Samstag, 30. Oktober 2010

Ankunft in Esfahan

Nach acht Tagen, in denen wir durch Dörfer, Kleinstädte und Wüste gefahren sind, sind wir in Esfahan angekommen, das Juwel des alten Persiens und eine der schönsten Städte der Islamischen Welt. Hier wollen wir ein paar Tage verbringen, vielleicht per Bus einen Ausflug nach Kashan machen und hoffentlich unser Visum verlängern, so dass wir nicht auf einmal das Land verlassen müssen. Obwohl wir schon 1200 km in Iran gefahren sind, haben wir erst die Hälfte hinter uns.

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Donnerstag, 28. Oktober 2010

Express nach Esfahan

Saveh – Esfahan

Nach unserer Übernachtung in einer Straßen-Unterführung fuhren wir nach Saveh, wo wir von Ali, einem Motorradfahrer, adoptiert wurden, der uns half, ein Hotel zu finden. Auf dem Weg folgten uns ein paar andere junge Männer auf Motorrädern und wollten Fotos von uns machen. Einer der Männer überraschte Guy indem er ihn umarmte und ihm einen dicken Kuss auf die Wange gab. Er wusste wohl nicht, dass Guy mehrere Tage lang nicht geduscht hatte… Ali lud uns in sein Haus ein. Er fragte uns mehrmals, aber wir wollten erstmal duschen und uns ausruhen, und so schlugen wir vor, ihn stattdessen abends zu treffen. Wir kauften eine Schachtel mit kleinen Kuchen als Geschenk, aber leider kam Ali nicht. Manchmal fragen wir uns, ob die Anweisung der Regierung, nicht über die Maßen mit Ausländer zu kommunizieren, die Leute manchmal nervös macht. Allerdings hatten wir jetzt eine ganze Schachtel Kuchen nur für uns, was auch ein gutes Ergebnis war.

Von Saveh aus wollten wir über Qom und Kashan nach Esfahan fahren. Wir wollten eigentlich nicht nach Qom fahren, da es die konservativste Stadt in Iran ist, aber es war auf dem Weg nach Kashan, das wir besuchen wollten. Leider fanden wir aber heraus, dass der Supreme Leader von Iran, Ayatollah Khamenei, Qom gerade das erste Mal seit 10 Jahren besuchte. Im Fernsehen sahen wir Tausende von Leuten, die seinen Reden in Qom zuhörten. Die meisten waren Mitglieder der Basij (Paramilitärs), die dafür bekannt sind, nach den letzten Wahlen die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. Sie sahen ziemlich beängstigend aus, und es schien keine gute Atmosphäre für zwei ausländische Radfahrer zu sein. Außerdem waren wohl auch alle Hotels in Qom ausgebucht. Das bedeutete, dass wir einen langen Tag vor uns hatten, da wir durch Qom hindurchfahren müssten, um irgendwo auf der anderen Seite zu zelten. 

Wir starteten auf dem falschen Fuß als wir eine Stunde später losfuhren als geplant, da das Frühstück verspätet war. Dies war das erste Hotel in Iran, in dem wir Frühstück bekamen, und so hatten wir uns darauf gefreut. Es war allerdings das Warten nicht wert… Wir bekamen nur etwas pappiges Brot und ein bisschen Frischkäse. Peinlicherweise mussten wir sogar unsere eigenen Essensvorräte herausholen, um das Frühstück etwas zu ergänzen. Als wir die Stadt verließen, war die Straße wieder so schmal, dass wir nicht auf ihr fahren konnten – wir waren für die ersten 20km wieder auf einem Schotterweg. Jetzt hatten wir schon so viel Zeit verloren, dass wir es unmöglich durch Qom schaffen konnten. Als wir an der Abzweigung ankamen, hatten wir beide ein schlechtes Gefühl über Qom und entschieden uns, es zu überspringen und direkt in Richtung Esfahan weiterzufahren. Wir glaubten, dass wir Kashan trotzdem besuchen könnten, indem wir in der Kleinstadt Delijan übernachteten, unsere Fahrräder dort ließen und per Bus einen Ausflug nach Kashan machten.

Die Straße wurde besser und war jetzt mehrspurig mit einem Seitenstreifen. Wir fuhren langsam bergauf und kamen dabei an vielen Granatapfel-Plantagen vorbei. Granatäpfel sind die neuen Melonen – viele Leute geben uns Granatäpfel, und oft bestehen sie darauf, uns viel mehr zu geben als wir tragen können. Ein Mann gab uns sieben, trotz unseres Protestierens!

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Am Abend zelteten wir hinter einem Steinbruch in der Wüste. Es war allerdings nicht so abgelegen wie wir erst dachten, mit einer Bahnlinie und einer Landstraße in der Nähe. Trotzdem schliefen wir gut und fuhren früh los, wobei wir einen recht kurzen Tag nach Delijan erwarteten, was 70km entfernt war.

Wir kamen mittags in Delijan an und trafen die schlechte Entscheidung, gleich eine Mitfahrgelegenheit nach Kashan zu suchen, wobei wir die Fahrräder mitnehmen wollten. So könnten wir noch am gleichen Tag nach Kashan gelangen, anstatt in Delijan zu bleiben, und wir könnten dann einige Tage später zurückkommen und weiterfahren. Nachdem wir mehrere Leute nach der Abzweigung nach Kashan gefragt hatten, fanden wir uns auf der Straße nach Esfahan wieder. Alle Leute bestätigten, dass die Abzweigung von dieser Straße abging. Nach einer Weile fragten wir einen Mann auf einem Motorrad, der eine Pilotenbrille, braune Lederjacke und Schnurrbart trag – ein richtiger Porno-Typ. Er hielt vier Finger hoch, um uns die Entfernung klarzumachen, während er langsam Kaugummi kaute und seine Augen auf den Horizont heftete.

“Das heißt, die Abzweigung ist in 4 Kilometern?” bestätigten wir.

“Mm hmm,” kam die coole Antwort.

Es sah zwar auf unserer Karte etwas näher aus, aber die Karte war nicht immer so genau, also fuhren wir weiter. Irritierenderweise fuhr Porno die ganze Zeit langsam neben uns her. Etwas später war die Abzweigung immer noch nicht zu sehen. Als wir auf unsere Karte schauten, wurde uns klar dass er eine andere Abzweigung gemeint haben musste, die 42km weit weg war! Inzwischen waren wir schon 12km vom Ort entfernt und hatten wirklich keine Lust, wieder zurück zu fahren. Porno verließ uns endlich und wir hatten einen schönen Rückenwind, allerdings ging es auch bergauf und als wir an der Abzweigung ankamen, wurde es dunkel. Wir waren 111km gefahren – nicht gerade der kurze Tag, auf den wir gehofft hatten.

An der Abzweigung trafen wir einen anderen Mann, der auch auf eine Mitfahrgelegenheit wartete, aber es sah nicht gut aus: es gab fast keine Fahrzeuge, die in Richtung Kashan fuhren. Die meisten fuhren nur einen Teil des Weges, und es gab keine Laster oder Lieferwagen, in die die Fahrräder gepasst hätten. Nachdem wir eine Weile gewartet hatten, hatten wir genug. Es war inzwischen dunkel – nicht die ideale Zeit, einen Platz zum Zelten zu finden. Allerdings gab es eine Tankstelle und ein Restaurant an der Kreuzung, und wir sprachen zu dem Restaurantbesitzer, der uns auf einen Tee einlud. Wir erklärten, dass wir einen Platz für unser Zelt finden mussten. “Aaah”, sagte er, “Ihr könnt da drüben hingehen.” Er zeigte in die Richtung, aber wir verstanden nicht, und so bat er einen anderen Mann, uns den Weg zu zeigen. Wir gingen um das Gebäude herum und der Mann zeigte auf einen kleinen Raum, der mit Teppichen ausgelegt war. Uns wurde klar, dass es der Gebetsraum war, aber er bestand darauf, dass wir dort schlafen könnten.

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Da wir die Leute nicht vom Beten abhalten wollten, gingen wir erstmal ins Restaurant um zu essen und etwas zu entspannen. Gegen 21 Uhr wurden wir aber so müde, dass wir in den Gebetsraum einzogen. Wir brachten unser Gepäck hinein, während die Fahrräder im Zimmer des Tankstellenwarts geparkt wurden. Als wir unsere Schlafmatten ausgerollt hatten, nahmen wir mehr als die Hälfte des Raumes ein.

Wir hätten uns allerdings keine Sorgen machen müssen: Die Leute mussten schließlich beten, und ein paar ungeduschte Radfahrer in ihrem Gebetsraum würden sie mit Sicherheit nicht davon abhalten. Mehrere Leute kamen herein und beteten dicht neben uns, während wir dort mit unseren Schlafsäcken und allen Satteltaschen saßen. Zum Glück wurde es aber gegen 22 Uhr ruhiger, und wir schliefen recht gut bis 5:30 Uhr morgens, als die Lastwagenfahrer in Scharen kamen, um ihr Morgengebet zu verrichten (die Schiiten beten dreimal am Tag). Es war sehr seltsam dort zu liegen, während die Gläubigen genau neben uns beteten. Nachdem wir für eine Weile so taten, als ob wir noch schliefen, gab es eine kurze Ruhepause und wir standen schnell auf, bevor die nächsten Leute kamen.

Nach einem Tee mit dem Tankwart fuhren wir zum nächsten Ort, Meymeh, der nur 30km entfernt war und wo es noch eine Abzweigung nach Kashan gab. Wir waren beide recht müde, da wir schon 7 Tage ohne Pause gefahren waren, und wir nicht genug geschlafen hatten. Als wir an der Abzweigung ankamen, warteten wir wieder eine Weile, aber die Situation war genau wie vorher und es gab einfach nicht genug Verkehr auf der Straße, um eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen.

Der nächste Plan war, im Ort zu übernachten, die Fahrräder dazulassen und einen Bus nach Kashan zu nehmen. Dieser Plan wurde vernichtet als wir informiert wurden, dass es von diesem Ort aus gar keine Busse nach Kashan gab. Irgendwie ist es wohl nicht unser Schicksal, nach Kashan zu fahren. Vielleicht haben wir noch die Gelegenheit von Esfahan aus, aber ansonsten müssen wir uns von dieser Idee wohl verabschieden.

In Meymeh hatten wir Probleme, das Hotel zu finden und verbrachten viel Zeit damit, die Hauptstraße hoch und runter zu fahren, was die Ladenbesitzer sehr amüsierte. Am Ende waren wir über 50km gefahren, statt der 30km, die wir eigentlich gebraucht haben sollten. Das Hotel war unter einer Bank, ohne Schild, wie dumm von uns dass wir dort nicht nachgesehen hatten! Während wir auf den Hotelbesitzer warteten, luden uns die netten Bankangestellten erstmal auf einen Tee und ein paar Süßigkeiten ein.

Am Morgen ging es weiter nach Esfahan, mit einem guten Rückenwind für die erste Hälfte des Tages, wobei wir durchschnittlich 32km/Std. fuhren. Wir mussten so früh wie möglich in Esfahan ankommen um Geld zu wechseln, da wir pleite waren. Die Banken in den kleinen Orten, durch die wir gefahren waren, konnten kein Geld für uns wechseln, und unsere Bankkarten funktionieren in Iran nicht. Es war jetzt Donnerstag Nachmittag, was bedeutet dass Läden (und Geldwechsler) früh zumachen und auch am Freitag zubleiben (das islamische Wochenende).

Nach acht Tagen, in denen wir durch trockene Mondlandschaften gefahren waren, fühlte sich Esfahan wie eine Oase an. Die von Bäumen gesäumten Straßen, Parks und Springbrunnen waren ein Fest für die Augen. Die Stadt fühlte sich gelassen und fast europäisch an.

Auf dem Weg zum Geldwechsler wurden wir von einem jungen Mann in einer Polizei- oder Armee-Uniform angehalten. Er sagte auf Farsi etwas zu Guy und zeigte immer wieder auf Frederike. Wir verstanden nur die Worte “Fahrrad”, “Iran”, und “nein”. Er war ziemlich beharrlich, und nach einer Weile schlossen wir, dass er wahrscheinlich sagte, dass Frauen in Iran nicht fahrradfahren dürfen. Offensichtlich wussten wir, dass das nicht stimmte, denn wir hätten es sonst ja nie über die Grenze geschafft, und schon gar nicht bis nach Esfahan. Wir stellten uns dumm und fragten ihn nach dem Weg zum Imam-Platz. Am Ende war er frustriert wegen unserer nicht existenten Farsi-Kenntnissen und ging davon, wobei er eine Geste machte, die wohl sagte, dass wir dort auf ihn warten sollten. Darauf waren wir aber nicht so wild, und so entschieden wir, so schnell wie möglich weiterzufahren und verschwanden in einer Seitenstraße. 

Wir schafften es noch gerade, kurz vor 15 Uhr beim Geldwechsler anzukommen, aber er hatte bereits zugemacht. Guy sah noch jemanden im Gebäude und presste seine Nase gegen das Fenster – zum Glück kam einer der Männer an die Tür und öffnete für uns. Er bot Guy sogar ein Stück Hühnchen an, das er gerade zu Mittag aß. Guy verschlang es vielleicht etwas zu hastig, denn man konnte dem Geldwechsler  ansehen, dass er vielleicht nicht ganz so viel Gier erwartet hatte. 

Die Taschen voller Geld fuhren wir an die Si-O-Seh-Brücke um ein Foto zu machen, bevor wir ein Hotel in der Nähe fanden. Esfahan war ein Meilenstein für uns. Das Herz der islamischen Welt zu erreichen schien vor 5 Monaten noch fast unmöglich, als wir aus unserem Londoner Vorort eierten. Wir werden in Esfahan mehrere Tage verbringen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, unser Visum zu verlängern und einen letzten Versuch zu machen, Kashan per Bus zu erreichen.

Montag, 25. Oktober 2010

Von Perserteppichen zu Autobahnbrücken

Zanjan – Saveh

35 km östlich von Zanjan liegt der kleine Ort Soltaniyeh, der die Hauptstadt der Mongolen war, nachdem diese Persien unter der Führung von Genghis Khan erobert hatten. Die Stadt wurde 1384 größtenteils zerstört, aber einige Bauten überlebten. Wir besuchten das Oljeitu Mausoleum, das von einem mongolischen Sultan erbaut wurde und ein Unesco Weltkulturerbe ist. Es hat eine sehr schöne blaue Kuppel, die mit 48m die höchste Ziegelstein-Kuppel der Welt ist. Das Gebäude war von Außen am beeindruckendsten, da innen alles voller Gerüste ist, aber in Anbetracht des Eintrittspreises von nur $0.30 beschwerten wir uns nicht!

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Am Abend fragten wir, ob wir hinter einem Restaurant zelten könnten und wurden dann von der Familie eingeladen, in ihrer Wohnung über dem Restaurant zu übernachten. Hier könnt Ihr mehr über unsere erste Übernachtung bei einer iranischen Familie lesen.

Wir freuten uns schon auf den folgenden Morgen, denn bisher hatte uns das meiste Radfahren wegen des Verkehrs keinen Spaß gemacht, und jetzt würden wir endlich von der Hauptstraße abbiegen. Wir konnten schon den Smog von Teheran sehen, das nur 200km entfernt war, und waren froh endlich in Richtung Süden und weg von dieser Metropole zu fahren. Leider gab es einen große Enttäuschung. Die kleinere Straße, auf der wir jetzt fuhren, war viel schlimmer als die Hauptstraße. Es gab noch mehr Lastwagen als auf der Hauptstraße, und nur eine Spur für den Verkehr in jede Richtung. Es gab auch keinen Seitenstreifen, und die Straße war gerade weit genug so dass zwei Lastwagen aneinander vorbeikommen konnten. Auf dieser Straße radzufahren war selbstmörderisch. Wir hofften, dass es bald besser werden würde, aber am Ende fuhren wir für 75km entweder auf Schotter neben der Straße, oder auf einem parallelen Feldweg. Eigentlich wollten wir es bis zum nächsten größeren Ort schaffen, der 100km weit entfernt war, aber am späten Nachmittag war klar, dass wir das nicht schaffen würden, da wir so viel langsamer als geplant gefahren waren.

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Kurz vor Sonnenuntergang fanden wir uns in einem Dorf namens Ebrahimabad wieder. Es gab kein Hotel, aber ein Restaurantbesitzer bot uns an, auf einem kleinen Stück Gras neben seinem Restaurant zu zelten. Leider war das kleine Grasstück umgeben von zwei Hauptstraßen und einem Parkplatz. Es war als ob man in der Mitte eines Kreisverkehrs zelten würde. Iraner campen überall und verstehen nicht, warum wir lieber einen ruhigeren Platz finden wollen. Sie bestehen darauf, dass es überall sicher ist, zu zelten, was vielleicht auch stimmt, aber wir ziehen so viel mehr Aufmerksamkeit auf uns als die Einheimischen. Da es dunkel wurde hatten wir allerdings nicht viel Wahl, aber wir fanden ein etwas besseres Stück Gras neben der mehrspurigen Hauptstraße. Nebenan stand ein Polizei-Wohnwagen, und der Polizist war sehr nett, also fühlten wir uns dort recht sicher, obwohl es ein sehr öffentlicher Platz war. Kayvan, der Polizist, kaufte uns Bier (ohne Alkohol natürlich), und wie erwartet wurden wir kurz darauf von ungefähr 10 neugierigen jungen Männern auf Motorrädern umringt.

Sie waren recht freundlich, und einer der Männer lud uns in sein Haus ein. Er hatte ein nettes Lächeln, freundliche Augen und war ein gelassener Typ, und der Gedanke, in einem Haus zu schlafen anstatt neben der Hauptstraße war ziemlich einladend. Wenn wir uns unwohl fühlten konnten wir ja immer noch zurückkommen… Ahmad führte uns zum Haus seiner Familie, welches aus einem Innenhof bestand, der von mehreren Wohnungen für die Familienmitglieder umgeben war (dies scheint recht typisch in Iran zu sein).

Wir wurden in die Wohnung von Ahmad und seiner Frau eingeladen. Sie waren seit 10 Monaten verheiratet und waren beide recht jung, Ahmad war 24 und seine Frau erst 18. Bald kamen seine beiden Brüder und seine Mutter zu Besuch und wir tranken Tee. Einer der Brüder sprach etwas Englisch, und mithilfe unseres Sprachführers konnten wir kommunizieren. Wir fanden heraus, das Ahmad und einer seiner Brüder Schuhmacher waren. Sie entwarfen Frauenschuhe und stellten sie in einem Raum unten im Haus her. Im Laufe des Abends wurde Frederike gebeten, verschiedene Schuhe anzuprobieren, und über ihre Größe und ihr Lieblings-Design ausgefragt. Da war es natürlich unvermeidbar, dass sie am Ende ein schönes Paar handgefertigte Schuhe geschenkt bekam, und es war umöglich, das Geschenk abzulehnen.

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Nach dem Abendessen versuchten wir ihnen einen Beutel mit Nüssen zu schenken, aber das veranlasste sie, noch mehr Essen aufzutischen; Obst und unseren gefürchteten Feind: die ungeschälten Sonnenblumenkerne. Diese sind hier sehr beliebt, und alle scheinen sie ganz einfach mit den Schneidezähnen zu knacken und gleichzeitig den Kern herauszuziehen. Das ist für uns ziemlich schwierig und wir haben dann immer die ganze Schale im Mund, so dass wir sie lieber per Hand knacken, was sehr langsam ist. Die ganze Familie lachte uns aus und machte Witze über uns, bis sie am Ende beschlossen uns zu helfen und die Kerne für uns schälten. Sie fanden es sehr lustig, dass wir zu Hause die geschälten Kerne kaufen, und finden uns sehr faul.

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Uns wurde auch ein Video von Ahmad’s Hochzeit gezeigt. Wir sahen ungefähr 90 Minuten, von verschiedenen Teilen des Tages. Es war sehr seltsam, da die Braut überhaupt nicht auftauchte. Es war eine Feier nur für Männer, die gemeinsam tanzten und aßen. Später fanden wir heraus, dass die Frauen eine separate Feier haben, wo sie entspannter feiern können, da sie keine Kopftücher tragen müssen.

Als es Schlafenszeit war, wurden wir in Ahmad’s Zimmer untergebracht, während er und seine Frau in einen anderen Teil des Hauses umzogen. Wie in der vorigen Nacht schliefen wir wieder gut auf einem Perserteppich. Am nächsten Morgen machten sie uns Frühstück – warme Milch, Tee, Brot, Omelette, Marmelade und Käse – und waren schockiert als wir ankündigten, dass wir weiterfahren müssten. Sie versuchten alle möglichen Tricks, so dass wir länger blieben. Wir erklärten dass unser Visum bald ablief, und sie schlugen vor, dass wir einfach einen Bus nehmen könnten statt mit dem Fahrrad zu fahren, so dass wir länger bleiben könnten.

Letztendlich schafften wir es aber, wieder loszufahren und fuhren am Polizeiwohnwagen vorbei, um uns von Kayvan zu verabschieden. Er lud uns auf einen Tee ein und wir unterhielten uns im Wohnwagen, da Kayvan sehr gut Englísch sprach. Er studierte für seinen Master im Ingenieurswesen und leistete gleichzeitig seinen Militärdienst bei der Polizei. Während wir da waren, kam ein anderer Polizeiwagen vorbei und zwei Polizisten kamen in den Wohnwagen. Sie waren beide sehr freundlich und lustig, und einer fragte Frederike: “Miss Frederike, ich möchte Sie etwas fragen. Wie finden Sie es, das Kopftuch zu tragen?” Frederike antwortete, dass es okay war, aber nicht so bequem wenn das Wetter sehr warm war. Der andere Polizist lachte schelmisch und versrpach, dass sie direkt in den Himmel gehen würden, wenn sie es weiterhin trug. 

Gerade als wir uns von Kayvan verabschiedeten, kam der Polizei-Chef vorbei. Er entschied sofort, dass es für uns zu gefährlich wäre, auf diesen Straßen zu fahren, und hielt einen Lieferwagen an, der uns 25km mitnehmen sollte, bis die Straße wieder breiter wurde. Es gab keine Diskussion, und er hörte unserer Erklärung nicht zu, dass wir nämlich neben der Straße fuhren und nicht auf ihr. Leider war der Lieferwagen etwas kurz, so dass wir die Klappe nicht schließen konnten und unsere Fahrräder drohten, herunterzurollen. Der Polizei-Chef befohl uns, uns hinten auf die Ladefläche zu setzen, und los ging es. Die Fahrt war etwas beängstigend, da der Fahrer trotzdem andere Fahrzeuge überholte und recht schnell fuhr. Die Fahrräder waren aber sicher, und kurz darauf kamen wir im Ort Bu’in Zarah an. Dies war das erste Mal auf unserer Reise, dass wir ein Stück nicht mit dem Fahrrad gefahren sind, aber wir hatten keine Wahl und waren insgeheim auch froh, da wir uns nicht darauf gefreut hatte, wieder auf Schotter zu fahren.

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Inzwischen war es schon Mittagszeit, und wir schafften nur die Hälfte der Strecke zum nächsten Ort, Saveh, bevor es dunkel wurde. Die Straße war viel besser, mit einem breiten Seitenstreifen. Der Verkehr war 90% Lastwagen, und es scheint die Hauptstraße zwischen dem Nordwesten Irans und dem Süden zu sein, obwohl es als Nebenstraße auf unserer Karte eingezeichnet ist.

Bei Sonnenuntergang waren wir in der Mitte einer Wüste, die total flach war. Das bedeutete, dass wir unser Zelt nirgends verstecken konnten. Wir könnten entweder so zelten, dass uns alle sehen (und evtl. besuchen) konnten, oder wir könnten warten bis es dunkel war und dann einfach in die Wüste hinaus gehen und dort zelten. Es gab allerdings noch eine dritte Möglichkeit. Unter der Straße gab es einige kleine Unterführungen. Wir gingen in eine der Unterführungen um zu kochen, und dann später einen Zeltplatz zu suchen, wenn es dunkel war. Allerdings fanden wir es dort ziemlich bequem und schafften es, das Zelt in der Unterführung aufzustellen.

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Es passte gerade eben. Wir machten uns also einen Tee und holten unsere Bücher heraus, um zu lesen. Der Lärm von der Straße war nicht allzu schlimm, wenn man bedenkt wie nah die Laster über uns waren. Es gab die ganze Nacht lang Verkehr, aber wir schliefen ziemlich gut. Es gab sogar einen Haken für unsere Waschbeutel, so dass wir es uns richtig gemütlich einrichten konnten! Es war allerdings ein ziemlicher sozialer Abstieg jetzt unter einer Brücke zu schlafen, wo wir vorher so luxuriös auf Perserteppichen genächtigt hatten.

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Sonntag, 24. Oktober 2010

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Wir waren inmitten der iranischen Wüste, zwischen Bu’in und Saveh. Die vorigen zwei Nächte hatten wir bei sehr netten iranischen Familien verbracht, die uns in ihre Häuser einluden. Frederike hatte sogar ein schickes Paar Schuhe bekommen, da die Söhne der einen Familie Schuhmacher waren!

Am Vormittag waren wir von der Polizei angewiesen worden, 25 km in einem Lieferwagen mitzufahren, bis zur nächsten Kreuzung. Die Straße wäre zu gefährlich zum Radfahren. Das stimmte auch, aber die Polizei verstand nicht, dass wir auf einem Schotterweg neben der Straße fuhren. Wir denken, dass ein Unfall auch viel Papierkram für die Polizei bedeutet hätte… Insgeheim waren wir froh, da wir schon 70km auf Schotter gefahren waren und davon genug hatten.

Da um uns herum nur flache Wüste war campten wir in der Nacht in einer kleinen Unterführung unter der Straße. Ein ziemlicher Abstieg von unseren vorigen Nächten, in denen wir auf Perserteppichen geschlafen hatten.

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Freitag, 22. Oktober 2010

Übernachtung bei einer iranischen Familie

Wir hatten eigentlich vor, an unserem ersten Tag nachdem wir Zanjan verlassen hatten, in einem Hotel zu übernachten. Allerdings war die schöne Obstplantagengegend, in der wir nachmittags waren, gut zum Zelten geeignet, und wir entschieden, zu campen. Bei einem kleinen Restaurant fragten wir nach Wasser, und die Männer dort luden uns gleich auf einen Tee ein. Hinter dem Restaurant gab es einen großen Garten, und wir fragten, ob wir dort zelten könnten. Kein Problem, sagten sie, aber trinkt bitte erstmal Euren Tee. Als nächstes brachten sie uns geröstete Maiskolben, und gerade als wir überlegten, unser Zelt aufzustellen, bat uns einer der Männer, ihm zu folgen. Wir gingen eine Treppe hoch und in eine Wohnung über dem Restaurant.

Hossein zeigte und die Wohnung und zeigte auf ein Zimmer, das mit Perserteppichen ausgelegt war. Er bot uns an, dort zu schlafen. Wir lehnten ab, aber er machte klar, dass das Angebot nicht nur Ta’arof war und er wirklich wollte, dass wir in der Wohnung schliefen. Er musste zurück zum Restaurant, also half er uns, unsere Satteltaschen hochzutragen und verließ dann die Wohnung. Wir duschten und entspannten uns für ein Weilchen, beeindruckt von dem Vertrauen, das die Leute hier Wildfremden entgegenbringen. Er hatte uns schließlich erst vor einer halben Stunde getroffen, und ließ uns trotzem alleine in seiner Wohnung!

Wir waren seit 11 Tagen in Iran, und begannen, uns hier wohl zu fühlen. Es fühlt sich sehr sicher an. Kinder laufen nachts auf der Straße herum, Diebstahl scheint nicht zu existieren, und die Leute vertrauen sich gegenseitig. Zelten an öffentlichen Orten (Stadtpark, neben der Autobahn, Tankstellen) ist normal, und das machen im Sommer viele Leute. Unser Leben in London hatte uns Mißtrauen gelehrt, und es dauerte eine Weile, bis wir uns entspannen konnten und wirklich fremden Leuten vertrauen konnten. Es fühlt sich gut an, unsere Fahrräder einfach vor einem Restaurant zu lassen, oder an einem öffentlichen Ort zu zelten und uns keine großen Sorgen um Diebstahl zu machen. Vielleicht ist das ein positiver Effekt der starken Werte, die die Leute hier durch ihren Glauben erhalten. 

Nach einer Weile kam Hossein mit seiner Frau, Sohra, und seinem achtjährigen Sohn, Alireza, zurück. Er musste wieder gehen, und so machten wir es uns im Wohnzimmer gemütlich. In der Wohnung gab es nicht einen einzigen Stuhl oder Tisch. Sie was komplett mit Teppichen ausgelegt, und an den Wänden entlang lagen Kissen. Es gab auch keine Betten, nur ein paar Schränke. Ein ziemlicher Kontrast zu unserer kleinen Wohnung in London wo man keinen Meter gehen konnte, ohne ein Möbelstück umgehen zu müssen. Der Boden wird zum Sitzen, Essen und Schlafen benutzt, daher ist es verständlich, warum die Teppiche so eine wichtige Stellung in Iran haben. Was unsere Eltern wohl denken würden, wenn wir zu Hause auf dem guten Perserteppich essen würden!

Sohra servierte uns Tee, Weintrauben, Gurken und Kuchen, und wir konnten durch unser Farsi-Sprachführer kommunizieren. Sohra war recht modern gekleidet und hatte blond gefärbte Haare. Sie war sehr gut darin, Wörter und Sätze im Sprachführer zu finden. Alireza lernte in der Schule Englisch. Er brachte seine Bücher und wir erfanden ein Spiel um ihm zu helfen, die Buchstaben des römischen Alphabets zu lernen (das ist natürlich ganz anders als das arabische Alphabet, das er schon gelernt hat). Wir zeigten ihnen auch Fotos von unseren Familien, was sie schätzten.

Wir wussten nicht genau, wie wir das Abendessen angehen sollten, da wir nicht einfach erwarten wollten, dass sie für uns kochen würden. Allerdings wollten wir auch nicht unhöflich erscheinen indem wir unseren Kocher herausholten. Zum Glück löste Hossein das Problem indem er Essen vom Restaurant liefern ließ. Eine Plastik-Tischdecke wurde auf dem Boden ausgebreitet, und es wurde Reis mit Butter, Lavash Brot, Kebab, Salat, Paprika und Oliven serviert, und dazu ein Yoghurtgetränk.

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Nach dem Essen ging Alireza schlafen. Sohra öffnete unseren Sprachführer und zeigte auf die Worte “gehen wir” und “Stadtzentrum”. Wir quetschten uns alle in Hossein’s winzigen 70ger Jahre Renault, der nur einen Scheinwerfer hatte. Es fühlte sich an wie eine Zeitreise zurück in unsere Kindheit. Solche Autos gibt es zu Hause gar nicht mehr.

Hossein und Sohra zeigten uns die Stadt, wobei wir am Park, einem Denkmal und einer Moschee anhielten. An einem Marktstand kauften wir ein Puzzle für Alireza, und dann hielten wir bei der Eisdiele an. Diese war ein beliebter Treffplatz für junge Männer – genau wie eine Kneipe zu Hause. Hossein bestand darauf, uns Bananenmilch und Zitronenkuchen zu kaufen, was sehr lecker war.

Zurück zu Hause breitete Sohra weiche Decken und Kissen für uns auf dem Boden aus. Sie und Hossein schliefen im Wohnzimmer. Dankbar krochen wir ins Bett – wir konnten kaum glauben, wie gut sie uns behandelten.

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Am nächsten Morgen machte Sohra Frühstück – Lavash Fladenbrot, Marmelade, Butter und Käse. Hossein ludt uns ein, noch einen Tag zu bleiben, aber leider ist unsere Zeit in Iran begrenzt und wir mussten weiterfahren. Sohra ging hinaus auf den Balkon, wo sie einen großen Haufen Weintrauben getrocknet hatte, um Rosinen zu machen, und gab uns eine große Tüte Rosinen zum Mitnehmen.

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Draußen machten wir noch ein paar Fotos bevor wir und verabschiedeten. Es ist immer schwer, sich von den netten Leute zu verabschieden, die wir treffen, da wir die meisten wohl nicht wiedersehen werden. Die Leute in Iran sind besonders emotional wenn wir gehen, was sehr lieb ist. Dies war das erste Mal, dass wir in Iran bei einer Familie übernachteten, und wir haben in jedem Fall die Gastfreundschaft erlebt, für die Iran berühmt ist. Beeindruckenderweise wurden wir am nächsten Tag schon wieder von einer Familie eingeladen, bei ihnen zu übernachten.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Berauscht von Abgasen

Tabriz – Zanjan

Auf dem Weg aus Tabriz gab es – wie immer in Iran - ständig Verkehr, mit vielen Lastern und Bussen. Ungefähr 40% der Autos sind Paykans. Diese wurden in den 60ger Jahren entworfen und waren lange Zeit fast die einzigen Autos in Iran. Es gibt sie nur in weiß, und sie verbrauchen 12-15L bleihaltiges Benzin pro 100 km. Sie haben natürlich auch keinen Katalysator. Die Laster geben auch oft schwarze Abgaswolken ab, und es war kein Wunder dass unsere Augen und Nasen nach kurzer Zeit wehtaten, und wir beide Kopfschmerzen hatten.

Für einen Großteil des Weges gab es keinen Seitenstreifen, und die Fahrweise war ziemlich schlecht. In Iran überholt man einfach wann man will, egal ob es entgegenkommenden Verkehr oder eine unübersichtliche Kurve gibt, oder zwei Radfahrer im Weg sind. Oft sahen wir einen Bus, der uns auf der falschen Straßenseite entgegenkam. Wir sind nicht überrascht, dass Iran eine der höchsten Unfallraten der Welt hat. Leider ist das Land dafür bekannt, sehr gute Straßen und sehr schlechte Autofahrer zu haben. Das scheinen sie auch zu wissen, denn wir sehen ziemlich viele Autos und Laster, die mit einem dreieckigen Warnzeichen beklebt sind – auf manchen steht sogar das Wort “Gefahr”!

Dies war meist unsere Aussicht:

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Zum ersten Mal auf unserer Reise erwägten wir, das Radfahren für eine Weile aufzugeben. Wir erreichten einen Tiefpunkt. Wir hatten gehofft, dass es hinter Tabriz weniger Verkehr geben würde, da es parallel eine Autobahn gab, aber aus irgendeinem Grund benutzten alle immer noch die alte, kleinere Straße. Wenn man den ganzen Tag Rad fährt ist man mental normalerweise ziemlich entspannt, aber wenn man sich die ganze Zeit auf den Verkehr konzentrieren muss, wird man immer gereizter. Die Landschaft war auch deprimierend, mit vielen Fabriken, Kraftwerken und verlassenen Industriegeländen. Wir hofften, dass der Verkehr am nächsten Tag besser sein würde, ansonsten würden wir eben mit den Rädern in einem Laster mitfahren müssen.

In unserem Hotelzimmer in Bostanabad war das Fenster direkt über der Straße, auf der wir den ganzen Tag gefahren waren. Wenn wir die Fenster öffneten, kamen die Abgase hinein so dass unsere Kopfschmerzen nicht besser wurden. Wir hatten die Nase voll, und der einzige Grund warum wir weiterfuhren war dass wir einen kleinere parallele Straße auf unserer Karte gesehen hatten, die ca 20 km nach Bostanabad anfing, und die wir ausprobieren wollten. Allerdings fanden wir die Straße nicht, aber zur gleichen Zeit wurde der Verkehr plötzlich viel leichter. Wir konnten uns wieder ein wenig entspannen und das Radfahren etwas genießen. Die Landschaft wurde auch schöner, und die Fabriken wurden durch einen kleinen Fluss ersetzt. Endlich sahen wir auch mehr Landwirtschaft, so dass die Dörfer nicht ganz so deprimierend waren. Das Radfahren selber war leicht, abgesehen vom Verkehr. Die Straßen sind hier viel besser als in der Türkei, mit einer schön glatten Oberfläche und sehr sanften Steigungen.

Wir fuhren die 100 km nach Mianeh recht schnell und kamen um 15 Uhr an. Auf dem Weg in den Ort sahen wir ein Cafe mit gemütlichen, mit Teppichen ausgelegten Sitzplattformen, und wir bestellten ein paar Biere. Natürlich ist Alkohol in Iran verboten, so dass das Bier alkoholfrei ist. Die iranischen Biere haben oft deutsch oder belgisch klingende Namen wie Delster oder Bavaria, und es gibt sie in verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Zitrone, Birne und Pfirsich. Es schmeckt wie eine Mischung aus Bier und Limonade und ist recht erfrischend.

Normalerweise verlassen wir uns auf die Einheimischen bei der Suche nach einem Hotel, aber oft verschweigen sie uns die billigsten Hotels, da sie ihrer Meinung nach nicht gut genug für uns sind. Heute hatten wir aber Glück: Wir trafen einen Englischlehrer, Nader, der uns ein Zimmer in einem Lehrerwohnheim organisierte. Anscheinend war es die günstigste Übernachtungsmöglichkeit im Ort, und unser Zimmer war sehr schön, sogar mit Bad! Nader adoptierte uns für den Rest des Abends und zeigte uns gemeinsam mit seinem 12-jährigen Sohn Salar den Ort. Hier könnt Ihr mehr über unseren Abend mit Nader lesen.

Von Mianeh waren es 140 km bis nach Zanjan, der nächsten Stadt. Es gab dazwischen nicht viel, und es war ein wenig weiter als wir an einem Tag fahren konnten, vor allem da es momentan früh dunkel wird. Frederike hatte auch ihren ersten Platten seit wir losgefahren waren. Nach 6700km durchbohrte ein Stück Glas ihren Reifen. Bisher haben unsere Reifen gut gehalten, denn wir hatten zuvor erst einen Platten (an Guy’s Fahrrad) gehabt. Die Landschaft wurde schöner, und es gab sogar einen kurzen aber recht spektakulären bergigen Abschnitt, wo die Hauptstraße durch einen Tunnel führte und wir eine kleinere Straße ganz für uns alleine hatten – für ungefähr 10 Minuten.

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Regelmäßige Leser erinnern sich vielleicht noch an unsere Erfahrungen während der Melonen-Saison in der Türkei, als wir oft riesige Melonen geschenkt bekamen, die bis zu 8kg schwer waren. Wir dachten, dass die Melonen-Saison inzwischen vorbei wäre, wurden aber eines Besseren belehrt als wir vier Melonen innerhalb einer halben Stunde geschenkt bekamen! Erst hielt uns ein junger Mann an und gab uns eine kleine Wassermelone, die wir am Straßenrand aßen. Zwei seiner Freunde kamen auf einem Motorrad an und bestanden darauf, uns noch eine Wassermelone zu schenken. Kurz danach luden uns zwei Männer in einem Lieferwagen ein, mit ihnen zu essen. Gemäß der Ta’arof Regeln lehnten wir ab, und sie schenkten uns stattdessen zwei Honigmelonen. Zum Glück waren diese Melonen nicht so groß, so dass wir sie transportieren konnten.

Einige junge Motorradfahrer in dieser Gegend sind leider etwas aggressiv. Sie brüllen oft wenn sie an uns vorbeifahren, und ein Typ, der in die entgegengesetzte Richtung fuhr, fand es sehr lustig auf unsere Seite zu kommen und dann ganz nah an uns vorbeizusausen. Einmal fuhren zwei Motorradfahrer neben uns her, und einer schrie Frederike immer auf Farsi etwas zu. Er fuhr neben ihr her und kam immer näher, wobei er Guy komplett ignorierte (was hier sehr unangemessen ist). Er kam so nah dass er Frederike fast von der Straße drängte. Am Ende schrie sie ihn an und er gab ihr einen harten Schlag auf die Schulter, bevor er umdrehte und wegbrauste.

Wir waren verärgert und wollten unsere Mittagspause an einem ruhigen Ort ohne andere Leute machen, also versteckten wir uns in einem kleinen Feld mit Bäumen, so dass man uns von der Straße aus nicht gut sehen konnte. Gleich kamen allerdings zwei Männer auf Motorrädern an. Na super, dachten wir, aber es waren nur Nasser und sein Vater Ali, denen das Feld gehörte. Sie waren sehr freundlich und etwas schüchtern, aber am Ende setzten sie sich neben uns und wir gaben ihnen ein paar Datteln. Nasser sprach ein wenig Englisch und lud uns ein, in ihrem Haus zu essen. Wir lehnten ab, und später fragte er nochmal. Wir glaubten dass er die Einladung ernst meinte, aber wir sind nie sicher wegen Ta’arof, und wir besprachen uns erstmal bevor wir entschieden, zu akzeptieren falls er nochmal fragte. Leider dachten sie dann wohl, wir wollten nicht mitkommen, und verabschiedeten sich. Das ist in Iran wirklich kompliziert, und wir glauben dass wir deshalb manchmal nette Gastfreundschaft verpassen – aber manchmal haben wir auch Einladungen, die definitiv nur Ta’arof sind, und langsam lernen wir den Unterschied zu erkennen.

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Am Nachmittag suchten wir einen Platz zum Zelten. Es war nicht so einfach, da die Gegend sehr landwirtschaftlich war und überall viele Leute waren. Auf der rechten Seite sahen wir ein paar Hügel, und plötzlich fanden wir ein schönes ausgetrocknetes Flussbett. Guy kundschaftete es aus und wir schoben die Räder schnell ins Flussbett und außer Sicht von der Straße. Es war ein schöner Platz, ziemlich versteckt und mit guter Aussicht. Allerdings ist es schwierig, einen Platz zu finden, der vor Schäfern sicher ist, und natürlich erschien bald einen Hund. Das ist immer ein schlechtes Zeichen, und natürlich kam bald der Schäfer an. Er trieb seine Herde Schafe durch das Flussbett, grüßte uns aber nur und ging weiter. Um diese Jahreszeit ist es vom 18 Uhr bis 6 Uhr morgens dunkel. Es gibt nicht besonders viel zu tun, vor allem da wir unsere Taschenlampen nicht so viel benutzen wollen, damit wir nachts nicht entdeckt werden. Also redeten wir für eine Weile und versuchten so viel wie möglich zu schlafen. Im Sommer hatten wir das entgegengesetzte Problem, denn es wurde erst um 22 Uhr dunkel, und dann schon um 4 Uhr morgens wieder hell, und wir waren oft in landwirtschaftlichen Gebieten die wir bei Sonnenaufgang verlassen mussten.

Das Zelten war gut um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, nach den ganzen Eindrücken, die in Iran auf uns einprasselten. Wir genossen die Ruhe und Einfachheit, unser Zelt aufzustellen ohne uns mit Stadtverkehr herumschlagen und ein Hotel finden zu müssen. Campen ist recht üblich in Iran, da viele Leute im Sommer in Stadtparks zelten, um der Hitze zu entkommen.

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Am Morgen hatten wir allerdings fast nichts zu essen übrig: nur ein kleines Stück Brot. In Iran ist es ziemlich schwierig, Lebensmittel wie Brot oder Gemüse zu finden. Viele Läden entlang der Straße verkaufen nur Snacks, und Bäckereien verkaufen oft nur Kuchen, Muffins und Kekse, aber kein Brot. Manchmal verbringen wir ziemlich viel Zeit damit, solch einfache Nahrungsmittel zu finden, und es gibt auch zwischen den Städten nicht viele Läden. Trotz der Sanktionen ist es aber immer noch einfach, Marken aus dem Westen zu finden, sowie Coca Cola und Nutella.

An diesem Morgen hatten wir Glück. Wir fanden ein kleines Cafe mit einer Terasse am Straßenrand. Der Besitzer begrüßte uns, und wir machten ihm mit Zeichensprache klar, dass wir etwas zu essen haben wollten. Er bat uns, uns hinzusetzen und rief dann etwas über die Straße. Bald kam der Koch an, er war in einem Feld in der Nähe unterwegs gewesen. Er trug eine Kombination aus Schlafanzug und Arbeitskleidung, sein Kragen war hochgeschlagen und er hatte wilde Haare und ein breites Lächeln. Er trug eine getrocknete Sonnenblume (Sonnenblumenkerne sind hier ein beliebter Snack). Wir hatten keine Ahnung was wir bestellt hatten, und so waren wir erfreut als der Koch nach kurzer Zeit mit zwei Omelettes, Brot und Tee ankam.

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Als wir mittags in Zanjan ankamen, hatten wir mal wieder Probleme, ein Hotel zu finden. Als wir auf unsere Karte sahen, kam ein Mann an und lud uns sofort ein, zu seinem Haus zu kommen. Wir lehnten höflich ab, da wir erstmal duschen und etwas essen wollten, und er half uns ein Hotel zu finden. Hier verbrachten wir zwei Nächte, entspannten uns, erkundeten die Stadt und kauften Essen für den nächsten Teil unserer Reise. Wir planen, über Qom und Kashan nach Esfahan zu fahren.

Montag, 18. Oktober 2010

Touristen-Vorführung

Als wir durch die staubigen Ausläufer von Mianeh fuhren, wurden wir von den üblichen Werkstätten begrüßt, in denen Teile von alten Paykans und Lastern zur Reparatur herumlagen. Wenn man erstmal durch dieses Chaos hindurchgefahren ist können die Kleinstädte hier recht angenehm sein, aber sie sind immer voller Verkehr. Autos und Laster erkämpfen sich ihre Positionen, und Motorräder drängeln sich durch die kleinsten Öffnungen. Wir wissen, dass Fahrräder die unwichtigsten Verkehrsteilnehmer sind und verhalten uns dementsprechend, aber manchmal verwirrt das die Fahrer, da sie erwarten, dass wir uns auch agressiv verhalten. Wenn man die Nerven behält, geht es ganz gut, aber wir verstehen immer noch nicht die Ampeln. Die bestehen normalerweise aus drei Lichtern, alle entweder orange oder rot. Normalerweise blinkt das mittlere Licht. Sowie wir das verstehen, bedeutet orange “fahr wenn Du willst, aber sei auf alles vorbereitet”, und rot “anhalten”, aber es scheint als ob es Variationen des Anhaltens gibt, denn die meisten Autos fahren trotzdem weiter wenn das mittlere rote Licht blinkt. Ziemlich verwirrend, und normalerweise folgen wir einfach dem Verkehr.  

Wie immer konnten wir kein Hotel finden, da alles nur in Farsi angeschrieben ist (in arabischen Schriftzeichen). Wir hielten an einer Kreuzung an, um auf unsere Karte zu sehen. Sofort versammelten sich einige neugierige Leute um uns herum, und wir erklärten mit Händen und Füßen, woher wir gekommen waren und wohin wir fahren wollten.

Bald fragte uns ein Mann in gebrochenem Englisch ob er uns helfen könnte. Wir fragten nach einem Hotel, wobei wir das Wort “günstig” betonten, denn normalerweise werden Touristen immer zum teuersten Hotel im Ort geschickt, da angenommen wird, dass wir gern mehr bezahlen, wenn wir dafür eine Sitztoilette bekommen! Nachdem er uns in Augenschein genommen hatte, entschied er, dass wir bereit für die günstigeren Einrichtungen waren.

Der nette Mann hatte angeboten, uns zum Hotel zu bringen, aber erst fragte er, ob wir etwas vom Laden nebenan brauchten.

“Laden, Brot, Yoghurt, Milch, Eier?” fragte er, wobei er sein ganzes Essens-Vokabular gebrauchte.

Guy lehnte höflich ab und erklärte, dass wir momentan nichts brauchten, aber anscheinend wurde das “Nein” nicht akzeptiert.

“Nein, nein, ich sage DIR, brauchst DU etwas vom Laden!”

“Ähm, nein, ich brauche wirklich nichts”, sagte Guy.

Nach etwas Verwirrung brachte er uns dann zum Lehrer-Wohnheim, wobei er Guy am Arm festhielt, als wir die Straße überquerten, während Frederike hinterher ging.

Das Lehrer-Wohnheim sah viel zu schön aus, verglichen mit den Orten wo wir normalerweise übernachten, und wir machten uns Sorgen um den Preis. Nach einer kleinen Verhandlung fanden wir uns aber in dem besten Zimmer wieder, dass wir bisher in Iran hatten, mit Bad (zwar kein Sitzklo, aber immerhin ein Stehklo mit Spülung), Kühlschrank und einem sicheren Platz für unsere Fahrräder.

Der Mann, der uns die Unterkunft gezeigt hatte, Nader, wollte uns später wieder treffen und uns die Stadt zeigen. Wir warteten also später vor dem Wohnheim auf ihn, und bald kam Nader mit seinem etwas rotunden Sohn.

Er stellte uns seinen Sohn vor: “Dies ist mein Sohn, er ist sehr dick.”

Geschockt von dieser abrupten Vorstellung suchte Guy nach einer passenden Antwort. “Neeeein, Nader, er ist nur… naja, gut gefüttert, Deine Frau muss eine sehr gute Köchin sein”, sagte er und bereute es sofort.

Bald wurde klar, dass die Konversation etwas limitiert sein würde, da Nader’s Englisch nicht sehr gut war. Nader erklärte, dass er seit 30 Jahren Lehrer war. Guy fragte ihn, welches Fach er unterrichtete.

“Ich bin Lehrer Englisch.”

Guy warf Frederike einen vielsagenden Blick zu. Vielleicht erklärte das, warum wir so wenig englisch-sprachige Leute im Ort getroffen hatten…

Wir entschieden, dass wir in den Park gehen sollten, der Stolz jeder iranischen Stadt. Kurz vor dem Eingang fragt Nader uns ob wir Eis essen wollten.

“Mister Guy, magst Du Eis?” fragte Nader.

“Klar”, antwortete Guy.

“Mag sie auch Eis?” fragte Nader und zeigte auf Frederike, die gerade mal einen Meter von ihm entfernt war.

In einem Versuch, Frederike mehr in die männlich dominierte Konversation zu bringen, schaute Guy Frederike an.

“Ja, ich mag auch gerne Eis”, zwischerte Frederike.

Als wir in den Eisladen kamen, wurde uns bald klar, dass Nader dort viele Leute kannte, und allen gleich seinen Fund aus fernen Ländern präsentierte.

Das Eis hatte einen Rosengeschmack und war sehr lecker. Frederike überlegte, was die braune Flüssigkeit in einer Flasche auf dem Tisch war. Nach einer Diskussion mit den Angestellten wurde eine kleine Schüssel Bohnen serviert, ähnlich wie Kidneybohnen aber größer.

Nader goss die braune Flüssigkeit über die Bohnen, und wir rochen, dass es Essig war.

“Was ist es?” fragte Nader.

“Bohnen”, sagten wir.

“Was ist es?” fragte Nader und zeigte auf den Essig.

“Essig”, sagte Frederike.

Er schrieb die Worte in sein Notizbuch. Sicher würden es die “Worte des Tages” im morgigen Englisch-Unterricht sein.

Guy machte den klassischen Touristen-Fehler, als er die Bohnen mit seiner linken Hand nahm (die Klo-Hand). Frederike schoss ihm einen vielsagenden Blick zu, aber es war zu spät, wie man Nader’s Blick entnehmen konnte. Sofort wurde eine zweite Schüssel Bohnen bestellt, und Nader sagte, dass sie für uns seien – er wäre nicht hungrig.

“Danke”, sagten wir.

Einige Momente später fragte er, ob er auch ein paar Bohnen haben könnte. Uns wurde klar, dass wir noch einen Touristen-Fehler begangen hatten: Wir hatten das Ta’arof vergessen. Wir hätten die Bohnen ablehnen sollen, da Nader sie selber essen wollte. Währenddessen hatte sein Sohn, Salar, bereits seine zweite Portion Eis gegessen.

Danach gingen wir zum Stadtzentrum, wo es viele moderne Läden gab, die alles Mögliche verkauften, von den neuesten Handys und Flachbildschirmen bis zu Läden mit handbemalten Vasen aus Esfahan und Perserteppichen aus Tabriz.

In jedem zweiten Laden kannte Nader jemanden, und er stellte immer sicher, dass alle uns bewunderten und begrüßten. Wir wurden überall mit großen Lächeln und Handschütteln (für Guy) begrüßt. Es fühlte sich zwar recht selbstgefällig an, so im Mittelpunkt zu stehen, aber zugegebenerweise machte es auch Spaß.

Nader hatte auch einen älteren Sohn, der einen Schuhladen im Ort hatte. Wir besuchten ihn.

“Was hältst Du von meinem Sohn, er ist schön?”

“Ja, er ist sehr schön”, sagte Guy mit einem Augenzwinkern.

Sofort informierte Nader seinen Sohn, dass Guy ihn schön fand, was für beide ziemlich peinlich war.

“Fühlt Ihr wohl?” fragte Nader.

“Ja, wir fühlen uns wohl.”

“Seid Ihr müde, geht Ihr Hotel oder Park.”

Wir schlugen vor, dass wir vielleicht über den Park zum Hotel gehen könnten. Wir wollten den Park immer noch gerne sehen. Auf dem Rückweg waren wir fast beim Park, und dann ging es plötzlich in Richtung Hotel. Anscheinend war es nicht unser Schicksal, den Park zu sehen.

Im Hotel fanden wir heraus, dass Nader auch eine aktives Mitglied des Pingpong-Teams war, und anscheinend ist sein Bruder der Coach des iranischen Nationalteams! Natürlich hatte Salar auch die starken Pingpong-Gene geerbt und wir sahen ein Video von ihm auf seinem Handy. Im Laufe des Abends war Guy ziemlich müde geworden, und das hatte leider seine Aussprache von “Salar” in “Salat” verwandelt.

“Oooh, guck mal, ich kann Salat sehen, er spielt wirklich gut Pingpong, Nader!”

Und dann, nur um es noch schlimmer zu machen: “Salat, Du bis wirklich gut im Pingpong.”

Nachdem wir noch einige Fotos gemacht hatten und unsere Adressen ausgetauscht hatten, verabschiedeten wir uns nach einem wirklich unterhaltsamen aber auch anstrengenden Abend.

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Samstag, 16. Oktober 2010

Tabriz: Ein Einblick ins Leben der Iraner

Wir verbrachten nur zwei Tage in Tabriz, aber es fühlte sich viel länger an. An unserem ersten Tag wurden wir von einem Einheimischen adoptiert um den fantastischen Basar mit seinen exotischen Früchten und Gewürzen, bunten Teppichen und handgefertigtem Schmuck zu erkunden. Wir hatten eigentlich am zweiten Tag nicht viel vor und wollten uns nur ausruhen, unser Tagebuch schreiben und unsere Fotos sortieren. Allerdings wollten wir auch die Blaue Moschee besuchen.

Die Blaue Moschee wurde 1465 gebaut und war eines der prächtigsten Gebäude der Zeit. Alle Oberflächen waren mit blauen Mosaiken und Kalligraphie bedeckt. Leider stürzte sie in einem Erdbeben 1773 ein und wurde erst in den 50ger Jahren wieder aufgebaut. Bei der Moschee trafen wir zwei Mädchen aus Kermanshah, die für einen Wochenendausflug nach Tabriz gekommen waren. Sie waren sehr nett und luden uns nach Kermanshah ein, was aber leider nicht in unserer Richtung liegt. 

Innerhalb der Moschee waren die Stellen mit den ursprünglichen Kacheln noch erstaunlich farbig, und ein Besuch vor dem Erdbeben muss sicher atemberaubend gewesen sein. 

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Danach ruhten wir uns in einem Park in der Nähe aus und sahen zu, wie Familien Picknicks machten und Kinder auf Rollerblades vorbeisausten. Ein älterer Mann mit krausen weißen Haaren kam auf uns zu. Er sprach Deutsch und war erfreut, mit uns sprechen zu können. Wie ein Wasserfall redete er auf uns ein und fragte uns über die wirtschaftliche und politische Situation in Deutschland, Australien und Großbritannien aus. Er hatte Fragen über Fragen: “Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit momentan in Australien? Ist Australien auch von der Finanzkrise betroffen? Was sind die größten Exporte? Was haltet Ihr von Angela Merkel? Stimmt es, dass sie einen Doktortitel hat? Wenn Ihr in den USA wohnen wolltet, bräuchtet Ihr dann auch ein Visum?” und so weiter. Er war ein extrem neugieriger, interessierter und gutherziger Mann, und wie viele Leute hier sah er etwas traurig aus, als wir uns letztendlich verabschiedeten, um zurück zu unserem Hotel zu gehen.

Wir glauben dass viele Iraner besonders gerne Ausländer treffen, da wir eine Verbindung mit der Außenwelt repräsentieren. Gleichzeitig ist es aber auch manchmal gefährlich für sie, mit uns gesehen zu werden, und einige Male mussten wir so tun, als ob sie uns nur den Weg zeigten, wenn ein Polizist vorbeikam. Viele gebildete Iraner mit denen wir sprachen träumen davon auszuwandern, vor allem in die USA, Kanada, Australien und England. Viele Leute sprechen offen mit uns über ihre Probleme mit der Regierung und fragen uns nach Informationen über das Leben in unseren Heimatländern, und wie sie ein Visum bekommen könnten. Ein junger Mann sagte zu uns: “Unser Präsident ist ein sehr schlechter Diplomat, was die Situation für uns Iraner viel schlimmer macht. Es fühlt sich an wie ein Gefängnis. Ich habe nur einen Wunsch: Auszuwandern.” Es ist wirklich eine traurige Situation, dass so viele Leute mit denen wir sprechen in diesem Dilemma stecken: Ihr Land zu verlassen, dass sie von Herzen lieben, aber das ihnen so wenig Freiheit gibt. Ein anderer Mann sagte zu uns, das nicht mal alles iranische Öl-Geld ihn überzeugen könnte, in diesem Land zu bleiben, wo er keine Freiheit hat. Eine junge Frau erzählte uns, dass bereits 40% ihrer früheren Klassenkameraden ausgewandert sind.

Auf dem Rückweg von der Moschee bemerkten wir ein junges Mädchen mit ihrem Vater. Manchmal gingen sie neben uns, dann überholten wir sie, und plötzlich waren sie wieder vor uns. Als wir sie wieder einmal überholten, hörten wir ein leises “Hallo”. Sie waren beide sehr schüchtern, wollten aber wirklich gerne mit uns reden. Das Mädchen war 13 Jahre alt und trug eine Zahnspange. Sie sprach etwas Englisch, und ihr Vater war noch schüchterner als sie. “Bitte, kommt zu unserem Haus”, luden sie uns nach ein paar Minuten ein. Wir waren neugierig, aber gleichzeitig auch müde von unserer vorigen Begegnung mit dem deutschsprachigen Mann. Wir hatten auch noch einiges zu erledigen, so dass wir höflich ablehnten, aber wir gingen ein Stück gemeinsam spazieren. Wir fanden die Leute in Tabriz so extrem freundlich dass wir nicht alle Einladungen akzeptieren konnten, ansonsten hätten wir gar keine Zeit für uns gehabt. Iran ist das faszinierendste, interessanteste und widersprüchlichste Land in dem wir bisher gereist sind, und wir brauchten etwas Zeit, um unsere Eindrücke zu verarbeiten.

Wir schrieben schnell unsere Tagebucheinträge und gingen zu einem Internetcafe. In der Türkei waren wir daran gewöhnt, fast immer WiFi Internet in unserem Hotel zu haben, aber in Iran existierte das fast gar nicht, sogar in den besseren Hotels. Es gab eine Überraschung für uns: Als wir ins Internetcafe kamen, sahen wir dort PY, den Franzosen, den wir in Dogubeyazit getroffen hatten. Wir dachten, dass er schon viel weiter sein würde, aber irgendwie war er immer noch in Tabriz. Er sah total erschöpft aus. Diagnose: Zu viel Gastfreundschaft. Er hatte sich mit ein paar jungen Leuten angefreundet, die Musiker waren. PY machte mit ihnen Musik und war daher viel länger als geplant geblieben. Sie wollten abends zum Elgoli Park außerhalb der Stadt fahren und luden uns ein, mitzukommen.

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Eine Stunde später waren wir auf dem Weg. PY holte seine Gitarre aus dem Hotel und wir stiegen alle in ein Taxi. Geteilte Taxis sind hier sehr üblich, und auf dem Weg halten Taxis normalerweise mehrmals an, um andere Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Die beiden Iraner saßen vorne, einer auf dem Schoß des anderen, und baten den Taxifahrer, eine Kassette mit ihrer Musik zu spielen. Sie mochten gerne Rap-Musik, was in Iran eigentlich verboten ist. Deshalb hatten sie auch keinen Zugang zu einem professionellen Aufnahmestudio und mussten ihre Musik in geheimen Studios in privaten Häusern aufnehmen. PY hatte ein paar Songs mit ihnen aufgenommen, die jetzt mit voller Lautstärke gespielt wurden. Das alte Paykan Taxi klapperte zu den starken Bässen der Rap-Musik, und der Taxifahrer wurde immer nervöser, nach dem Motto “mitgefangen, mitgehangen”. Ahmed, der Musik komponiert, erzählte uns dass er auswandern wollte, da alles was er gern macht in Iran verboten ist.

Der Plan war, einen ruhigen Ort im Park zu finden, um etwas Musik zu machen, aber das passierte nicht, denn der Park war voller Leute, die dort aßen und Wasserpfeife rauchten. Wir trafen dort auch eine junge Frau aus Tabriz, die PY durch die Couchsurfing Webseite getroffen hatte.

Sie erzählte uns dass es für sie nicht möglich ist, legale Software zu kaufen oder Iphone Apps herunterzuladen, denn wegen der Sanktionen gegen das Banksystem gibt es keine Möglichkeit, dafür zu bezahlen. Sogar Paypal ist in Iran blockiert. Es gibt daher einen riesigen Schwarzmarkt für Software, denn anscheinend gibt es in Iran auch nicht mal Urheberschutz-Gesetze, was einen großen Einfluss auf die Wirtschaft haben muss. PY’s Bekannte macht manchmal Übersetzungen für Firmen im Ausland (sie ist Englischlehrerin), und um bezahlt werden zu können muss sie einen Mittelmann benutzen, der ein Bankkonto in Azerbaidschan hat und das Geld für sie in Empfang nehmen kann. Die Leute hier fühlen sich ziemlich abgeschnitten vom Rest der Welt…

Es war ein interessanter Abend, und wir wären gerne länger in Tabriz geblieben. Allerding haben wir nur ein Visum für einen Monat und sind nicht sicher, ob wir es verlängern können, und so stiegen wir am folgenden Morgen wieder auf unsere Fahrräder und fuhren weiter in Richtung unseres nächsten Ziels, Zanjan.

Freitag, 15. Oktober 2010

Der Basar in Tabriz

Wow. Wir fühlten uns als ob wir zeitversetzt wären. So musste der Große Basar in Istanbul mal gewesen sein, vor sehr langer Zeit, und bevor es dort viel Tourismus gab.

Der Basar in Tabriz ist 7 km2 groß, wobei das meiste ein überdachtes Labyrinth von Läden ist. Der Bau begann vor über 1000 Jahren, und die Backstein-Überdachung wurde im 15. Jahrhundert gebaut. Im Basar gibt es auch 24 Karawansereien – große offene Höfe, in denen früher die Kaufleute mit ihren Kamelen lagerten.

Wir verirrten uns gleich im Basar, und unsere erste Begegnung war mit einem pensionierten Geschichts-Professor, der jetzt Antiquitäten in seinem kleinen Laden im Basar verkaufte. Er zeigte uns viele interessante Dinge, wie Münzen aus dem 18. Jahrhundert, irakische Geldscheine mit Saddam Hussein darauf, und eine handgefertigte Kette, in die man einen Miniatur-Koran stecken konnte.

Als nächstes entdeckten wir eine Bäckerei. Einige andere Kunden empfahlen uns bestimmte Kuchen, und wir kauften Muffins, Sahne-Gebäck und Kekse, alles zusammen für 1 Euro.

In der Teppich-Abteilung kamen wir durch eine große Halle, in der Männer auf dem Boden saßen und Teppiche knoteten. Wir hatten noch nie solche Teppiche gesehen: Viele waren auf Bilderrahmen gespannt und zeigten Bilder wie englische Häuser, Nomaden mit Eseln, Blumensträuße und Teppiche mit arabischen Schriftzeichen. Überraschenderweise gab es auch einige christliche religiöse Teppiche, wie das letzte Abendmahl, und Maria mit dem Baby Jesus. Es gab auch Teppiche, die einen 100 US Dollar Schein darstellten, und sogar einen mit Lady Di darauf!

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Niemand beachtete uns. Offensichtlich waren Touristen hier nicht die Hauptkunden – wie angenehm, und was für ein Unterschied zum Großen Basar in Istanbul!

Als wir in der Teppichabteilung herumspazierten trafen wir einen älteren Mann, der sehr gut Englisch sprach. Er trug einen kleinen Teppich unter dem Arm und ludt uns in seinen Laden ein, um Tee zu trinken. Wir akzeptierten und erwarteten, dass er uns einen Teppich verkaufen wollte, dachten aber, dass wir vielleicht etwas lernen könnten. Wir gingen eine kleine Treppe hoch und landeten in einem kleinen Büro voller Teppiche. Mehrere Männer waren bereits da und machten Geschäfte, und unser neuer Freund holte uns Tee. Wir wissen seinen Namen leider nicht, aber er zeigte uns Bilder von anderen Ausländern, die er getroffen hatte, und er war einfach nur daran interessiert, sich mit uns zu unterhalten. Er versuchte nie, uns einen Teppich zu verkaufen. Er erklärte uns aber, dass Tabriz der wichtigste Ort für Teppiche in Iran ist, und dass viele Leute aus Teheran und Esfahan kommen, um hier Teppiche zu kaufen. Er ist der Mann mit dem braunen Anzug im rechten Bild.

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Unser Sprachführer für Farsi war nutzlos, da die Leute in dieser Gegend hauptsächlich Azeri sind. 25% der Bevölkerung in Iran ist Azeri, und sie sprechen eine Mischung aus Azeri und Türkisch. Die meisten verstehen oder sprechen auch Farsi, aber es ist nicht ihre Muttersprache. Iran ist ein unglaublich diverses Land, und bisher haben wir nicht viele Perser getroffen. Wir haben hauptsächlich Azeri, Türken und Kurden getroffen, aber wir denken, das wird sich ändern, wenn wir weiter Richtung Süden fahren.

Nach dem Tee führte uns unser neuer Freund durch den Basar. Wir gingen mit ihm durch die Kräuter-und Gewürz-Abteilung, wo viele Läden große Säcke mit duftenden Waren anboten, z.B. Safran, Minze und Lavendel. Er erklärte dass viele Leute hier natürliche Heilmittel benutzen, und die Kräuter wurden für alle möglichen Leiden benutzt.

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Wir gingen auch durch die Schmuck-Abteilung, wo Juweliere Ringe machten, und wir besuchten einen Laden, der handgefertigte Messer mit Griffen aus Schafsknochen herstellte. Unser Freund nahm uns mit zu den Honigläden, wo Honigwaben und Gläser mit Honig verkauft wurden. Wir kauften auch saftige iranische Datteln, die von einem spezialisierten Laden abgewogen und in kleine Kästchen verpackt wurden.

Diese altmodische Art des Einkaufens gefiel uns sehr gut. Es war so authentisch, und die Verkäufer waren so stolz auf ihr Handwerk und ihre Produkte. Im Basar in Tabriz fingen wir wirklich an, uns in Iran zu verlieben.

Wir besuchten auch eine Moschee in der Nähe, und dann war es Zeit zum Essen. Wir gingen in ein kleines Restaurant im Basar, wo viele Verkäufer ihr Mittag essen oder Tee trinken und die Wasserpfeife rauchen. Hier wurde uns gezeigt, wie man Dizi isst. Dizi ist ein iranischer Eintopf aus Lamm, Kichererbsen, Kartoffeln und Tomaten. Ihn zu essen ist eine Kunst: Erstmal tut man Fladenbrotstücke in eine Schüssel, und dann gießt man die Flüssigkeit von dem Dizi auf das Brot. Das Brot wird so etwas eingeweicht und dann gegessen. Danach tut man den Rest des Eintopfs in die Schüssel und zerstampft ihn zu einem Brei, bevor man ihn isst. Für Frederike war es ein ungewöhnlicher Geschmack, da sie normalerweise kein Lamm isst, aber es war trotzdem lecker.

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Die Obst und Gemüsehändler waren auch exotisch, mit Säcken voller winziger Zitronen, süßen Mandarinen mit einer giftgrünen Schale, und kleinen Handwagen, die hoch mit Granatäpfeln oder gerösteten Rüben beladen waren.

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Wir verabschiedeten uns von unserem neuen Freund und gingen zurück zum Hotel. Wir liefen durch einen Park, wo Männer Schach spielten und es eine Reihe von Bücherständen gab. Am nächsten Tag besuchten wir die Blaue Moschee und trafen viele freundliche Leute, einschließlich einer sehr schüchternen 13-jährigen mit ihrem Vater, die uns in ihr Haus einluden. In unseren ersten paar Tagen in Iran haben wir schon so viele Einladungen bekommen, dass es unmöglich ist sie alle zu akzeptieren. Die Leute hier sehen nicht so oft Ausländer und sind sehr an uns interessiert. Wir fühlen uns sehr willkommen. Wir könnten noch viel länger hier in Tabriz bleiben, aber da unser Visum begrenzt ist, müssen wir morgen weiter, um in Richtung Zanjan zu fahren.

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Übergänge: Gewöhnung an Iran

In Iran werden wir unsere Blog-Einträge etwas anders halten. Momentan werden wir keine chronologische Widergabe unserer Erfahrungen publizieren. Stattdessen werden wir bestimmte Aspekte mehr im Detail beschreiben. Unsere chronologischen Einträge werden später folgen, wenn wir eine bessere Internet-Verbindung haben…

Wir hatten ein paar interessante Tage, in denen wir die Grenze von der Türkei überquert haben und über Maku nach Tabriz gefahren sind. Wir sind jetzt in einer ganz anderen Welt, wo die Dörfer ärmer sind und es viel weniger Annehmlichkeiten entlang der Straße gibt als in der Türkei, wie z.B. Läden und Wasserhähne.

Frederike trägt jetzt ihr neues Outfit um die Gesetze in Iran zu beachten: Einen leichten Baumwoll-Mantel, lange Hose und einen “Buff” (eine Art Schal), den sie unter ihrem Helm trägt, um ihre Haare zu bedecken. Zum Glück sind die Temperaturen jetzt relativ kühl. Wenn sie nicht Fahrrad fährt trägt sie ein etwas hübscheres Kopftuch, um besser zu den Frauen hier zu passen. Manche Frauen tragen sehr moderne Kleidung und viel Schminke, und die Kopftücher sind nach hinten geschoben, so dass man ihre Frisuren sehen kann. Viele junge Frauen tragen Jeans und Turnschuhe unter ihren Mänteln. Aber die meisten Frauen, die wir bisher gesehen haben, tragen den Chador – ein großes schwarzes Tuch, manchmal mit schwarzen Blumen verziert, das sie von Kopf bis Fuß einhüllt und mit den Händen oder Zähnen zugehalten wird. Oft bedecken sie sogar ihr Gesicht, so dass man nur die Augen sehen kann. Frederike gewöhnt sich langsam an die Kleidungsregeln, aber es ist manchmal schon etwas anstrengend. Vor allem in billigeren Hotels, wo es ein geteiltes Bad gibt, und sie jedesmal ihr Kopftuch und ihren Mantel anziehen muss, wenn sie auf die Toilette geht!

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Es ist recht normal dass die Männer, mit denen wir sprechen, nur mit Guy reden, sogar wenn sie Fragen über Frederike haben. “Wie heißt sie?”, “Was ist ihr Beruf?” Daran musste Frederike sich erstmal gewöhnen. Auf der anderen Seite finden wir die Frauen hier recht selbstbewusst, und einige kommen auf der Straße auf uns zu, um mit uns zu sprechen. Wir sehen auch generell mehr Frauen auf der Straße als im Osten der Türkei, wo es fast überhaupt keine Frauen gab.

Unser erster Eindruck von den Iranern ist, dass sie etwas schüchterner sind als die Türken, aber sehr warmherzig, freundlich und neugierig. Sie sind immer bereit, uns zu helfen, und ein kurzes “Salam” resultiert oft in eine Gruppe von Menschen, die um uns herumstehen um uns zu helfen. Es ist auch sehr einfach, englisch-sprachige Leute in Iran zu finden. Jedesmal wenn wir anhalten, um jemanden nach dem Weg zu fragen, finden wir jemanden der Englisch spricht. Die Iraner scheinen sehr intelligente Leute zu sein, und wenn wir sie fragen, wo sie Englisch gelernt haben, sagen sie oft, dass sie es sich selbst beigebracht haben. Iraner sind auch sehr gebildet, und es gibt überall Buchläden. Sie sind auch extrem neugierig und an Fremden interessiert. Letztens sprachen wir mit einem Studenten, der uns sagte dass er sehr nervös und aufgeregt war, da wir die ersten Ausländer waren, mit denen er je gesprochen hatte!

Wir genießen auch das Essen im Iran, insbesondere die frisch gepressten Säfte und die Bäckereien mit frisch gebackenen Kuchen und Keksen, die wir in Tabriz überall sehen.

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Unsere ersten paar Tage in Iran waren ziemlich verwirrend. Alle Straßenschilder sind auf Farsi geschrieben, welches wir überhaupt nicht entziffern können. Manchmal haben wir Schwierigkeiten, ein Hotel zu finden, weil das Wort “Hotel” auch auf Farsi geschrieben ist. Zum Glück sind die Iraner immer sehr hilfreich, so dass wir es am Ende doch immer finden. Die andere verwirrende Sache ist das Geld. Wir hatten an der Grenze 100 Euro gewechselt, und wurden sofort Millionäre als wir einen großen Stapel Scheine bekamen, die 1,45 Millionen Rial wert waren. Das Problem ist, dass niemand in Iran in Rial rechnet, sondern in Toman – ein Toman ist 10 Rial. Manchmal reden sie auch in US Dollar. Da wir am Anfang die Preise nicht kannten, wussten wir nie, wenn der Ladenbesitzer 3 Finger hochhielt, ob es 300, 3.000, 30.000 oder 300.000 Rial waren. Glücklicherweise waren bei unseren ersten Einkäufen immer Iraner dabei, die uns halfen und die Preise für uns übersetzten.

Ein weiteres kompliziertes System hier ist Ta’arof. Das ist ein formalisiertes Höflichkeits-System, das für Außenstehende sehr verwirrend sein kann. Zum Beispiel bietet uns vielleicht jemand etwas zu essen an, aber anstatt es einfach zu akzeptieren, müssen wir das Angebot erstmal ablehnen. Sie bieten es dann nochmal an, aber wir müssen es erstmal dreimal ablehnen, bevor wir es akzeptieren können. Das System gibt den Leuten die Möglichkeit, etwas anzubieten, obwohl sie es sich vielleicht gar nicht leisten können, und dann das Angebot zurückzuziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Es kann auch sein, dass wir für etwas bezahlen möchten, und uns gesagt wird “es kostet nichts” – dann müssten wir darauf bestehen, bis sie das Geld nehmen. Für uns ist es schwierig, zu wissen ob ein Angebot echt ist, oder ob es nur Ta’arof ist, aber langsam gewöhnen wir uns an die Besonderheiten der iranischen Kultur.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Suleyman der Schreckliche

Marand - Tabriz

Am Stadtrand von Marand wurden wir von der Geheimpolizei angehalten (glauben wir zumindest). Ein Mann folgte uns mit seinem Auto und hielt uns an. Zwei andere Männer standen schon daneben und kamen näher als er uns in perfektem Englisch mit Fragen bombardierte. Wie viele Tage sind Sie schon in Iran? Wie ist Ihre geplante Route? Wo werden Sie die heutige Nacht verbringen? Wie finden Sie die Leute in Iran? Wie können Sie Ihre Aussage belegen, dass die Iraner freundliche Leute sind? Ich bin Iraner, woher wissen Sie, dass ich freundlich bin? Wie können Sie das beweisen?

Guy tat sein Bestes, die ganzen Fragen zu beantworten (Frederike wurde währenddessen ignoriert, weil sie eine Frau ist). Es schien zu genügen, denn letztendlich durften wir weiterfahren, während der Mann seinen beiden Kollegen die Unterhaltung auf Farsi nochmal erklärte. Inzwischen war es leider schon spät und es wurde langsam dunkel, als wir in den Ort fuhren. Kein Problem, dachten wir, wir sind ja jetzt in der Stadt und werden dort einfach ein Hotel finden. Allerdings war der Ort viel größer als erwartet, und wir mussten mehrmals nach dem Weg fragen. Am Ende folgten wir ein paar jungen Männern auf einem Motorrad durch den Feierabendverkehr, bis sie auf eine Straße zeigten und sagten, dass das Hotel 5km außerhalb des Ortes wäre, und zwar bergauf. Jetzt waren wir schon 105km gefahren, es war dunkel und wir waren müde. Eine Gruppe von Leuten stand um uns herum, und der Konsens war, dass das Hotel auf dem Berg die beste Option für uns Ausländer wäre. Es gab zwar noch eine Unterkunft im Ort, aber sie wäre zu dreckig für uns. Ein bisschen Dreck hätte uns zwar nicht geschadet, aber wir wollten nicht wieder in den Feierabendverkehr hineinfahren, und außerdem war das Hotel in der Richtung, in die wir am nächsten Morgen sowieso fahren müssten. Also fuhren wir weiter bergauf und erwarteten, dass wir wohl etwas mehr bezahlen würden, für so ein gutes Hotel.

Es war erst 18 Uhr, aber es war inzwischen stockdunkel, es gab keinen Seitenstreifen, auf dem wir fahren konnten, und es gab viel Verkehr auf der Straße. Nach einer Weile gab es keine Gebäude mehr und wir dachten, dass wir vielleicht das Hotel verpasst hatten. Wir hielten an, um nochmal an einer Baustelle nach dem Weg zu fragen. Inzwischen hatten wir wirklich genug von dem Verkehr, und davon, im Dunkeln bergauf zu fahren (5km bergauf kann lange dauern!), und wir fragten, ob wir evtl. an der Baustelle unser Zelt aufstellen könnten.

Der Nachtwachmann zeigte auf ein leeres Wachhaus und bot uns an, dort zu schlafen. Das war natürlich perfekt! Wir schoben die Fahrräder in das Häuschen und er lud uns in seinen Container auf einen Tee ein. Er schien extrem gastfreundlich zu sein und brachte uns Brot, Käse und Gurken, stellte sicher dass wir bequem saßen etc. Wir beschlossen, unser Abendessen dort zu kochen, und machten Spaghetti mit Thunfischsoße. Suleyman, der Wachmann, aß mit uns und wir hatten viel Spaß. Er lernte englische Worte, und wir lernten Farsi und kommunizierten mit unserem Sprachführer. Suleyman zeigte allerdings auch auf sich selbst und rief “Kurdistan! PKK!” Das machte uns ein wenig Sorgen, da wir eigentlich dachten, dass wir endlich aus der PKK-Zone draußen wären. Auf der anderen Seite waren wir froh, echte kurdische Gastfreundschaft zu erfahren, nach unseren gemischten Erfahrungen in der kurdischen Region der Türkei. Später kam noch ein Freund und trank Tee mit uns, und dann war es Zeit zum Schlafen. Unser Geschirr blieb im Container und es wurde entschieden, dass wir es erst am nächsten Morgen spülen sollten.

Suleyman ging mit uns zurück zum Wachhaus, zeigte auf ein paar Decken, die wir benutzen konnten, und gab uns eine Tüte Chips. Er erklärte, dass er heute in Marand schlafen würden, und dass er am nächsten Morgen um 7 Uhr zurückkommen würde. Und dann, im Dunkeln, so dass wir nur seine Silhouette sahen, machte er uns klar, dass wir ihm dann Dollar geben würden. Dollar?!

Wir waren enttäuscht und verärgert. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass er von uns eine Bezahlung erwartete. Wir hatten so viel Spaß zusammen gehabt, wir dachten wir wären Freunde! Suleyman wendete sich zum Gehen. Aber halt – wie viele Dollar denn? Er verstand unsere Frage nicht, aber wir bestanden darauf und gaben ihm einen Zettel um aufzuschreiben, wieviel Geld er von uns haben wollte. Er wurde sehr nervös und rannte mit dem Zettel in Richtung Straße, während wir im Wachhaus herumtigerten und unsere Möglichkeiten abwägten. Als er endlich zurückkam, hatte jemand auf den Zettel geschrieben “mani gevmi” – aha, “give me money”. Immer noch kein Betrag, aber endlich verstand er unsere Frage und wollte $10 haben. Wir boten ihm $5 an, er akzeptierte schnell und bedeutete uns, dass er das Wachhaus abschließen würde, für unsere “Sicherheit”. Das war uns gar nicht geheuer und wir fragten ihn nach dem Schlüssel, aber er bestand darauf, dass er den Schlüssel behalten müsse, und plötzlich machte er die Tür zu, schloss sie von Außen ab und ließ und alleine im Dunkeln. Wir wussten, dass wir im Notfall aus dem Fenster steigen könnten, aber das war mit den Fahrrädern nicht praktikabel, und wir wollten auch nicht alles wieder einpacken und wieder hinaus in den Verkehr. Ausserdem hatte Suleyman noch unsere Teflon Pfanne. Also blieben wir da.

Wir machten es uns mit den Decken im oberen Zimmer gemütlich und versuchten zu schlafen. Allerdings kam mit der Nacht auch unsere Paranoia. Wir machten uns Sorgen, dass Suleyman mit unserem $5-Angebot nicht zufrieden wäre und mit seinen PKK-Kumpanen zurückkommen könnte. Er hatte uns verraten, und wir vertrauten ihm nicht mehr. Wir entschieden, dass wir uns auf das Schlimmste gefasst machen sollten, und so taten wir was jede vernünftige Person getan hätte: wir bewaffneten uns. Unsere Hauptwaffe ist unser Pfefferspray, das Frederike in ihrem Kopftuch verstecken und im Ernstfall blitzschnell herausziehen könnte. Zusätzlich hatten wir auch ein kleines Tachenmesser, dass zwar sogar mit Brotkrusten Probleme hatte, aber es war alles was wir hatten. Und so lagen wir da auf unseren Schlafmatten, mit weit geöffneten Augen, und spitzten die Ohren für das kleinste Geräusch.

Ein wenig später hörten wir unten Stimmen, und ein kleiner Stein wurde gegen unser Fenster geworfen. Unsere Herzen setzten einen Schlag aus: Suleyman und die PKK waren da!

Wir lugten aus dem Fenster, und sahen drei Männer, die unten herumstanden und uns riefen. Der Ernstfall war eingetreten – wir mussten kämpfen!

Noch im Halbschlaf entschieden wir, dass wir uns erstmal anziehen und für den Kampf vorbereiten sollten. Guy lief wie ein kopfloses Huhn herum, weil er seine Radlerhosen nicht finden konnte, bis ihm klarwurde, dass sie nicht unbedingt für einen Kampf notwendig waren. Frederike konnte nichts sehen und hatte dann Guy’s Hemd an, während sie in Panik herumlief, weil sie ihr Kopftuch nicht finden konnte – wenn sie ohne Kopftuch auf die Straße lief, würde sie dann festgenommen werden?

Inmitten dieser Verwirrung und Panik hatte Guy eine Idee.

“Sollen wir versuchen, mit ihnen zu reden?” Ok, das ist eine gute Idee, erstmal Diplomatie probieren! Also öffneten wir das Fenster und Guy steckte seinen Kopf hinaus.

So entspannt wir möglich erkundigte er sich nach dem Grund für ihren Besuch.

Überfall, Diebstahl, Entführung, Folter…

Die Männer riefen “Suleyman, Suleyman”, und machten Essens-Gesten. Sie waren nur Suleyman besuchen gekommen, um etwas zusammen zu essen! Guy erklärte, dass Suleyman in Marand war, und die Männer dankten uns und gingen weg.

Wir legten unsere Waffen nieder, lachten über unser Dummheit und schliefen endlich ein, wobei wir uns schon darauf freuten, bald wieder mit unser beschichteten Pfanne vereint zu sein.

Um 7 Uhr kam Suleyman zurück, um uns aus unserem Gefängnis zu befreien. Er sah etwas kleinlaut aus und war sehr freundlich zu uns. Nichts in seinem Benehmen erinnerte an die unangenehme Situation des vorigen Abends. Er lud uns wieder in seinen Container ein, um einen Tee zu trinken. Wir akzeptierten die Einladung nur wegen unserer Pfanne. Suleyman brachte uns dann Brot und fing an, Omelettes in unserer Pfanne zu kochen. Wir mussten sowieso etwas zum Frühstück essen, also aßen wir und behielten Suleyman dabei im Auge. Er packte uns sogar noch etwas zu essen ein, spülte unser Geschirr und alberte herum. Wir waren uns nicht sicher, ob er sich schuldig fühlte, oder ob er sich besonders anstrengen wollte, so dass wir ihm mehr Geld gaben. Am Ende beschlossen wir, ihm $10 zu geben, weil er uns so viel Essen gegeben hatte, und wir waren erleichtert, als wir endlich die Baustelle verließen.

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Wir waren in eine heiklen Situation geraten weil wir die Schwierigkeiten, ein Hotel zu finden, unterschätzt hatten. Eigentlich glauben wir nicht, dass Suleyman besonders schlimme Absichten hatte – er wollte nur etwas Geld an uns Touristen verdienen, und er strengte sich für seine $10 ziemlich an. Oft müssen wir schnelle Entscheidungen treffen – vertrauen wir dieser Person? Von dieser Situation lernten wir, solche Entscheidungen zu vermeiden, wenn es dunkel ist und man sich die Person und die Umgebung nicht richtig ansehen kann.

Wir waren sehr müde von der ganzen Aufregung der vorigen Nacht, und dazu kam, dass es fast den ganzen Tag keinen Seitenstreifen auf der Straße gab, und der Verkehr sehr stark war. Ein Lieferwagen-Fahrer munterte uns aber auf, indem er uns etwas Yoghurt schenkte, und später gab uns ein junger Mann einen Apfel und eine Flasche eiskaltes Wasser.

Endlich erschienen die Ausläufer von Tabriz vor uns, und wir fühlten uns gleich wohl, als wir in die Stadt kamen. Die Stadt fühlte sich weltoffen an, mit vielen Bäumen, Cafes und Pizza-Restaurants. Erstmal verirrten wir uns etwas, aber am Ende fanden wir ein Hotel, das Jay uns empfohlen hatte, Hotel Ramsar. Es war sehr günstig und hatte auch eine Küche, die wir benutzen konnten.

Tabriz hat fast 2 Millionen Einwohner und eine Universität. 70% der Einwohner in Iran sind unter 30 Jahre alt, daher sieht man überall sehr viele junge Leute (Schwangerschaftsverhütung war hier in den 80ger Jahren verboten…). Es gibt viele Parks und einen wirklich beeindruckenden Basar. Hier sahen wir eine ganz andere Seite von Iran, und die gefiel uns sehr gut. Im Basar gewannen wir schnell neue Freunde, und es war so schön, eine moderne Stadt zu sehen, nach den deprimierenden Dörfern und verlassenen Fabriken der vorigen Tage. Es war zwar nicht Liebe auf den ersten Blick, aber langsam begannen wir, Iran zu schätzen.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Über die Grenze

Dogubeyazit – Marand

Nach zwei wundervollen Monaten in der Türkei mussten wir uns endlich verabschieden. Wir waren uns sicher, dass wir die Türkei vermissen würden, aber auf der anderen Seite waren wir auch bereit für ein neues Land, insbesondere nach unseren Abenteuern im Wilden Osten der Türkei. Wir verließen Dogubeyazit, um die letzten 30km bis zur Grenze zu fahren, vorbei am schneebedeckten Berg Ararat. Es gab dort auch ein Schild zur Arche Noah, aber wir hatten gehört, dass es nur ein Stein ist, der wie die Arche geformt ist. Das klang nicht so vielversprechend, und es war auch ein 10km Umweg und bergauf – nein danke!

Kurz vor der Grenze zog Frederike sich um. Ihr iranisches Outfit bestand aus einem leichten Baumwoll-Mantel und einem Buff, den sie wie eine Balaklava trug, um ihr Haar zu bedecken.

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Dann fuhren wir an einer Schlange von Lastern vorbei, die über 5km lang war. Es waren hauptsächlich türkische und iranische Laster, die darauf warteten, die Grenze zu überqueren. Aus den gelangweilten Gesichtern der Fahrer schlossen wir, dass manche schon sehr lange gewartet hatten.

An der Grenze gab es eine Überraschung: Plötzlich erschien Jay! Wir hatten Jay ein paar Tage vorher in Agri getroffen, und er sagte dass er uns auf dem Weg zur Grenze überholt hatte. Er hatte dort auf uns gewartet, um sicherzustellen, dass wir ohne Probleme durchkamen (er ist Iraner). Allerdings sagte er, er würde alleine durchgehen, da er glaubte, dass es ihm Probleme mit der Geheimpolizei bereiten könnte, wenn er mit uns gesehen wurde.

Sobald wir auf der iranischen Seite der Grenze ankamen, wurden wir von einigen extrem freundlichen Grenzbeamten begrüßt. Einer von ihnen steckte uns sogar die Telefonnummer eines Freundes in Tabriz zu, als wir erwähnten, dass wir die Stadt besuchen würden. Wir wurden auch von einem freundlichen Tourismusbeamten ausgefragt, der ein paar Details über unsere Route aufschrieb und uns eine Landkarte von Iran gab. Als wir auf unsere Pässe warteten, was nur ca 10 Minuten dauerte, taten wir erstmal so, als ob wir Jay nicht kennen würden. Allerdings ist er sehr freundlich und konnte nicht widerstehen, zu uns zu kommen und zu fragen, ob alles ok war. Wir hatten vereinbart, ihn hinter der Grenze zu treffen, aber wir warteten dort eine ganze Weile bis Jay endlich kam. Er sah aufgerührt aus und erzählte, dass er eine Stunde lang von der Geheimpolizei festgehalten worden war. Sie fragten ihn, wer wir waren und woher er uns kannte, und warum er so oft ins Ausland reiste. Dann drohten sie, ihn wieder festzuhalten, wenn er das nächste Mal die Grenze überquerte. Das war das erste Mal, dass uns bewußt wurde, wie vorsichtig wir in Iran sein mussten, um unsere iranischen Freunde nicht in Gefahr zu bringen.  

In einem Teehaus beruhigten wir erstmal Jay’s Nerven. Wir saßen auf einer Plattform, die mit Teppichen und Kissen ausgelegt war. Einige Männer rauchten nebenan Wasserpfeifen. Der Tee wird in Iran anders als in der Türkei serviert: Statt ein Stück Zucker in den Tee zu rühren, legt man es auf die Zunge so dass es schmilzt, wenn man den Tee trinkt.

Anschließend fuhren wir weiter in die erste größere Stadt in Iran, Maku, während Jay mit dem Taxi fuhr. Dort hatten wir wirklich Schwierigkeiten, ein Hotel zu finden, da alle Schilder nur in arabischer Schrift waren. Das war für uns komplett unlesbar, so dass wir nicht mal das Wort “Hotel” identifizieren konnten, und wir fragten mehrere Leute, bis wir das Hotel fanden. Jay war schon da und es war wirklich schön, ein bekanntes Gesicht zu sehen, da die Umgebung uns so fremd war. Die meisten Frauen von Kopf bis Fuß in den Chador gehüllt, der viele Verkehr, die ganzen Benimm-Regeln, Ta’arof, die Geheimpolizei – all das schwirrte uns im Kopf herum.

Jay wollte abends einen Bus nach Tabriz nehmen und hatte noch ein paar Stunden Zeit. Das Hotel war einfach, aber sehr günstig, vor allem nachdem Jay für uns einen guten Preis erhandelt hatte. Nach einem Spaziergang durch den Ort gingen wir essen. Das Essen war sehr lecker – Gerstensuppe, Hühnchen in Tomatensoße, Reis mit Granatapfel dekoriert, und Yoghurt. Insgesamt kosstete es nur $11 für uns drei zusammen. Gute Neuigkeiten, Iran schien viel billiger als die Türkei zu sein, was unserem Budget guttun würde (wir fühlten immer noch den Effekt von unserer teuren Zeit in Istanbul). 

Wir hatten drei Tage geplant, um von Maku nach Tabriz zu fahren, und wir wollten erstmal in Hotels übernachten. Dieses neue Land wollten wir erstmal kennenlernen, bevor wir wieder wild zelteten. An unserem ersten Tag war das Wetter bewölkt, kalt, und es regnete. Die Landschaft war öde und wir hatten Probleme, uns an den verrückten Verkehr zu gewöhnen.

Die Straße war recht klein, mit einem schmalen Seitenstreifen. Es gab sehr viel Verkehr, und auch viele Busse und Laster, und wir sahen so einige gefährliche Überholmaneuver. Manchmal überholte ein Bus einen Laster, und gleichzeitig überholte ein Auto den Bus, indem es auf dem gegenüberliegenden Seitenstreifen fuhr. Gleichzeitig gab es natürlich auch Fahrzeuge in der anderen Richtung, so dass es oft sehr knapp wurde. Zum Glück gaben uns die meisten Fahrzeuge genug Platz, aber wir mussten uns doch immer sehr auf den Verkehr um uns herum konzentrieren. Auch wenn die Landschaft mal interessanter wurde, konnten wir das nicht genießen, da unsere Aufmerksamkeit auf die Straße gerichtet war. Dazu kam, dass die meisten Fahrzeuge sehr alt sind (wie z.B. die 60ger Jahre Mercedes-Busse!), und die Luft daher so mit Abgasen verschmutzt ist, dass unsere Augen und Nasen wehtaten.

Die Dörfer sahen viel ärmer aus als in der Türkei, und auch nicht so farbenfroh. Viele Dörfer hatten nicht mal eine Moschee, und es gab nicht viel Landwirtschaft. Es war schwer zu glauben, dass Iran die zweitgrößten Öl- und Gasreserven der Welt hat, und nichts von diesem potenziellen Reichtum in den Dörfern ankommt. Wir kamen sogar an einem Schild vorbei, auf dem eine Tankstelle und eine Rose abgebildet waren, und dazu der Slogan “Wir werden siegen” (auf Englisch, wahrscheinlich so dass wir Touristen es auch verstehen konnten!). Es war ziemlich ironisch, denn überall waren verlassene Fabriken zu sehen. Es gibt auch nicht viele Tankstellen in Iran, und die Hälfte davon scheint geschlossen zu sein. Vor denen, die noch offen sind, gibt es normalerweise eine riesige Schlange von 40-50 Autos, die für Benzin anstehen. Wir wissen nicht, ob das vielleicht der Effekt der Sanktionen ist, da Iran viel raffiniertes Öl von anderen Ländern importiert, aber es war jedenfalls ein komischer Anblick in so einem ölreichen Land.

Entlang der Straße gab es fast gar nichts – die Wasserstellen, an die wir uns in der Türkei so gewöhnt hatten, gab es hier nicht, und es gab auch keine Läden oder Restaurants, keine Moscheen, und natürlich auch keine Tankstellen, an denen wir hätten anhalten können. Wir konnten auch nicht viele der Straßenschilder lesen, da die meisten in Farsi waren, obwohl es ab und zu auch mal ein englisches Schild gab.

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Wir fühlten uns ziemlich niedergeschlagen. Wir vermissten die Türkei, aber wir wussten von anderen Reisenden, dass Iran für sie ein richtiges Highlight war, sicher würde es bald besser werden. Am Nachmittag hielten wir kurz am Straßenrand an – es war kalt und regnete, und wir hatten genug davon. Ein Auto kam vorbei und drehte um. Es hielt hinter uns an und zwei junge Männer stiegen aus. Sie hatten eine Thermoskanne mit Tee dabei, den sie uns anboten. Der heiße Tee war genau das, was wir brauchten um uns wieder aufzuheitern.

Kurz darauf kamen wir in der Kleinstadt an, in der wir übernachten wollten, Qara Ziaeddin. Als wir nach einem Hotel fragten, bedeutete uns ein freundlicher älterer Mann auf einem Motorrad, ihm zu folgen. Wir fuhren durch die Stadt und dann durch ein paar kleine Straßen bevor wir bei einem Teehaus anhielten. Moment mal, das ist doch nur ein Teehaus, kein Hotel! Sie erklärten uns aber, dass der Besitzer auch zwei Zimmer über dem Teehaus vermietete, und es sollte nur $10 kosten. Bingo! Unser Zimmer war einfach, aber okay, und der Besitzer lud uns bald auf einen Tee ein. Sein Name war Jalil und er sprach gut Englisch. Das Teehaus war sehr beliebt bei älteren Männern, die dort den Nachmittag damit verbrachten, Wasserpfeife zu rauchen und Tee zu trinken. Frederike war mal wieder die einzige Frau, aber das schien kein Problem zu sein. Als wir Jalil fragten, wo wir etwas zu essen einkaufen könnten, wies er seinen 12-jährigen Sohn Hadi an, uns den Ort zu zeigen.

Zusammen mit Hadi entdeckten wir, wie man in Iran einkauft. Es gibt normalerweise keine Supermärkte, sondern viele kleine Läden, die sich auf bestimmte Dinge spezialisieren. Als erstes gingen wir zu einem Laden, wo wir Kekse und Milch kauften. Dann gingen wir zum Obst- und Gemüsemann, wo wir Birnen und Tomaten kauften. Zum Schluss besuchten wir die Bäckerei. Das war ein fantastischer Ort: Mehrere Männer kneteten und formten dort Teigbälle, die dann zu einem flachen Oval geformt und in einen großen Holzofen gelegt wurden. Unser Brot kam aus dem Ofen und wurde sofort auf einen kleinen Tisch mit einer Bürste gelegt, wo Hadi dann die Kohlereste abbürstete. Zurück gingen wir durch die unbeleuchteten Straßen, wo ein paar Jungen Fußball spielten und Frauen im schwarzen Chador von Haus zu Haus flitzten. Iran scheint ein sehr sicheres Land zu sein, und die Eltern scheinen sich nicht zu sehr um ihre Kinder zu sorgen, auch wenn sie nachts draußen herumlaufen.

Jalil lud uns ein, später zu seinem Haus zu kommen, um seine Familie zu treffen. Als wir ankamen, wurden wir durch einen Innenhof ins Wohnzimmer geführt. Stühle waren an der Wand entlang aufgereiht, aber Jalil’s 80-jährige Mutter saß auf dem Boden und schnippelte einen riesigen Berg Sellerie. Frederike wurde eingeladen, ihr Kopftuch abzunehmen, es wurden Tee und Snacks serviert, und dann wurde der Fernseher angestellt. Mit Staunen sahen wir dann den deutschen ZDF Kanal, den persischen Kanal des BBC, und einige iranische Programme, die von den USA ausgestrahlt wurden. Anscheinend haben die meisten Iraner Satellitenschüsseln (illegalerweise natürlich), und sie sehen am liebsten internationale Programme.

Iraner sind sehr neugierige Leute, und sie stellen uns viele Fragen darüber, wie die Dinge in unseren Heimatländern sind. Viele Fragen beziehen sich auf Geld und Kosten, und wir traten ins Fettnäpfchen als Jalil uns fragte, wieviel wir in unseren Berufen verdienten (das ist hier eine ganz normale Frage). Wir untertrieben etwas, so dass der Unterschied zwischen unseren und seinem Einkommen nicht so groß sein würde. Jalil war ziemlich überrascht, dass er anscheinend mehr als wir verdiente! Ups.

Später spielten Hadi und seine Schwester mit unseren Fahrradhelmen herum, bevor sie ins Bett gingen.

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Am nächsten Morgen hatten wir positivere Gefühle über Iran. Der Himmel war blau, die Landschaft schön bergig, und der Verkehr nicht ganz so schlimm. Wir hatten eine recht langen Tag geplant, da wir zur nächsten Stadt, Marand, fahren wollten, die über 100km weit entfernt war. Das Radfahren war recht leicht, aber wir mussten uns immer noch sehr auf den Verkehr konzentrieren. Am frühen Nachmittag hielten wir bei einer Picknickbank an, um etwas zu essen. Nebenan war ein Krankenwagen des Roten Halbmonds, und bald kam der Sanitäter vorbei, um sich mit uns zu unterhalten. Sein Englisch war sehr gut, und er war wirklich nett. Er hatte eine Ingenieurs-Karriere aufgegeben, um ein Sanitäter zu werden. Leider war er etwas mitgenommen, da es am Morgen einen schweren Unfall gegeben hatten. Es war ein Frontalcrash, und einer der Fahrer war gestorben. Wir blieben für eine Stunde oder so bevor wir weiter nach Marand fuhren.

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