Montag, 18. Oktober 2010

Touristen-Vorführung

Als wir durch die staubigen Ausläufer von Mianeh fuhren, wurden wir von den üblichen Werkstätten begrüßt, in denen Teile von alten Paykans und Lastern zur Reparatur herumlagen. Wenn man erstmal durch dieses Chaos hindurchgefahren ist können die Kleinstädte hier recht angenehm sein, aber sie sind immer voller Verkehr. Autos und Laster erkämpfen sich ihre Positionen, und Motorräder drängeln sich durch die kleinsten Öffnungen. Wir wissen, dass Fahrräder die unwichtigsten Verkehrsteilnehmer sind und verhalten uns dementsprechend, aber manchmal verwirrt das die Fahrer, da sie erwarten, dass wir uns auch agressiv verhalten. Wenn man die Nerven behält, geht es ganz gut, aber wir verstehen immer noch nicht die Ampeln. Die bestehen normalerweise aus drei Lichtern, alle entweder orange oder rot. Normalerweise blinkt das mittlere Licht. Sowie wir das verstehen, bedeutet orange “fahr wenn Du willst, aber sei auf alles vorbereitet”, und rot “anhalten”, aber es scheint als ob es Variationen des Anhaltens gibt, denn die meisten Autos fahren trotzdem weiter wenn das mittlere rote Licht blinkt. Ziemlich verwirrend, und normalerweise folgen wir einfach dem Verkehr.  

Wie immer konnten wir kein Hotel finden, da alles nur in Farsi angeschrieben ist (in arabischen Schriftzeichen). Wir hielten an einer Kreuzung an, um auf unsere Karte zu sehen. Sofort versammelten sich einige neugierige Leute um uns herum, und wir erklärten mit Händen und Füßen, woher wir gekommen waren und wohin wir fahren wollten.

Bald fragte uns ein Mann in gebrochenem Englisch ob er uns helfen könnte. Wir fragten nach einem Hotel, wobei wir das Wort “günstig” betonten, denn normalerweise werden Touristen immer zum teuersten Hotel im Ort geschickt, da angenommen wird, dass wir gern mehr bezahlen, wenn wir dafür eine Sitztoilette bekommen! Nachdem er uns in Augenschein genommen hatte, entschied er, dass wir bereit für die günstigeren Einrichtungen waren.

Der nette Mann hatte angeboten, uns zum Hotel zu bringen, aber erst fragte er, ob wir etwas vom Laden nebenan brauchten.

“Laden, Brot, Yoghurt, Milch, Eier?” fragte er, wobei er sein ganzes Essens-Vokabular gebrauchte.

Guy lehnte höflich ab und erklärte, dass wir momentan nichts brauchten, aber anscheinend wurde das “Nein” nicht akzeptiert.

“Nein, nein, ich sage DIR, brauchst DU etwas vom Laden!”

“Ähm, nein, ich brauche wirklich nichts”, sagte Guy.

Nach etwas Verwirrung brachte er uns dann zum Lehrer-Wohnheim, wobei er Guy am Arm festhielt, als wir die Straße überquerten, während Frederike hinterher ging.

Das Lehrer-Wohnheim sah viel zu schön aus, verglichen mit den Orten wo wir normalerweise übernachten, und wir machten uns Sorgen um den Preis. Nach einer kleinen Verhandlung fanden wir uns aber in dem besten Zimmer wieder, dass wir bisher in Iran hatten, mit Bad (zwar kein Sitzklo, aber immerhin ein Stehklo mit Spülung), Kühlschrank und einem sicheren Platz für unsere Fahrräder.

Der Mann, der uns die Unterkunft gezeigt hatte, Nader, wollte uns später wieder treffen und uns die Stadt zeigen. Wir warteten also später vor dem Wohnheim auf ihn, und bald kam Nader mit seinem etwas rotunden Sohn.

Er stellte uns seinen Sohn vor: “Dies ist mein Sohn, er ist sehr dick.”

Geschockt von dieser abrupten Vorstellung suchte Guy nach einer passenden Antwort. “Neeeein, Nader, er ist nur… naja, gut gefüttert, Deine Frau muss eine sehr gute Köchin sein”, sagte er und bereute es sofort.

Bald wurde klar, dass die Konversation etwas limitiert sein würde, da Nader’s Englisch nicht sehr gut war. Nader erklärte, dass er seit 30 Jahren Lehrer war. Guy fragte ihn, welches Fach er unterrichtete.

“Ich bin Lehrer Englisch.”

Guy warf Frederike einen vielsagenden Blick zu. Vielleicht erklärte das, warum wir so wenig englisch-sprachige Leute im Ort getroffen hatten…

Wir entschieden, dass wir in den Park gehen sollten, der Stolz jeder iranischen Stadt. Kurz vor dem Eingang fragt Nader uns ob wir Eis essen wollten.

“Mister Guy, magst Du Eis?” fragte Nader.

“Klar”, antwortete Guy.

“Mag sie auch Eis?” fragte Nader und zeigte auf Frederike, die gerade mal einen Meter von ihm entfernt war.

In einem Versuch, Frederike mehr in die männlich dominierte Konversation zu bringen, schaute Guy Frederike an.

“Ja, ich mag auch gerne Eis”, zwischerte Frederike.

Als wir in den Eisladen kamen, wurde uns bald klar, dass Nader dort viele Leute kannte, und allen gleich seinen Fund aus fernen Ländern präsentierte.

Das Eis hatte einen Rosengeschmack und war sehr lecker. Frederike überlegte, was die braune Flüssigkeit in einer Flasche auf dem Tisch war. Nach einer Diskussion mit den Angestellten wurde eine kleine Schüssel Bohnen serviert, ähnlich wie Kidneybohnen aber größer.

Nader goss die braune Flüssigkeit über die Bohnen, und wir rochen, dass es Essig war.

“Was ist es?” fragte Nader.

“Bohnen”, sagten wir.

“Was ist es?” fragte Nader und zeigte auf den Essig.

“Essig”, sagte Frederike.

Er schrieb die Worte in sein Notizbuch. Sicher würden es die “Worte des Tages” im morgigen Englisch-Unterricht sein.

Guy machte den klassischen Touristen-Fehler, als er die Bohnen mit seiner linken Hand nahm (die Klo-Hand). Frederike schoss ihm einen vielsagenden Blick zu, aber es war zu spät, wie man Nader’s Blick entnehmen konnte. Sofort wurde eine zweite Schüssel Bohnen bestellt, und Nader sagte, dass sie für uns seien – er wäre nicht hungrig.

“Danke”, sagten wir.

Einige Momente später fragte er, ob er auch ein paar Bohnen haben könnte. Uns wurde klar, dass wir noch einen Touristen-Fehler begangen hatten: Wir hatten das Ta’arof vergessen. Wir hätten die Bohnen ablehnen sollen, da Nader sie selber essen wollte. Währenddessen hatte sein Sohn, Salar, bereits seine zweite Portion Eis gegessen.

Danach gingen wir zum Stadtzentrum, wo es viele moderne Läden gab, die alles Mögliche verkauften, von den neuesten Handys und Flachbildschirmen bis zu Läden mit handbemalten Vasen aus Esfahan und Perserteppichen aus Tabriz.

In jedem zweiten Laden kannte Nader jemanden, und er stellte immer sicher, dass alle uns bewunderten und begrüßten. Wir wurden überall mit großen Lächeln und Handschütteln (für Guy) begrüßt. Es fühlte sich zwar recht selbstgefällig an, so im Mittelpunkt zu stehen, aber zugegebenerweise machte es auch Spaß.

Nader hatte auch einen älteren Sohn, der einen Schuhladen im Ort hatte. Wir besuchten ihn.

“Was hältst Du von meinem Sohn, er ist schön?”

“Ja, er ist sehr schön”, sagte Guy mit einem Augenzwinkern.

Sofort informierte Nader seinen Sohn, dass Guy ihn schön fand, was für beide ziemlich peinlich war.

“Fühlt Ihr wohl?” fragte Nader.

“Ja, wir fühlen uns wohl.”

“Seid Ihr müde, geht Ihr Hotel oder Park.”

Wir schlugen vor, dass wir vielleicht über den Park zum Hotel gehen könnten. Wir wollten den Park immer noch gerne sehen. Auf dem Rückweg waren wir fast beim Park, und dann ging es plötzlich in Richtung Hotel. Anscheinend war es nicht unser Schicksal, den Park zu sehen.

Im Hotel fanden wir heraus, dass Nader auch eine aktives Mitglied des Pingpong-Teams war, und anscheinend ist sein Bruder der Coach des iranischen Nationalteams! Natürlich hatte Salar auch die starken Pingpong-Gene geerbt und wir sahen ein Video von ihm auf seinem Handy. Im Laufe des Abends war Guy ziemlich müde geworden, und das hatte leider seine Aussprache von “Salar” in “Salat” verwandelt.

“Oooh, guck mal, ich kann Salat sehen, er spielt wirklich gut Pingpong, Nader!”

Und dann, nur um es noch schlimmer zu machen: “Salat, Du bis wirklich gut im Pingpong.”

Nachdem wir noch einige Fotos gemacht hatten und unsere Adressen ausgetauscht hatten, verabschiedeten wir uns nach einem wirklich unterhaltsamen aber auch anstrengenden Abend.

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