Samstag, 9. Oktober 2010

Schrecken im Osten

Erzurum – Doğubeyazıt

In Erzurum wurden wir beide krank. Wir hatten Fieber, Magenkrämpfe, Übelkeit und verbrachten viel zu viel Zeit auf der Toilette. Unsere Erholung war langsam, und am Ende blieben wir fünf Tage in der Stadt, bis es uns in unserem Hotelzimmer wirklich zu langweilig wurde. Erzurum war okay, mit einigen netten Cafes und Restaurants und ein paar interessanten Gebäuden. Leider wurden aber alle Straßen in der Stadt zur gleichen Zeit neu gepflastert, so dass die meisten Straßen, Fußwege und Plätze nur aus Matsch und Geröll bestanden. Daher machte es nicht viel Spaß, herumzuspazieren.

Am Ende entschieden wir uns weiterzufahren, obwohl wir uns noch nicht ganz erholt hatten. Wir wollten den leichten Weg zu unserem nächsten Ziel, Doğubeyazıt, nehmen, indem wir auf der Hauptstraße blieben und in Hotels übernachteten. Das bedeutete weitere Strecken, um die Distanz zwischen den Städten mit Hotels zu überbrücken, aber wir fühlten uns nicht danach, zu campen. Vor allem da es auch viel regnete.

Sobald wir Erzurum verließen, wussten wir dass wir endlich im richtigen Wilden Osten angekommen waren. Wir waren jetzt tief in der kurdischen Gegend. Die Dörfer sahen recht arm aus, obwohl sogar die kleinsten, ältesten Gebäude Satellitenschüsseln auf dem Dach hatten. Das ist wohl eine Notwendigkeit hier, wo die Temperaturen im Winter oft unter -30°C fallen und die ganze Gegend von Schnee bedeckt ist. Wir können uns kaum vorstellen wie es sein muss, in diese kleinen Häuschen gequetscht zu sein, die nur mit getrockneten Kuhfladen geheizt werden. Die Moschee ist natürlich immer das am besten gepflegte Gebäude.

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Obwohl die Erwachsenen immer noch freundlich waren, wurden die Kinder etwas feindlich. Der erste Vorfall war ein Kleinkind, das Steine nach uns warf als wir seiner Forderung nach Geld nicht nachkamen. Danach begannen wir, die Dörfer zu fürchten. Jedes Dorf war anders – in manchen wollten die Kinder Stifte haben, in manchen zeigten sie auf unsere Satteltaschen und forderten Kekse, und oft wollten sie Geld haben. Manchmal winkten sie auch nur und begrüßten uns. Es gibt keinen Zweifel dass die Kinder in diesen Dörfern von armen Familien stammen, aber auf der anderen Seite haben sie meistens saubere Schuluniformen an und sehen gut genährt aus. Wir sahen oft, wie Kinder Steine aufhoben wenn sie uns sahen, die sie dann nach uns warfen. Am Ende hielten wir manchmal an wenn wir Kinder mit Steinen sahen, um sie zu konfrontieren. Ein kleiner Junge war sehr verlegen und wurde ganz rot, als Guy auf die Steine in seiner Hand zeigte und ihn ausschimpfte. Die meisten Kinder denken sich wahrscheinlich gar nichts dabei. Es gibt sicher sehr viele Radfahrer auf dieser Straße, da es die einzige praktische Route nach Iran ist, und irgendwie ist es wohl Mode, dass die Kinder Steine werfen. Es ist nicht der netteste Empfang, aber zum Glück zielen sie meistens ziemlich schlecht und wir wurden nie wirklich getroffen.

An unserem ersten Tag nach Erzurum ging es lange leicht bergab, was gut war, da wir uns noch etwas unwohl fühlten. Nachmittags kamen wir in der Kleinstadt Horasan an, wo wir ein Hotel fanden. Wir kochten ein einfaches Abendessen in unserem Zimmer, da wir wegen unserer Infektion noch nicht in einem Restaurant essen wollten. Die Städte und Dörfer hier sind noch mehr von Männern dominiert als der Rest der Türkei, und wir sehen kaum Frauen auf den Straßen. Frederike ist jedenfalls immer die einzige Frau wenn wir in ein Restaurant oder Cafe gehen.

Am nächsten Tag kämpften wir uns auf unseren bisher höchsten Pass, auf 2,210m Höhe. In den letzten Wochen sind wir fast jeden Tag über einen 2000m+ Pass gefahren, so dass wir jetzt ziemlich daran gewöhnt sind. Wir fühlten uns aber immer noch etwas schwach und kämpften mit dem Regen und Gegenwind (in den letzten zwei Monaten in der Türkei hatten wir nur einen Tag mit einem Rückenwind, ansonsten fast nur Gegenwind).

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Als wir um eine Kurve kamen, sahen wir eine Straßensperre des Militärs. Die Soldaten hielten uns an und begannen, uns auszufragen. Wir erwarteten, dass sie jetzt unsere Pässe sehen wollten, aber die Soldaten wollten nur Englisch üben und sich unterhalten. Der Offizier wies dann ein paar andere Soldaten an, uns einen Tee zu machen. Während wir den Tee am Straßenrand tranken kamen drei Reisebusse, die alle von den Soldaten durchsucht wurden, während die Passagiere ausstiegen und rauchten (die türkischen Männer rauchen sehr viel!)

Oben auf dem Pass gab es nur Schafe, und einige grasten auf extrem steilen Hängen. Wir konnten uns nicht erklären, wie sie da hinaufgekommen waren. Wir versuchten, ein paar Hirten zu fragen, die zu uns kamen, aber sie verstanden unsere Frage nicht – es war wohl ganz normal für sie, so dass sie nicht verstanden, warum wir so verwirrt waren.

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Nach einer schönen Fahrt bergab kamen wir wieder über einen kleineren Pass, und gerade als wir oben ankamen, hielt ein Kleinlaster vor uns an. Einige Männer stiegen aus und standen im Regen. Einer davon kam uns bekannt vor: Es war Ulaş, der Tankstellen-Manager in dessen Zimmer wir die vorige Woche geschlafen hatten! Er war auf dem Weg nach Doğubeyazıt und wollte uns mitnehmen. Wir widerstanden der Versuchung und fragten uns, ob wir das später noch bereuen würden. Es war schon früher Nachmittag, und wir mussten noch 50km fahren. Wir dachten, dass wir es nie vor Einbruch der Dunkelheit schaffen würden, aber am Ende kamen wir kurz vor Sonnenuntergang in Ağrı  an.

Leider fühlten wir uns in Ağrı nicht sehr willkommen. Die Teenager starrten uns feindlich an, machten anzügliche Kommentare, kicherten und schnitten uns mit ihren Fahrrädern den Weg ab. Es gab zwar mehrere Hotels, aber die meisten waren zu teuer. Es half auch nicht, dass wir ein paar Schlepper trafen, die uns in ein überteuertes Hotel brachten und darauf bestanden, dass sie unsere “Freunde” waren. Letztendlich trafen wir Jay, einen Iraner, der in der Stadt Geschäfte machte. Er nahm uns mit zu dem Hotel, in dem er auch übernachtete, und arrangierte dort ein günstiges Zimmer für uns. Als Dank luden wir ihn zum Essen ein und verbrachten einen netten Abend zusammen, wobei wir ihn über das Leben in Iran ausfragten.

Dieses Hotel war ähnlich wie das, in dem wir die vorige Nacht übernachtet hatten. Dort waren hauptsächlich Männer, die auf Geschäftsreisen waren. Wir sahen nie eine andere Frau in diesen Hotels, und Frederike hatte ein paar unangenehme Erfahrungen in den geteilten Badezimmern. Einmal kam sie aus der Toilette und ihr Weg war versperrt durch einen älteren Mann, der seine Füße im Waschbecken wusch. Er brauchte sehr lange, um seine Füße aus dem Waschbecken zu heben und Frederike durchzulassen, was beiden sehr peinlich war. In dem Hotel in Ağrı breiteten die Männer immer ihre Gebetsteppiche vor der Badezimmertür aus, was etwas unangenehm war, da wir sie nicht während ihres Gebets stören wollten. Im Großen und Ganzen waren die Hotels aber recht sauber und ruhig, so dass wir ziemlich gut schliefen.

Die letzten 100km nach Doğubeyazıt waren etwas zu “aufregend” für unseren Geschmack, aber sie brachten uns bei, keine Witze über den Wilden Osten zu machen. Wir veließen Ağrı zu dem Klang von Steinen, die einige Teenager nach uns warfen, und hatten zum Glück einen recht flachen Tag vor uns. An einer Tankstelle hielten wir an und Frederike ging zur Toilette. Während sie dort drinnen war, schaute sie auf und sah einen Mann, der in das kleine Fenster über ihr spähte. Sofort schrie sie ihn an, wobei sie einige Flüche benutzte, die nur für solche Momente reserviert sind, und er verschwand gleich. Guy kam zur Rettung und sah den Mann hinter dem Gebäude wegrennen. Er hatte sich auf ein paar Sandsäcke gestellt um Frederike im Bad zu beobachten. Der Tankstellen-Manager kam herüber und wir erklärten ihm, was passiert war. Es war ihm sehr peinlich und er ging los, um den Mann zu finden und zur Rede zu stellen. Frederike war etwas erschüttert, aber wir lachten dann darüber und fuhren weiter.

Kurz danach hatten wir unsere erste recht unangenehme Begegnung mit Hunden, als ein Rudel von fünf großen Hunden aus dem Nichts erschien und uns verfolgte, während sie wie verrückt bellten und ihre Zähne zeigten. Wir schrien sie an und sie zogen sich bald zurück. Bisher hatten wir noch nicht viele aggressive Hunde getroffen. Nur ab und zu mal einen, aber nie in Rudeln, und normalerweise kamen sie nicht näher als auf einen Meter oder so. Naiverweise dachten wir, dass die Hunde in Ostanatolien genauso sein würden, aber das war nicht der Fall. Etwas später kam ein weiterer Hund über die Straße geschossen, gerade auf Frederike zu. Frederike brüllte den Hund an, um ihn zurückzudrengen, aber er reagierte überhaupt nicht und grub blitzschnell seine Zähne in ihre Satteltasche! Frederike hielt sofort an, und der Hund verlor das Interesse und rannte zurück zum Haus, wo er ein riesiges, blutiges Stück Fleisch verschlang. Frederike wischte etwas Blut und Fleisch (nicht ihres) von der Satteltasche (und ein paar Tränen des Schreckens von ihrem Gesicht), und dankte ihren Glückssternen dafür, dass der Hund nur ihre Satteltasche und nicht ihr Bein gebissen hatte.

Etwas kurdische Gastfreundschaft entschädigte uns für diese ungewollte Aufregung. Es regnete und wir suchten einen Ort, wo wir anhalten und kurz etwas essen konnten. Wir kamen durch ein kleines Dorf, und ein paar Bauarbeiter riefen uns zu sich herüber, um Tee mit ihnen zu trinken. Während wir dort waren, bereiteten sie auch ihr Mittagessen vor und luden uns ein, mit ihnen zu essen. Wir saßen alle im Kreis auf Matratzen auf dem Boden des halb gebauten Hauses. Zeitungen wurden als Tischtuch auf dem Boden ausgebreitet, und dann wurde uns ein leckerer Eintopf aus Kartoffeln, Auberginen und Tomaten serviert, dazu Nudeln und Brot. Es war das perfekte Radfahrer-Mittagessen, und wir fühlten uns gut erholt als wir ihnen türkische Süßigkeiten gaben und uns verabschiedeten.

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Die Fahrt nach Doğubeyazıt war sehr schön – eine gute Straße und beeindruckende Landschaft. Wir sahen unsere ersten schneebedeckten Berge und waren sehr aufgeregt, dass wir bald den Berg Ararat sehen würden. Ararat ist mit 5,137m der höchste Berg in der Türkei und liegt direkt hinter Doğubeyazıt. Leider sahen wir den Berg aber erstmal nicht, da er in Wolken gehüllt war, als wir ankamen.

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Doğubeyazıt liegt in einem Tal umgeben von Bergen, aber der Ort wird dem majestätischen Hintergrund nicht gerecht. Es ist ein ziemlich armer Ort mit vielen kleinen Stein-Gebäuden und zu viel Matsch. Wenn wir die Kinder hier fragen, wie sie heißen, ist die Antwort immer “Moneymoney”. Es ist allerdings unschuldiger als in Ağrı, und zum Glück haben sie noch nicht die Idee mit dem Steinewerfen gehabt. Wir fanden ein schönes Hotel mit einem gemütlichen Aufenthaltsraum auf dem Dach. Unser Zimmer hätte eine tolle Aussicht auf den Berg Ararat gehabt, wenn es strengere Bauregeln in der Türkei gäbe. Leider wird aber gerade ein neues Hochhaus direkt vor unserem Fenster gebaut, so dass wir nur die Hälfte von Ararat sehen können. Es ist trotzdem eine beeindruckende Aussicht, aber so schade für dieses Hotel, was vorher so eine tolle, ungehinderte Aussicht gehabt hatte.

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Doğubeyazıt liegt auf dem Backpacker-Weg, da es nah an Ararat ist, den Ishak Pasha Palast hat, und auf dem Weg nach Iran ist. Wir haben schon einige andere Reisende getroffen, war schön ist, da wir seit Kappadokien keine westlichen Ausländer mehr gesehen haben. An unserem ersten Abend trafen wir einen Franzosen namens PY, und wir gingen zusammen zum Abendessen. Er ist auf dem Weg von Paris nach Kathmandu, und hoffentlich werden wir ihn auch nächstes Jahr nochmal in Australien sehen.

Heute haben wir den ottomanischen Ishak Pasha Palast besucht. Dieser liegt auf einem Hügel in der Nähe von Doğubeyazıt und ist sehr schön. Von allen Fenstern gibt es eine tolle Aussicht auf die umliegenden Berge, und der Palast ist kunstvoll dekoriert. Normalerweise gibt es von dort aus auch eine schöne Aussicht auf den Berg Ararat, aber heute ist es sehr neblig und man kann ihn nicht sehen.

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Morgen werden wir weiter nach Iran fahren. Frederike’s Outfit ist bereit (wir werden im nächsten Blog Eintrag Fotos zeigen), allerdings ist sie nicht sicher, wie es im Regen halten wird.

Einige Webseiten sind in Iran blockiert, und wir werden unsere Tagebuch-Einträge recht faktisch halten, so dass wir die höheren Mächte nicht aus Versehen kränken. Es wird komisch sein, in einem neuen Land zu sein, nachdem wir zwei Monate in der Türkei verbracht haben. Die Türkei fühlt sich fast wie zu Hause an, aber auf der anderen Seite sind wir auch bereit, ein neues Land zu entdecken.

Wir haben eine neue Foto-Gallerie hochgeladen, mit unseren besten Fotos seit Istanbul. Wir benutzen jetzt eine neue und bessere Foto-Gallerie Software, so dass es einfacher ist, Gallerien mit Kommentaren anzusehen. Fotos von der Türkei ansehen >>

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2 comments:

Anonym hat gesagt…

Sehr schön, ich schau Ihre Seite
fast jeden Tag an. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg u. Glück weiterhin für Ihre Fahrt. Ich selbst fahre auch sehr gerne Fahrrad.

Viele Grüße
B.

zirveci38 hat gesagt…

Alles bilder sehr gut. Tschüsss...

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