Freitag, 31. Dezember 2010

Eindrücke von Mumbai

Als wir am Flughafen von Dubai ankamen, wurde uns gesagt, dass Emirates in letzter Zeit sehr streng mit Übergepäck umgehen, so dass man für jedes Kilo bezahlen muss. Es ist frustrierend, dass die meisten Fluggesellschaften es erlauben, Golfschläger umsonst mitzunehmen, während es für Fahrräder keine solchen Ausnahmen gibt. Da unsere Gepäckserlaubnis 30 kg war und unsere Fahrradkartons alleine schon je 21 kg wogen, war klar, dass wir Übergepäck haben würden. Wir hatten 10 kg zu viel, und die freundlichen Emirates-Mitarbeiter schlugen uns vor, im Duty Free Shop eine extra Handtasche zu kaufen, um so viel wie möglich in unser Handgepäck zu stopfen, da es unwahrscheinlich war, dass wir es wiegen müssten. Am Ende mussten wir noch für 4 kg Übergepäck zahlen, und waren froh, dass unsere riesigen Fahrradkartons ohne weitere Probleme akzeptiert wurden.

Ein paar Stunden später kamen wir in Mumbai an und warteten nervös darauf, dass unsere Fahrräder auf dem Laufband ankamen, da es keinen Schalter für Sperrgepäck gab. Am Ende brachten die Gepäckträger die Fahrräder stolz heraus, wobei sie sie falsch herum hielten, trotz der ganzen Pfeile und “oben” Zeichen, die wir auf die Kartons gemalt hatten. Trotzdem wurde natürlich erwartet, dass wir ein Trinkgeld für ihre “Hilfe” bezahlten.

Beim Zoll wurden wir allerdings bevorzugt behandelt: Während wir in einer langen Schlange mit allen anderen darauf warteten, dass unser Gepäck geröngt wurde, fragte ein Zollbeamter, was in unseren Kartons war. “Seid ihr auf einer Expedition oder sowas?”, fragte er. “Ja, so könnte man das wohl nennen”, sagten wir, woraufhin er uns durchwinkte, so dass wir an allen anderen vorbei direkt zum Ausgang gehen durften. Dort trafen wir einen jungen Mann aus Pune, der auch Radfahrer war und sehr an unserer Tour interessiert war. Es war eine schöne erste Begegnung in Indien.

Wir hatten über unser Hotel arrangiert, dass wir vom Flughafen abgeholt wurden, da wir uns etwas darum Sorgen machten, wie wir die Fahrräder zum Hotel transportieren könnten. Das wäre am Ende allerdings nicht nötig gewesen, denn die meisten Taxis hatten Dachgepäckträger, auf die wir die Fahrradkartons hätten laden können.

Als wir durch Mumbai (eine Stadt mit einer Bevölkerungsdichte von 29.000 pro Quadratkilometer) fuhren, prasselten die Eindrücke auf uns ein: Massen von schwarz-gelben Taxis aus den 50ger Jahren, die die Straße mit modernen Autos, Kühen und Radfahrern teilten, von deren Gepäckträgern große Metallkübel baumelten. Gruppen von Männer, die an kleinen Ständen milchigen Tee tranken. Neben ihnen halbnackte Kinder, die auf der staubigen Straße spielten. Ein kleiner Stand, der frischen Zuckerrohrsaft verkaufte, wobei der Rauch von Sandelholz die Fliegen fernhielt. Wellblechhütten, die drei Etagen hoch aufeinander gebaut und an eine Bahnbrücke gelehnt waren. Hinter der Bahnlinie der Rand des Dharavi Slums, in dem über eine Million Leute wohnen. Ein schuhloser Junge, der das matschige Wasser am Straßenrand durchsiebte. Handy-Werbung und Kinos, die Bollywoods neueste Hits anpreisten. Endlich die relative Ruhe unseres Hotels.

Mumbai Taxifahrer Straße in der Nähe des Hotels

Wir verbrachten den Tag damit, zu schlafen, das Essen in den nahegelegenen Restaurants auszuprobieren, und einen Markt zu erkunden. Das Essen war fantastisch, und obwohl wir in London viel indisch gegessen hatten, wurden unseren Geschmacksnerven hier ganz neue Horizonte eröffnet. Bei einem Thali-Restaurant wurden uns 7 verschiedene vegetarische Curries und Dhals serviert, mit Reis, verschiedenen Brotarten und Soßen. Die Kombination des Essens war eine Kunst, wie uns die Kellner erklärten: Die dickeren Curries wurden mit Brot gegessen, der wässrige Dhal mit Reis, der feste Dhal mit einer Yoghurtsoße, das knusprige Brot mit einem Mangodip, usw. Man konnte ihnen den Horror ansehen, als Guy wild experimentierte, indem er alles Mögliche kombinierte und überhaupt keinen Regeln folgte. 

Das Essen ist sehr günstig, und für ca €4 können wir uns beide satt essen. Wir hatten erwartet, dass das Essen in Indien zu scharf für uns sein würde, aber bisher ist es gut. Wie uns einige Inder erzählten, ist das Essen nur in bestimmten Regionen sehr scharf (sogar zu scharf für sie!).

Obwohl in der Gegend um unser Hotel sehr viele Leute unterwegs waren, gab es dort nicht viele Touristen, und daher gab es auch keine Schlepper. Wir müssen zugeben, dass wir etwas Bammel vor Indien hatten. Guy war vor 8 Jahren in Nordindien unterwegs gewesen und hatte Frederike mit Horrorgeschichten von aggressiven Schleppern und unfreundlichen Leuten unterhalten. Zu unserer Freude fanden wir die Leute hier aber bisher recht freundlich und hilfsbereit. Als ein paar neugierige Männer, die Blumengirlanden für einen Tempel flochten, Frederike eine Blume schenkten, und ein Mann, der Druckmesser verkaufte, uns in seinen Laden einlud, um mit uns über Philosophie zu reden, warf Frederike Guy einen ungläubigen Blick zu. “Ich schwöre, es war wirklich nicht so,” sagte er, “sowas ist mir letztes Mal nie passiert!” Wir schließen daraus, dass sich entweder Indien verändert hat, Guy sich verändert hat, oder dass die Leute in Mumbai einfach freundlicher sind, als ihre Cousins im Norden des Landes. 

Das Erbe der Kolonialzeit ist noch sehr präsent in Mumbai, und viele Gebäude sehen aus, als ob sie in London oder Oxford sein könnten, wären da nicht die ganzen Palmen und Bananenbäume. Das Klima ist momentan fast perfekt – trocken und sonnig, aber nicht zu heiß. Wir genossen es, in der Stadt herumzuspazieren und den Gateway of India zu besuchen, dessen Umgebung voller Touristen, Schlepper und Polizisten war, da es gerade eine Terrorwarnung gegeben hatte. Wir besuchten auch den Ort, an dem Mahatma Gandhi gelebt und gearbeitet hatte, ein luftiges Haus in einer ruhigen Straße, in dem eine beeindruckende Sammlung von Fotos, Ausstellungsstücken und Briefen gezeigt wurde. 

Gandhi auf dem Fahrrad Gandhis Haus

Wie erwartet sind die Inder verrückt nach Cricket, und wir haben schon viele improvisierte Cricket-Spiele gesehen, sei es in den Seitenstraßen eines Slums, in einer Gasse hinter unserem Hotel, oder auf dem schönen Cricket-Platz bei der Universität. Die Spieler sind so verschieden wie die Orte und reichen von Straßenkindern bis zu Bankangestellten.

Cricket-Platz Büromann beim Cricketspielen

Nachdem wir aus einem Garten geworfen worden waren, der anscheinend nur Senioren vorbehalten war, spazierten wir am Chowpatti Strand im Zentrum von Mumbai entlang, wo viele Familien Eis aßen und sich den Sonnenuntergang anschauten. Eine Familie hielt eine Hochzeit und hatte ein ganzes Sportsstadium dafür gemietet – anscheinend ist es recht üblich, dass Hochzeiten über €100.000 Euro kosten. Hunderte Gäste über mehrere Tage hinweg zu unterhalten ist nicht billig!

Chowpatty Beach Chowpatty Beach 2

Indien ist momentan ein Ort der großen Erwartungen: Die Welt kommt nach Indien, um den Kampf über den riesigen Markt von über einer Billion Leuten zu beginnen. Wegen der starken Wirtschaft und Zugang zu guter Bildung gibt es eine wachsende Mittelschicht, die genau wie die meisten Leute im Westen einkauft, isst und reist. Wir bekamen einen kleinen Einblick in diese Welt, als wir Abhishek und seine Frau Priya trafen. Frederike war mit Abhishek vor 10 Jahren an der Universität befreundet, und er zog dann in die USA um seinen MBA zu machen, bevor er heiratete und nach Dubai zog. Jetzt ist er zurück in Mumbai, um im Textilgeschäft seines Vaters zu arbeiten. Sie holten uns eines Abends ab und entführten uns in ein Einkaufszentrum. Wir fühlten uns, als ob wir wieder in Dubai wären; alle Designer-Marken waren da, zusammen mit den üblichen Cafes und schicken Restaurants. Dort sahen wir sogar unseren ersten Bollywood Star! (Fragt uns aber bitte nicht nach seinem Namen).

Ein paar Tage später trafen wir auch Amol, einen Kollegen von Frederike’s Vater, der in Pune wohnt und extra die vierstündige Reise nach Mumbai gemacht hatte, um uns zu treffen. Er ist sehr an Reisen interessiert und wandert und fährt auch gern Fahrrad. Er und sein extrem süßer vierjähriger Sohn kamen im Partnerlook mit roten T-Shirts und Baseball-Kappen und luden uns zu einem langen Mittagessen ein. Amol arbeitet als IT-Projektmanager und reist viel für seine Arbeit. Er teilte einige sehr interessante Einblicke in die indische Kultur mit uns und gab uns nützliche Tips für unsere Reise in den Süden des Landes.

Amol und Sohn David Sassoon Library

Wir fanden, dass Mumbai ein Ort der Extreme war, und brauchten manchmal starke Nerven. Während die Mittel- und Oberschicht einen modernen und angenehmen Lebensstil haben, lebt 55% der Bevölkerung Mumbai’s in Slums oder anderen improvisierten Unterkünften. Nachts schlafen viele Leute auf dem Fußweg vor unserem Hotel. Tagsüber verkaufen sie irgendetwas auf der Straße oder transportieren Güter mithilfe ihrer hölzernen zweirädrigen Karren. Manchmal sehen wir Frauen mit kleinen Kindern, die auf Pappstücken schlafen, und einmal konnten wir uns das Starren nicht verkneifen, als wir eine junge Frau sahen, die ein neugeborenes Baby mit noch intakter Nabelschnur auf dem Fußweg vor einem Bahnhof wusch. Oft sehen wir auch Leute, denen ein Arm oder Bein fehlt, oder die sonst irgendwie behindert sind und auf der Straße leben.

An unserem letzten Tag machten wir eine sehr interessante Tour zu Fuß durch den Dharavi Slum. Wir denken, dass diese Erfahrung ihren eigenen Blog Eintrag verdient – mehr darüber demnächst!

Wir planten, mit dem Zug nach Goa zu fahren, von wo aus wir per Fahrrad weiterfahren würden. Der historische Bahnhof, ein weiteres Relikt der Kolonialzeit, war voller Reisender, Bettler und riesiger Ratten. Unsere Zugfahrkarten konnten wir an einem speziellen Schalter für ausländische Reisende kaufen. Zum Glück hält die indische Zuggesellschaft oft eine Anzahl Fahrkarten für Fremde zurück; Inder müssen dagegen im Voraus planen, da die Züge oft mehrere Monate im Voraus ausgebucht sind. Nun mussten wir herausfinden, wie wir die Fahrräder mit dem Zug transportieren könnten. Wir bekamen verschiedene Antworten von verschiedenen Angestellten, die von “kommt einfach eine Stunde vor der Abfahrt und ihr könnt die Fahrräder umsonst mitnehmen” bis zu “ihr müsst sie einen Tag im Voraus einchecken und dafür eine Gebühr bezahlen” reichten.

Da unser Zug früh am Morgen war, brachten wir die Fahrräder am vorigen Nachmittag zur Gepäckannahmestelle. Wir hatten sie auf dem Dachgepäckträger eines Taxis transportiert, und sobald wir am Bahnhof ankamen, kamen einige Typen an, die ihre Hilfe anboten. Anscheinend war die Gepäckannahmestelle geschlossen, da es Sonntag war, und so riefen sie jemanden für uns an, um die Fahrräder entgegenzunehmen. Das erschien uns etwas verdächtig, und als Frederike in Richtung Gepäckannahmestelle ging, um die Situation zu klären, änderte sich ihre Geschichte plötzlich: “Euer Gepäck wird dort stundenlang herumliegen, gebt es besser uns.” Natürlich war die Gepäckannahmestelle offen, und die Typen verschlichen sich enttäuscht.

Unsere Kartons wurden gewogen, und uns wurde gesagt, dass sie nicht gut genug verpackt waren, und dass wir sie professionell verpacken lassen müssten. Der Verpackungs-Wallah war allerdings anderer Meinung und sagte, dass die Verpackung gut genug war. Wir verursachten noch mehr Verwirrung als wir den Gepäckbeamten fragten, ob es möglich wäre, die Fahrräder zu versichern. Das müssten wir mit seinem Chef diskutieren, sagte er.

Als wir eine halbe Stunde später wiederkamen, um mit dem Chef zu sprechen, wurde uns gesagt, dass wir jeder 700 Rupien bezahlen müssten. “Ist das für die Versicherung?”, fragte Frederike, worauf der Gepäckbeamte mit einem der legendären indischen Kopfwackeln antwortete. Das Kopfwackeln bedeutet weder Ja noch Nein, es ist total vage und sehr frustrierend für den Reisenden. Nachdem er wortlos seinen Kopf eine volle Minute lang gewackelt hatte, verschwand er. Nach einer Weile kam er wieder und zog direkt vor uns sein Hemd aus – seine Schicht war wohl zu Ende. Für eine Weile ignorierte uns der Chef, aber dann füllte er unsere Formulare aus und berechnete uns eine Gebühr von 400 Rupien. Wir hatten immer noch keine Informationen über die Versicherung bekommen und interpretierten ihr Benehmen als “naja, vielleicht gibt es da schon eine Art Versicherung, aber wir wissen nicht so recht darüber Bescheid, und es ist sowieso viel zu kompliziert.”

Am nächsten Morgen, als der Zug schon am Bahnhof bereitstand, waren unsere Kartons nirgends zu sehen. Guy ging zur Gepäckannahmestelle und fand sie dort, noch unberührt. Es war zwar ein gutes Zeichen, dass die Fahrräder noch da waren, aber leider machten die Gepäckträger keine Anstalten, sie in den Zug zu laden. Ein Schmiergeld wurde offensichtlich erwartet, und nachdem wir 150 Rupien bezahlt hatten, wurden die Fahrräder endlich geladen. Nun waren wir endlich auf unserem Weg!

2 comments:

Anonym hat gesagt…

Hallo ihr Lieben,
euer Blog ist gerade meine Tageslektüre, so viele hilfreiche Infos habe ich sonst noch nirgendwo gefunden. Vielen Dank dafür schon jetzt!

Ich plane eine Tour nach Indien von Deutschland aus. Meine Frage an euch: habt ihr versucht, über den Seeweg von Dubai nach Mombay zu kommen? Gibt es da möglichkeiten?

Ich hoffe es geht euch gut!

Georg

Frederike hat gesagt…

Hallo Georg,
Schoen dass Du den Blog nuetzlich findest. Offiziell gibt es keine Moeglichkeit per Schiff von Dubai nach Mumbai zu kommen. Die einzige Moeglichkeit von der wir gehoert haben waere ein Containerschiff. Die fahren ab und zu ueber die Route, man muss sie im Voraus buchen. Es ist nicht guenstig und gibt meist nur wenige Passagierplaetze. Ausserdem muss man evtl noch extra Impfungen haben, je nachdem wo das Schiff herkommt. Am besten mal herumgoogeln und sehen ob Du welche auf der Route findest. Ansonsten koennte man vielleicht noch auf einer Yacht anheuern?
Alles Gute,
Frederike

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