Samstag, 16. Oktober 2010

Tabriz: Ein Einblick ins Leben der Iraner

Wir verbrachten nur zwei Tage in Tabriz, aber es fühlte sich viel länger an. An unserem ersten Tag wurden wir von einem Einheimischen adoptiert um den fantastischen Basar mit seinen exotischen Früchten und Gewürzen, bunten Teppichen und handgefertigtem Schmuck zu erkunden. Wir hatten eigentlich am zweiten Tag nicht viel vor und wollten uns nur ausruhen, unser Tagebuch schreiben und unsere Fotos sortieren. Allerdings wollten wir auch die Blaue Moschee besuchen.

Die Blaue Moschee wurde 1465 gebaut und war eines der prächtigsten Gebäude der Zeit. Alle Oberflächen waren mit blauen Mosaiken und Kalligraphie bedeckt. Leider stürzte sie in einem Erdbeben 1773 ein und wurde erst in den 50ger Jahren wieder aufgebaut. Bei der Moschee trafen wir zwei Mädchen aus Kermanshah, die für einen Wochenendausflug nach Tabriz gekommen waren. Sie waren sehr nett und luden uns nach Kermanshah ein, was aber leider nicht in unserer Richtung liegt. 

Innerhalb der Moschee waren die Stellen mit den ursprünglichen Kacheln noch erstaunlich farbig, und ein Besuch vor dem Erdbeben muss sicher atemberaubend gewesen sein. 

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Danach ruhten wir uns in einem Park in der Nähe aus und sahen zu, wie Familien Picknicks machten und Kinder auf Rollerblades vorbeisausten. Ein älterer Mann mit krausen weißen Haaren kam auf uns zu. Er sprach Deutsch und war erfreut, mit uns sprechen zu können. Wie ein Wasserfall redete er auf uns ein und fragte uns über die wirtschaftliche und politische Situation in Deutschland, Australien und Großbritannien aus. Er hatte Fragen über Fragen: “Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit momentan in Australien? Ist Australien auch von der Finanzkrise betroffen? Was sind die größten Exporte? Was haltet Ihr von Angela Merkel? Stimmt es, dass sie einen Doktortitel hat? Wenn Ihr in den USA wohnen wolltet, bräuchtet Ihr dann auch ein Visum?” und so weiter. Er war ein extrem neugieriger, interessierter und gutherziger Mann, und wie viele Leute hier sah er etwas traurig aus, als wir uns letztendlich verabschiedeten, um zurück zu unserem Hotel zu gehen.

Wir glauben dass viele Iraner besonders gerne Ausländer treffen, da wir eine Verbindung mit der Außenwelt repräsentieren. Gleichzeitig ist es aber auch manchmal gefährlich für sie, mit uns gesehen zu werden, und einige Male mussten wir so tun, als ob sie uns nur den Weg zeigten, wenn ein Polizist vorbeikam. Viele gebildete Iraner mit denen wir sprachen träumen davon auszuwandern, vor allem in die USA, Kanada, Australien und England. Viele Leute sprechen offen mit uns über ihre Probleme mit der Regierung und fragen uns nach Informationen über das Leben in unseren Heimatländern, und wie sie ein Visum bekommen könnten. Ein junger Mann sagte zu uns: “Unser Präsident ist ein sehr schlechter Diplomat, was die Situation für uns Iraner viel schlimmer macht. Es fühlt sich an wie ein Gefängnis. Ich habe nur einen Wunsch: Auszuwandern.” Es ist wirklich eine traurige Situation, dass so viele Leute mit denen wir sprechen in diesem Dilemma stecken: Ihr Land zu verlassen, dass sie von Herzen lieben, aber das ihnen so wenig Freiheit gibt. Ein anderer Mann sagte zu uns, das nicht mal alles iranische Öl-Geld ihn überzeugen könnte, in diesem Land zu bleiben, wo er keine Freiheit hat. Eine junge Frau erzählte uns, dass bereits 40% ihrer früheren Klassenkameraden ausgewandert sind.

Auf dem Rückweg von der Moschee bemerkten wir ein junges Mädchen mit ihrem Vater. Manchmal gingen sie neben uns, dann überholten wir sie, und plötzlich waren sie wieder vor uns. Als wir sie wieder einmal überholten, hörten wir ein leises “Hallo”. Sie waren beide sehr schüchtern, wollten aber wirklich gerne mit uns reden. Das Mädchen war 13 Jahre alt und trug eine Zahnspange. Sie sprach etwas Englisch, und ihr Vater war noch schüchterner als sie. “Bitte, kommt zu unserem Haus”, luden sie uns nach ein paar Minuten ein. Wir waren neugierig, aber gleichzeitig auch müde von unserer vorigen Begegnung mit dem deutschsprachigen Mann. Wir hatten auch noch einiges zu erledigen, so dass wir höflich ablehnten, aber wir gingen ein Stück gemeinsam spazieren. Wir fanden die Leute in Tabriz so extrem freundlich dass wir nicht alle Einladungen akzeptieren konnten, ansonsten hätten wir gar keine Zeit für uns gehabt. Iran ist das faszinierendste, interessanteste und widersprüchlichste Land in dem wir bisher gereist sind, und wir brauchten etwas Zeit, um unsere Eindrücke zu verarbeiten.

Wir schrieben schnell unsere Tagebucheinträge und gingen zu einem Internetcafe. In der Türkei waren wir daran gewöhnt, fast immer WiFi Internet in unserem Hotel zu haben, aber in Iran existierte das fast gar nicht, sogar in den besseren Hotels. Es gab eine Überraschung für uns: Als wir ins Internetcafe kamen, sahen wir dort PY, den Franzosen, den wir in Dogubeyazit getroffen hatten. Wir dachten, dass er schon viel weiter sein würde, aber irgendwie war er immer noch in Tabriz. Er sah total erschöpft aus. Diagnose: Zu viel Gastfreundschaft. Er hatte sich mit ein paar jungen Leuten angefreundet, die Musiker waren. PY machte mit ihnen Musik und war daher viel länger als geplant geblieben. Sie wollten abends zum Elgoli Park außerhalb der Stadt fahren und luden uns ein, mitzukommen.

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Eine Stunde später waren wir auf dem Weg. PY holte seine Gitarre aus dem Hotel und wir stiegen alle in ein Taxi. Geteilte Taxis sind hier sehr üblich, und auf dem Weg halten Taxis normalerweise mehrmals an, um andere Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Die beiden Iraner saßen vorne, einer auf dem Schoß des anderen, und baten den Taxifahrer, eine Kassette mit ihrer Musik zu spielen. Sie mochten gerne Rap-Musik, was in Iran eigentlich verboten ist. Deshalb hatten sie auch keinen Zugang zu einem professionellen Aufnahmestudio und mussten ihre Musik in geheimen Studios in privaten Häusern aufnehmen. PY hatte ein paar Songs mit ihnen aufgenommen, die jetzt mit voller Lautstärke gespielt wurden. Das alte Paykan Taxi klapperte zu den starken Bässen der Rap-Musik, und der Taxifahrer wurde immer nervöser, nach dem Motto “mitgefangen, mitgehangen”. Ahmed, der Musik komponiert, erzählte uns dass er auswandern wollte, da alles was er gern macht in Iran verboten ist.

Der Plan war, einen ruhigen Ort im Park zu finden, um etwas Musik zu machen, aber das passierte nicht, denn der Park war voller Leute, die dort aßen und Wasserpfeife rauchten. Wir trafen dort auch eine junge Frau aus Tabriz, die PY durch die Couchsurfing Webseite getroffen hatte.

Sie erzählte uns dass es für sie nicht möglich ist, legale Software zu kaufen oder Iphone Apps herunterzuladen, denn wegen der Sanktionen gegen das Banksystem gibt es keine Möglichkeit, dafür zu bezahlen. Sogar Paypal ist in Iran blockiert. Es gibt daher einen riesigen Schwarzmarkt für Software, denn anscheinend gibt es in Iran auch nicht mal Urheberschutz-Gesetze, was einen großen Einfluss auf die Wirtschaft haben muss. PY’s Bekannte macht manchmal Übersetzungen für Firmen im Ausland (sie ist Englischlehrerin), und um bezahlt werden zu können muss sie einen Mittelmann benutzen, der ein Bankkonto in Azerbaidschan hat und das Geld für sie in Empfang nehmen kann. Die Leute hier fühlen sich ziemlich abgeschnitten vom Rest der Welt…

Es war ein interessanter Abend, und wir wären gerne länger in Tabriz geblieben. Allerding haben wir nur ein Visum für einen Monat und sind nicht sicher, ob wir es verlängern können, und so stiegen wir am folgenden Morgen wieder auf unsere Fahrräder und fuhren weiter in Richtung unseres nächsten Ziels, Zanjan.

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