Mittwoch, 20. Oktober 2010

Berauscht von Abgasen

Tabriz – Zanjan

Auf dem Weg aus Tabriz gab es – wie immer in Iran - ständig Verkehr, mit vielen Lastern und Bussen. Ungefähr 40% der Autos sind Paykans. Diese wurden in den 60ger Jahren entworfen und waren lange Zeit fast die einzigen Autos in Iran. Es gibt sie nur in weiß, und sie verbrauchen 12-15L bleihaltiges Benzin pro 100 km. Sie haben natürlich auch keinen Katalysator. Die Laster geben auch oft schwarze Abgaswolken ab, und es war kein Wunder dass unsere Augen und Nasen nach kurzer Zeit wehtaten, und wir beide Kopfschmerzen hatten.

Für einen Großteil des Weges gab es keinen Seitenstreifen, und die Fahrweise war ziemlich schlecht. In Iran überholt man einfach wann man will, egal ob es entgegenkommenden Verkehr oder eine unübersichtliche Kurve gibt, oder zwei Radfahrer im Weg sind. Oft sahen wir einen Bus, der uns auf der falschen Straßenseite entgegenkam. Wir sind nicht überrascht, dass Iran eine der höchsten Unfallraten der Welt hat. Leider ist das Land dafür bekannt, sehr gute Straßen und sehr schlechte Autofahrer zu haben. Das scheinen sie auch zu wissen, denn wir sehen ziemlich viele Autos und Laster, die mit einem dreieckigen Warnzeichen beklebt sind – auf manchen steht sogar das Wort “Gefahr”!

Dies war meist unsere Aussicht:

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Zum ersten Mal auf unserer Reise erwägten wir, das Radfahren für eine Weile aufzugeben. Wir erreichten einen Tiefpunkt. Wir hatten gehofft, dass es hinter Tabriz weniger Verkehr geben würde, da es parallel eine Autobahn gab, aber aus irgendeinem Grund benutzten alle immer noch die alte, kleinere Straße. Wenn man den ganzen Tag Rad fährt ist man mental normalerweise ziemlich entspannt, aber wenn man sich die ganze Zeit auf den Verkehr konzentrieren muss, wird man immer gereizter. Die Landschaft war auch deprimierend, mit vielen Fabriken, Kraftwerken und verlassenen Industriegeländen. Wir hofften, dass der Verkehr am nächsten Tag besser sein würde, ansonsten würden wir eben mit den Rädern in einem Laster mitfahren müssen.

In unserem Hotelzimmer in Bostanabad war das Fenster direkt über der Straße, auf der wir den ganzen Tag gefahren waren. Wenn wir die Fenster öffneten, kamen die Abgase hinein so dass unsere Kopfschmerzen nicht besser wurden. Wir hatten die Nase voll, und der einzige Grund warum wir weiterfuhren war dass wir einen kleinere parallele Straße auf unserer Karte gesehen hatten, die ca 20 km nach Bostanabad anfing, und die wir ausprobieren wollten. Allerdings fanden wir die Straße nicht, aber zur gleichen Zeit wurde der Verkehr plötzlich viel leichter. Wir konnten uns wieder ein wenig entspannen und das Radfahren etwas genießen. Die Landschaft wurde auch schöner, und die Fabriken wurden durch einen kleinen Fluss ersetzt. Endlich sahen wir auch mehr Landwirtschaft, so dass die Dörfer nicht ganz so deprimierend waren. Das Radfahren selber war leicht, abgesehen vom Verkehr. Die Straßen sind hier viel besser als in der Türkei, mit einer schön glatten Oberfläche und sehr sanften Steigungen.

Wir fuhren die 100 km nach Mianeh recht schnell und kamen um 15 Uhr an. Auf dem Weg in den Ort sahen wir ein Cafe mit gemütlichen, mit Teppichen ausgelegten Sitzplattformen, und wir bestellten ein paar Biere. Natürlich ist Alkohol in Iran verboten, so dass das Bier alkoholfrei ist. Die iranischen Biere haben oft deutsch oder belgisch klingende Namen wie Delster oder Bavaria, und es gibt sie in verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Zitrone, Birne und Pfirsich. Es schmeckt wie eine Mischung aus Bier und Limonade und ist recht erfrischend.

Normalerweise verlassen wir uns auf die Einheimischen bei der Suche nach einem Hotel, aber oft verschweigen sie uns die billigsten Hotels, da sie ihrer Meinung nach nicht gut genug für uns sind. Heute hatten wir aber Glück: Wir trafen einen Englischlehrer, Nader, der uns ein Zimmer in einem Lehrerwohnheim organisierte. Anscheinend war es die günstigste Übernachtungsmöglichkeit im Ort, und unser Zimmer war sehr schön, sogar mit Bad! Nader adoptierte uns für den Rest des Abends und zeigte uns gemeinsam mit seinem 12-jährigen Sohn Salar den Ort. Hier könnt Ihr mehr über unseren Abend mit Nader lesen.

Von Mianeh waren es 140 km bis nach Zanjan, der nächsten Stadt. Es gab dazwischen nicht viel, und es war ein wenig weiter als wir an einem Tag fahren konnten, vor allem da es momentan früh dunkel wird. Frederike hatte auch ihren ersten Platten seit wir losgefahren waren. Nach 6700km durchbohrte ein Stück Glas ihren Reifen. Bisher haben unsere Reifen gut gehalten, denn wir hatten zuvor erst einen Platten (an Guy’s Fahrrad) gehabt. Die Landschaft wurde schöner, und es gab sogar einen kurzen aber recht spektakulären bergigen Abschnitt, wo die Hauptstraße durch einen Tunnel führte und wir eine kleinere Straße ganz für uns alleine hatten – für ungefähr 10 Minuten.

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Regelmäßige Leser erinnern sich vielleicht noch an unsere Erfahrungen während der Melonen-Saison in der Türkei, als wir oft riesige Melonen geschenkt bekamen, die bis zu 8kg schwer waren. Wir dachten, dass die Melonen-Saison inzwischen vorbei wäre, wurden aber eines Besseren belehrt als wir vier Melonen innerhalb einer halben Stunde geschenkt bekamen! Erst hielt uns ein junger Mann an und gab uns eine kleine Wassermelone, die wir am Straßenrand aßen. Zwei seiner Freunde kamen auf einem Motorrad an und bestanden darauf, uns noch eine Wassermelone zu schenken. Kurz danach luden uns zwei Männer in einem Lieferwagen ein, mit ihnen zu essen. Gemäß der Ta’arof Regeln lehnten wir ab, und sie schenkten uns stattdessen zwei Honigmelonen. Zum Glück waren diese Melonen nicht so groß, so dass wir sie transportieren konnten.

Einige junge Motorradfahrer in dieser Gegend sind leider etwas aggressiv. Sie brüllen oft wenn sie an uns vorbeifahren, und ein Typ, der in die entgegengesetzte Richtung fuhr, fand es sehr lustig auf unsere Seite zu kommen und dann ganz nah an uns vorbeizusausen. Einmal fuhren zwei Motorradfahrer neben uns her, und einer schrie Frederike immer auf Farsi etwas zu. Er fuhr neben ihr her und kam immer näher, wobei er Guy komplett ignorierte (was hier sehr unangemessen ist). Er kam so nah dass er Frederike fast von der Straße drängte. Am Ende schrie sie ihn an und er gab ihr einen harten Schlag auf die Schulter, bevor er umdrehte und wegbrauste.

Wir waren verärgert und wollten unsere Mittagspause an einem ruhigen Ort ohne andere Leute machen, also versteckten wir uns in einem kleinen Feld mit Bäumen, so dass man uns von der Straße aus nicht gut sehen konnte. Gleich kamen allerdings zwei Männer auf Motorrädern an. Na super, dachten wir, aber es waren nur Nasser und sein Vater Ali, denen das Feld gehörte. Sie waren sehr freundlich und etwas schüchtern, aber am Ende setzten sie sich neben uns und wir gaben ihnen ein paar Datteln. Nasser sprach ein wenig Englisch und lud uns ein, in ihrem Haus zu essen. Wir lehnten ab, und später fragte er nochmal. Wir glaubten dass er die Einladung ernst meinte, aber wir sind nie sicher wegen Ta’arof, und wir besprachen uns erstmal bevor wir entschieden, zu akzeptieren falls er nochmal fragte. Leider dachten sie dann wohl, wir wollten nicht mitkommen, und verabschiedeten sich. Das ist in Iran wirklich kompliziert, und wir glauben dass wir deshalb manchmal nette Gastfreundschaft verpassen – aber manchmal haben wir auch Einladungen, die definitiv nur Ta’arof sind, und langsam lernen wir den Unterschied zu erkennen.

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Am Nachmittag suchten wir einen Platz zum Zelten. Es war nicht so einfach, da die Gegend sehr landwirtschaftlich war und überall viele Leute waren. Auf der rechten Seite sahen wir ein paar Hügel, und plötzlich fanden wir ein schönes ausgetrocknetes Flussbett. Guy kundschaftete es aus und wir schoben die Räder schnell ins Flussbett und außer Sicht von der Straße. Es war ein schöner Platz, ziemlich versteckt und mit guter Aussicht. Allerdings ist es schwierig, einen Platz zu finden, der vor Schäfern sicher ist, und natürlich erschien bald einen Hund. Das ist immer ein schlechtes Zeichen, und natürlich kam bald der Schäfer an. Er trieb seine Herde Schafe durch das Flussbett, grüßte uns aber nur und ging weiter. Um diese Jahreszeit ist es vom 18 Uhr bis 6 Uhr morgens dunkel. Es gibt nicht besonders viel zu tun, vor allem da wir unsere Taschenlampen nicht so viel benutzen wollen, damit wir nachts nicht entdeckt werden. Also redeten wir für eine Weile und versuchten so viel wie möglich zu schlafen. Im Sommer hatten wir das entgegengesetzte Problem, denn es wurde erst um 22 Uhr dunkel, und dann schon um 4 Uhr morgens wieder hell, und wir waren oft in landwirtschaftlichen Gebieten die wir bei Sonnenaufgang verlassen mussten.

Das Zelten war gut um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, nach den ganzen Eindrücken, die in Iran auf uns einprasselten. Wir genossen die Ruhe und Einfachheit, unser Zelt aufzustellen ohne uns mit Stadtverkehr herumschlagen und ein Hotel finden zu müssen. Campen ist recht üblich in Iran, da viele Leute im Sommer in Stadtparks zelten, um der Hitze zu entkommen.

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Am Morgen hatten wir allerdings fast nichts zu essen übrig: nur ein kleines Stück Brot. In Iran ist es ziemlich schwierig, Lebensmittel wie Brot oder Gemüse zu finden. Viele Läden entlang der Straße verkaufen nur Snacks, und Bäckereien verkaufen oft nur Kuchen, Muffins und Kekse, aber kein Brot. Manchmal verbringen wir ziemlich viel Zeit damit, solch einfache Nahrungsmittel zu finden, und es gibt auch zwischen den Städten nicht viele Läden. Trotz der Sanktionen ist es aber immer noch einfach, Marken aus dem Westen zu finden, sowie Coca Cola und Nutella.

An diesem Morgen hatten wir Glück. Wir fanden ein kleines Cafe mit einer Terasse am Straßenrand. Der Besitzer begrüßte uns, und wir machten ihm mit Zeichensprache klar, dass wir etwas zu essen haben wollten. Er bat uns, uns hinzusetzen und rief dann etwas über die Straße. Bald kam der Koch an, er war in einem Feld in der Nähe unterwegs gewesen. Er trug eine Kombination aus Schlafanzug und Arbeitskleidung, sein Kragen war hochgeschlagen und er hatte wilde Haare und ein breites Lächeln. Er trug eine getrocknete Sonnenblume (Sonnenblumenkerne sind hier ein beliebter Snack). Wir hatten keine Ahnung was wir bestellt hatten, und so waren wir erfreut als der Koch nach kurzer Zeit mit zwei Omelettes, Brot und Tee ankam.

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Als wir mittags in Zanjan ankamen, hatten wir mal wieder Probleme, ein Hotel zu finden. Als wir auf unsere Karte sahen, kam ein Mann an und lud uns sofort ein, zu seinem Haus zu kommen. Wir lehnten höflich ab, da wir erstmal duschen und etwas essen wollten, und er half uns ein Hotel zu finden. Hier verbrachten wir zwei Nächte, entspannten uns, erkundeten die Stadt und kauften Essen für den nächsten Teil unserer Reise. Wir planen, über Qom und Kashan nach Esfahan zu fahren.

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