Samstag, 29. Januar 2011

Durch das Tigerreservat

Gundlupet – Ooty - Mettupalayam

Kurz nachdem wir Gundlupet verlassen hatten, bogen wir von der Hauptstraße ab und ließen die Pilger in ihren zu schnellen Jeeps und die lauten alten Busse hinter uns. Durch die neugefundene Stille nahmen wir unsere Umgebung nun genauer wahr. Affen schwangen sich von Baum zu Baum, und ein leichter Nebel stieg von den grünen Feldern auf. Als wir durch kleine Dörfer kamen, konnten wir zusehen, wie die Dorfbewohner ihre allmorgendlichen Aufgaben erledigten. Frauen in bunten Saris balancierten Wasserkrüge auf ihren Köpfen, und Männer pflügten mit ihren Ochsen die dunkelrote Erde. Ein Junge auf dem Weg zur Schule fuhr eine Weile neben uns her, und zusammen erklommen wir einen Hügel: Wir mit unseren voll beladenen Tourenrädern, und er mit seinem alten Eingangrad und einem 10 Liter Krug Milch auf seinem Gepäckträger, den er vom Haus seiner Eltern zur Dorf-Molkerei brachte.

Unsere Beine arbeiteten schwer als die Straße bergauf ging; wir waren nun im Nilgiri Reservat. Dies war früher der private Park des Maharajas gewesen und umfasst mehrere Nationalparks und Reservate. Unter anderem leben im Nilgiri Reservat Elefanten, Rehe, Bisons, Mungos, Lemure und einige große Dschungelkatzen: Panther, Leoparden und Tiger. Die rote Erde ist under dichter Vegetation versteckt. Eine Landstraße führt mitten durch das Reservat, welches ansonsten nicht von Privatfahrzeugen betreten werden darf.

Affe

Der erste Nationalpark auf unserem Weg war Bandipur Nationalpark, der bekannt für seine wilden Elefanten ist. Rund 5000 Asiatische Elefanten leben hier – ein Fünftel aller asiatischer Elefanten in der Welt. Es gab nicht viel Verkehr und wir genossen die Fahrt durch den schönen Park und hielten Ausschau nach wilden Tieren.

Wir wussten, dass es auf dem Weg nach Ooty ein Tigerreservat gab und hatten uns vorgestellt, dass es schön abgezäunt sein würde – wenn auch nur für den Schutz der Tiger, die ansonsten auf der Straße überfahren werden könnten. Als wir allerdings den Bandipur Nationalpark verließen und am Mudumalai Tigerreservat ankamen, wurde uns doch etwas mulmig, als wir die Schilder sahen: “Sie betreten ein Tigerreservat. Nicht anhalten. Nicht aus dem Fahrzeug aussteigen.” Nicht aus dem Fahrzeug aussteigen! Ähm… okay. Vielleicht war dies nicht der beste Ort zum Fahrradfahren, und Zäune waren auf jeden Fall auch nicht zu sehen.

Radfahren in einem Tigerreservat   Mudumalai Tigerreservat

Als wir etwas zögerlich auf die Schranke zufuhren erwarteten wir fast, dass wir nicht durchgelassen werden würden. Der Wald-Aufseher winkte uns aber fröhlich durch und schien nicht besonders um unsere Sicherheit besorgt zu sein.

Als wir in den Park hineinfuhren beruhigten wir einander.

“Denk mal darüber nach. Tiger sieht man tagsüber nur selten.”

“Stimmt schon.”

“Es ist unwahrscheinlich, dass ein Tiger direkt an der Hauptstraße herumhängen würde.”

“Ja schon, aber…”

“Radfahrer schmecken nicht gut. Zu salzig.”

“Stimmt auch wieder.”

Für den Fall, dass wir doch einen Tiger sahen, hatten wir einen schlauen Plan: Die Fahrräder bergabwärts drehen und so schnell wir möglich hinunterfahren.

Realistischerweise waren agressive Elefanten allerdings wohl eher eine Gefahr für uns, und wir hörten einen im Wald trompeten, sahen ihn aber nicht. Wir sahen viele schüchterne gepunktete Rehe, die in die Büsche flitzten, und Affen und Lemure, die von Zweig zu Zweig sprangen oder am Straßenrand saßen und sich gegenseitig die Bäuche streichelten. Adler kreisten über uns, und ein Mungo watschelte ins Gebüsch.

Es war schön, auf dem Fahrrad zu sein, da wir die ganzen Geräusche im Wald hören konnten, was uns half, die Tiere zu entdecken. Es gab den indischen Touristen auch die Chance, ungewöhliche “Tierfotos” von zwei verrückten Radfahrern zu machen. Aus jedem Busfenster zeigten Kameras auf uns, und einmal hielt ein Safari-Führer sogar seinen Jeep an, so dass seine Passagiere Fotos von uns machen konnten.

Guy in Mudumalai Nationalpark   Affe mit Kokosnüssen

Abgesehen von der Hauptstraße kann der Nationalpark nur durch Touren besucht werden, die von der Regierung betrieben werden und in einem klappernden Bus stattfinden – nicht gerade ideal, um Tiere zu sehen. Private Jeepsafaris und Wanderungen können nur in der Gegend außerhalb des Parks stattfinden. Da wir erwarteten, etwas tiefer in den Park zu kommen, buchten wir die Bustour, als wir im Zentrum des Reservats ankamen. Wir verschwendeten 45 Minuten in einem voll bepackten Bus mit laut redenden Touristen, der durch den Wald ratterte und alle Tiere vertrieb. Wir sahen nur noch mehr Affen, Rehe und einen Pfau. Wir hatten auf unseren Fahrrädern viel mehr Spaß gehabt, obwohl wir nicht so tief in den Wald fahren konnten.

Nachdem wir ein Hotel in einem nahegelegenen Dorf gefunden hatten, verbrachten wir am Nachmittag etwas Zeit damit, zuzusehen wie die Arbeitselefanten des Parks gefüttert wurden und ihre Stoßzähne und Zehen geputzt wurden. Die Füße der Elefanten waren zusammengekettet, so dass sie nur kleine Schritte gehen konnten. Es waren riesige Tiere, die sicher einiges Unheil anrichten konnten. Anscheinend war eine Frau letztes Jahr getötet worden, als sie außerhalb des Parks wanderte, da ihre Gruppe einen Elefanten provoziert hatte, indem sie Steine auf ihn warfen…

Stoßzähne-Putzen

Auf dem Weg zurück ins Dorf in einem geteilten Jeep-Taxi sahen wir ein riesiges Tier durch den Wald stampfen. Erst dachten wir es wäre ein Elefant, aber dann waren wir überrascht, als wir ein großes Bison mit gekrümmten Hörnern sahen. Es gab hier wirklich überall wilde Tiere!

Leider fühlte Frederike sich am nächsten Morgen nicht wohl und bekam ein hohes Fieber und mal wieder Durchfall, zusätzlich zu einer Erkältung. Wir blieben also noch einen Tag, so dass sie sich erholen konnte, und zum Glück hatten wir eine gute Unterkunft mit Satellitenfernsehen. Wir sahen uns viele Tierdokumentarfilme an, inklusive einem über Leoparden und Tiger, die sich in kleinen Dörfern in der Nähe von Nationalparks in Indien herumtrieben…

Ein großer Berg

Nachdem Frederike sich erholt hatte ging es weiter in Richtung Ooty. Wir mussten einen steilen Anstieg von 1350 Höhenmetern über nur 13km bewältigen. Es gab einen praktischen Countdown von Haarnadelkurven, 36 insgesamt. Da wir nicht sicher waren, wie Frederike das schaffen würde, da sie noch etwas schwach von ihrer Krankheit war, nach Gentleman Guy etwas von ihrem Gepäck und wir kämpften uns den Berg hinauf. Da die Straße so steil war, und mit so engen Kurven, konnten Busse und Laster sie nicht benutzen, und daher gab es nur wenig Verkehr.

Anstieg nach Ooty   36 Haarnadelkurven

Als wir schon recht hoch oben waren, sahen wir Teeplantagen und viele duftende Eukalyptusbäume, die uns an Australien erinnerten. Wir machten eine schöne Pause neben einer Teefabrik, wo alle möglichen Dinge produziert wurden, einschließlich verschiedener Teesorten, Eukalyptusöl und Gesichtscreme. Sie machten uns einen leckeren Schokoladentee – Kakaopulver, Teeblätter und Zucker, gemischt mit heißer Milch. Lecker!

Der Anstieg war so steil, dass wir das Tal, aus dem wir am Morgen gekommen waren, immer noch sehen konnten als wir schon ganz oben waren. Es war 1,3 Kilometer unter uns! Wir hatten bei 900 Höhenmetern angefangen, und waren nun in Ooty bei 2250m angekommen. Es war sehr kalt hier oben, nur 3°C in der Nacht.

Ooty Tal

Ooty war eine Bergstation der Briten, die Anfang des 19. Jahrhunderts als Sommerresidenz der Regierung etabliert wurde. Ooty umfasst eine recht große Gegend von Hügeln und Tälern. Das Stadtzentrum ist chaotisch, aber es gibt einen schönen See und einen botanischen Garten. Wir genossen unseren Spaziergang im botanischen Garten, aber als wir auf einer Bank saßen, kam eine ältere Frau mit grauen Locken und einem dreckigen orangen Sari auf uns zu. “Toda”, murmelte sie und zeigte auf sich selbst, und dann schien sie uns in ihr Dorf auf dem Berg einzuladen. Wir wussten, dass die Toda ein einheimischer Stamm waren, die einer einzigartigen Kultur und Spiritualität folgten, die sich um den Büffel drehte. Ihre Traditionen waren von der Ankunft der Briten teilweise zerstört worden, und einige der Todas waren offensichtlich inzwischen ziemlich entwurzelt. Die Frau murmelte etwas über Kaffeeplantagen und bat uns dann um Geld. Als wir ablehnten, spuckte sie vor unsere Füße und wendete sich zum Gehen. Es war traurig zu sehen, wie Mitglieder dieses alten Stammes darauf reduziert worden waren, von Touristen zu betteln. Danach machten wir vorsichtshalber einen Bogen um die Todas im Ort!

Eine Familie kam und fragte, ob sie ein Foto von uns machen konnten, zusammen mit einer der Frauen und ihrem Baby. Sobald sie gegangen waren, machte eine Gruppe junger Männer Fotos von uns, und danach kam ein schüchternes tibetisches Mädchen und machte auch ein Foto von uns. So ging es weiter, bis wir ungefähr 15 Fotositzungen hinter uns hatten und uns im hinteren Bereich des Parks versteckten! Wir sind daran gewöhnt, dass viele Leute von uns Fotos machen wollen, wenn wir auf unseren Fahrrädern unterwegs sind, aber normalerweise passiert es nicht oft wenn wir nur normale Touristen in einem touristischen Ort sind. Auch schienen die Leute von keinen anderen Touristen Fotos zu machen, und so waren wir etwas verwirrt. Wir drehten uns sogar um, um zu sehen, ob hinter unserer Bank vielleicht ein großes Schild einen lustigen Hintergrund darstellte, aber es war nichts zu sehen.

Unser Hotelzimmer hatte keine Heizung und war etwas schimmelig, so dass Frederike’s Erkältung wieder schlimmer wurde und wir am nächsten Tag weiterfuhren, nachdem wir verschiedene Schokoladenarten eingekauft hatten, für die Ooty bekannt ist.

Es war Zeit, die Früchte unserer harten Arbeit zu ernten und eine tolle Abfahrt zu genießen. Erst mussten wir aber noch etwas höher fahren, um über einen Pass aus dem Tal zu kommen. Auf 2300m Höhe wurde uns klar, dass wir über den Wolken waren. Auf einer kurvigen Straße ging es durch die Wolken in ein bewaldetes Tal, und wir verloren über die nächsten 40km 2000 Höhenmeter.

Bergab von Ooty   Die Abfahrt genießen

Mit heißen Felgen unten angekommen war die Temperatur wieder schön warm, und wir waren wieder in Kokosnussplantagen. Obwohl die Abfahrt nur für unsere Hände anstrengend gewesen war, die die Bremsen umkrampften, waren wir ziemlich müde. Vielleicht war es die Nachwirkung des Anstiegs nach Ooty und von Frederike’s Krankheit. Wir beschlossen, gleich in einem Hotel zu bleiben, und kurz darauf wurde klar, warum Guy so müde war: Ihm wurde schlecht und er musste sich übergeben. So blieben wir dann einen Tag in der Kleinstadt Mettupalayam.

Indien scheint nicht gut für unsere Gesundheit zu sein, denn meistens fühlt sich zumindest einer von uns unwohl und wir hinken so langsam von einem Ort zum nächsten. Wir müssen dies mit dem hygienischen Iran vergleichen, in dem wir nie krank waren. Hoffentlich wird sich das bald bessern, ansonsten werden wir uns anstrengen müssen, es rechtzeitig nach Chennai zu schaffen.

Sonntag, 23. Januar 2011

Berge, Kaffeeplantagen und ein toller Palast

Sullia – Mysore - Gundlupet

“Madikeri!” rief der Hotelmanager. “Oooh. Die Straße ist wegen Bauarbeiten geschlossen. Lasst mich mal eben die Verkehrspolizei anrufen, um zu sehen ob sie Euch da durchlassen werden.”

“Die Straße ist sehr schlecht,” erwähnte der Ladenbesitzer. “Ihr werdet wahrscheinlich den größten Teil des Weges zu Fuß gehen und die Fahrräder schieben müssen.”

“Ihr werdet Euer Gesicht bedecken müssen,” riet ein Teehausbesitzer, der uns dampfende Tassen Chai servierte. “Es ist dort sehr staubig, wegen der Bauarbeiten.”

“Madikeri?” sagten zwei Ärzte, die uns auf ihrem Motorrad überholten. “Für die Straße werdet Ihr viel Energie brauchen. Dafür laden wir Euch auf einen frisch gepressten Zuckerrohrsaft ein.”

Die Straße klang wie die Hölle. Die letzten 20 Kilometer auf dem Weg nach Madikeri waren ein recht steiler Anstieg von über 1000 Höhenmetern, und anscheinend gab es auf der ganzen Strecke Bauarbeiten. Wir hatten albtraumartige Visionen von einer sandigen, steinigen Straße und Lastern, die ständig den Staub aufwirbelten, und erwarteten dass wir viel schieben müssten. Am Morgen unseres großen Tages standen wir extra früh auf, bereit für unseren anstrengendsten Tag auf der ganzen Reise. 

Die ersten 25 km waren schnell gefahren, und um 9 Uhr kamen wir am Beginn des gefürchteten Anstiegs an. Kurz vor der Straßensperre tranken wir einen letzten Tee und aßen etwas, um uns zu stärken. Als wir zusammen mit einigen Motorrädern und einem Bus durch die Straßensperre fuhren (Privatfahrzeuge durften nicht passieren), bemerkten wir, dass die Leute uns mitleidig ansahen. Es würde wohl wirklich schlimm werden.

Straße nach Madikeri   Durst!

Für die ersten paar Kilometer war die Straße zwar nicht gut, aber auch nicht schlechter als sie schon für die vorigen 100km gewesen war. Vielleicht war dies die Ruhe vor dem Sturm. Als wir weiterfuhren, wurden die Schlaglöcher größer, Steine waren über die Straße gestreut und einige Abschnitte waren etwas sandig, aber es war nichts, an das wir nicht schon gewöhnt waren. 10km später fuhren wir durch Gummi-, Bananen-, Kokosnuß- und Betelnußplantagen, und die Straße war immer noch genauso. Etwas später kamen wir an ein paar Bauarbeitern vorbei, die gerade Mittagspause machten, und noch später sahen wir einige Familien, die die alte Straße aufbrachen. Frauen in rosa und grünen Saris, mit Kindern auf ihren Hüften, balancierten schwere Körbe voller Steine auf ihren Köpfen, während die Männer die Straße mit ihren Pickeln attackierten und nur innehielten, um mit ihren Handys ein Foto von uns zu machen.

Die Straße war sehr ruhig, da sie für den meisten Verkehr gesperrt war, und wir fuhren ungestört den Berg hinauf, wobei wir eine erstaunliche Anzahl von Schmetterlingen sahen – kleine zitronenfarbene, schwarz-weiße mit Tigerstreifen, und riesige leuchtend blaue mit schwarzer Umrandung auf ihren Flügeln. Am Ende kamen wir an einem 3km Abschnitt vorbei, wo wirklich Bauarbeiten stattfanden, aber die temporäre ungeteerte Straße war ok und wir ließen den Abschnitt schnell hinter uns. Als wir am Nachmittag ganz oben ankamen, waren wir zwar müde, konnten aber gar nicht glauben, wie sehr alle die Straßenkonditionen übertrieben hatten. Wir hatten es nach Madikeri geschafft ohne auch nur einmal abzusteigen und zu schieben. 

Madikeri ist das Zentrum der Coorg Region, eine Gegend bekannt für ihre Kaffee- und Gewürzplantagen. Hier nahmen wir einen Tag frei und übernachteten in einem schönen Hotel, gemeinsam mit Dutzenden jungen Mitarbeitern von Informatikfirmen in Bangalore. Wir finden, dass es in Indien wirklich eine große Mittelschicht gibt. Die meisten Autos sind ziemlich neu. An kleinen Hütten aus Palmwedeln kann man zwar immer noch Kokosnüsse kaufen, aber man kann dort auch Geld auf sein Handy laden. Große Marken wie Pepsi und Kingfisher haben ihre Logos in leuchtenden Farben auf Dorfläden und Bushaltestellen gemalt. Auf der anderen Seite kommen wir auch an vielen armen landwirtschaftlichen Gegenden vorbei, in denen das Leben der Leute sich in Hunderten oder sogar Tausenden von Jahren nicht allzu sehr verändert hat. In diesen Dörfern werden Ochsenkarren mit hölzernen Räder benutzt und die meisten Häuser haben kein fließendes Wasser. Der Reichtum von Indien’s schnell wachsender Wirtschaft kommt eben leider nicht allen Gesellschaftsschichten zugute.

Wir freuten uns darauf, die Coorg Gegend südlich von Madikeri zu erkunden und beschlossen, einen Umweg dorthin zu machen, auf dem Weg nach Mysore. Auf einer kleinen, ruhigen Straße kamen wir an vielen Kaffee-, Gewürz- und Bananenplantagen vorbei, sowie fröhlichen Landarbeitern, die das Heu einfuhren.

Landarbeiter

Tagsüber hatten wir mehrere “Home Stay” Schilder entlang der Straße gesehen, was nach einer guten Gelegenheit klang, sich das Plantagenleben mal näher anzusehen. Die Straße war ziemlich schlecht geteert, und es gab viele Hügel zu bewältigen, so dass wir am Nachmittag etwas müde waren, als wir wieder ein Schild für einen “Home Stay” sahen. Für eine Weile diskutierten wir, ob wir dort übernachten sollten, aber am Ende machten wir die “vernünftige” Entscheidung, noch etwas weiterzufahren, da wir erst 50km gefahren waren, was den nächsten Tag nach Mysore sehr lang machen würden. “Ich habe das Gefühl, dass wir später noch etwas finden werden,” zwitscherte Frederike und stieg wieder auf ihre Fahrrad.

Coorg Haus   Coorg Region

Wir vereinbarten, dass wir um die 60km anfangen würden, nach einer Unterkunft zu suchen. Dann war es schon 16 Uhr und wir fragten bei einem Laden nach, ob es auf der Straße bald wieder eine Übernachtungsmöglichkeit geben würde. “Da ist nur noch Wald, keine Unterkünfte,” sagte der Ladenbesitzer. “Das nächste Hotel ist in Hunsur, 35km entfernt.”

Das waren schlechte Nachrichten. Wir hatten nur noch zweieinhalb Stunden Tageslicht übrig und wollten nicht im Dunkeln fahren, da unsere Fahrradlampen nicht gut genug waren, um die Schlaglöcher zu sehen. Normalerweise wäre das genug Zeit, um 35km zu fahren, aber auf dieser holprigen Straße und mit den vielen Hügeln mussten wir uns wirklich anstrengen. “Danke!” riefen wir, als wir so schnell wie möglich weiterfuhren. Kurz danach kamen wir an einem Schild vorbei, dass uns in Rajiv Gandhi Nationalpark willkommen hieß. So ein Schild möchte man eigentlich nicht sehen, wenn man spät am Nachmittag nach einer Unterkunft sucht. Wir fuhren im Slalom um die Schlaglöcher und schlitterten durch sandige Abschnitte und rasten durch den Nationalpark, an Gruppen von erstaunten Affen vorbei. Der Soundtrack waren die ächzenden Geräusche des Bambus, und wir stellten uns vor, wie unheimlich es wäre, nachts durch den Nationalpark zu fahren.

Nach ca 20km kamen wir durch ein Dorf und sahen ein Hotel. Guy ging hinein und kam sofort wieder heraus. “Hier bleiben wir auf keinen Fall, lieber riskieren wir den Nationalpark,” sagte er und setzte seinen Helm wieder auf. Das Hotel hatte eine Whisky-Bar im Erdgeschoss, und einen Puff darüber. Wir fuhren weiter.

Am Ende des Nationalparks fuhren wir durch viele kleine Dörfer, wo Ochsenkarren mit Heu beladen wurden und Kinder auf dem Rückweg von der Kirche waren (es gibt viele Kirchen in dieser Gegend!). Obwohl uns immer noch viele Leute zuwinkten und grüßten, fanden wir die Leute seit Madikeri etwas weniger freundlich und uns wurde auch öfter zuviel berechnet wenn wir etwas kauften.

Zu unserer Erleichterung wurde der Straßenbelag endlich etwas besser, und die Hügel waren weniger steil. Das machte einen großen Unterschied, und genau bei Sonnenuntergang kamen wir in Hunsur an. Als wir anhielten, um nach dem Weg zu einem Hotel zu fragen, wurde Guy von einer Gruppe Männer umringt, während Frederike plötzlich um die 20 neugierige Jungen um sich hatte. Diese Jungen waren etwas anders als die, die wir an der Küste getroffen hatten, und die ganz sauber und ordentlich in ihren Schuluniformen waren. Hier waren sie etwas wilder, barfuß, mit dreckigen Klamotten und staubigen Gesichtern. Sie spielten mit den Bremsen und Gängen, zogen an den Satteltaschen und zeigten fragend auf das Tacho und die Wasserflaschen. Obwohl die ganze Aufmerksamkeit nach einem langen Tag etwas zuviel war, übte Frederike Geduld, denn die Jungen waren nur neugierig und hatten wahrscheinlich noch nicht viele Ausländer auf Fahrrädern getroffen. Überraschenderweise war dies das erste Mal, dass wir in Indien so viel Aufmerksamkeit auf uns zogen, obwohl wir dies eigentlich viel mehr erwartet hätten.

Im Hotel nahmen wir eine verdiente kalte Dusche. Warmes Wasser gibt es nicht so oft in indischen Hotels, was in der Hitze der Küste kein Problem war, aber in den höhergelegenen, kühlen Berggegenden war es ziemlich unangenehm. Nach dem Essen sanken wir in einen tiefen Schlaf. Wir waren seit mittags ohne Unterbrechung fahrradgefahren und hatten 96km auf sehr schlechten, hügeligen Straßen hinter uns. Ein harter Tag!

Am Morgen schliefen wir aus und waren um 10 Uhr bereit zur Abfahrt. Allerdings mussten wir erstmal unsere Kaution zurückbekommen (es ist üblich, dass Hotels eine Kaution verlangen), und darauf warten, dass der Raum, in dem unsere Fahrräder waren, aufgeschlossen wurde. Der Hotelmanager nahm sich Zeit, und nachdem wir eine halbe Stunde lang gewartet hatten, wurden wir langsam verärgert. Es half nicht, dass er uns dann nicht unsere ganze Kaution zurückgeben wollte, und wir verließen das Hotel ohne ein weiteres Wort. Einige Meter weiter wurden wir von einem Lokaljournalisten angehalten. Wir waren immer noch etwas verärgert und nicht in der Stimmung für ein Interview, aber Guy beantwortete einige Fragen und der Journalist machte ein Foto von uns.

Die letzten 50km nach Mysore waren auf einer guten Straße, und wir hatten ein gutes Mittagessen, so dass wir es trotz niedriger Energie recht schnell bewältigten und ein Hotel in Mysore fanden.

Mysore war eine relativ entspannte Stadt mit weniger Verkehrschaos als in anderen indischen Städten. Es gab viele Touristen, und wir besuchten jeden Tag ein beliebtes Touristenrestaurant, um ein Käseomelett zu essen. Während unseren früheren Reisen als Rucksacktouristen hatten wir immer viel Energie darauf verwendet, Touristenfallen zu vermeiden, aber seit wir mit dem Fahrrad unterwegs sind, sind wir sowieso meistens weit weg von anderen Touristen und schätzen daher die Annehmlichkeiten von touristischen Städten mehr! Manchmal fühlen wir uns allerdings schuldig, vor allem wenn wir uns mal wieder angesichts der riesigen indischen Portionsgrößen geschlagen geben und Schüsseln voll Reis und Curry hinterlassen, nur um dann in den Straßen an hungrigen Leuten vorbeizugehen. Das Prinzip “Du musst Deinen Teller leer essen – denk doch mal an die armen Kinder in Afrika, die nichts zu essen haben” ist hier also viel direkter und unübersehbarer am Wirken.

Wir verbrachten ein paar Stunden damit, den glitzernden Maharaja’s Palast zu erkunden, der 1912 neu gebaut wurde, nachdem der vorige Palast heruntergebrannt war. Der Palast war von einem englischen Architekten entworfen worden und hat ein tolles Interieur mit goldenen Säulen, bemalten Glasfenstern, Mosaikböden und geschnitzten Holztüren. Die Gemälde der Staatsprozessionen in Zeiten des Raj waren beeindruckend: Regimente von Männern mit Turbanen und Schnurrbärten, die Schwert und Degen trugen, der Raj wurde in einer Sänfte getragen, und der Staatselephant trug goldenen Kopfschmuck und Armreifen auf seinen Stoßzähnen.

Mysore Maharaja's Palast

Mysore’s kunterbunter Markt war ebenfalls einen Besuch wert. Reihen von heiteren Blumenverkäufern knüften Girlanden für die nahegelegenen Tempel, und aufdringliche Händler verkauften Pulver in den verschiedensten Farben, die mit Wasser gemischt wurden, um Körperfarbe herzustellen.

Mysore Blumenmarkt   Mysore Blumenmarkt Girlanden

Die Straße, die aus Mysore hinausführte, war ziemlich gut, aber viel befahren. Nun waren wir auf einem hohen Plateau und fanden das Radfahren recht einfach. Kokosnussverkäufer waren überall und trugen ihre Kokosnüsse entweder auf überladenen Fahrrädern oder hängten sie von Bäumen. Mit einer Machete schnitten sie ein Loch in die Kokosnuss und gaben uns einen Strohhalm für ein erfrischendes, natürliches Getränk.

Kokosnussverkäufer

Wir übernachtetem in einem seltsamen, überteuerten Hotel in der Kleinstadt Gundlupet. Nachdem wir am Nachmittag angekommen waren, gingen wir los, um einen Snack zu finden. Wir wollten auch etwas für’s Abendessen kaufen, so dass wir nicht wieder raus mussten. Allerdings waren in allen Restaurants die Küchen geschlossen, und gekochtes Essen gab es erst ab 19 Uhr. Machte Sinn. Allerdings waren wir dann etwas abgelenkt und gingen erst um 20:30 Uhr wieder los, um zu essen. Da waren die Küchen schon wieder geschlossen! Am Ende fanden wir ein kleines Restaurant, das wie eine Garage aussah und ziemlich dreckig war. Wir hatten aber keine Wahl, da wir Hunger hatten, und riskierten es. Sie hatten noch Reis und Dhal. Bisher hatten wir es immer geschafft, eine Gabel oder einen Löffel zu bekommen, aber diesmal hatten wir Pech und mussten wie die Inder mit unseren Händen essen. Das war eine ziemliche Sauerei!

Zurück im Hotel machte der Manager Essensgesten (Englisch wird im indischen Hinterland nicht viel gesprochen, so dass die Kommunikation manchmal etwas schwierig ist). “Nein, danke”, sagten wir, da wir dachten, dass er uns etwas zu Essen anbot, “wir haben schon gegessen.” Seine Absichten wurden klarer, als wir unser Zimmer aufschlossen und er seinen Kopf hereinsteckte. Er zeigte auf unsere Bananen und dann auf sich selbst! Dies schien ein Fall von “Touristen-Schröpfen” zu sein.

“Okay”, grummelte Guy, “Du kannst die kleinste Banane haben, die ich finden kann.”

Am folgenden Morgen wurden wir um 5:45 Uhr von wiederholtem Klopfen an unsere Tür aufgeweckt. “Was ist denn?” fragten wir. “Sir! Sir! Chai! Tee!”

“NEIN DANKE,” brummten wir.

Trotz unserer Proteste ging das Klopfen danach alle 10 Minuten weiter, bis wir endlich aufstanden, da wir dachten, dass es vielleicht einen anderen Grund für das ständige Klopfen gab. Guy öffnete die Tür.

“Chai?”

“Grrr, nein, nur Schlafen!”

Damit stellte “Mr Chai” seinen Fernseher an, extra laut natürlich.

Offensichtlich durften wir nicht weiterschlafen, und so packten wir genervt unsere Sachen und verließen Gundlupet, umd in Richtung der Bergstation Ooty zu fahren. Auf dem Weg wollten wir ein paar hoffentlich interessante Nationalparks und ein Tigerreservat besuchen – kein guter Ort für einen Platten!

Freitag, 14. Januar 2011

Hippies, Pilger und der gefürchtete Delhi Belly

Patnem Beach, Goa – Sullia, Karnataka

“Guten Morgen, Ma’am!”

“Gute Reise!”

“Wie ist Ihr Name, Sir?”

“Welches Land?”

Dies sind die Rufe von vorbeikommenden Motorrädern, Schulkindern, Jeepfahrern und Ladenbesitzern, die uns tagsüber begleiten. Die Leute in diesem Teil von Indien sind überschwänglich und fröhlich, und es gibt nie einen langweiligen Moment.

Um Patnem Beach und Goa zu verlassen folgten wir einer schönen kurvigen Straße in den nächsten Staat, Karnataka. Den ganzen Tag ging es hoch und wieder hinunter, wobei wir an vielen leuchtend grünen Reisfeldern und Fischern in Kanus vorbeikamen, und von den Hügeln aus das Arabische Meer unter uns schimmern sahen.

Fischer   Reisernte

Wir fühlten uns überraschend gut auf den Fahrrädern und schafften 100km recht leicht. Es wäre schön zu glauben, dass unsere extrem gute Fitness dafür verantwortlich wäre. Allerdings ist es eher wahrscheinlich, dass es der Gewichtsverlust war, da wir unsere Campingausrüstung ja nach Hause geschickt hatten. Wir erhalten auch viel Energie durch das gute Essen, das überall zu finden ist, und müssen daher auch weniger Nahrungsmittel mit uns tragen. Auf der anderen Seite mussten wir uns wieder daran gewöhnen, in der Hitze zu radeln, da es hier viel heißer als noch in Mumbai ist, und mit einer hohen Luftfeuchtigkeit von ca 80%. Wir sollten uns allerdings nicht zu sehr beklagen, denn mit 32°C ist es immer noch 15°C kälter als die Temperaturen, in denen wir im Sommer in Osteuropa und der Türkei gefahren sind.

Als wir im am Meer gelegenen Dorf Gokarna ankamen, fanden wir schnell ein günstiges Hotelzimmer für nur €4. Es war aber wie eine Gefängniszelle – dunkel, siffig und mit steinharten Matratzen. Gokarna ist ein heiliges Dorf und war voller indischer Pilger und europäischer und amerikanischer Hippies. Die Pilger besuchten die Tempel und gesellten sich zu den abendlichen Prozessionen, wobei die Statue einer Göttin auf einem Wagen durch das Dorf gefahren wurde, während eine Gruppe wild bemalter junger Männer sang, trommelte und tanzte. Die Tempel selber waren zwar nicht für uns Touristen zugänglich, aber wir konnten das Tempelbecken besuchen, in dem sich Mitglieder der Brahmin-Priester-Kaste auf den Stufen neben den Waschfrauen wuschen.

Tempelbecken in Gokarna  "Ratha" für religiöse Prozessionen

Gokarna fühlte sich sehr spirituell an, und wir trafen eine Frau aus Pune, die aufgeregt war, das Ende der Fastenperiode ihrer Tochter in einem der Tempel zu feiern. Kühe wanderten herum, wo auch immer ihre spirituelle Natur sie führte, und einmal sahen wir, wie ein Mann einer Kuh einige Bananen fütterte und sich dann herunterbeugte, um seine Stirn mit dem Kuhschwanz zu berühren. Die meisten Kühe (auch die, die nur auf der Hauptstraße herumliegen oder durch den Müll wühlen) haben ein rotes Drittes Auge auf ihre Stirnen gemalt. Für uns ist es sehr seltsam, aber auch irgendwie gewinnend, ein Tier, das so “normal” für uns ist, zu verehren.

Pilgerfrauen   Bettler in Gokarna

Die meisten Männer trugen nur einen Lungi (eine Art Lendenschurz, der wie ein kleiner Rock aussieht), und sonst nichts. Das war ok für uns, aber wir fanden es schon etwas seltsam, dass einige der Touristen genauso angezogen waren und barfuß mit nur einem Lendenschurz bekleidet herumliefen… Wir waren wirklich in Hippieland angekommen. Insgesamt hatten überdurchschnittlich viele Männer Dreadlocks, und fast alle westliche Touristen trugen indische Kleidung, so dass wir uns mit unseren Khakihosen und Fahrradschuhen etwas als Außenseiter fühlten.

Wandbemalung in Gokarna Blumenverkäufer

Wir waren allerdings nicht die einzigen, denn am nächsten Morgen trafen wir zwei andere Radfahrer. Rick und Erik waren aus Kalifornien und auf einer Indienreise, genau wie Klemens, ein deutscher Radfahrer, mit dem wir ein paar Tage zuvor zu Mittag gegessen hatten. Von einigen Einheimischen erfuhren wir, dass sie recht häufig Tourenradfahrer in der Gegend sahen. Gut zu wissen, dass wir nicht die einzigen Verrückten sind!

Rick und Erik empfohlen uns einen Wasserfall, als wir am nächsten Tag weiterfuhren, und Guy tauchte für eine kurze Abkühlung unter. Als Frederike an der Reihe war, folgten ihr drei aufgeregte Teenager, die wohl auf eine nasse T-Shirt-Show hofften. Sie waren ziemlich enttäuscht als Frederike sich gegen das Schwimmen entschied und stattdessen nur ein Eis aß! Am Nachmittag trinken wir oft in einem kleinen Café einen Chai, wobei wir manchmal die Café-Besitzer während ihres Nickerchens erwischen. Etwas schläfrig machen sie uns dennoch einen Tee und setzen sich für eine Unterhaltung und das Studium unserer Landkarte dazu.

In einem kleinen Ort an der Küste fanden wir ein gutes Hotel für €7, komplett mit Bad und Fernseher. Dies war gut, da Frederike sich plötzlich sehr unwohl fühlte und den Rest der Nacht im Bad verbrachte, mit den typischen Symptomen des gefürchteten “Delhi Belly”. Zum Glück erholte sie sich schnell, aber wir blieben einen Tag länger, so dass sie wieder an Kraft gewinnen konnte. Die Hotelbesitzer waren sehr nett, brachten uns Tee auf’s Zimmer und empfahlen milde Gerichte für sie.

Wenn es um Hygiene geht, ist Indien ziemlich im Hintertreffen. Die Leute benutzen ihre Hände, um im Bad ihren Hintern abzuwischen, aber an den meisten Waschbecken gibt es nicht mal Seife. Dann wird mit den Händen gegessen, da Besteck normalerweise nicht benutzt wird. In der Öffentlichkeit Spucken ist sehr üblich, und man muss vorsichtig mit Wasser aus dem Hahn sein. In Restaurant-Küchen sehen wir manchmal Leute auf dem Boden sitzen und dort Gemüse schneiden. Viele Restaurants haben keinen Kühlschrank. Es ist kein Wunder, dass die meisten Reisenden krank werden. Auch wenn man nur vegetarisch isst und sich andauernd die Hände wäscht, ist es schwer zu vermeiden.

Als Frederike wieder in Form war, ging es weiter in Richtung Süden, diesmal für einen 90km Tag nach Udipi, bekannt in Indien für die Erfindung der Masala Dosa, einer Art Linsenpfannkuchen, der mit Kartoffelcurry gefüllt ist. Wir lieben es, morgens radzufahren, wenn die Busse und Laster noch schlafen und die Schulkinder auf dem Weg zur Schule sind. Bis zu 10 Kinder quetschten sich in Rickschas, die eigentlich nur für 2 gebaut waren, wobei sie sich gegenseitig auf dem Schoß saßen und alle wie wild winkten, als wir vorbeikamen. Schuljungen in ihren sauberen Schuluniformen machten Wettrennen mit uns auf ihren rostigen Fahrrädern, die jedem Kind in Karnataka umsonst von der Regierung zur Verfügung gestellt werden, und Gruppen von Mädchen mit Rattenschwänzchen und Stapeln von Schulbüchern kicherten und winkten.

Ein Mann auf einem Motorrad rief “Guckt mal meinen Fisch an!” und zeigte stolz auf den Gepäckträger seines Motorrads, wo ein 80cm langer Fisch festgeschnürt war. Fischen ist in dieser Gegend sehr üblich, und wir sehen oft Frauen in farbenfrohen Saris, die schwere Körbe voller Fische auf ihren Köpfen balancieren. Sie sind meist auf dem Weg zum Markt, wo sie ihre Fische liebevoll auf alten Zeitungen auf dem staubigen Boden ausbreiten.

Fischerboot   Hölzerne Fischerboote

Wir hatten uns darum Sorgen gemacht, unsere Fahrräder außer Sichtweite zu lassen, wenn wir in einem Restaurant waren, aber inzwischen verstehen wir die Kultur besser und sind ziemlich entspannt. Die Leute sind nur neugierig, und normalerweise sind sie ziemlich respektvoll und halten einen Meter Abstand von den Fahrrädern, während sie die technischen Details untereinander diskutieren. Manchmal übermannt sie die Neugier und sie probieren die Bremsen oder die Klingeln aus, worüber wir immer lachen müssen, wenn wir die Fahrräder nicht sehen können und nur unsere Klingeln hören. Das Gute an unseren Fahrrädern ist, dass es ziemlich schwer ist, etwas kaputtzumachen. Auch wenn die Leute an der Gangschaltung herumspielen ist es kein Problem, da wir die Rohloff-Nabe haben und daher auch im Stehen Gänge schalten können. Oft bemerken die Leute die Gangschaltung nicht mal, da sie an Eingangräder gewöhnt sind. Der faszinierendste Teil unserer Fahrräder ist überraschenderweise unsere Wasserflaschen, und wir werden immer wieder gefragt, wozu diese da sind.

Tagsüber kaufen wir normalerweise ein paar Bananen von einem kleinen hölzernen Stand am Straßenrand. Ganze Bananenstauden hängen dort vom Dach, und sie schneiden einfach so viele Bananen ab, wie wir haben möchten. Die Bananen sind sehr klein und sehen manchmal nicht so gut aus, aber sie sind immer süß und reif, und sind auch gut zu transportieren, da sie nicht so leicht zerquetschen. Bisher sind wir außerhalb der Touristengegenden immer recht ehrlich behandelt worden und glauben, dass wir meistens den richtigen Preis zahlen, ob es nun um ein Paket Kekse, ein paar Bananen, eine Mahlzeit im Restaurant oder ein Hotelzimmer geht.

Als wir in Udipi ankamen, wurde uns klar, dass zwar viele kleine Restaurants ein “Hotel” Schild aushängen haben, wir aber oft nur verwirrte Blicke ernten, wenn wir nach einem Zimmer fragen. Aus irgendeinem Grund haben sich die Leute hier wohl angewöhnt, Restaurants “Hotels” zu nennen. In Udipi gingen wir zu 5 verschiedenen “Hotels”, bis wir endlich ein echtes Hotel fanden.

Haben Sie ein Zimmer frei?

Beim Abendessen sahen wir, dass auf dem Restaurantmenü “Toast mit Butter und Marmelade” zu finden war. Dies waren gute Neuigkeiten, denn wir konnten uns einfach nicht an das indische Frühstück gewöhnen, das normalerweise aus etwas Fritiertem mit Curry besteht. Am nächsten Morgen freuten wir uns schon auf unser kontinentales Frühstück, doch als wir im Restaurant ankamen, wurden wir informiert, dass Toast nicht zum Frühstück serviert werden konnte, sondern nur später am Tag erhältlich war! Die einzigen Optionen waren Idlis (salzige fritierte Reisküchlein) und Masala Dosa (die oben erwähnten Linsenpfannkuchen mit Curry-Füllung). Das war nicht unser ideales Frühstück, und so verließen wir das Restaurant, um Toast zu suchen. Nach 20 Minuten saßen wir in einem anderen Restaurant und aßen Idlis und Masala Dosa…

Udipi ist berühmt für seinen Krischna Tempel, der von Pilgern überall in Indien besucht wird. Wir folgten dem Trommelklang und den Kuhfladen in Richtung Tempel. Dort waren viele aufgeregte Pilger und einige Bettler, die das meiste aus der großzügigen Laune der Pilger machten. Zu Frederike’s Freude mussten Männer den Tempel mit nacktem Oberkörper betreten. Es war ein faszinierender Tempelkomplex, doch wir blieben nicht lange und waren bald auf dem Weg landein nach Karkal.

Krischna-Tempel in Udipi   Statue in Udipi Tempel

Die Küstenstraße war angenehm, wenn auch etwas verkehrsreich, aber wir wollten das hügelige Inland von Karnataka und Kerala erkunden. Bald wurde die Straße viel kleiner und ruhiger, und wir kamen durch Dörfer, wo die Leute nicht so daran gewöhnt waren, Touristen zu sehen. Das Essen war noch günstiger als vorher, und wir zahlten nur €0,60 für ein Mittagessen für uns beide, inclusive zwei Flaschen Cola und eine Flasche Wasser! Unser schönes Hotelzimmer in Karkal kostete nur €7 und hatte sogar Zimmerservice, was wir sofort ausnutzten, indem wir Samosas und Tee bestellten. Plötzlich erlaubte uns unser Budget, mit dem wir uns im Westen nur einen Zeltplatz und Supermarktessen leisten konnten, wie Könige zu leben!

Unsere erste Aufgabe in Karkal war es, unser Frühstück zu planen. Wir wollten kein Kartoffelcurry und fritiertes Zeug mehr essen und beschlossen, unser eigenes Frühstück zu machen. Wir hatten Kaffeepulver, Müsli und Honig, brauchten aber ein paar weitere Zutaten. Brot war recht einfach – in den Läden gab es nur lappriges weißes Brot, so dass wir stattdessen abends ein paar extra Parathas und Chappatis bestellten, die wir zum Frühstück mit Honig aßen. Milch war allerdings komplizierter. Milch wird normalerweise in kleinen Tüten verkauft, die gekühlt werden müssen, da die Milch in dieser Hitze sonst über Nacht schlecht wird. Morgens konnten wir sie auch nicht kaufen, da die Läden meist nicht vor 9 Uhr öffnen. Ultrahocherhitzte Milch ist nicht so üblich, aber nachdem wir bei einigen Läden nachgefragt hatten, empfiehl uns ein Mann, nach der Marke “Goodlife” zu fragen. Er zeigte auf einen anderen Laden, und andere Leute zeigten auf weitere Läden, und nachdem wir bei 5 Läden nachgefragt hatten, wusste jeder im Markt, was wir suchten. Zwei junge Männer auf einem Motorrad fanden am Ende eine kleine Hütte, in der Zahnpasta verkauft wurde, und dort fanden wir eine Packung Goodlife Milch. Das Frühstück war gerettet!

Wir schienen auf einer Art Pilgerstraße zu sein, denn tagsüber sahen wir immer wieder Pilgerautos, und die Pilger übernachteten auch in den gleichen Städten wie wir. Sie reisen normalerweise in Jeeps, die mit orangenen Flaggen, goldenem Lametta und gelben und orangen Blumengirlanden dekoriert sind. Wie uns einige Inder erzählte, waren die meisten Pilger auf dem Weg zu einem alljährlichen Fest beim Sabarimala Tempel. (Leider sind die indischen Nachrichten heute von einem Unfall bei diesem Fest dominiert, bei dem bisher über 100 Leute zu Tode getrampelt worden sind – furchtbar, aber anscheinend ist dies nicht unüblich bei den großen indischen religiösen Festen, die von Hunderttausenden Leuten besucht werden, mit nur wenigen Sicherheitsmaßnahmen).

In Karkal gab es einen kleinen Tempel, und wir sahen zu, wie am Abend ein Mann in einem orangenen Lungi um eine Götterstatue herumtanzte, wobei er eine Handvoll brennender Kerzen wedelte. Energische Musik mit automatisch betätigten Trommeln und hohen kreischenden Geräuschen begleitete die Zeremonie. Um den Tempel herum wurden viele Blumengirlanden in verschiedenen Farben verkauft, und Bettler versuchten ihr Glück.

Bettler in Karkal   Tempel am Straßenrand

Beim Abendessen in einem vegetarischen Restaurant (vegetarisch ist normal, nur einige Restaurants sind nicht-vegetarisch), füllten Pilger die Tische um uns herum. Wir schienen die einzigen Touristen in Karkal zu sein und waren umringt von Männern in Lungis und Sarongs, mit nackten Oberkörpern, die mit weißen und orangen Streifen bemalt waren. Viele Frauen trugen weiße Blumen in ihren Haaren. Es war faszinierend zu sehen, und wir fanden, dass wir ziemlich Glück hatten, dort zu dieser Zeit zu sein.

Über sehr schlechte Straßen fuhren wir nach Puttur weiter. Den ganzen Tag ging es hoch und runter in der intensiven Hitze, wobei wir ständig Schlaglöcher umgehen und uns über Strecken mit Schotter und Sand wagen mussten. Es gab ziemlich viel Verkehr auf der engen Straße, wobei Busse uns entgegenflogen und Jeeps uns in letzter Sekunde überholten. Wir mussten uns wirklich konzentrieren und unsere Augen nie von der Straße und von unseren Spiegeln lassen, jederzeit bereit, abzuspringen. Allerdings war es uns dennoch lieber, auf einem Fahrrad zu sein, so dass wir schnell von der Straße hüpfen können, anstatt in einem Bus oder Taxi den Launen des Fahrers ausgesetzt zu sein.

Am Ende des Tages waren wir erledigt. Wie inzwischen üblich, und ganz anders als in den anderen Ländern, die wir bisher besucht haben, fuhren wir in Puttur direkt zum größten und schönsten Hotel. In diesen kleineren Orten, die nicht touristisch sind, sind diese Hotels fast immer die beste Option. Heute fanden wir ein schönes Zimmer mit Bad, Fernseher und gemütlichen Matratzen für nur €3,50.

Am nächsten Morgen waren wir ziemlich müde und schliefen aus. Wir fühlten die Anstrengungen des vorigen Tages und schafften nur 40km, unterbrochen von einem leckeren Mittagessen, um unseren 9000. Kilometer zu feiern. Wir übernachteten in der Kleinstadt Sullia, wo wir ein Festival vorfanden, wo es auch ein Riesenrad gab. Das Riesenrad war so aufgemotzt, dass es mit Lichtgeschwindigkeit rotierte, sehr zum Vergnügen der Passagiere. Das Gleiche galt für viele der anderen Attraktionen, und sogar das Kinderkarussell fuhr dreimal so schnell wie normal! Wir aßen gebratene Nudeln (chinesisches Essen ist in Indien oft erhältlich), entschieden uns aber gegen das Riesenrad und gingen früh ins Bett, damit wir am nächsten Tag viel Energie hatten, um die 1000 Höhenmeter nach Madikeri zu bewältigen.

Dienstag, 11. Januar 2011

9000 km Foto

“Stop, stop!” rief Ebrahim, als er aus seinem Restaurant lief, um uns zu begrüßen. Wir plagten uns gerade durch die Mittagshitze auf der schlagloch-reichen Straße nach Madikeri.

“Ihr müsst meine Hühner-Kebabs probieren, und wie wäre es mit einer kostenlosen Gesundheits-Untersuchung?”

Das war ein Angebot, das wir nicht ablehnen konnten.

Als wir unsere Fahrräder vor dem Restaurant abstellten, bemerkten wir, dass dort eine ganze Ansammlung von Leuten war. Ebrahim erklärte uns, dass eine Gruppe von Ärzten einmal im Monat eine kostenlose Sprechstunde gab, die von einem Geschäftsmann finanziert wurde. Viele Leute in der Gegend konnten sich ansonsten keine Behandlung leisten und warteten geduldig in einem improvisierten Wartezimmer, während die Ärzte vor dem Restaurant die Leute behandelten. Sie verteilten auch Medikamente, sowie Seife, um Hygiene zu fördern (eine gute Idee, denken wir!).

Mit einem guten Essen feierten wir unseren 9000. Kilometer. Nachdem wir uns eine Weile mit Ebrahim, einem der Ärzte und ein paar anderen Leuten unterhalen hatten, hatten wir uns gut erholt und sammelten für unser Foto einige der Ärzte, Patienten und Restaurantbesucher um uns herum.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Goa: Ein bisschen Portugal in Indien

Panaji – Patnem

Die Zugfahrt von Mumbai nach Goa dauerte 12 Stunden, obwohl die Strecke nur 600km lang ist, und ist als eine der schönsten Zugfahrten in Indien bekannt. Die alte Lokomotive hielt an jedem kleinen Bahnhof an, wo farbenfroh gekleidete Leute alle möglichen Güter luden und entluden, von Reissäcken bis zu Motorrädern. Viele Einheimische reisen in der “Holzklasse” – für ein paar Stunden wäre das vielleicht ganz lustig, aber wir sehnten uns nach etwas mehr Luxus und reisten 2. Klasse. Wir waren in einem Schlafwagen untergebracht (etwas seltsam, da wir tagsüber reisten), wobei unsere Betten als Sitzbänke genutzt wurden. In unserem Abteil waren noch zwei andere Reisende: Ein junger Südafrikaner, der auch gerne Fahrrad fuhr, und ein älterer Mann aus London, der ursprünglich aus Sri Lanka kam. Die Konversation floss und die Zeit verging schnell, ab und zu unterbrochen von den Essens- und Tee-Wallahs, die mit ihren dampfenden Töpfen durch die Wagen kamen. Das Fenster in unserem Abteil war klein und zerkratzt, so dass wir uns oft an die offenen Türen stellten, um die Landschaft vorbeiziehen zu sehen.

Zug Mumbai-Goa   Frederike in Zugtür

An der letzten Haltestelle, Margao, warteten wir auf dem dunklen Bahnstieg darauf, dass unsere Fahrradkartons entladen wurden, wobei wilde Hunde und ein paar Bettler um uns herumlungerten. Eine Stunde später waren sie endlich aus dem Zug und auf dem Bahnstieg angelangt. Obwohl wir sie einfach selber hätten nehmen können, mussten wir darauf warten, dass sie zum Gepäckbüro transportiert wurden, wo wir sie offiziell in Empfang nehmen konnten. Allerdings waren die Gepäckträger nicht bereit, sie zu transportieren, bis wir einer “Extra-Gebühr” zugestimmt hatten, woraufhin zwei drahtige Männer herbeigerufen wurden. Unsere Herzen setzten einen Schlag aus, als sie jeder einen Karton nahmen und ihn dann händefrei auf ihrem Kopf trugen. Sie verschwanden hinter dem Zug, und da wir uns etwas Sorgen um unsere Kartons machten, liefen wir ihnen gleich hinterher, über die Gleise, wobei wir wegen unseres schweren Gepäcks nicht mit ihnen mithalten konnten. Bald wurde klar, dass sie nur eine Abkürzung zum Gepäckbüro nahmen, wo wir endlich mit unseren Fahrrädern vereint wurden. 

Nach einer beängstigenden Taxifahrt kamen wir in unserem Gasthaus in Panaji an, der kleinen Hauptstadt von Goa und der Anfangspunkt für unsere Radfahrt durch Indien. Wir waren total erschöpft, so dass uns die 2cm dicken Matratzen nichts ausmachten, aber wir mussten doch über die tausend Regeln lachen, die überall angeschrieben waren. Alles, was wir machen wollten, war verboten: “Restaurant geschlossen. Kein Internet. Kein Wäscheservice. Bitte keine Kleidung waschen. Keine weiteren elektischen Geräte verwenden.” Dazu hatten wir nach 22 Uhr Ausgehverbot, da dann das Tor abgeschlossen wurde, und Auschecken musste man bereits um 8 Uhr morgens! Allerdings war es kurz nach Weihnachten, und alle anderen Unterkünfte waren ausgebucht, so dass wir keine Wahl hatten und ein paar Tage in diesem “Gefängnis” verbringen mussten.

Auf der positiven Seite war unser Gasthaus aber in einem schönen Stadtteil, der Fountainhas Gegend mit seinen farbenfrohen Kolonialhäusern, schönen Gärten und alten Damen in Blumenkleidern, die vor ihren Häusern saßen und auf Portugiesisch quasselten. Goa war 450 Jahre lang eine portugiesische Kolonie, bis 1961, und der Einfluss der portugiesischen Kultur ist immer noch sehr stark. Christentum ist die dominante Religion in Goa, und die meisten Häuser hatten sich viel Mühe mit ihren Weihnachtsdekorationen gemacht und große leuchtende Sterne und Girlanden aufgehängt. Viele Leute hatten auch detaillierte Krippenszenen gebastelt, die vor ihren Häusern aufgestellt wurden. In einem Fall sahen wir sogar eine sehr große Krippenszene, die auf einem Teich schwamm.

Panaji Haus   Schwimmende Krippenszene

Es gibt viele weiße portugiesische Kirchen in Goa. Nachdem wir unsere Fahrräder wieder zusammengebaut hatten (zu unserer Erleichterung hatten sie die Flug- und Zugreise gut überstanden), machten wir eine Testfahrt nach Old Goa, das berühmt für seine Kirchen ist. Im 16. Jahrhundert war Old Goa eine mächtige Stadt gewesen, größer als Lissabon, doch jetzt bleiben nur noch einige Kirchen nach.

Kirche in Panaji

Am folgenden Morgen checkten wir um genau 8 Uhr aus und begannen unseren ersten Tag auf dem Fahrrad in Indien. Wir hatten das Radfahren vermisst, machten uns aber ein wenig Gedanken über unseren Verlust an Fitness nach einem ganzen Monat ohne die Fahrräder. Wir nahmen eine schöne, ruhige Straße, die durch einen dichten Wald in der Nähe des Meeres führte. Zu unserer Erleichterung gab es dort nur sehr wenig Verkehr. Die Gegend war recht wohlhabend, mit vielen Villen in den tollsten Farben, von Pink über Aquamarin bis zu Feuerwehrrot, Limettengrün und Kanariengelb. Inder haben keine Angst vor starken Farben! Die tropische Umgebung war eine willkommene Abwechslung von den Wüstenlandschaften der Türkei und des Irans. Es gab Blumen, Kokosnusspalmen und viele andere Pflanzen, und mehr Tiere als wir seit Monaten gesehen hatten: Wasserbüffel mit begleitenden Reihern, die auf ihren Rücken saßen, farbenfrohe tropische Vögel mit langen Schweifen, heilige Kühe, faule Hunde, Geckos und ab und zu ein Affe.

Küstenstraße   Farbenfrohe Häuser

Jedes Dorf hatte eine große weiße Kirche, und viele der Häuser hatten Gärten. Dies war das erste Mal seit Rumänien dass wir so schön gepflegte Gärten gesehen hatten! Wir kamen auch an Luxusresorts vorbei, die so groß wie ein ganzes Dorf waren, und ab und zu fuhren wir runter zur Küste, wo wir ruhige Sandstrände vorfanden. In einem der vielen Restaurants aßen wir ein leckeres Mittagessen, und nachdem wir 40km durch dieses Radfahrparadies gefahren waren, beendeten wir den Tag in einem Hotel in Strandnähe, wo wir Silvester verbringen wollten.

Das erste Mal seit Istanbul waren wir in einer sehr touristischen Gegend. Charter-Touristen vermischten sich mit älteren Resortbesuchern, trendigen Rucksacktouristen und alternden Hippies. Viele Stände auf der Hauptstraße des Dorfs verkaufen die losen Baumwollhosen und gewebten Taschen, die die Uniform der meisten jungen Reisenden in Indien darstellen. Es gab sogar eine “deutsche” Bäckerei, und Bananenpfannkuchen waren auf jedem Menü zu finden. 

Nachdem wir vegetarische Spaghetti probiert hatten, die durch riesige Mengen Ingwer “verindischt” worden waren, beschlossen wir, lieber gleich richtig indisch zu essen und feierten Silvester mit einem leckeren Tandoori-Hühnchen, Aloo Gobi und ein paar Cocktails. Das war allerdings ein Fehler, da der billige indische Rum Guy furchtbare Magenkrämpfe verursachte, so dass wir kurz vor Mitternacht zurück zu unserem Hotel eierten und dort das Feuerwerk nur zum Teil von unserem Fenster aus sehen konnten. Zum Glück waren wir am nächsten Morgen wieder auf den Fahrrädern in dieser schönen Gegend; der perfekte Start in ein neues Jahr.

Strandbar   Boote am Strand

Wir folgten einer kurvigen Straße durch kleine Dörfer entlang der Küste. Es gab einige Flüsse zu überqueren, und nicht alle hatten Brücken. Wir hatten uns schon auf einige Flussüberquerungen per Fähre gefreut, aber die erste Fähre war kaputt, so dass wir einen 10km Umweg zur einzigen Brücke machen mussten. Auf dem Weg verirrten wir uns etwas und fanden uns auf einem kleinen Feldweg wieder, der auf beiden Seiten von Wasser umgeben war, da er durch einen Fluss führte. Der Weg wurde kleiner und kleiner und wurde offensichtlich nicht viel benutzt. Gerade als wir überzeugt waren, dass wir auf der Straße ins Nirgendwo waren und zurück an den ganzen fröhlich winkenden Dorfbewohnern vorbeifahren mussten, kamen wir in einem kleinen Fischerdorf an, sehr zur Überraschung der Fischer.

Straße ins Nirgendwo

Nach einer Fahrt von 60km gelangten wir in Patnem an, dem südlichsten entwickelten Strand in Goa. Dort war sehr viel los, und die meisten Unterkünfte waren ausgebucht. Am Ende übernachteten wir in einem überteuerten, sehr einfachen Zimmer, wo Frederike ihre erste Eimerdusche erlebte. Diese besteht aus einem Eimer mit Wasser, der vom Gasthaus bereitgestellt wird. Mit einem kleineren Eimer schöpft man dann das Wasser und gießt es über sich. Kurz danach öffnete Frederike eine ihrer Satteltaschen und schrie auf, als eine riesige, 10cm lange Kakerlake herauskrabbelte!

Der Strand war schön, allerdings sehr voll mit Leuten. Wir beschlossen, ein mexikanisches Essen zu riskieren, da dies wahrscheinlich für eine Weile unsere letzte Gelegenheit sein würde, und aßen in einem Strandrestaurant. Nachdem wir so lange in der Türkei und Iran von Hühnerkebabs gelebt hatten, genossen wir die Auswahl an Essen. Allerdings litten wir auch etwas unter Kulturschock durch das plötzliche Zusammentreffen mit Hunderten Europäischer Touristen, und freuten uns darauf, am nächsten Tag weiter nach Karnataka und in das “richtige Indien” zu fahren.  

Wir planen, der Küste von Karnataka in Richtung Süden bis nach Udipi zu folgen, und dann landein zu fahren, um einige Bergstationen und Teeplantagen zu besuchen. Dort wird es ein paar anstrengende Berge zu bewältigen geben, aber hoffentlich wird sich die Mühe lohnen. Wir haben vor, in die Coorg Region zu fahren, Mysore und die Bergstationen von Ooty und Munnar zu besuchen, und durch ein Tiger-Reservat (!) zu fahren, bevor wir in Kochi wieder an die Westküste zurückkommen. Von dort aus werden wir einer kleinen Küstenstraße durch Kerala folgen, bis zur Spitze von Indien, von wo aus wir uns in Richtung Nordosten wenden werden, um durch Tamil Nadu zu fahren und Madurai und Pondicherry zu besuchen. Wir werden wahrscheinlich kurz vor Chennai enden, um den Verkehr der Großstadt zu vermeiden, und dann Anfang März von Chennai nach Bangkok fliegen.

Montag, 3. Januar 2011

Dharavi: Der größte Slum in Asien

Wir hatten gehört, dass man eine Führung zu Fuß durch den Dharavi Slum in Mumbai machen kann. Anfangs zögerten wir, aber da 55% der Bevölkerung Mumbai’s in Slums wohnt, dachten wir, wir sollten uns mal ansehen, wie “die andere Hälfte” lebt. Dharavi war auf einer großen Müllhalde errichtet worden, auf die Matsch geschüttet wurde, bevor die Leute ihre Hütten und Häuser dort bauten. Jetzt ist es der größte Slum in Asien, in dem über eine Million Leute auf einem Gebiet von nur 1,7 km² lebt.

Wir waren noch nie so richtig in einem Slum gewesen und hatten viele negative Vorurteile. Uns war etwas unwohl bei dem Gedanken, in einem Slum zu gehen, da wir uns vorstellten, wir würden viele verzweifelte arbeitslose Leute treffen, dreckige bettelnde Kinder und Diebe, die sich in den Straßen herumtrieben.

Am Morgen trafen wir unseren Führer von Reality Tours, der auch in einem Slum lebt, und nahmen einen Zug in Richtung Dharavi. Reality Tours macht diese Führungen seit fünf Jahren und arbeitet eng mit den Slumbewohnern zusammen. Sie spenden 70% des Profits an ihre wohltätige Schwestergesellschaft, Reality Gives, die einen Kindergarten und einen Cricketverein in Dharavi hat, sowie ein Gemeindezentrum, in dem Englisch, Informatik und soziale Fähigkeiten gelehrt werden. Es ist wirklich toll, wenn Tourismus so eine positive Entwicklung in einer Gemeinschaft unterstützen kann.

Um die Leute zu respektieren, war keine Fotografie erlaubt, daher haben wir leider keine Bilder für diesen Eintrag. Das erste, was wir sahen, war eine Gruppe von Frauen, die auf dem Fußweg Körbe flocht. Uns wurde erzählt, dass es über 10,000 Firmen in Dharavi gibt, die gemeinsam einen Jahresumsatz von $650 Millionen machen. Interessanterweise sind zwei Drittel der Einwohner von Dharavi Migranten, die aus anderen Teilen Indiens kommen, um im Slum zu arbeiten und dann Geld nach Hause zu schicken. In Dharavi können sie 3-4 mal so viel verdienen wie in ihren eigenen Dörfern. Allerdings sind ihre Löhne dennoch sehr niedrig und beginnen bei ca $2 pro Tag.

Der Slum ist in verschiedene Abschnitte organisiert, je nach den Betrieben, die in der Gegend angesiedelt sind. Die erste Gegend, die wir besuchten, ist auf Plastik-Recycling spezialisiert. Plastikflaschen, Plastikbecher etc werden aus Mumbai und sogar aus Europa angekauft, nach Farbe und Qualität sortiert, gewaschen, geschreddert und zu Pellets gepresst, die dann an Firmen verkauft werden, so dass daraus neue Plastiksachen produziert werden können. Diese Arbeit wird meist in Wellblechhütten gemacht. Plastikcontainer und Flaschen sind überall und werden auf Dächern, in den Hütten und auf den Straßen gelagert.

Die Arbeiter schlafen normalerweise in der gleichen Hütte, in der sie arbeiten, oder auf den Dächern. Wenn sie eine Gruppe von Freunden haben, mieten sie manchmal gemeinsam ein Zimmer. Baufirmen versuchen, die Slumbewohner zu überzeugen, sie Hochhäuser im Slum bauen zu lassen. Sie würden den Slumbewohnern dann die Wohnungen im Erdgeschoss überlassen und die Wohnung in den anderen Etagen verkaufen. Einige dieser Projekte sind bereits abgeschlossen, aber für viele der Slumbewohner ist es keine Option, da sie dann den Standort für ihren Betrieb und somit ihre Arbeit verlieren würden.

Danach besuchten wir die Gegend, in der Farbdosen recycelt werden. In einem Ofen werden die Reste der Farbe verbrannt und dann abgeschabt. Die Dosen werden gesäubert und können dann mit einem neuen Firmenlogo bemalt werden. Es war interessant, so viel Recycling und Wiederverwertung zu sehen; alles hat einen Wert, und nichts wird verschwendet. Leider sind aber die Arbeitsbedingungen nicht sehr gut, da es in den Hütten nicht viel Ventilation gibt, und die Ausdünstungen der Farbe schwer in der Luft hängen. Unser Führer erzählte uns, dass er mit den Arbeitern gesprochen hatte, um sie zu überzeugen, Masken und Handschuhe zu tragen. Sie waren allerdings nicht bereit für diese Veränderung. “Wir haben das schon immer so gemacht, warum sollten wir es jetzt ändern?”, sagten sie.

Es gibt auch eine Lederproduktion, wo Ziegen-, Schafs- und Büffelhäute gesalzen werden, bevor sie zum Trocknen auf einer Müllhalde ausgebreitet werden (dies ist der einzige Ort, wo genug Platz ist,  sie in der Sonne zu trocknen). Die Häute werden dann mit Sprühfarbe gefärbt und in Schuhe und Handtaschen verarbeitet. 

Als wir in eine Wohngegend des Slums kamen, bemerkten wir, dass die Häuser meist recht solide aus Zement gebaut waren. Die meisten Häuser haben allerdings keine Türen, sondern nur einen Vorhang. Sie sind recht sauber gehalten und haben Elektrizität. Fließendes Wasser gibt es ca 3 Stunden pro Tag. Die meisten Häuser haben einen Kühlschrank und einen Fernseher. Das größte Problem ist die mangelnde Sauberkeit der Umgebung: Die Straßen werden von der Gemeinde nicht gesäubert, daher liegt dort viel Müll herum. Es gibt keine Kanalisation, daher müssen die meisten Leute ihre Notdurft entweder in öffentlichen Bereichen erledigen, oder auf die Gemeinde-Toilette gehen, für die sie bezahlen müssen. Wie uns unser Führer erzählte: “Wir sind sechs Leute in meiner Familie. Wenn jeder von uns einmal pro Tag auf die Gemeindetoilette geht, kostet uns das 12 Rupien pro Tag, und es wird ziemlich teuer, wenn man zweimal gehen muss.” Leider führt die mangelnde Sauberkeit zu Krankheiten wie Malaria und Typhus, die in der Gegend ein Problem sind.

Viele Frauen machen morgens Pappadums (harte, dünne Fladenbrote). Der Teig wird auf einem kleinen Teller vor ihren Häusern ausgerollt, und die Brote werden dann 2-3 Stunden lang in der Sonne getrocknet, indem sie auf Körbe gelegt und auf die Gassen gestellt werden. Dann werden sie verpackt und an Firmen verkauft. (Ist dies vielleicht der Herkunftsort der Pappadums, die wir in unseren Supermärkten kaufen?)

Eine Gegend, in der die Leute es sich besonders häuslich eingerichtet haben, ist die Töpfergegend. Hier sammeln die Familien Sand und stampfen ihn mit ihren Füßen, bis er lehmig wird. Daraus stellen sie dann Krüge in verschiedenen Größen her, entweden mit einem handbetriebenen Töpferscheibe, oder mit einem elektronischen. Die Krüge werden dann in Öfen gebrannt, die sich zwischen den Häusern befinden, bevor sie glasiert und verkauft werden.

Die Leute im Slum waren alle ziemlich beschäftigt, obwohl es Sonntagmorgen war. Die Kinder sahen recht sauber aus und waren ziemlich fröhlich. Sie alle winkten uns zu und riefen “Hallo! Wie heißt Du?” Zwei kleine Mädchen saßen in einer Gasse und spielten Karten. Einige junge Männer spielten Cricket. Niemand wollte Geld von uns haben, und wir sahen keine Bettler. Die Bedingungen im Slum sind zwar nicht besonders gut, aber die Leute machen das Beste aus ihrer Situation, und viele scheinen eine Art Zufriedenheit in ihrer engen Gemeinschaft gefunden zu haben. Seit den gewaltsamen Kämpfen zwischen Hindus und Muslimen in den 90ern haben sich die Dinge sehr verändert, und die Leute leben nun friedlich nebeneinander. Wir kamen sogar an einem Schrein vorbei, der voller Ikonen verschiedener Religionen war, inklusive Hinduismus, Jainismus, Islam, Zoroastrismus und Christentum. Jeder kann dort beten, egal, welcher Religion er angehört. Was für eine Inspiration!

Auf einmal hörten wir Gesang, und als wir um eine Ecke kamen, sahen wir eine Prozession von Frauen, die durch die Gassen ging. Sie waren schön angezogen, in farbenfrohen Saris mit hübschen Frisuren, aber viele hatten keine Schuhe und gingen barfuß durch den Matsch. Die Frauen waren auf dem Weg zu einer Hochzeit, die in einem kleinen Haus in der Nähe stattfand. Es war schön, so ein fröhliches Fest zu sehen, wo alle ihre beste Kleidung trugen und viel Spaß hatten.

Unsere Vorurteile über den Dharavi Slum waren von der Realität zerkrümelt worden. Wir würden zwar auf keinen Fall dort leben wollen, waren aber beeindruckt von den fleißigen Bewohnern und den vielen kleinen Unternehmen.