Montag, 3. Januar 2011

Dharavi: Der größte Slum in Asien

Wir hatten gehört, dass man eine Führung zu Fuß durch den Dharavi Slum in Mumbai machen kann. Anfangs zögerten wir, aber da 55% der Bevölkerung Mumbai’s in Slums wohnt, dachten wir, wir sollten uns mal ansehen, wie “die andere Hälfte” lebt. Dharavi war auf einer großen Müllhalde errichtet worden, auf die Matsch geschüttet wurde, bevor die Leute ihre Hütten und Häuser dort bauten. Jetzt ist es der größte Slum in Asien, in dem über eine Million Leute auf einem Gebiet von nur 1,7 km² lebt.

Wir waren noch nie so richtig in einem Slum gewesen und hatten viele negative Vorurteile. Uns war etwas unwohl bei dem Gedanken, in einem Slum zu gehen, da wir uns vorstellten, wir würden viele verzweifelte arbeitslose Leute treffen, dreckige bettelnde Kinder und Diebe, die sich in den Straßen herumtrieben.

Am Morgen trafen wir unseren Führer von Reality Tours, der auch in einem Slum lebt, und nahmen einen Zug in Richtung Dharavi. Reality Tours macht diese Führungen seit fünf Jahren und arbeitet eng mit den Slumbewohnern zusammen. Sie spenden 70% des Profits an ihre wohltätige Schwestergesellschaft, Reality Gives, die einen Kindergarten und einen Cricketverein in Dharavi hat, sowie ein Gemeindezentrum, in dem Englisch, Informatik und soziale Fähigkeiten gelehrt werden. Es ist wirklich toll, wenn Tourismus so eine positive Entwicklung in einer Gemeinschaft unterstützen kann.

Um die Leute zu respektieren, war keine Fotografie erlaubt, daher haben wir leider keine Bilder für diesen Eintrag. Das erste, was wir sahen, war eine Gruppe von Frauen, die auf dem Fußweg Körbe flocht. Uns wurde erzählt, dass es über 10,000 Firmen in Dharavi gibt, die gemeinsam einen Jahresumsatz von $650 Millionen machen. Interessanterweise sind zwei Drittel der Einwohner von Dharavi Migranten, die aus anderen Teilen Indiens kommen, um im Slum zu arbeiten und dann Geld nach Hause zu schicken. In Dharavi können sie 3-4 mal so viel verdienen wie in ihren eigenen Dörfern. Allerdings sind ihre Löhne dennoch sehr niedrig und beginnen bei ca $2 pro Tag.

Der Slum ist in verschiedene Abschnitte organisiert, je nach den Betrieben, die in der Gegend angesiedelt sind. Die erste Gegend, die wir besuchten, ist auf Plastik-Recycling spezialisiert. Plastikflaschen, Plastikbecher etc werden aus Mumbai und sogar aus Europa angekauft, nach Farbe und Qualität sortiert, gewaschen, geschreddert und zu Pellets gepresst, die dann an Firmen verkauft werden, so dass daraus neue Plastiksachen produziert werden können. Diese Arbeit wird meist in Wellblechhütten gemacht. Plastikcontainer und Flaschen sind überall und werden auf Dächern, in den Hütten und auf den Straßen gelagert.

Die Arbeiter schlafen normalerweise in der gleichen Hütte, in der sie arbeiten, oder auf den Dächern. Wenn sie eine Gruppe von Freunden haben, mieten sie manchmal gemeinsam ein Zimmer. Baufirmen versuchen, die Slumbewohner zu überzeugen, sie Hochhäuser im Slum bauen zu lassen. Sie würden den Slumbewohnern dann die Wohnungen im Erdgeschoss überlassen und die Wohnung in den anderen Etagen verkaufen. Einige dieser Projekte sind bereits abgeschlossen, aber für viele der Slumbewohner ist es keine Option, da sie dann den Standort für ihren Betrieb und somit ihre Arbeit verlieren würden.

Danach besuchten wir die Gegend, in der Farbdosen recycelt werden. In einem Ofen werden die Reste der Farbe verbrannt und dann abgeschabt. Die Dosen werden gesäubert und können dann mit einem neuen Firmenlogo bemalt werden. Es war interessant, so viel Recycling und Wiederverwertung zu sehen; alles hat einen Wert, und nichts wird verschwendet. Leider sind aber die Arbeitsbedingungen nicht sehr gut, da es in den Hütten nicht viel Ventilation gibt, und die Ausdünstungen der Farbe schwer in der Luft hängen. Unser Führer erzählte uns, dass er mit den Arbeitern gesprochen hatte, um sie zu überzeugen, Masken und Handschuhe zu tragen. Sie waren allerdings nicht bereit für diese Veränderung. “Wir haben das schon immer so gemacht, warum sollten wir es jetzt ändern?”, sagten sie.

Es gibt auch eine Lederproduktion, wo Ziegen-, Schafs- und Büffelhäute gesalzen werden, bevor sie zum Trocknen auf einer Müllhalde ausgebreitet werden (dies ist der einzige Ort, wo genug Platz ist,  sie in der Sonne zu trocknen). Die Häute werden dann mit Sprühfarbe gefärbt und in Schuhe und Handtaschen verarbeitet. 

Als wir in eine Wohngegend des Slums kamen, bemerkten wir, dass die Häuser meist recht solide aus Zement gebaut waren. Die meisten Häuser haben allerdings keine Türen, sondern nur einen Vorhang. Sie sind recht sauber gehalten und haben Elektrizität. Fließendes Wasser gibt es ca 3 Stunden pro Tag. Die meisten Häuser haben einen Kühlschrank und einen Fernseher. Das größte Problem ist die mangelnde Sauberkeit der Umgebung: Die Straßen werden von der Gemeinde nicht gesäubert, daher liegt dort viel Müll herum. Es gibt keine Kanalisation, daher müssen die meisten Leute ihre Notdurft entweder in öffentlichen Bereichen erledigen, oder auf die Gemeinde-Toilette gehen, für die sie bezahlen müssen. Wie uns unser Führer erzählte: “Wir sind sechs Leute in meiner Familie. Wenn jeder von uns einmal pro Tag auf die Gemeindetoilette geht, kostet uns das 12 Rupien pro Tag, und es wird ziemlich teuer, wenn man zweimal gehen muss.” Leider führt die mangelnde Sauberkeit zu Krankheiten wie Malaria und Typhus, die in der Gegend ein Problem sind.

Viele Frauen machen morgens Pappadums (harte, dünne Fladenbrote). Der Teig wird auf einem kleinen Teller vor ihren Häusern ausgerollt, und die Brote werden dann 2-3 Stunden lang in der Sonne getrocknet, indem sie auf Körbe gelegt und auf die Gassen gestellt werden. Dann werden sie verpackt und an Firmen verkauft. (Ist dies vielleicht der Herkunftsort der Pappadums, die wir in unseren Supermärkten kaufen?)

Eine Gegend, in der die Leute es sich besonders häuslich eingerichtet haben, ist die Töpfergegend. Hier sammeln die Familien Sand und stampfen ihn mit ihren Füßen, bis er lehmig wird. Daraus stellen sie dann Krüge in verschiedenen Größen her, entweden mit einem handbetriebenen Töpferscheibe, oder mit einem elektronischen. Die Krüge werden dann in Öfen gebrannt, die sich zwischen den Häusern befinden, bevor sie glasiert und verkauft werden.

Die Leute im Slum waren alle ziemlich beschäftigt, obwohl es Sonntagmorgen war. Die Kinder sahen recht sauber aus und waren ziemlich fröhlich. Sie alle winkten uns zu und riefen “Hallo! Wie heißt Du?” Zwei kleine Mädchen saßen in einer Gasse und spielten Karten. Einige junge Männer spielten Cricket. Niemand wollte Geld von uns haben, und wir sahen keine Bettler. Die Bedingungen im Slum sind zwar nicht besonders gut, aber die Leute machen das Beste aus ihrer Situation, und viele scheinen eine Art Zufriedenheit in ihrer engen Gemeinschaft gefunden zu haben. Seit den gewaltsamen Kämpfen zwischen Hindus und Muslimen in den 90ern haben sich die Dinge sehr verändert, und die Leute leben nun friedlich nebeneinander. Wir kamen sogar an einem Schrein vorbei, der voller Ikonen verschiedener Religionen war, inklusive Hinduismus, Jainismus, Islam, Zoroastrismus und Christentum. Jeder kann dort beten, egal, welcher Religion er angehört. Was für eine Inspiration!

Auf einmal hörten wir Gesang, und als wir um eine Ecke kamen, sahen wir eine Prozession von Frauen, die durch die Gassen ging. Sie waren schön angezogen, in farbenfrohen Saris mit hübschen Frisuren, aber viele hatten keine Schuhe und gingen barfuß durch den Matsch. Die Frauen waren auf dem Weg zu einer Hochzeit, die in einem kleinen Haus in der Nähe stattfand. Es war schön, so ein fröhliches Fest zu sehen, wo alle ihre beste Kleidung trugen und viel Spaß hatten.

Unsere Vorurteile über den Dharavi Slum waren von der Realität zerkrümelt worden. Wir würden zwar auf keinen Fall dort leben wollen, waren aber beeindruckt von den fleißigen Bewohnern und den vielen kleinen Unternehmen.

3 comments:

Anonym hat gesagt…

der beitrag hat mir sehr geholfen . =)
Der gegensatz zum Film "Slum Dog Millionär" ist deutlich herausgekommen.

>Danke

kousalya hat gesagt…

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Migration nach Australien

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank,
der Artikel war sehr aufschlussreich!

Aber noch eine kleine Frage: Wie heißt der Autor?

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