Montag, 29. November 2010

Bergab zum Persischen Golf

Shiraz – Bandar Abbas

Südlich von Shiraz veränderte sich die Landschaft, und obwohl es immer noch sehr trocken war, kamen wir oft an kleinen Oasen mit ein paar Palmen und manchmal etwas Wasser vorbei. Die Landwirtschaft war sehr von Bewässerung abhängig, und in der Wüste sahen wir oft Qanats und runde Zisternen, aber auch viele moderne Wasserschläuche und Pumpen. Dattelpalmen gab es überall, und Datteln waren nun ein typisches Geschenk für uns von den Einheimischen. 

Wasser Zisternen

Gerade rechtzeitig für unsere erste Pause nach Shiraz wurden wir von einigen Männern angehalten, die in einer Eisdiele arbeiteten. Sie gaben uns riesige Portionen Eis und filmten die Begegnung auf ihren Handies. Die Gastfreundschaft ging weiter, als wir an einer Tankstelle anhielten, an der es kein Benzin mehr gab, so dass einer der Tankwarte uns stattdessen Benzin aus seinem Motorrad abfüllte.  

Lustige Eisdielen-Männer Wüsten-Oase

Am Nachmittag waren wir in einer landwirtschaftlichen Gegend, fanden aber einen Zeltplatz hinter einem Orangenhain. Um uns herum konnten wir Schäfer hören, aber sie kamen nie näher und wir blieben unentdeckt.

Nach einer schnellen Fahrt durch die Wüste fanden wir am nächsten Mittag eine seltene Raststätte mit ein paar Läden und einem kleinen Park. Hadi, einer der Ladenbesitzer, wollte gerne sein Englisch mit uns üben und erzählte uns, dass er nur Englisch lernte, um mit Touristen reden zu können. Allerdings war es schon 6 Monate her, dass das letzte Mal ein Tourist an der Raststätte war, und so war er sehr froh, uns zu sehen!

Die Straße zwischen Shiraz und Bandar Abbas ist recht abgelegen, mit nur zwei Kleinstädten auf den ganzen 600km. Wir verbrachten eine Nacht in Jahrom, einer interessanten kleinen Stadt. Leider wurden wir aber von einem Honigverkäufer über’s Ohr gehauen, der uns erst dazu verführte, seine Honigwaben zu probieren, uns dann “umsonst” ein paar Süßigkeiten gab, um dann einen viel zu hohen Preis für ein kleines Glas Honig zu berechnen.

Als wir am nächsten Tag aus einem Tunnel kamen, wurden wir fast Zeugen eines Busunfalls. Der Busfahrer war in dem engen Tunnel die ganze Zeit geduldig hinter uns geblieben, überholte dann aber kurz vorm Ende und beachtete dabei nicht den Gegenverkehr… Wir hielten kurz hinter dem Tunnel für eine kurze Pause an, als ein Auto mit vier Männern ankam. Sie stiegen aus, und einer trug einen großen Bilderrahmen mit einem Bild von irgendeiner farbenfrohen Göttin. Wir waren ziemlich verwirrt über ihre Absichten, als sie auf uns zukamen. Sie baten Guy, den Bilderrahmen zu halten, so dass sie ein Foto von ihm mit dem Bild machen konnten. Danach dankten sie uns kurz, nahmen den Bilderrahmen, und fuhren in die entgegengesetzte Richtung davon. Das war eine unserer seltsameren Begegnungen…

Schöne Berg-Straße

Am Nachmittag fanden wir uns in den zwei Situationen wieder, die wir am meisten fürchteten: Nicht genug Wasser zu haben, und keinen Zeltplatz zu finden.

Wir hatten unsere Wasserflaschen am Nachmittag an einem Ort auffüllen wollen, der auf unserer Karte eingezeichnet war, aber es war nur ein staubiges Dorf am Straßenrand, ohne Läden, und leider auch ohne Ortsschild. Als uns endlich klarwurde, dass das Dorf der Ort gewesen war, auf den wir gewartet hatten, waren wir schon 10km weiter und wollten nicht mehr umdrehen. Allerdings gab es nicht mehr viele Häuser, und der nächste Ort war 65km weit weg. Es war schon später Nachmittag, wir fuhren auf eine bergige Gegend zu und mussten einen Zeltplatz finden, aber mit nur einem Liter Wasser was das keine Option. Endlich sahen wir ein Gebäude und fuhren einen Schotterweg hinunter, um nach Wasser zu fragen. Ein schüchternes kleines Mädchen grüßte uns und lief weg, um seine Mutter zu holen. Diese machte uns klar, dass sie im Haus kein Wasser hatten. Sie sahen ziemlich arm aus und führten offensichtlich ein hartes Leben dort in der Wüste. Immer noch ohne Wasser gingen wir zurück zur Straße und wollten gerade weiterfahren, als eine Männerstimme uns zurückrief. Der Vater war gerade mit seinem Motorrad angekommen und trug einen großen Kanister voll Wasser, das er aus einer unterirdischen Quelle geschöpft hatte. Er gab uns ein paar Liter Wasser und lehnte das Geld ab, das wir ihm für seine Unannehmlichkeiten anboten, denn jetzt musste er wahrscheinlich nochmal los, um mehr Wasser zu holen. Das Wasser schmeckte sehr “erdig”, so dass wir froh über unseren Wasserfilter waren.

Nun war es Zeit, einen Platz zum Zelten zu finden. Der hügelige Abschnitt hatte keine zugänglichen Plätze, und kurz darauf kamen wir in eine landwirtschaftliche Gegend. Überall fuhren Bauern auf ihren Motorrädern herum und kamen oft mehrmals an uns vorbei, um uns genauer zu begutachten. Jedes bisschen Land wurde von ihnen genutzt, und bei Sonnenuntergang hatten wir immer noch keinen Platz zum Zelten gefunden. Allerdings wird so etwas einfacher, sobald es dunkel ist, und wir fanden schließlich einen sandigen Bereich, der nicht wirklich benutzt wurde und durch den nur ein paar Bewässerungsleitungen führten. Wir stellten das Zelt auf, schliefen aber nicht so gut, da wir wussten, dass es mehrere Motorradwege in der Nähe gab. Wir hätten zwar auch jemanden um Erlaubnis fragen können, zu zelten, aber seit unseren Erfahrungen mit Suleyman dem Schrecklichen ist uns nicht so wohl dabei, bei Anbruch der Dunkelheit bei irgendeinem Haus nachzufragen, ohne die Möglichkeit, die Besitzer vorher etwas zu begutachten. Uns ist es lieber, an einem Restaurant oder einem anderen öffentlicheren Ort nachzufragen, wo wir die Besitzer erstmal ein bisschen kennenlernen können, bevor wir bei ihnen übernachten.

Morgens standen wir sehr früh auf und waren bei Sonnenuntergang schon unterwegs. Allerdings kamen wir nicht sehr weit. Nachdem wir unsere Wasserflaschen an einer Bewässerungsleitung aufgefüllt hatten, fuhren wir nur 5 Minuten weiter und fanden einen netten Platz unter einem Baum, um zu frühstücken. Wir fühlten uns wie die Könige, als wir da so auf dem staubigen Boden saßen und unser leckeres Frühstück zubereiteten: Rührei mit Knoblauch, Zwiebeln und Tomaten, Brot, Müsli und Milchkaffee. Dabei sahen wir den Sonnenaufgang und redeten eine Weile, kochten dann noch Tee, und plötzlich waren zwei Stunden vergangen. Auf der Straße sahen wir unser erstes Schild zum Persischen Golf, was unserer Motivation half.

Persischer Golf Hinweisschild Kamel-Warnschild

Die Temperatur wurde immer wärmer, als wir jeden Tag an Höhe verloren. In Shiraz, auf über 1500m Höhe, war es im Schatten und nachts ziemlich kalt gewesen, aber hier waren die Temperaturen perfekt zum Zelten. Heute fuhren wir durch eine trockene Mondlandschaft, und die Leute sahen hier dunkler und dünner aus. Wir waren vor Banditen gewarnt worden, und eigentlich sah so ziemlich jeder, dem wir begegneten, wie ein Bandit aus. Sogar Familien auf Motorrädern, da sie alle ihre Gesichter komplett mit einem arabischen karierten Tuch verhüllen. Nur die Augen blinzeln durch einen kleinen Schlitz (Sonnenbrillen scheinen hier nicht zu existieren). Trotzdem winkten uns alle fröhlich zu und riefen uns Grüße zu. Die Banditen wären wahrscheinlich sowieso mehr an den Einheimischen interessiert, denn die meisten Autos, die von den zollfreien Orten an der Küste kamen, waren voll mit neuen Elektronik-Gegenständen beladen (und in manchen Fällen Alkohol, wie uns ein Mann stolz erzählte). 

Die zweite größere Stadt, durch die wir kamen, war Lar – eine Kleinstadt mit arabischen Ambiente. Felsenkliffe überragten den Ort, und wir konnten uns richtig vorstellen, wie es früher einmal gewesen sein musste. Es gab ein rundes Eishaus, einige schöne Moscheen, und der Verkehr war recht ruhig.

Wie immer hatten wir Probleme, gutes Brot zu finden, aber heute hatten wir Glück: Wir fanden eine kleine Bäckerei in der Nähe unseres Hotels. In Iran können wir meistens frisches Brot nur abends zwischen ca 17 und 18 Uhr kaufen. Zu jeder anderen Zeit sind die Bäckereien entweder geschlossen, das Brot ist noch nicht fertig, oder es ist bereits ausverkauft. Wir stellten uns an der Brotschlange an und sahen zu, wie der Bäcker Teigbälle formte, die dann flach gedrückt und in einen Steinofen gelegt wurden, der mit kleinen Kieselsteinen gefüllt war. Jedes Fladenbrot brauchte nur ein paar Minuten, und dann wurde es an einen Assistenten weitergegeben, der die Steinchen entfernte, die noch am Brot klebten. Alle Leute in der Schlange unterhielten sich und warteten geduldig darauf, dass ihr Brot gebacken wurde. Da einige Leute vor uns bis zu 20 Fladenbrote bestellten, die dann einzeln gebacken wurden, warteten wir ziemlich lange. Endlich bestellten wir unsere 3 Brote. Sogar für Iran war das Brot extrem günstig und kostete uns nur 5000 Rial ($0,50) für 3 riesige Fladenbrote. Als unser Brot fertig gebacken war, wurde es gefaltet, und der Bäcker legte einen 5000 Rial Schein auf das heiße Brot, bevor er es Frederike gab. Er murmelte etwas über iranische Traditionen, lächelte und drehte ihr den Rücken zu, als sie versuchte, ihm das Geld zurückzugeben. 

Von Lar aus ging es schnell bergab zum Persischen Golf, wobei die Abfahrt nicht ganz so einfach war, wie wir uns das gedacht hatten. Bevor wir Lar verließen, hatte uns ein Taxifahrer gewarnt, dass wir lange Zeit kein Wasser finden würden, und er hatte Recht. Für die nächsten 130km gab es keine Läden, ausser einer kleinen Hütte, in der man etwas Wasser und Pepsi kaufen konnte. Wir fragten auch an einer Polizeisperre nach Wasser. Im Gegenzug bot Guy ihnen ein paar Datteln an. Dankend nahm ihm ein Soldat das ganze Paket Datteln ab und ging damit davon. Hmm, so war das zwar nicht gedacht, aber da er eine AK-47 hatte, ließen wir die Sache auf sich beruhen und traten den Rückzug an. Nun mussten wir auf einen unserer Lieblings-Snacks verzichten, aber wir schafften dennoch unseren bisher längsten Tag mit 125km.

Straße zwischen Lar und Bandar Abbas

Da die Gegend kaum bewohnt war, war es sehr einfach, einen guten Platz zum Zelten zu finden. Wir campten in einem schönen ausgetrockneten Flusstal, wo wir den Abend damit verbrachten, die Sterne zu bewundern und über unsere lange Fahrt durch Europa und den Mittleren Osten nachzudenken, und auch darüber, wie wohl wir uns inzwischen in Iran fühlten. Nach 6 Monaten und 8500km wussten wir, dass dies wohl erstmal unsere letzte Nacht im Zelt sein würde, da wir in Indien und Südostasien wahrscheinlich nicht zelten werden.

Wir waren entschlossen, es am nächsten Tag nach Bandar Abbas zu schaffen. Es würde wieder ein langer Tag werden, aber wir standen früh auf und hatten glücklicherweise Rückenwind. Nachdem wir schon so lange Kamel-Warnschilder und (leider) überfahrene Kamele gesehen hatten, sahen wir endlich eine Herde von ca 20 Kamelen, die an Dornbüschen herumkauten. Sie waren größer als wir erwartet hatten, aber auch ziemlich zahm, so dass Guy sich recht nah herantraute, um Fotos zu machen.

Kamel

Das andere, worauf wir gewartet hatten, war der Persische Golf. Aber wir waren fast in Bandar Abbas als wir endlich einen dünnen blauen Streifen am Horizont sahen. Seitdem wir Istanbul drei Monate vorher verlassen hatten, hatten wir das Meer nicht gesehen, und es war angenehm, unsere Augen an dem beruhigenden Blau zu weiden. Welch ein Kontrast von den Wüstenregionen, in denen wir so viel Zeit verbracht hatten!

Persischer Golf

In der Nähe von Bandar Abbas wurde die Straße viel von Lastwagen befahren, die Container zum nahegelegenen Hafen brachten. In den letzten Kilometern waren überall Laster, Lärm, dreckige Reparaturläden, und nicht viel Platz für Fahrräder. Nach einem weiteren langen Tag mit 123km kamen wir endlich in Bandar Abbas an, müde, etwas traurig dass unser Abenteuer in Iran vorbei war, aber auch froh, angekommen zu sein, und bereit für ein neues Kapitel.

Wir hatten erwartet, dass Bandar Abbas ziemlich heruntergekommen sein würde, aber fanden es eigentlich okay. Es gibt zwar viel Schmuggelei und einige seltsame Typen, aber es gibt auch ein modernes Einkaufszentrum und eine Art Promenade. Die Leute sind so freundlich und neugierig wie überall in Iran, und wir hatten eine lustige Begegnung mit einer jungen Frau, die Nüsse und Süßigkeiten verkaufte. Eine halbe Stunde lang las sie uns alle möglichen Wörter aus ihrem Englisch-Wörterbuch vor und lachte sich dabei halb kaputt. Dann wühlte sie in ihrer Handtasche herum und bestand darauf, Frederike ihre Flasche Parfüm zu schenken!

Unser Plan ist, die Fähre von Bandar Abbas nach Dubai zu nehmen, wo wir einige logistische Dinge erledigen müssen, bevor wir nach Indien fliegen. Wir haben auch gerade gehört, dass Frederike’s Vater seine Flugmeilen ausnutzen und uns in Dubai besuchen wird, und wir freuen uns schon auf ein bisschen Auszeit vom Radfahren.

Wir haben 2300km und 7 Wochen gebraucht, um durch Iran zu fahren, und manchmal waren wir wirklich nahe daran, wegen des starken Lastwagenverkehrs im Norden Irans aufzugeben. Während wir Iran auf jeden Fall als Reiseziel empfehlen würden, würden wir die Strecke zwischen Maku und Esfahan nicht per Fahrrad empfehlen, es sei denn, man findet eine ruhigere Strecke als die direkte Route, die wir genommen haben. Es sind dort einfach viel zu viele Lastwagen unterwegs. Die Strecke von Esfahan nach Bandar Abbas via Shiraz ist allerdings ziemlich gut zum Radfahren und hat uns gut gefallen. Die Leute sind überall sehr freundlich und ehrlich, das Zelten ist fantastisch, da es in Iran so viel Platz gibt, und wir haben uns immer sicher gefühlt. Die Landschaft ist zwar größtenteils nicht so spektakulär wie in der Türkei, aber sie ist interessant (es sei denn, man mag keine Mondlandschaften!). Für uns waren die Städte und die netten, großzügigen, neugierigen Leute das wirkliche Highlight Irans. Lasst Euch nicht von den Medien abschrecken. Iran ist ein sicheres Land für Reisende, und die herzlichen Leute hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Iran war eines der größten Highlights unserer bisherigen Reise.

Khoda Hafez Iran.

Sonntag, 28. November 2010

8000 km Foto

Mit Shiraz ließen wir auch das kühle Wetter hinter uns. Über 6 Tage und 600km verloren wir mehr als 1500 Höhenmeter, bis wir in Bandar Abbas am Persischen Golf wieder auf Meereshöhe ankamen. In den letzten drei Monaten seit Istanbul waren wir immer auf über 1000m Höhe geblieben während wir auf dem anatolischen Plateau in der Türkei, und den Zagros Bergen in Iran radelten.

Das Foto machten wir nicht weit von Shiraz, als die dürre Landschaft von Dattelpalmen, Orangenhainen und Baumwollplantagen unterbrochen wurde. Die Temperatur stieg stetig an während wir an Höhe verloren, bis es am Golf wieder über 30°C waren.

IMG_8045

Samstag, 20. November 2010

Extreme Gastfreundschaft, Wüstencamping und Ruinenstädte

Esfahan - Shiraz

Nach zwei Wochen ohne Fahrräder waren wir endlich bereit, weiterzufahren. Wir frühstückten noch schnell mit Mike und Jo, einem Paar aus Neuseeland, das per Fahrrad auf dem Weg von Peking nach Paris war, und dann ging es los. Zu unserer Erleichterung war der Verkehr südlich von Esfahan viel leichter als im Norden Irans, und so genossen wir das Fahrradfahren. Als wir aus der Stadt kamen und recht steil bergauf fuhren, bemerkten wir hinter uns drei iranische Radfahrer. Sie sprachen nicht viel Englisch, aber wir verstanden, dass sie Mitglieder eines Radsportclubs waren. Als wir weiterfuhren, machten sie Fotos von uns und gaben uns Süßigkeiten, die uns auf dem Weg zum Gipfel halfen.

Als wir an einer Tankstelle vorbeikamen, hielten wir an, da unsere Benzinflasche für unseren Kocher leer war. Wir warteten geduldig in der Schlange und zogen wie üblich neugierige Blicke auf uns. Wir können ihre Gedanken fast hören: “Das sind doch Fahrräder, wofür brauchen die denn Benzin?”

Der Tankwart füllte unsere Flasche, 1l kostete nur $0.10. Ironischerweise ist Benzin in Iran rationiert, obwohl Iran die zweitgrößten Ölreserven der Welt hat. Als Guy sein Portemonnaie herausholte, sprang ein Mann hinter uns aus seinem Auto und bestand darauf, zu bezahlen. Es war eine sehr nette Geste, die wir schätzten, obwohl das Benzin uns sowieso nur einige Cents gekostet hätte.

Am Nachmittag kamen wir in einer kleinen Stadt an und suchten ein Hotel. Alle Leute zeigten auf ein teuer aussehendes Hotel neben einem Park mit sehr vielen Leuten. Es schien als ob viele Esfahanis fürs Wochenende gekommen waren, und es waren Hunderte von Leuten in dem kleinen Park, die zelteten und Picknicks machten. Das Hotel war sehr schön, aber zu teuer für uns und auch nur über mehrere Treppen erreichbar (ein Albtraum mit einem voll beladenen Fahrrad), also fuhren wir weiter, um etwas anderes zu finden. Wir fragten in einem kleinen Laden nach und wurden in Richtung eines Gasthauses gewiesen. Doch gerade als wir losfahren wollten, kam ein junger Mann vorbei und bot uns an, in seiner Wohnung zu schlafen, die über dem Laden lag. Wir waren ziemlich müde und hatten uns darauf gefreut, uns in einem Hotel zu entspannen, aber der Mann war sehr nett und irgendwie akzeptierten wir das Angebot, vor allem nachdem seine lebhafte Schwester aus dem Haus kam und uns auch hereinwinkte.

Mahmud und seine Schwester, Mahdie, halfen uns, die Fahrräder ins Haus zu bringen und luden uns ins Wohnzimmer ein. Ihre Mutter war bereits in der Küche damit beschäftigt, Tee zu kochen. Die Familie schien sehr modern zu sein; sie hatten Satelliten-Fernsehen, und vor allem hatten sie einen kleinen Hund! Dies ist in Iran sehr ungewöhnlich, da Hunde aus religiösen Gründen nicht ins Haus dürfen (dieses kleine Hündchen, Barfie, wohnte in seinem eigenen Zimmer außerhalb der Wohnung). Die Familie sprach nicht viel Englisch, aber wir konnten wie immer über Zeichensprache und unseren Sprachführer kommunizieren. Bald wurde Guy eingeladen, mit Mahmud irgendwo hinzufahren, und Frederike blieb mit den Frauen zurück.

Sobald die Männer weg waren, wurden die Kopftücher abgenommen und die Frauen entspannten sich. Mahdie war gerade dabei, die Haare ihrer Schwägerin blond zu färben, und einige Freundinnen kamen zu Besuch. Mahdie ist eine inspirierende junge Frau von 23 Jahren, die Informatik studiert. Sie ist auch Torwärtin in einem Fußballteam und hat schon eine regionale Trophäe gewonnen. Sie spielt Volleyball, kann arabische Tänze vorführen, strickt sehr gut und spielt Frisörin für ihre Freunde und Familie. Frederike kam das zugute, als Mahdie professionell ihre Haare föhnte, nachdem sie geduscht hatte. 

Mehrere andere Frauen kamen zu Besuch, und eine von ihnen sprach Englisch, so dass es für Frederike einfacher war, mit der Familie zu kommunizieren. Mahdie zeigte Frederike Videos von ihrer Verlobungsfeier, in der sie ein weißes Brautkleid trug und viele Geschenke bekam. Das Video war von der Feier der Frauen, und alle Frauen trugen Abendkleider, keine Kopftücher, und hatten viel Spaß beim Tanzen und Singen (die Männer feierten separat). Es gab auch ein professionelles Fotoalbum mit Fotos von Mahdie und ihrem Verlobten, und beeindruckenderweise gab es auch eine Sammlung von Videoclips, die in einem Studio in der Gegend gefilmt worden waren. Die Videos waren wie Musikvideos, in denen Mahdie und ihr Verlobter die Hauptdarsteller waren. Mahdie war in Beyonce’s Stil angezogen (kein Kopftuch), und jedes Video zeigte eine andere kurze Liebesgeschichte. Das Filmen hatte eine ganze Woche gedauert. Es war sehr professionell, und sie schienen das Schauspielern wirklich zu mögen – Mahdie ist sehr groß und hübsch, und so sahen die Videos einfach toll aus.

Inzwischen besuchten Guy und Mahmud die Druckerei von Mahdie’s Verlobtem und fuhren dann zu Mahmud’s Bruder, um Fußball zu schauen. Als die Männer zurückkamen, waren ungefähr 20 Leute im Wohnzimmer versammelt und es wurde entschieden, dass wir alle zu einem Garten fahren und dort essen würden. Wir üblich gab es keine Erklärung und wir hatten keine Ahnung, wohin wir fahren würden – zu einem Park? Oder einem Restaurant? Wie würden sie das Essen für so viele Leute organisieren?

Gegen 21 Uhr versammelten wir uns alle draußen und es erschienen mehrere Autos, die die Gesellschaft zu dem mysteriösen Ort transportieren sollten. Recht weit außerhalb der Stadt bogen wir auf einen unbefestigten Feldweg ab, und die Scheinwerfer der Autos konnten kaum den aufgewirbelten Staub durchdringen. Während wir da im Dunkeln durchgerüttelt wurden, wurden wir immer neugieriger über unser Ziel, bis wir endlich an einem eisernen Tor anhielten. Hinter dem Tor befand sich eine kleine Granatapfel- und Walnussfarm mit einem kleinen Haus. Als wir eintraten, wurde die Stimmung immer ausgelassener. Die Frauen lachten und sangen, und die Männer sammelten im Garten Feuerholz, um ein Feuer zum Grillen zu machen. Auf dem Boden des Hauses lagen Teppiche, und wir machten es uns dort gemütlich.

Mit Mahdie und Freundinnen

Im Garten wurde das Feuer angezündet, und die Männer grillten ein Hühnchen. Drinnen wurde gesungen und getanzt, und Mahdie machte eine kleine Tanzvorführung. Sie lud dann Frederike ein, mit ihr zu tanzen, aber leider konnte Frederike’s Tanzvorführung nicht mit Mahdie’s mithalten. Die Familie fährt oft in den Garten, wo sie viel Spaß haben, Karten spielen und die Wasserpfeife rauchen.

Grillen Kinder

Obwohl wir einige Kleinigkeiten gegessen hatten seitdem wir um 16 Uhr am Haus der Familie angekommen waren, hatten wir noch nichts Richtiges gegessen und waren fast am Verhungern. Normalerweise essen wir gegen 18 oder 19 Uhr, aber heute dauerte es bis Mitternacht, das Hühnchen zu grillen. Alle lachten über uns, als wir das leckere Hühnchen mit Brot, Yoghurt und Salat in Rekordzeit verschlangen. Als wir um 1:30 Uhr wieder nach Hause kamen, waren wir total erschöpft, fühlten uns aber auch sehr glücklich, mit dieser lieben Familie Zeit verbracht zu haben. Uns wurde das Schlafzimmer von Mahmud und seiner Frau gegeben, und wie üblich war es unmöglich, abzulehnen. So schliefen die beiden auf dem Boden des Wohnzimmers, während wir es uns in ihrem Bett gemütlich machten. Mahdie musste früh am nächsten Morgen los, und so verabschiedete sie sich etwas traurig und schenkte Frederike sogar noch eine Kette als Souvenir.

Am Morgen frühstückten wir mit Mahmud’s Frau und seiner Mutter. Seine Mutter arbeitet in einer Bäckerei und gab uns etwas Brot zum Mitnehmen. Sie baten uns, länger zu bleiben, aber wir schafften es, sie zu überzeugen, dass wir weiterfahren mussten. Als wir uns verabschiedeten, kamen noch mehrere der anderen Familienmitglieder zu Besuch. Wir verabschiedeten uns von Mahmud (im Foto ist er der in der Mitte), während Hossein und Ahmad Reza auf ihr Motorrad stiegen und uns durch die Stadt begleiteten, so dass wir uns nicht verirrten. Sie warnten uns auch, auf der Straße vorsichtig zu sein und niemandem zu vertrauen (wir finden oft, dass die Leute am meisten Angst vor ihren eigenen Nachbarn haben).

Die Männer mit ihrem Motorrad

Es erstaunt uns immer wieder, wie wir so viel Spaß haben und irgendwie mit Leuten kommunizieren können, mit denen wir keine gemeinsamen Sprache haben, und trotzdem gibt es nur wenige unangenehme “Schweige-Momente”. Der Abend, den wir mit dieser Familie verbrachten, zählt auf jeden Fall zu unseren schönsten Erinnerungen in Iran.

Als wir durch die Stadt fuhren, folgte uns ein Mann in einem Auto und fragte Hossein und Ahmad Reza über uns aus. Als wir anhielten, um uns zu verabschieden, war der Mann schon da, und sobald unsere beiden Freunde weggefahren waren, rannte er los, um uns Tee und Kekse zu kaufen. Wir wollten eigentlich gleich weiterfahren, konnten aber unmöglich ablehnen. Der Mann sprach kein Wort Englisch, und unser Farsi ist nicht sehr gut, aber er machte große Anstrengungen, um herauszufinden, wie lange wir bis zum nächsten Dorf brauchen würden. Wir wussten zwar nicht, warum er das unbedingt wissen musste, sagten aber, es würde ca eine Stunde dauern. Der Mann schaute auf die Uhrzeit auf seinem Handy, ging zu seinem Auto und fuhr weg. 

Bei viele Leute können wir inzwischen schnell entscheiden, ob wir ihnen vertrauen oder nicht, indem wir uns auf Anhaltspunkte wie ihre Augen, ihr Lächeln, Kleidung und Benehmen verlassen. Mahmud war ein typischer Fall, bei dem wir sofort wussten, dass wir ihm vertrauen konnten. Allerdings waren wir uns bei diesem Mann nicht so sicher, da uns seine Absichten unklar waren und die üblichen Anhaltspunkte auch keine Klarheit brachten. Wir wussten nur, dass er ein altes Auto fuhr und es ihm ungewöhnlich wichtig war, unseren genauen Aufenthaltsort zu kennen. Die Warnungen, niemandem zu vertrauen, hallten uns noch im Kopf nach, und wir machten uns ein paar Gedanken. 

Als wir eine Stunde später im besagten Dorf ankamen, waren wir leicht nervös, vor allem als wir den Mann schon am Straßenrand auf uns warten sahen. Er winkte uns zu und machte Essens-Gesten, wobei er auf ein Restaurant zeigte. Wir mussten sowieso etwas essen und folgten ihm daher zum Restaurant. Drinnen bestellte er eine Riesenmenge Essen. Während er das Essen mit dem Restaurantbesitzer diskutierte, sollten wir uns schonmal hinsetzen. Bald wurde serviert: Gekochtes Lamm, Auberginen-Eintopf, zwei Arten Salat, Reis, Brot, eingelegtes Gemüse, Yoghurt und Getränke. Allerdings wurde uns dann klar, dass nur zwei Portionen serviert wurden, denn anscheinend wollte der Mann nicht mit uns essen. Nachdem er sichergestellt hatte, dass alles Essen da war und es uns gut schmeckte, winkte er uns kurz zu und verschwand mit nur einem kleinen Beutel trockenem Brot. Wir fanden nicht mal seinen Namen heraus. Die Mahlzeit war sehr lecker, und sogar mit unserem großen Appetit schafften wir es nicht, alles zu essen. Es musste ihn einiges gekostet haben, und er sah nicht gerade reich aus. Manchmal können wir kaum glauben, wie großzügig die Leute hier sind. 

Wüstencamping

In der Nacht zelteten wir in der Wüste auf 2200m Höhe; es war der höchste Zeltplatz auf unserer Reise. Wir gingen einfach bei Sonnenuntergang in die Wüste hinaus und stellten das Zelt bei Mondlicht auf. Wir genossen die Ruhe und Einsamkeit der Wüste, aber es wurde nachts sehr kalt. Morgens waren es -3°C. Zum Glück sind unsere Schlafsäcke warm, und Frederike verwandelte eine ihrer Aluminium-Wasserflaschen in eine Wärmflasche.

Das Radfahren war hier viel besser als im Norden Irans, mit einem breiten Seitenstreifen, nicht so viel Verkehr, und einer interessanteren Wüsten- und Berglandschaft. Kurz vor dem Ort Abadeh hielt uns ein Mann in einem weißen Paykan an und lud uns zum Mittagessen ein. Er gab uns seine Telefonnummer und Adresse, und als wir im Ort nach dem Weg fragten, eskortierte uns ein anderer Mann direkt zum Haus. Wir parkten unsere Fahrräder im Innenhof und wurden ins Wohnzimmer eingeladen. Muhammed war Tierarzt und wohnte mit mehreren Verwandten in diesem Haus. Wie üblich erklärten wir, wer wir sind und was wir machen durch eine Mischung von Zeichensprache, unserem Sprachführer, einer Weltkarte, und Fotos von unseren Familien. Wir verbrachten zwei Stunden mit den Männern, während die Frauen kochten. Endlich war das Essen fertig. Es war das Warten wert, denn es war ein leckeres Gericht mit Hühnchen und Reis. Wir aßen mit den Männer auf dem Boden des Wohnzimmers, während die Frauen in der Küche aßen. Leider wurden wir den Frauen nie richtig vorgestellt, aber Frederike ging später in die Küche, um ihnen für das Essen zu danken. Die Familie wollte uns über Nacht dabehalten, aber wir wollten vor dem Abend noch etwas weiterfahren und schliefen dann in einem Hotel im nächsten Ort.

Mit Muhammed Mittagessen mit Muhammeds Familie

Den ganzen nächsten Morgen ging es bergauf. Es war ein langsamer und angenehmer Anstieg, der uns über den höchsten Pass unserer ganzen Reise führte, auf 2550m Höhe. Nach einer schönen Abfahrt und einem verdienten Kebab-Essen langten wir plötzlich vor einem kleineren Pass an. Momentan wird es schon um kurz nach 17 Uhr dunkel, und manchmal müssen wir uns ziemlich anstrengen, um unsere tägliche Distanz während des Tageslichts zu schaffen. Es war zu spät, um vom Pass wieder in wärmere Gefilde herunterzukommen, und so zelteten wir in der Nähe des Passes, auf 2130m Höhe. Wir hatten eine schöne Aussicht über ein Tal und eine Bergkette. Es war sehr windig und kalt, aber wir saßen trotzdem eine Weile draußen und schauten die Sterne an, wobei wir beide eine Sternschnuppe sahen. Nachdem wir uns etwas gewünscht hatten, krabbelten wir ins Zelt.

Zelten in den Bergen Aussicht vom Zeltplatz

Nach einer schnellen Abfahrt kamen wir an der Abzweigung nach Pasargadae an, dem Sitz von Kyrus dem Großen, der Herrscher des Persischen Reiches wurde, nachdem er seinen eigenen Großvater 550 v.Chr. hier im Kampf besiegte. Kyrus eroberte ein riesiges Reich, das von der Türkei und Babylon bis zum jetzigen Pakistan reichte. Während seiner Feldzüge benutzte er einige schlaue Tricks: In einer Schlacht plazierte er strategisch Weinkaraffen, so dass die gegnerische Armee betrunken sein würde. Natürlich gewann er die Schlacht, aber die gegnerische Königin schwor Rache und besiegte ihn bald, worauf sie seinen abgetrennten Kopf in eine Wanne voller menschlichem Blut tunkte. Er wurde im Mausoleum in Pasargadae beigesetzt, welches immer noch existiert, zusammen mit den Ruinen seiner Paläste.

Kyrus Mausoleum Ruinen in Pasargadae

Nachdem wir unsere Besichtigung abgeschlossen und unsere Reise einer Gruppe von 30 Studenten erklärt hatten, fuhren wir weiter in Richtung Persepolis. Auf dem Weg trafen wir zwei französische Radfahrer, die ersten Tourenradfahrer, die wir in Iran auf der Straße getroffen haben. Kurz danach hatte Frederike plötzlich einen Platten: Es war ein großer Schnitt im Reifen. Guy reparierte den Reifen mit Sekundenkleber, aber inzwischen war es schon spät, und wir mussten uns anstrengen, um es vor Einbruch der Dunkelheit nach Persepolis zu schaffen. Als wir gerade rechtzeitig ankamen, hielten wir an einem Touristenkomplex an und erkundigten uns nach dem Preis eines Hotelzimmers. Da dies aber viel zu teuer für uns war, zelteten wir stattdessen dort. Dies war das erste Mal seit Westeuropa, dass Boris auf weichem, frischen Gras ohne Dornen aufgestellt wurde.

Am Morgen besuchten wir Persepolis. Diese beeindruckende Stadt war von Darius I gebaut worden, der das Persische Reich nach Kyrus regierte. Persepolis wurde als das neue Zentrum des Reiches gebaut, das vor allem für Zeremonien und religiöse Feste genutzt wurde. Die Perser verehrten den Gott Ahura Mazda, der auch im Zoroastrianismus verehrt wird. Obwohl die Stadt ziemlich zerstört ist, lassen die Ruinen keinen Zweifel an der Macht des Persischen Reichs.

Persepolis Eingangstor Persepolis Überblick

Es gibt monumentale Treppen und Tore, Säulenwälder, und vor allem viele gut erhaltene, detaillierte Reliefs. Die beeindruckendsten Reliefs befinden sich an der Apadana-Treppe und zeigen die Ankunft der Delegationen von 23 Nationen für eine Zusammenkunft vor dem König. Äthiopier, Araber, Inder, Kappadokier, Elamiten und viele andere Nationen sind in ihrer traditionellen Kleidung abgebildet und bringen wertvolle Geschenke, von doppelhöckrigen Kamelen bis zu Goldstaub. Leider eroberte Alexander der Große letztendlich Persien und verbrachte 330 v.Chr. mehrere Monate in Persepolis. Daraufhin organisierte er 3000 Kamele, um den Inhalt der Schatzkammer abzutransportieren, und ließ Persepolis zu Schutt und Asche niederbrennen. Sogar jetzt konnten wir immer noch schwarze Stellen auf einigen Säulen sehen, die von diesem Feuer herrührten. Persepolis war Jahrhunderte lang von Staub und Sand bedeckt, bis Ausgrabungen in den 1930ern die Stadt wieder freilegten.

Persepolis Reliefs

Am Nachmittag fuhren wir nach Shiraz. Sobald wir im Ort ankamen, wurden wir von einem Zeltladenbesitzer auf einen Tee eingeladen, dessen Sohn gerade ein Visum für Australien beantragt hatte. Er schickte einen seiner Verwandten los, um uns zu unserem Hotel zu führen, da wir uns etwas verirrt hatten, und so fanden wir ein großes, günstiges Zimmer in Zand Hotel. Unser Zimmer ist groß genug, so dass wir dort ungestört kochen können. Wir kauften viel Obst und Gemüse und beschlossen, dass wir uns in Shiraz gut erholen und gesund essen würden (unterwegs war es oft zu schwierig für uns, Obst und Gemüse zu finden). Wir besichtigten einige Sehenswürdigkeiten, wie das Hafez Denkmal, das für Iraner sehr wichtig ist, da sie den Dichter verehren. Dem entspannten Basar statteten wir auch einen Besuch ab.

Hafez Grabstätte Blumen

Die Leute in Shiraz sind sehr freundlich, manchmal sogar etwas zu sehr: Wir bekamen einen richtigen Eindruck davon, wie es ist, ein Rockstar zu sein, als uns ein Pärchen eines Morgens belagerte. Als Guy noch halb verschlafen aus dem Zimmer zum Kühlschrank im Korridor ging, warteten die “Paparazzi” schon auf ihn und baten ihn, Frederike zu holen, so dass sie ein Foto von ihr machen könnten. Leider war Frederike aber damit beschäftigt, Porridge zu kochen, und hatte ihr Kopftuch nicht auf, so dass sie der Aufforderung nicht nachkommen konnte. Am Ende verschwand das Paar leicht enttäuscht mit einem Foto von einem bärtigen Mann mit verwuschelten Haaren. Auf der Straße werden wir oft von Leuten angehalten, die uns fotografieren wollen, und einige Male sind wir auch um ein Autogramm gebeten worden!

Wir werden hier noch ein paar Tage verbringen bevor wir die letzten 600km nach Bandar Abbas am Persischen Golf in Angriff nehmen. Das wird das Ende unseres iranischen Abenteuers sein, denn von Bandar Abbas werden wir eine Fähre nach Dubai nehmen, wo wir unser indisches Visum beantragen werden – das nächste Kapitel unserer Reise wartet auf uns.

Mittwoch, 10. November 2010

Yazd: Eine Stadt an der Seidenstraße

Zwischen unseren Besichtigungen und Andenkenkäufen mussten wir eine wichtige Sache in Esfahan erledigen: Unser iranisches Visum zu verlängern. Dies war einfacher als erwartet, und unser neues Visum wurde sofort ausgestellt. Als wir auf unsere Pässe warteten, wurden wir plötzlich in Raum Nummer 3 bestellt. Nachdem wir etwas nervös eingetreten waren, wurde schnell klar, warum die Polizisten uns sehen wollten: Sie wollten, dass wir mindestens fünf australische Ausdrücke aufschrieben, denn einer der Polizisten sammelte diese. Leider hatten die Polizisten aber so viel Spaß dabei, die neuen Sprichwörter zu üben, dass sie vergaßen, unsere Pässe abzustempeln! Als wir zurück in unser Hotel kamen, wurde uns gesagt dass die Polizei angerufen hätte und wir am nächsten Morgen noch einmal zurückkommen mussten, um den Stempel abzuholen.

Da unser Visum nun noch für weitere 30 Tage gültig war, hatten wir Zeit, für ein paar Tage in die Wüste zu fahren, um Yazd zu besuchen. Wir ließen die Fahrräder in unserem Hotel in Esfahan und nahmen einen Bus nach Yazd, was vier Stunden entfernt liegt. Wir ließen die Berge hinter uns und fuhren am Rande einer großen Wüste entlang, die fast die ganze östliche Hälfte Irans bedeckt. Dabei fuhren wir an vielen Kamel-Warnschildern vorbei, sowie einem Lastwagen voller Kamele, deren Ziel hoffentlich nicht die Kamelschlachterei war, die wir in Yazd sahen und die stolz einen abgetrennten Kamelkopf am Eingang ausstellte.

Bereits seit 7000 Jahren ist Yazd bewohnt, und somit ist es eine der ältesten Städte der Welt. Yazd war schon für seine Seide bekannt, bevor Marco Polo es im 13. Jahrhundert besuchte. Die Altstadt fühlt sich sehr entspannt an. Sie ist aus Lehmziegeln gebaut, und viele Gebäude haben traditionelle Windtürme (Badgirs).

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Wir übernachteten im Silk Road Hotel, einem traditionellen Hotel mit gemütlichem Innenhof und sehr gutem Essen. Endlich brauchten wir keine Kebabs mehr essen, denn es gab leckere Auberginen-Eintöpfe und Hühner-Curries (wir widerstanden dem Kamelburger, der auch im Angebot war). Das Silk Road Hotel ist ein beliebter Treffpunkt für Reisende, und wir trafen viele andere Leute – Rucksackreisende, ein paar Fahrradfahrer, und mehrere Leute, die mit Autos oder Motorrädern von Europa nach Indien fuhren und in Yazd Teams formten, für den schwierigen Abschnitt durch Pakistan, der vor ihnen lag.

Da es in einer Wüstenregion liegt, haben die Einwohner von Yazd einige schlaue Erfindungen gemacht, um ihr Leben zu vereinfachen. Lehmziegel insulieren sehr gut, und zwar so sehr, dass die Perser daraus sogar runde Eishäuser bauten, in denen sie den ganzen Sommer über Eis lagern konnten.

Die Temperaturen können im Sommer 50°C erreichen, und eine Klimaanlage ist daher notwendig: Dafür wurden die Windtürme oder Badgirs erfunden. Diese sehen aus wie große Schornsteine und sind so gebaut, dass sie auch die leichteste Brise einfangen und nach unten ins Haus leiten. Oft gibt es ein kleines Wasserbecken dort, wo die Luft ins Haus eintritt, was diese noch weiter kühlt. Gleichzeitig wird warme Luft nach oben geleitet und tritt aus dem Windturm aus. Der Bagh-e Dolat Abad Pavillion in Yazd hat den höchsten Windturm in Iran, der über 33m hoch ist. Das Zimmer darunter ist merklich kühler als der Rest des Gebäudes.

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Die andere beeindruckende Erfindung, die schon seit über 2000 Jahren benutzt wird, ist das Qanat System. Die Qanats sind Tunnel, die Wasser von einer unterirdischen Quelle zu einer Stadt, einem Dorf oder einem Landwirtschaftsgebiet leiten. Es wird geschätzt, dass es in Iran immer noch mehr als 50000 Qanats gibt, und manche Städte wie Kashan und Bam benutzen sie immer noch für ihre Wasserversorgung. Im Wassermuseum in Yazd fanden wir mehr über den Bau der Qanats heraus. Dies kann ziemlich gefährlich sein und wird von spezialisierten Arbeitern gemacht, die dabei ein weißes Gewand tragen, das auch als Totengewand dient, falls es Untertage einen Unfall gibt…

Unser Hotel war auch beliebt bei Iranern, die dorthin kamen, um mit den Touristen ihr Englisch zu verbessern. Eines abends trafen wir einen jungen Mann, der sehr gut Englisch sprach. Er erzählte uns, dass er zwar in Iran geboren ist, aber die afghanische Nationalität hat, da seine Eltern Flüchtlinge aus Afghanistan sind, die in den Siebzigern nach Yazd gekommen waren.

Wir verbrachten den nächsten Morgen mit ihm, um Yazd zu erkunden, Tee zu trinken und zu reden. Er war sehr nett und bestand sogar darauf, unsere Buskarten zu bezahlen. Er zeigte uns einige Highlights von Yazd, wie einen historischen Hammam, eine Moschee voller verspiegelter Kacheln, und das zentrale Amir Chakhmagh Zentrum.

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Wir hatten schon mehrere Leute in einer ähnlichen Situation getroffen – Leute die in Iran geboren waren, aber die afghanische oder irakische Nationalität hatten. Anscheinend gibt es für sie keine Möglichkeit, die iranische Nationalität zu bekommen. Das bedeutet, dass sie nur wenige Rechte haben, zum Beispiel dürfen sie nicht arbeiten, Autos fahren, bestimmte Universitätsfächer belegen, oder ihre Heimatstadt verlassen – obwohl sie in Iran geboren wurden! Natürlich brauchen sie trotzdem Geld zum Leben und müssen daher arbeiten, aber das ist natürlich illegal und sie haben daher Angst, entdeckt und “zurückgeschickt” zu werden (in ein Land, in dem sie noch nie gewesen sind). Natürlich träumen die meisten jungen Leute in dieser Situation davon, zu emigrieren.

Wir genossen den Garten des vornehmen Hotels, in dem wir zu Mittag aßen, und fanden heraus, dass dort gerade eine UNICEF Konferenz stattfand, als wir zusahen wie die Delegierten in ihren riesigen weißen Landcruisern ankamen. Das Thema: Die Situation der afghanischen Flüchtlinge in Yazd.

Während unserer Ausflüge war unser Freund ein wenig besorgt über die Polizei und sagte, dass er Ärger bekommen würde, wenn er mit uns gesehen wurde. Wie schon andere Bekannte zuvor, bat auch er uns, so zu tun als ob er uns nur den Weg zeigte, falls jemand uns fragte. Daher haben wir auch beschlossen, nicht seinen Namen zu erwähnen und sein Foto nicht in diesen Tagebucheintrag zu stellen.

Nach drei Tagen verließen wir Yazd, zutiefst berührt von unseren Begegnungen. Wir fuhren zurück nach Esfahan, um unsere Fahrräder abzustauben und nach Shiraz weiterzufahren.

Dienstag, 9. November 2010

Kashan: Historische Häuser und schöne Bärte

Wir fuhren per Bus nach Kashan, eine kleine Stadt nördlich von Esfahan am Rande der Dasht-e Kavir Wüste, die für ihre restaurierten traditionellen Häuser und eine entspannte Atmosphäre bekannt ist. Die Fahrräder ließen wir in unserem Hotel in Esfahan, in der Hoffnung, dass sie bei unserer Rückkehr noch intakt sein würden.

Es fühlte sich seltsam an, mit einem Bus (namens “Super Classic Saloon”) zu fahren. Die Reise dauerte drei Stunden und hätte uns per Fahrrad drei Tage gekostet. Als wir am Rande der Stadt abgesetzt wurden, wurden wir gleich von Männern umringt, die uns anboten, uns ins Stadtzentrum zu bringen. Schnell wurde uns klar, warum wir unsere Unabhängigkeit per Fahrrad so schätzen. Wir verhandelten einen Preis und wurden zu unserem Hotel gebracht. Leider existierte es allerdings nicht mehr, und das Hotel nebenan hatte gerade wegen Renovierung keine Duschen.

Da wir nicht viel Auswahl hatten, fragten wir in einem teureren Hotel nach (ein restaurierten Haus aus der Qajar Ära) mit einem Innenhof voller Granatapfelbäume. Es war zwar etwas mehr als wir normalerweise bezahlen wollten, aber dafür ging ein Teil des Preises an eine wohltätige Organisation – theoretisch unterstützten wir also die iranische Kunstszene – und außerdem gab es auch WiFi Internetzugang.

This restored house was converted to a lovely hotel, our base in Kashan  IMG_7573

Nachdem wir uns im Hotel niedergelassen hatten, erkundeten wir die Stadt. Es schien ein Feiertag zu sein, da fast alle Läden geschlossen hatten, aber dann informierte uns ein Einheimischer dass es zu kalt wäre um die Läden zu öffnen. Es waren schließlich nicht mal 15°C. Haben wir schon erwähnt, dass die Iraner leicht frösteln?

Die Agha Bozorg Moschee war eine schöne Überraschung. Wir waren die einzigen Besucher, und niemand schenkte uns viel Beachtung als wir herumwanderten. Es war eine angenehme Abwechslung von der Hektik Esfahans.

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Zurück im Hotel trafen wir Ali, einen amerikanischen Iraner, der nach 40 Jahren in den USA wieder nach Iran gezogen war. Obwohl ihm Amerika gefallen hatte, hatte er doch Sehnsucht nach seinem Heimatland, und jetzt da seine Kinder erwachsen waren wollte er sich in Teheran niederlassen. Wir fragten ihn, was er ihn Amerika vermisst hatte. Er vermisste die Wärme der Iraner, die starken Traditionen, und – interessanterweise – die geistige Freiheit.

Am folgenden Tag besuchten wir einige kunstvoll restaurierte Häuser, die im 19. Jahrhundert großartige Bauten der iranischen Elite gewesen waren. Das älteste und wahrscheinlich beeindruckendste Haus ist Khan-e Ameriha, das von Agha Ameri gebaut wurde, der fand, dass das Haus seines Vaters einen kleinen Anbau benötigte. Er wandelte es in das größte Haus in Persien um, mit ganzen 9000 m² – gerade eben genug für einen Mann und seine Familie.

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Nun war es aber Zeit für einen Chai, und so gingen wir in Richtung Basar. Auf dem Weg fanden wir ein iranisches Badehaus, das vor über 450 Jahren gebaut wurde und liebevoll restauriert worden war. Die Wandbeschichtung war aus Milch, Eiweiß, Sojamehl und Limonensaft hergestellt worden, und war angeblich stärker als Zement. Genialerweise war das Gebäude in ein Teehaus umgewandelt worden, aber leider hatte es inzwischen zugemacht, und so gingen wir weiter in Richtung Basar.

Verglichen mit den meisten Basaren in Iran war dieser recht klein, mit nur einer Hauptstraße, was es einfacher machte, zu navigieren. Auf der anderen Seite macht es ja auch Spaß, sich in kleinen Gassen zu verirren.

Als wir im Teehaus des Basars unseren Chai tranken, bemerkten wir, dass die einzigen anderen Gäste ein junges Paar war, das die gleiche Kamera wie wir hatte. Guy musste immer wieder hinüber spähen, da er ernsthaft neidisch auf den Bart des Mannes war. Am Ende stellten wir uns gegenseitig vor und tranken unseren Tee gemeinsam. Ali und seine Freundin waren Architekten aus Teheran, die für einen Tag nach Kashan gekommen waren, um die historischen Häuser zu bewundern. Sie waren so nett und lustig, dass wir den Rest des Nachmittags mit ihnen verbrachten. Ali hatte einen guten Sinn für Humor, denn er sagte uns, wir könnten unseren Freunden erzählen, dass wir jetzt ein Foto von Osama Bin Laden gemacht hätten. Bevor er sich verabschiedete, um zurück nach Teheran zu fahren, zog Ali eine Bürste aus seiner Tasche und bürstete liebevoll seinen Bart, was Guy ernste Minderwertigkeitskomplexe einbrachte. Sie boten uns an, sie in Teheran zu besuchen, was wir sehr gerne gemacht hätten, aber leider müssen wir weiter in Richtung Süden – hoffentlich sehen wir die beiden eines Tages wieder.

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Am nächsten Morgen fuhren wir zurück nach Esfahan. Die Fahrräder waren fast intakt. Leider hatte jemand unsere kleinen Glasanhänger geklaut, die an unseren Lenkern hingen. Sie waren ein Geschenk von Di gewesen, mit der wir gemeinsam durch Osteuropa gefahren waren. Ärgerlich, da sie recht sentimental waren.

P.S. Dieser Eintrag wurde zurückdatiert, da wir inzwischen schon in Shiraz sind.

Esfahan: Die Hälfte der Welt

In Esfahan fanden wir ein Hotel in der Nähe der Si-O-Seh Brücke. Wir packten schnell unsere Sachen aus, duschten und gingen auf die Suche nach einem Restaurant, das unseren riesigen Hunger stillen konnte, da wir in den letzten Tagen nur noch wenige Essensvorräte übrig gehabt hatten. Esfahan, ein Unesco Weltkulturerbe, kann zwar von den Sehenswürdigkeiten her mit Rom oder Athen mithalten, aber wenn es um’s Essen geht, sieht das leider anders aus. Wie immer aßen wir Hühnchen und Reis, waren aber davon begeistert, dazu sogar einen Salat zu bekommen.

Benommen von den ganzen Vitaminen, die plötzlich in unserem Blutstrom herumschwirrten, gingen wir ein wenig spazieren und genossen die Athmosphäre. Die meisten anderen Touristen waren aus anderen Teilen von Iran und aus dem Mittleren Osten.

Uns wurde schnell klar, dass die Einheimischen Touristen sofort identifizieren konnten, denn wir konnten nicht mal 5 Meter ohne ein “hallo” oder “woher kommt Ihr” gehen. Anscheinend fanden die Leute uns auch ziemlich lustig (Frederike meint dass es vielleicht etwas mit Guy’s orangem Bart zu tun hat), denn immer wieder sagten Gruppen von jungen Leuten im letzten Augenblick “hallo” bevor sie aufgeregt kicherten und dann wegliefen. In den folgenden Tagen fanden wir heraus, dass das Interesse der Einheimischen in manchen Fällen etwas tiefere Gründe hatte.

Am nächsten Tag gingen wir zum Fluss, um die großartigen Brücken zu entdecken, für die Esfahan berühmt ist. Bald fanden wir heraus, dass einige der schönsten Brücken etwas weiter weg waren, und so spazierten wir durch einen schönen Park am Fluss entlang.

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Auf dem Weg kam ein lächelnder alter Mann mit seinem Spazierstock auf uns zu. Bald bat er uns, ein Foto zu machen, was wir gerne taten. Aber als Guy sich etwas entfernte, um ein Foto von Frederike mit dem Mann zu machen, legte dieser seinen Arm etwas zu eng um sie. Okay, die Leute hier sind superfreundlich, aber dann fiel plötzlich der Groschen: seine Hand wanderte! Frederike war schockiert und stieß ihn mit dem Ellbogen weg. Anscheinend war das Foto nur eine Ausrede um ein bisschen zu schmusen! Jetzt wurde uns klar, dass Iran nicht ganz so lieb und unschuldig war wie wir gedacht hatten, vielleicht ist es auch der Einfluss vom Tourismus auf diese Stadt. Später erzählten uns einige Teheraner dass Esfahan für solche Tricks bekannt ist, und wir erlebten noch mehrere solch “über-freundiche” Begegnungen.

Zum Glück trafen wir auch einige Leute, die ohne solche Hintergedanken freundlich zu uns waren. Ein Arzt auf einem “Cannon Dell” Mountainbike befragte uns über unsere Eindrücke in Esfahan, ein afghanischer Kunststudent wollte mit uns Englisch üben, und einige energische Naturwissenschafts-Studentinnen fragten uns über alles Mögliche aus, z.B. ob alle Leute im Westen denken, dass Iraner Terroristen sind. Es machte uns Spaß, so zwanglos mit den Leuten zu reden. Dabei haben die meisten Frauen, die wir treffen, anscheinend einen Timer in ihrem Kopf, denn nach ungefähr 5 Minuten werden sie zappelig und verabschieden sich dann schnell – vielleicht wäre es nicht schicklich für sie, so lange mit uns gesehen zu werden.

Auf dem Weg zurück sahen wir Amin, der in unserem Hotel arbeitete. Da er in Esfahan wohnte, fragten wir ihn ob er wusste, wo wir unsere Wäsche waschen lassen konnten.

“Klar, kommt mit”, sagte Amin.

Also folgten wir ihm in eine Seitenstraße, wo wir 15 Minuten später an einer kleinen Wäscherei ankamen. Dankbar gaben wir unsere Beutel mit dreckiger Wäsche ab und gingen dann mit Amin zurück zum Hotel. Später holte Guy die Wäsche ab, und eine kleine Überraschung erwartete ihn. Die Rechnung war über 280.000 Rial - $28! Was für ein Schock, das war ja fast unser ganzes Budget für einen Tag! Wir hatten vorher nicht nach dem Preis gefragt, da wir dachten dass es okay sein würde, vor allem da wir mit Amin da waren. Guy war entrüstet und gab das Geld nur zögerlich her – ein Schein nach dem nächsten, wobei er hoffte, dass sie Gnade walten lassen würden. Leider wollten sie aber wirklich den ganzen Betrag haben.

In unserem Zimmer versuchten wir dann zu verstehen, wieso es bloß so teuer war. Als wir unsere sauberen Klamotten auf dem Bett ausbreiteten, wurde die Antwort klar: sie waren chemisch gereinigt worden. Und zwar alles: Unterwäsche, Socken, Fahrradhandschuhe, alle unsere alten Klamotten waren liebevoll einzeln gereinigt worden. Alles machte plötzlich Sinn – der verwirrte Blick des Wäscherei-Besitzers als wir ihm unsere dreckige Wäsche gaben, und warum er nichts mit unserem Waschpulver anfangen konnte. Guy war es jetzt wirklich peinlich, sich so über den Preis aufgeregt zu haben, nachdem sie gerade seine Unterwäsche per Hand gereinigt hatten.

Um diesen Luxus wieder gutzumachen, zogen wir vom zweitbilligsten Hotel in das billigste in Esfahan um.

Nach unserem Umzug zogen wir unsere per Hand gereinigten Socken an und fühlten uns super, daher nahmen wir dann die Hauptsehenswürdigkeiten in Esfahan in Angriff. Es gibt nicht viele wirklich atemberaubende Orte in der Welt, aber der Imam-Platz ist unvergesslich. Er ist über einen halben Kilometer lang und ist der zweitgrößte Stadtplatz der Welt, nach dem Tiananmen-Platz in Peking. Vor 400 Jahren wurde er regelmäßig für Polo-Spiele genutzt, und die Torpfosten stehen noch. Die beiden Moscheen mit ihren perfekten Kuppeln dominieren den Platz und sind so schön anzusehen, dass man sich fast gar nicht abwenden kann. Durch ein raffiniertes System sind die Eingänge der Moscheen zwar in einer Linie mit dem Imam-Platz, die Moscheen selber sind allerdings auf Mecca ausgerichtet.

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Nachdem wir ganze $0.30 herausgerückt hatten, um die Moschee zu besuchen, gaben die Wärter Frederike einen Chador, denn alle Frauen müssen von Kopf bis Fuß eingehüllt sein bevor sie diese heilige Stätte besuchen dürfen. Da es das erste Mal war, dass sie so ein Gewand anziehen musste, hatte sie damit etwas Schwierigkeiten und sah am Ende aus wie ein Kartoffelsack mit Augen, sehr zu Guy’s Vergnügen.

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Es ist unmöglich, die Imam-Moschee in Fotos einzufangen; sie ist als eine der schönsten Moscheen der Welt bekannt. Aus einiger Entfernung ist die Größe und architektonische Symmetrie hypnotisierend. Aus der Nähe beeindrucken die reichen Details der blauen Mosaiken mit ihren Blumen und geometrischen Formen, eingerahmt von fließender persischer Kalligraphie.

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Als wir unter dem 30m hohen Dom standen, der passenderweise der “Blumenkorb” genannt wird, konnten wir kaum begreifen, wie groß der Dom war und wie er gestützt wurde. Anscheinend ist irgendwo im Design eine Diskrepanz, um Demut des Architekten gegenüber Allah zu zeigen. Wir haben sie allerdings nicht gefunden. Wenn man in der Mitte steht und mit den Füßen stampft, hallt der Klang durch die Moschee wider. Es gibt bis zu 46 Echos, aber nur 7 können vom menschlichen Ohr gehört werden.

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Nachdem wir aus dem Dom herauskamen, bemerkten wir eine ziemlich große Gruppe von Schülerinnen, die auf uns zu kam. Wir wussten schon von vorher, dass so etwas recht anstrengend sein kann, vor allem da Guy irgendwie eine Faszination auf sie ausübt, wahrscheinlich wegen des Barts. Auf jeden Fall flankierten sie uns von zwei Seiten. Wir suchten einen Ausgang, fanden aber keinen: wir waren gefangen. Sofort wurden wir umringt, es wurden Fotos mit Handys gemacht, Fragen über Fragen kamen von allen Seiten, und die Aufregung war so groß, dass wir in dem Lärm gar nichts mehr verstehen konnten. Es war wirklich seltsam, und wir fühlten uns als ob wir Mitglieder einer Pop-Band wären. Bald kam allerdings eine Lehrerin, die eine Nasenbandage von einer Schönheitsoperation trug, auf uns zu und tadelte uns, weil wir angeblich die Zeit der Schülerinnen verschwendeten! Sie hatten heute noch viel vor und wollten noch so einige andere Sehenswürdigkeiten besichtigen. Liebe Lehrerin, wir entschuldigen uns vielmals für die Unannehmlichkeiten!

Müde von der Begegnung mit unserem Fanclub wollten wir uns erstmal in dem berühmten Teehaus ausruhen, von dem aus man einen schönen Ausblick über den Imam-Platz haben sollte. Leider war es aber inzwischen nicht mehr in Betrieb, was ein Trend in Esfahan zu sein scheint, da es viele dieser Teehäuser jetzt nicht mehr gibt.

Wir spazierten über den Platz und steckten unsere Nasen in die kleinen Läden unter den Arkaden. In der Nähe der Moschee gab es den üblichen Kitsch, aber etwas weiter entfernt fanden wir einige richtig authentische Lädchen. Es gab dort erlesene Handarbeiten zu kaufen, von sorgfältig gravierten Silbertellern bis zu fein bemalten Porzellanvasen. Am frühen Abend werden die kleinen Werkstätten über den Läden lebendig und die Handwerker arbeiten an den Stücken, die sie tagsüber verkaufen. Überall hört man das Hämmern der Silber- und Kupferschmiede. In einem Laden sahen wir sehr schöne handbemalte Vasen und Schalen, und hinten im Laden saßen mehrere Frauen, die haargenau abstrakte Muster auf die Stücke malten. Es war erfrischend, den Künstlern und Handwerkern direkt zuzusehen, ein Zeugnis dafür dass die Produkte wirklich authentisch waren.

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Als wir unseren Weg aus dem Basar suchten, kamen wir an einem kleinen Laden vorbei, der handbemalte Stoffe verkaufte. Der Besitzer lud uns ein, es uns genauer anzusehen. Im Laden saß sein Vater im Schneidersitz an einem kleinen Tisch und arbeitete an einem Muster, dass traditionelle persische Szenen zeigte. Der Vater schien legendär zu sein, denn er arbeitete dort schon seit 65 Jahren und war wohl recht bekannt. Ein Fernseh-Team aus Teheran war gerade da, um ihn zu filmen. Peinlicherweise baten sie dann ein paar Mädchen aus Teheran, die auch nur zu Besuch waren, uns für den Film zu interviewen, was sie ziemlich verlegen machte.

Wir waren inspiriert und wollten gerne ein richtig authentisches Souvenir kaufen, denn bisher hatten wir auf unserer Reise noch gar keine Andenken gekauft. Ein kleiner Laden verkaufte feine Miniaturgemälde, die per Hand auf Kamelknochen gemalt waren – das perfekte Souvenir. Der Besitzer, Hossein, malte schon seit er 13 Jahre alt war, also seit über 50 Jahren! Wir schauten uns die Bilder durch eine Lupe an und konnten uns kaum erklären, wie er solch feine Pinselstriche machte. Hossein benutzt Pinsel aus Katzenhaaren und bevorzugt die Haare von wilden Katzen, da sie nicht so viel gestreichelt werden und ihre Haare daher dünner sind.

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In Esfahan gibt es viele beeindruckende Sehenswürdigkeiten, wie die riesige Jameh Moschee, und den harmonischen Chehel Sotun Palast mit seinem lieblichen Garten und gut erhaltenen Fresken, die Shah Abbas’ Leben darstellen. Esfahan verdient wirklich so viel Zeit wie möglich bei einem Besuch.