Donnerstag, 6. Januar 2011

Goa: Ein bisschen Portugal in Indien

Panaji – Patnem

Die Zugfahrt von Mumbai nach Goa dauerte 12 Stunden, obwohl die Strecke nur 600km lang ist, und ist als eine der schönsten Zugfahrten in Indien bekannt. Die alte Lokomotive hielt an jedem kleinen Bahnhof an, wo farbenfroh gekleidete Leute alle möglichen Güter luden und entluden, von Reissäcken bis zu Motorrädern. Viele Einheimische reisen in der “Holzklasse” – für ein paar Stunden wäre das vielleicht ganz lustig, aber wir sehnten uns nach etwas mehr Luxus und reisten 2. Klasse. Wir waren in einem Schlafwagen untergebracht (etwas seltsam, da wir tagsüber reisten), wobei unsere Betten als Sitzbänke genutzt wurden. In unserem Abteil waren noch zwei andere Reisende: Ein junger Südafrikaner, der auch gerne Fahrrad fuhr, und ein älterer Mann aus London, der ursprünglich aus Sri Lanka kam. Die Konversation floss und die Zeit verging schnell, ab und zu unterbrochen von den Essens- und Tee-Wallahs, die mit ihren dampfenden Töpfen durch die Wagen kamen. Das Fenster in unserem Abteil war klein und zerkratzt, so dass wir uns oft an die offenen Türen stellten, um die Landschaft vorbeiziehen zu sehen.

Zug Mumbai-Goa   Frederike in Zugtür

An der letzten Haltestelle, Margao, warteten wir auf dem dunklen Bahnstieg darauf, dass unsere Fahrradkartons entladen wurden, wobei wilde Hunde und ein paar Bettler um uns herumlungerten. Eine Stunde später waren sie endlich aus dem Zug und auf dem Bahnstieg angelangt. Obwohl wir sie einfach selber hätten nehmen können, mussten wir darauf warten, dass sie zum Gepäckbüro transportiert wurden, wo wir sie offiziell in Empfang nehmen konnten. Allerdings waren die Gepäckträger nicht bereit, sie zu transportieren, bis wir einer “Extra-Gebühr” zugestimmt hatten, woraufhin zwei drahtige Männer herbeigerufen wurden. Unsere Herzen setzten einen Schlag aus, als sie jeder einen Karton nahmen und ihn dann händefrei auf ihrem Kopf trugen. Sie verschwanden hinter dem Zug, und da wir uns etwas Sorgen um unsere Kartons machten, liefen wir ihnen gleich hinterher, über die Gleise, wobei wir wegen unseres schweren Gepäcks nicht mit ihnen mithalten konnten. Bald wurde klar, dass sie nur eine Abkürzung zum Gepäckbüro nahmen, wo wir endlich mit unseren Fahrrädern vereint wurden. 

Nach einer beängstigenden Taxifahrt kamen wir in unserem Gasthaus in Panaji an, der kleinen Hauptstadt von Goa und der Anfangspunkt für unsere Radfahrt durch Indien. Wir waren total erschöpft, so dass uns die 2cm dicken Matratzen nichts ausmachten, aber wir mussten doch über die tausend Regeln lachen, die überall angeschrieben waren. Alles, was wir machen wollten, war verboten: “Restaurant geschlossen. Kein Internet. Kein Wäscheservice. Bitte keine Kleidung waschen. Keine weiteren elektischen Geräte verwenden.” Dazu hatten wir nach 22 Uhr Ausgehverbot, da dann das Tor abgeschlossen wurde, und Auschecken musste man bereits um 8 Uhr morgens! Allerdings war es kurz nach Weihnachten, und alle anderen Unterkünfte waren ausgebucht, so dass wir keine Wahl hatten und ein paar Tage in diesem “Gefängnis” verbringen mussten.

Auf der positiven Seite war unser Gasthaus aber in einem schönen Stadtteil, der Fountainhas Gegend mit seinen farbenfrohen Kolonialhäusern, schönen Gärten und alten Damen in Blumenkleidern, die vor ihren Häusern saßen und auf Portugiesisch quasselten. Goa war 450 Jahre lang eine portugiesische Kolonie, bis 1961, und der Einfluss der portugiesischen Kultur ist immer noch sehr stark. Christentum ist die dominante Religion in Goa, und die meisten Häuser hatten sich viel Mühe mit ihren Weihnachtsdekorationen gemacht und große leuchtende Sterne und Girlanden aufgehängt. Viele Leute hatten auch detaillierte Krippenszenen gebastelt, die vor ihren Häusern aufgestellt wurden. In einem Fall sahen wir sogar eine sehr große Krippenszene, die auf einem Teich schwamm.

Panaji Haus   Schwimmende Krippenszene

Es gibt viele weiße portugiesische Kirchen in Goa. Nachdem wir unsere Fahrräder wieder zusammengebaut hatten (zu unserer Erleichterung hatten sie die Flug- und Zugreise gut überstanden), machten wir eine Testfahrt nach Old Goa, das berühmt für seine Kirchen ist. Im 16. Jahrhundert war Old Goa eine mächtige Stadt gewesen, größer als Lissabon, doch jetzt bleiben nur noch einige Kirchen nach.

Kirche in Panaji

Am folgenden Morgen checkten wir um genau 8 Uhr aus und begannen unseren ersten Tag auf dem Fahrrad in Indien. Wir hatten das Radfahren vermisst, machten uns aber ein wenig Gedanken über unseren Verlust an Fitness nach einem ganzen Monat ohne die Fahrräder. Wir nahmen eine schöne, ruhige Straße, die durch einen dichten Wald in der Nähe des Meeres führte. Zu unserer Erleichterung gab es dort nur sehr wenig Verkehr. Die Gegend war recht wohlhabend, mit vielen Villen in den tollsten Farben, von Pink über Aquamarin bis zu Feuerwehrrot, Limettengrün und Kanariengelb. Inder haben keine Angst vor starken Farben! Die tropische Umgebung war eine willkommene Abwechslung von den Wüstenlandschaften der Türkei und des Irans. Es gab Blumen, Kokosnusspalmen und viele andere Pflanzen, und mehr Tiere als wir seit Monaten gesehen hatten: Wasserbüffel mit begleitenden Reihern, die auf ihren Rücken saßen, farbenfrohe tropische Vögel mit langen Schweifen, heilige Kühe, faule Hunde, Geckos und ab und zu ein Affe.

Küstenstraße   Farbenfrohe Häuser

Jedes Dorf hatte eine große weiße Kirche, und viele der Häuser hatten Gärten. Dies war das erste Mal seit Rumänien dass wir so schön gepflegte Gärten gesehen hatten! Wir kamen auch an Luxusresorts vorbei, die so groß wie ein ganzes Dorf waren, und ab und zu fuhren wir runter zur Küste, wo wir ruhige Sandstrände vorfanden. In einem der vielen Restaurants aßen wir ein leckeres Mittagessen, und nachdem wir 40km durch dieses Radfahrparadies gefahren waren, beendeten wir den Tag in einem Hotel in Strandnähe, wo wir Silvester verbringen wollten.

Das erste Mal seit Istanbul waren wir in einer sehr touristischen Gegend. Charter-Touristen vermischten sich mit älteren Resortbesuchern, trendigen Rucksacktouristen und alternden Hippies. Viele Stände auf der Hauptstraße des Dorfs verkaufen die losen Baumwollhosen und gewebten Taschen, die die Uniform der meisten jungen Reisenden in Indien darstellen. Es gab sogar eine “deutsche” Bäckerei, und Bananenpfannkuchen waren auf jedem Menü zu finden. 

Nachdem wir vegetarische Spaghetti probiert hatten, die durch riesige Mengen Ingwer “verindischt” worden waren, beschlossen wir, lieber gleich richtig indisch zu essen und feierten Silvester mit einem leckeren Tandoori-Hühnchen, Aloo Gobi und ein paar Cocktails. Das war allerdings ein Fehler, da der billige indische Rum Guy furchtbare Magenkrämpfe verursachte, so dass wir kurz vor Mitternacht zurück zu unserem Hotel eierten und dort das Feuerwerk nur zum Teil von unserem Fenster aus sehen konnten. Zum Glück waren wir am nächsten Morgen wieder auf den Fahrrädern in dieser schönen Gegend; der perfekte Start in ein neues Jahr.

Strandbar   Boote am Strand

Wir folgten einer kurvigen Straße durch kleine Dörfer entlang der Küste. Es gab einige Flüsse zu überqueren, und nicht alle hatten Brücken. Wir hatten uns schon auf einige Flussüberquerungen per Fähre gefreut, aber die erste Fähre war kaputt, so dass wir einen 10km Umweg zur einzigen Brücke machen mussten. Auf dem Weg verirrten wir uns etwas und fanden uns auf einem kleinen Feldweg wieder, der auf beiden Seiten von Wasser umgeben war, da er durch einen Fluss führte. Der Weg wurde kleiner und kleiner und wurde offensichtlich nicht viel benutzt. Gerade als wir überzeugt waren, dass wir auf der Straße ins Nirgendwo waren und zurück an den ganzen fröhlich winkenden Dorfbewohnern vorbeifahren mussten, kamen wir in einem kleinen Fischerdorf an, sehr zur Überraschung der Fischer.

Straße ins Nirgendwo

Nach einer Fahrt von 60km gelangten wir in Patnem an, dem südlichsten entwickelten Strand in Goa. Dort war sehr viel los, und die meisten Unterkünfte waren ausgebucht. Am Ende übernachteten wir in einem überteuerten, sehr einfachen Zimmer, wo Frederike ihre erste Eimerdusche erlebte. Diese besteht aus einem Eimer mit Wasser, der vom Gasthaus bereitgestellt wird. Mit einem kleineren Eimer schöpft man dann das Wasser und gießt es über sich. Kurz danach öffnete Frederike eine ihrer Satteltaschen und schrie auf, als eine riesige, 10cm lange Kakerlake herauskrabbelte!

Der Strand war schön, allerdings sehr voll mit Leuten. Wir beschlossen, ein mexikanisches Essen zu riskieren, da dies wahrscheinlich für eine Weile unsere letzte Gelegenheit sein würde, und aßen in einem Strandrestaurant. Nachdem wir so lange in der Türkei und Iran von Hühnerkebabs gelebt hatten, genossen wir die Auswahl an Essen. Allerdings litten wir auch etwas unter Kulturschock durch das plötzliche Zusammentreffen mit Hunderten Europäischer Touristen, und freuten uns darauf, am nächsten Tag weiter nach Karnataka und in das “richtige Indien” zu fahren.  

Wir planen, der Küste von Karnataka in Richtung Süden bis nach Udipi zu folgen, und dann landein zu fahren, um einige Bergstationen und Teeplantagen zu besuchen. Dort wird es ein paar anstrengende Berge zu bewältigen geben, aber hoffentlich wird sich die Mühe lohnen. Wir haben vor, in die Coorg Region zu fahren, Mysore und die Bergstationen von Ooty und Munnar zu besuchen, und durch ein Tiger-Reservat (!) zu fahren, bevor wir in Kochi wieder an die Westküste zurückkommen. Von dort aus werden wir einer kleinen Küstenstraße durch Kerala folgen, bis zur Spitze von Indien, von wo aus wir uns in Richtung Nordosten wenden werden, um durch Tamil Nadu zu fahren und Madurai und Pondicherry zu besuchen. Wir werden wahrscheinlich kurz vor Chennai enden, um den Verkehr der Großstadt zu vermeiden, und dann Anfang März von Chennai nach Bangkok fliegen.

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