bereits abgeerntet waren. Es schien als ob niemand in der Gegend war, ausser dass es ein Bauernhaus in der Ferne gab. Am morgen packten wir, und als wir gerade fertig waren uns losfahren wollten, hörten wir den Klang von Schafsglocken, der immer näher kam. Als wir da im Flussbett standen und darauf warteten, den Fremden mit einem herzlichen “Merhaba” zu begrüßen, erschien auf einmal ein großer Hund über uns an der Böschung. Er schaute auf uns herunter und wedelte mit dem Schwanz. Eine Herde Schafe lief vorbei, und dann kam der Schäfer. Es musste für ihn schon ein lustiger Anblick sein, uns zwei Radfahrer da im Flussbett stehen zu sehen. Nachdem er uns kurz betrachtet hatte, winkte er uns zu und ging weiter. Wir fuhren aus dem Flussbett heraus, und die Schafe waren vor uns auf der Straße. Der Schäfer sah uns und fing ein Lamm. Er brachte es zu uns herüber, so dass wir es streicheln konnten. Das ist wirklich eine tolle Eigenschaft der Leute hier: Sie sind so entspannt, dass nicht mal ein paar Radfahrer, die im Flussbett campen, sie aus der Ruhe bringen können.

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Den ganzen Tag hatten wir ein großes Grinsen auf dem Gesicht, da wir durch eine der schönsten und interessantesten Landschaften unserer Reise bisher fuhren. Das war es, wovon wir schon lange geträumt hatten. Weite, offene Plateaus mit tiefen Fluss-Canyons und einer felsigen Landschaft. Die Steigungen waren perfekt zum Radfahren, mit tollen langen Abfahrten. Es half auch, dass das Klima hier ganz anders ist als an der Küste. Zwei Tage früher waren wir noch in 43°C Hitze gefahren, und jetzt war uns morgens sogar kalt. Wir fuhren das erste Mal seit Deutschland wieder mit langärmligen Tops.

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Jetzt sind wir in Beyparari, einem Ort, zu dem viele Leute aus Ankara für Tagesausflüge kommen. Es gibt hier viele restaurierte ottomanische Häuser, und einen Handwerkermarkt, den wir uns heute ansahen. Der Besitzer unseres Hotels ist ziemlich versessen auf Sauberkeit. Jedes Mal, wenn wir ins Hotel kommen, müssen wir unsere Füße in eine Maschine stecken, die einen blauen Plastikbeutel um unsere Schuhe wickelt, so dass die Teppiche nicht dreckig werden. Wir müssen diese Plastikbeutel im Hotel immer tragen, und wenn wir rausgehen, müssen sie weggeschmissen werden, da sie jetzt “dreckig” sind. Dann müssen wir wieder neue Beutel benutzen, wenn wir wiederkommen. Heute morgen zogen wir wieder unser “Schlumpfenfüße” an, um zum Frühstück zu gehen, und merkten, dass wir wohl die einzige Gäste waren. Dennoch gab es am Frühstücksbuffet neun (!) verschiedene Sorten Käse aus der Region. Sie müssen ganz schön stolz auf ihren Käse sein.

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Eigentlich wollten wir heute in ein Hamam gehen, um eine Massage zu bekommen, aber leider fanden wir heute morgen heraus, dass der LCD Monitor an einem unserer Laptops kaputt ist. Die linke Hälfte des Monitors zeigt kein Bild mehr an, also verbrachten wir den Großteil des Tages damit, herauszufinden, wie wir ihn reparieren lassen könnten… Zum Glück haben wir ja noch ein zweites Laptop!

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