Donnerstag, 28. Oktober 2010

Express nach Esfahan

Saveh – Esfahan

Nach unserer Übernachtung in einer Straßen-Unterführung fuhren wir nach Saveh, wo wir von Ali, einem Motorradfahrer, adoptiert wurden, der uns half, ein Hotel zu finden. Auf dem Weg folgten uns ein paar andere junge Männer auf Motorrädern und wollten Fotos von uns machen. Einer der Männer überraschte Guy indem er ihn umarmte und ihm einen dicken Kuss auf die Wange gab. Er wusste wohl nicht, dass Guy mehrere Tage lang nicht geduscht hatte… Ali lud uns in sein Haus ein. Er fragte uns mehrmals, aber wir wollten erstmal duschen und uns ausruhen, und so schlugen wir vor, ihn stattdessen abends zu treffen. Wir kauften eine Schachtel mit kleinen Kuchen als Geschenk, aber leider kam Ali nicht. Manchmal fragen wir uns, ob die Anweisung der Regierung, nicht über die Maßen mit Ausländer zu kommunizieren, die Leute manchmal nervös macht. Allerdings hatten wir jetzt eine ganze Schachtel Kuchen nur für uns, was auch ein gutes Ergebnis war.

Von Saveh aus wollten wir über Qom und Kashan nach Esfahan fahren. Wir wollten eigentlich nicht nach Qom fahren, da es die konservativste Stadt in Iran ist, aber es war auf dem Weg nach Kashan, das wir besuchen wollten. Leider fanden wir aber heraus, dass der Supreme Leader von Iran, Ayatollah Khamenei, Qom gerade das erste Mal seit 10 Jahren besuchte. Im Fernsehen sahen wir Tausende von Leuten, die seinen Reden in Qom zuhörten. Die meisten waren Mitglieder der Basij (Paramilitärs), die dafür bekannt sind, nach den letzten Wahlen die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. Sie sahen ziemlich beängstigend aus, und es schien keine gute Atmosphäre für zwei ausländische Radfahrer zu sein. Außerdem waren wohl auch alle Hotels in Qom ausgebucht. Das bedeutete, dass wir einen langen Tag vor uns hatten, da wir durch Qom hindurchfahren müssten, um irgendwo auf der anderen Seite zu zelten. 

Wir starteten auf dem falschen Fuß als wir eine Stunde später losfuhren als geplant, da das Frühstück verspätet war. Dies war das erste Hotel in Iran, in dem wir Frühstück bekamen, und so hatten wir uns darauf gefreut. Es war allerdings das Warten nicht wert… Wir bekamen nur etwas pappiges Brot und ein bisschen Frischkäse. Peinlicherweise mussten wir sogar unsere eigenen Essensvorräte herausholen, um das Frühstück etwas zu ergänzen. Als wir die Stadt verließen, war die Straße wieder so schmal, dass wir nicht auf ihr fahren konnten – wir waren für die ersten 20km wieder auf einem Schotterweg. Jetzt hatten wir schon so viel Zeit verloren, dass wir es unmöglich durch Qom schaffen konnten. Als wir an der Abzweigung ankamen, hatten wir beide ein schlechtes Gefühl über Qom und entschieden uns, es zu überspringen und direkt in Richtung Esfahan weiterzufahren. Wir glaubten, dass wir Kashan trotzdem besuchen könnten, indem wir in der Kleinstadt Delijan übernachteten, unsere Fahrräder dort ließen und per Bus einen Ausflug nach Kashan machten.

Die Straße wurde besser und war jetzt mehrspurig mit einem Seitenstreifen. Wir fuhren langsam bergauf und kamen dabei an vielen Granatapfel-Plantagen vorbei. Granatäpfel sind die neuen Melonen – viele Leute geben uns Granatäpfel, und oft bestehen sie darauf, uns viel mehr zu geben als wir tragen können. Ein Mann gab uns sieben, trotz unseres Protestierens!

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Am Abend zelteten wir hinter einem Steinbruch in der Wüste. Es war allerdings nicht so abgelegen wie wir erst dachten, mit einer Bahnlinie und einer Landstraße in der Nähe. Trotzdem schliefen wir gut und fuhren früh los, wobei wir einen recht kurzen Tag nach Delijan erwarteten, was 70km entfernt war.

Wir kamen mittags in Delijan an und trafen die schlechte Entscheidung, gleich eine Mitfahrgelegenheit nach Kashan zu suchen, wobei wir die Fahrräder mitnehmen wollten. So könnten wir noch am gleichen Tag nach Kashan gelangen, anstatt in Delijan zu bleiben, und wir könnten dann einige Tage später zurückkommen und weiterfahren. Nachdem wir mehrere Leute nach der Abzweigung nach Kashan gefragt hatten, fanden wir uns auf der Straße nach Esfahan wieder. Alle Leute bestätigten, dass die Abzweigung von dieser Straße abging. Nach einer Weile fragten wir einen Mann auf einem Motorrad, der eine Pilotenbrille, braune Lederjacke und Schnurrbart trag – ein richtiger Porno-Typ. Er hielt vier Finger hoch, um uns die Entfernung klarzumachen, während er langsam Kaugummi kaute und seine Augen auf den Horizont heftete.

“Das heißt, die Abzweigung ist in 4 Kilometern?” bestätigten wir.

“Mm hmm,” kam die coole Antwort.

Es sah zwar auf unserer Karte etwas näher aus, aber die Karte war nicht immer so genau, also fuhren wir weiter. Irritierenderweise fuhr Porno die ganze Zeit langsam neben uns her. Etwas später war die Abzweigung immer noch nicht zu sehen. Als wir auf unsere Karte schauten, wurde uns klar dass er eine andere Abzweigung gemeint haben musste, die 42km weit weg war! Inzwischen waren wir schon 12km vom Ort entfernt und hatten wirklich keine Lust, wieder zurück zu fahren. Porno verließ uns endlich und wir hatten einen schönen Rückenwind, allerdings ging es auch bergauf und als wir an der Abzweigung ankamen, wurde es dunkel. Wir waren 111km gefahren – nicht gerade der kurze Tag, auf den wir gehofft hatten.

An der Abzweigung trafen wir einen anderen Mann, der auch auf eine Mitfahrgelegenheit wartete, aber es sah nicht gut aus: es gab fast keine Fahrzeuge, die in Richtung Kashan fuhren. Die meisten fuhren nur einen Teil des Weges, und es gab keine Laster oder Lieferwagen, in die die Fahrräder gepasst hätten. Nachdem wir eine Weile gewartet hatten, hatten wir genug. Es war inzwischen dunkel – nicht die ideale Zeit, einen Platz zum Zelten zu finden. Allerdings gab es eine Tankstelle und ein Restaurant an der Kreuzung, und wir sprachen zu dem Restaurantbesitzer, der uns auf einen Tee einlud. Wir erklärten, dass wir einen Platz für unser Zelt finden mussten. “Aaah”, sagte er, “Ihr könnt da drüben hingehen.” Er zeigte in die Richtung, aber wir verstanden nicht, und so bat er einen anderen Mann, uns den Weg zu zeigen. Wir gingen um das Gebäude herum und der Mann zeigte auf einen kleinen Raum, der mit Teppichen ausgelegt war. Uns wurde klar, dass es der Gebetsraum war, aber er bestand darauf, dass wir dort schlafen könnten.

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Da wir die Leute nicht vom Beten abhalten wollten, gingen wir erstmal ins Restaurant um zu essen und etwas zu entspannen. Gegen 21 Uhr wurden wir aber so müde, dass wir in den Gebetsraum einzogen. Wir brachten unser Gepäck hinein, während die Fahrräder im Zimmer des Tankstellenwarts geparkt wurden. Als wir unsere Schlafmatten ausgerollt hatten, nahmen wir mehr als die Hälfte des Raumes ein.

Wir hätten uns allerdings keine Sorgen machen müssen: Die Leute mussten schließlich beten, und ein paar ungeduschte Radfahrer in ihrem Gebetsraum würden sie mit Sicherheit nicht davon abhalten. Mehrere Leute kamen herein und beteten dicht neben uns, während wir dort mit unseren Schlafsäcken und allen Satteltaschen saßen. Zum Glück wurde es aber gegen 22 Uhr ruhiger, und wir schliefen recht gut bis 5:30 Uhr morgens, als die Lastwagenfahrer in Scharen kamen, um ihr Morgengebet zu verrichten (die Schiiten beten dreimal am Tag). Es war sehr seltsam dort zu liegen, während die Gläubigen genau neben uns beteten. Nachdem wir für eine Weile so taten, als ob wir noch schliefen, gab es eine kurze Ruhepause und wir standen schnell auf, bevor die nächsten Leute kamen.

Nach einem Tee mit dem Tankwart fuhren wir zum nächsten Ort, Meymeh, der nur 30km entfernt war und wo es noch eine Abzweigung nach Kashan gab. Wir waren beide recht müde, da wir schon 7 Tage ohne Pause gefahren waren, und wir nicht genug geschlafen hatten. Als wir an der Abzweigung ankamen, warteten wir wieder eine Weile, aber die Situation war genau wie vorher und es gab einfach nicht genug Verkehr auf der Straße, um eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen.

Der nächste Plan war, im Ort zu übernachten, die Fahrräder dazulassen und einen Bus nach Kashan zu nehmen. Dieser Plan wurde vernichtet als wir informiert wurden, dass es von diesem Ort aus gar keine Busse nach Kashan gab. Irgendwie ist es wohl nicht unser Schicksal, nach Kashan zu fahren. Vielleicht haben wir noch die Gelegenheit von Esfahan aus, aber ansonsten müssen wir uns von dieser Idee wohl verabschieden.

In Meymeh hatten wir Probleme, das Hotel zu finden und verbrachten viel Zeit damit, die Hauptstraße hoch und runter zu fahren, was die Ladenbesitzer sehr amüsierte. Am Ende waren wir über 50km gefahren, statt der 30km, die wir eigentlich gebraucht haben sollten. Das Hotel war unter einer Bank, ohne Schild, wie dumm von uns dass wir dort nicht nachgesehen hatten! Während wir auf den Hotelbesitzer warteten, luden uns die netten Bankangestellten erstmal auf einen Tee und ein paar Süßigkeiten ein.

Am Morgen ging es weiter nach Esfahan, mit einem guten Rückenwind für die erste Hälfte des Tages, wobei wir durchschnittlich 32km/Std. fuhren. Wir mussten so früh wie möglich in Esfahan ankommen um Geld zu wechseln, da wir pleite waren. Die Banken in den kleinen Orten, durch die wir gefahren waren, konnten kein Geld für uns wechseln, und unsere Bankkarten funktionieren in Iran nicht. Es war jetzt Donnerstag Nachmittag, was bedeutet dass Läden (und Geldwechsler) früh zumachen und auch am Freitag zubleiben (das islamische Wochenende).

Nach acht Tagen, in denen wir durch trockene Mondlandschaften gefahren waren, fühlte sich Esfahan wie eine Oase an. Die von Bäumen gesäumten Straßen, Parks und Springbrunnen waren ein Fest für die Augen. Die Stadt fühlte sich gelassen und fast europäisch an.

Auf dem Weg zum Geldwechsler wurden wir von einem jungen Mann in einer Polizei- oder Armee-Uniform angehalten. Er sagte auf Farsi etwas zu Guy und zeigte immer wieder auf Frederike. Wir verstanden nur die Worte “Fahrrad”, “Iran”, und “nein”. Er war ziemlich beharrlich, und nach einer Weile schlossen wir, dass er wahrscheinlich sagte, dass Frauen in Iran nicht fahrradfahren dürfen. Offensichtlich wussten wir, dass das nicht stimmte, denn wir hätten es sonst ja nie über die Grenze geschafft, und schon gar nicht bis nach Esfahan. Wir stellten uns dumm und fragten ihn nach dem Weg zum Imam-Platz. Am Ende war er frustriert wegen unserer nicht existenten Farsi-Kenntnissen und ging davon, wobei er eine Geste machte, die wohl sagte, dass wir dort auf ihn warten sollten. Darauf waren wir aber nicht so wild, und so entschieden wir, so schnell wie möglich weiterzufahren und verschwanden in einer Seitenstraße. 

Wir schafften es noch gerade, kurz vor 15 Uhr beim Geldwechsler anzukommen, aber er hatte bereits zugemacht. Guy sah noch jemanden im Gebäude und presste seine Nase gegen das Fenster – zum Glück kam einer der Männer an die Tür und öffnete für uns. Er bot Guy sogar ein Stück Hühnchen an, das er gerade zu Mittag aß. Guy verschlang es vielleicht etwas zu hastig, denn man konnte dem Geldwechsler  ansehen, dass er vielleicht nicht ganz so viel Gier erwartet hatte. 

Die Taschen voller Geld fuhren wir an die Si-O-Seh-Brücke um ein Foto zu machen, bevor wir ein Hotel in der Nähe fanden. Esfahan war ein Meilenstein für uns. Das Herz der islamischen Welt zu erreichen schien vor 5 Monaten noch fast unmöglich, als wir aus unserem Londoner Vorort eierten. Wir werden in Esfahan mehrere Tage verbringen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, unser Visum zu verlängern und einen letzten Versuch zu machen, Kashan per Bus zu erreichen.

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