Donnerstag, 23. Dezember 2010

Dubai: Klimatisierte Perfektion

Als wir ins Hotel eintraten, fühlten wir uns als ob wir in eine andere Welt eingetaucht wären. Gewienerte Böden, glitzernde Kristallüster, eine angenehme Atmosphäre. Alle Leute sahen so gut gefüttert und herausgeputzt aus. Als wir im Aufzug unser Spiegelbild sahen, mussten wir lachen: Unsere Kleidung war ausgeblichen und mit einigen Schmierflecken versetzt, die Haare mussten geschnitten werden, und uns wurde klar, dass wir uns ein bisschen mehr anstrengen mussten, wenn wir in dieser Stadt akzeptiert werden wollten.

Frisch geschrubbt gingen wir kurz darauf hinaus, um ein paar Nahrungsmittel zu kaufen. Als wir uns umsahen, wurde klar, dass in Dubai alle Läden in riesige Einkaufszentren eingeschlossen waren, und es fast keine kleineren Läden gab. 8- und 10-spurige Autobahnen schlängelten sich um die gewaltigen Hochhäuser, und als Fußgänger fühlten wir uns verletzlich und unwichtig. Die Straßen sind wie Formel 1 Rennbahnen gebaut, und die meist frisch lackierten Autos behandeln sie auch so.

Für diejenigen, die uns nicht kennen – wir sind eher Bäume-Umarmer als Stadtmenschen, und so verbringen wir meist nicht viel Zeit in Einkaufszentren, aber als wir in das Deira City Center eintraten und die angenehme Kühle der Klimaanlage spürten, fühlten wir uns als ob wir gerade das Tor zum Himmel durchschritten hätten. Wir hatten die ganzen kleinen Annehmlichkeiten vergessen, die wir in den letzten paar Monaten entbehrt hatten. Poster in jedem Ladenfenster animierten uns zum Kaufen, Kaufen, Kaufen. Alles was wir wollten und brauchten war da, unter einem Dach. Wir gingen in ein Cafe, setzten uns hin, sahen uns die Preise an, standen wieder auf und machten uns stattdessen auf den Weg zu einem Supermarkt. Es war klar, dass wir in den nächsten paar Wochen hauptsächlich Fensterbummel machen würden (wir verbrachten am Ende 3 Wochen in Dubai, während wir auf unser indisches Visum warteten). Unser Lieblings-Einkaufszentrum wurde die Dubai Mall, nicht nur wegen des kostenlosen Internets, sondern auch wegen des riesigen Aquariums. In der Mitte des Einkaufszentrums gibt es ein großes Plexiglasfenster, das sich über zwei Etagen erstreckt, und es ist sehr unterhaltsam, sich dort die vielen verschiedenen Haie, Stechrochen und Dutzende andere Fische anzusehen. Dabei befinden sich auch noch bis zu sechs Taucher im Aquarium.

Am folgenden Morgen kam Frederike’s Vater an, nachdem er von Hamburg aus nach Dubai geflogen war, um uns zu besuchen. Nach einem riesigen Frühstück trafen wir uns mit Jörg, einem Kollegen von Frederike’s Vater, der seit mehreren Jahren in Dubai lebt und arbeitet. In seinem klimatisierten Jeep fuhren wir duch den Stadt-Dschungel von Dubai, um uns die Highlights anzusehen. Viele Gebäude in Dubai sind beeindruckende Exemplare moderner Architektur, aber der riesige Burj Khalifa ist wirklich atemberaubend. Der Burj Khalifa war zuvor als Burj Dubai bekannt, bevor Abu Dhabi’s Scheich Khalifa bin Zayed al-Nahyan Dubai’s taumelnde Wirtschaft nach der Finanzkrise in 2008 rettete und im Gegenzug eine Namensänderung des Gebäudes verlangte. Mit 828 Metern Höhe ist es momentan das höchste Gebäude der Welt und eine tolle Ansicht mit seinen scharfen Ecken und seiner schimmernden Metallhaut. Bei Sonnenuntergang speit eine Wasserorgel tanzende Fontänen bis zu 150m in die Höhe, wobei perfekt synchonisierte arabische Musik spielt und Lichter am Burj Khalifa dazu im Hintergrund funkeln.

Burj Khalifa, 828m Burj al Arab Hotel

Als wir durch die Stadt fuhren, bekamen wir schnell ein Verständnis für das recht rigide Klassensystem in den VAE. Emiratis, die der königlichen Familie angehören, fahren die tollsten Luxus-Vehikel und tragen immer ein traditionelles weißes Gewand und dazu Ray Ban Sonnenbrillen. Strotzend vor Selbstsicherheit rasen sie durch die Stadt und hupen jeden an, der ihnen in den Weg gerät. Als nächstes kommen alle anderen Emiratis, die zwar nicht Teil der königlichen Familie sind, aber immerhin von ihr mit lukrativen Subventionen unterstützt werden. Alle ausländischen Firmen müssen mit einem Emirati partnern, um sich in den VAE niederlassen zu dürfen, und viele Emiratis sind dadurch reich geworden. Ihr Lieblingsauto ist der weiße Landcruiser. Emiratis stellen nur 20% der Bevölkerung von Dubai dar, haben aber klar die Kontrolle. (Interessanterweise wurde uns später in Mumbai erzählt, dass die Emiratis vor der Entdeckung von Öl ziemlich arm waren und oft als Lastenträger in Indien arbeiteten!). Die dritte Gruppe formen die Ausländer aus dem Westen, die zwar keine Landcruiser fahren, aber dennoch Autos mit Allradantrieb haben, und kurz dahinter folgen gut ausgebildete Angestellte aus Indien, dem Mittleren Osten und Asien.

Als letztes in der Hierarchie kommen die Arbeiter aus Indien, Pakistan, China, Afrika und Südostasien, die einen ziemlich anderen Lebensstil haben. Die meisten sind ungelernte Arbeiter, die schlecht bezahlt werden, hauptsächlich auf dem Bau arbeiten und oft in kläglichen Container-Siedlungen wohnen. Sie sind hier, um ihre Familien zu Hause zu unterstützen oder, in manchen Fällen, Verfolgung zu entfliehen. Ihre Transportmittel sind Lieferwagen, Busse und ächzende alte Fahrräder.

Jörg zeigte uns seinen Lieblingsstrand, mit klaren Wasser und der Silhouette von Dubai im Hintergrund. Typischerweise war der Strand allerdings inzwischen in eine Baustelle verwandelt worden, wo sich ein weiteres Luxushotel aus dem Sand erhob.

Fahrt durch Dubai Guy mit Frederike's Vater und Jörg

In der Türkei und Iran hatte es fast keinen Alkohol gegeben, und so machten wir uns auf den Weg, um ein Bier zu finden. Obwohl es in Dubai meist auch keinen Alkohol gibt, kann man dennoch an bestimmten Orten Alkohol trinken. Zum Glück kannte Jörg so einen Ort, und so fanden wir uns in einem irischen Pub wieder, wo wir ein Guinness und einen herzhaften Hühnchen-Pie konsumierten. Das diverse Angebot an Essen, und die Qualität sind in Dubai fantastisch; allerdings ist dieser Eindruck vielleicht auch von unserer dreimonatigen Kebab-Diät beeinflusst.

Am folgenden Tag besuchten wir das sehr kompakte “historische Quartier” in Dubai, das in der Nähe des Creeks liegt – einem Fluss, der jahrhundertelang als Handelsplatz für Perlentaucher und Gewürzhändler benutzt wurde. Es ist immer noch ein aktiver Handelsplatz, wo Dhows mit Gütern beladen werden bevor sie ihre lange Reise nach Indien oder Ostafrika antreten. Das Dubai Museum (eingequetscht zwischen Hochhäusern) ist so ziemlich der einzige Ort, an dem man einen Eindruck von Dubai’s Vergangenheit bekommen kann. Es war sehr informativ, und seltsam zu sehen wie so eine schläfrige Wüstenkleinstadt sich in nur 50 Jahren in das verwandelt hatte, was man heute sieht. Interessanterweise erinnerten uns die Darstellungen traditioneller Berufe sehr an das, was man in Iran noch heutzutage sieht. 

Dhow auf dem Creek "Traditionelles" Hotel

Obwohl beide Länder viel Öl haben, ist der Unterschied im Lebensstandard zwischen Iran und den VAE extrem. In Iran scheinen die meisten Leute der unteren Mittelklasse anzugehören, während es den Einwohnern der VAE sehr gut geht. Während die VAE Waldprojekte haben, um Teile der Wüste wieder zu bepflanzen, hat Iran einen Großteil seiner Natur innerhalb von nur 10 Jahren zerstört. In Iran wird Kunst immer weniger unterstützt, während die VAE viel investieren, wobei sie sogar einen Ableger des Louvre, ein Opernhaus und ein Guggenheim Museum bauen.

Die VAE konzentrieren sich sehr darauf, von ihrer Ölabhängigkeit hinwegzukommen, die in den frühen 80gern noch 75% des Einkommens darstellte, und sich inzwischen nur noch auf 25% beschränkt. Obwohl die VAE immer noch große Ölreserven haben, arbeiten sie auch an einem US $22 Billionen teuren Projekt, die erste CO2-neutrale Stadt der Welt zu bauen. Es ist schwer, nicht von ihrer Vision und Entschlossenheit zum Fortschritt beeindruckt zu sein, wo Träume wirklich Realität werden.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Frederike’s Vater und beluden ihn mit einem Teil unserer Ausrüstung, den wir für Indien und Südostasien nicht brauchen, vor allem unser Zelt Boris. Wir überzeugten Boris, dass ein europäischer Winter besser für ihn sein würde als in Indien zu zelten, wo er wahrscheinlich von Affen zerpflückt werden würde. Es war eine schwierige Entscheidung, da wir damit einen Teil unserer Unabhängigkeit verlieren, aber wir wissen auch von anderen Reisenden, dass es in Indien so ziemlich unmöglich ist, ungestört zu zelten.

Unsere Zeit im IBIS Hotel war ein großzügiges Geschenk von Frederike’s Vater, aber jetzt mussten wir in ein günstigeres Hotel umziehen, idealerweise mit Küche und genug Platz, um an den Fahrrädern zu arbeiten. Also beluden wir unsere Fahrräder und fuhren etwas zögerlich durch die Stadt zu unserer neuen Unterkunft, wo der lebhafte phillipinische Hotelmanager uns in Mr. und Mrs. Bike umbenannte.

Der nächste Tag wurde damit verbracht, die Fahrräder zu säubern und in Kartons einzupacken, so dass wir sie per Flugzeug transportieren konnten. Es dauerte den ganzen Tag, da es für uns beide das erste Mal war, dass wir Fahrräder in einen (recht kleinen) Karton packen mussten. Wir schafften es auch, endlich Jet und Jen zu treffen, ein englisches Paar, das auch per Fahrrad unterwegs war und seit Istanbul kurz hinter uns gewesen war. In Esfahan hatten wir sie um einen halben Tag verpasst, und so waren wir froh, dass wir sie endlich in Person trafen. Vielleicht werden wir sie in Indien nochmal wiedersehen.

Frederike arbeitet am Fahrrad Guy packt die Fahrräder ein

Unser Ziel für die nächsten paar Tage war, einen Flug nach Goa zu buchen, von wo aus wir planen, um den südlichen Zipfel von Indien nach Chennai zu fahren – eine Reise von ca 2100 km. Wir gingen zu verschiedenen Fluggesellschaften, um sie über ihre Fahrrad-Transportregeln zu befragen, und fanden dass Emirates und Jet Air die beste Wahl wahren. Die Preise stiegen allerdings jeden Tag, da es fast Weihnachten war, und alle Direktflüge nach Goa waren entweder ausgebucht oder akzeptierten keine Fahrräder. Das bedeutete, dass wir via Mumbai oder Bengaluru fliegen und dann einen weiteren Flug nach Goa nehmen mussten. Für viele der Inlandsflüge wurden kleine ATR Maschinen benutzt, die keine Fahrräder akzeptierten, und wir durften dann auch nur 20kg Gepäck mitnehmen, anstatt der 30kg, die wir für das internationale Segment transportieren durften. Dennoch fanden wir einen günstigen Flug nach Goa vie Bengaluru und versuchten, ihn im Internet zu buchen. Allerdings crashte die Webseite immer wieder, wenn wir bezahlen wollten, und als wir Emirates anriefen, konnten sie den Flug nicht mal in ihrem System finden.

Inzwischen war es fast Mitternacht, und in letzter Minute hatten wir genug und gaben den Plan auf, nach Goa zu fliegen. Es war einfach zu kompliziert. Schnell fanden wir einen günstigen Flug nach Mumbai, buchten ihn und gingen schlafen. Wir würden uns später darum kümmern, wie wir nach Goa kommen würden. Vielleicht war es keine so gute Entscheidung, da die indischen Züge recht chaotisch sein können. Allerdings hat unser Ausflug nach Mumbai auch einen großen Vorteil: Wir können uns dort mit ein paar Freunden treffen. Abhishek, Frederike’s Freund aus Studentenzeiten, und Amol, mit dem wir in Email Kontakt sind und der von Pune aus nach Mumbai kommen möchte, um uns dort zu treffen.

Erst mussten wir aber noch einige Zeit in den VAE totschlagen, während wir auf unser Visum warteten.

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