Samstag, 26. Februar 2011

Umrundung des Zipfels

Kovalam – Madurai

Kerala ist dicht bevölkert, mit einem Haus nach dem anderen und kaum Lücken zwischen den Dörfern. Obwohl wir die Landschaft schön fanden und es faszinierend war, das Leben in den Fischerdörfern zu sehen, wurde uns die ganze Aufmerksamkeit manchmal etwas zu viel. Kurz nach Kovalam verließen wir Kerala und überquerten die Grenze nach Tamil Nadu. Plötzlich wurde die Landschaft viel weiter. Die Strecken zwischen den Dörfern waren größer, mit vielen Bananenplantagen und Reisfeldern. Die Straßen waren ruhig und das Leben schien sich zu verlangsamen.

Im Gegensatz zum touristischen Kerala wurden wir hier auch nicht um Geld oder Stifte gebeten, was ironisch war, da Tamil Nadu sichtbar ärmer als Kerala war. Zu oft sahen wir extrem dünne Leute, vor allem die älteren Leute. Wir fühlten Mitleid als wir einen alten Mann sahen, der einen rosa Plastikstuhl als Gehhilfe benutzte, um sich langsam einen Hügel hochzuarbeiten. Einige Restaurants hatten kein fließend Wasser, und Stromausfälle kamen mehrmals pro Tag vor. In vielen Städten lag auch mehr Müll herum. Offensichtlich gab es keine offizielle Müllabfuhr, so dass der Müll am Straßenrand gesammelt wurde. Oft wurden Schweine gehalten, um soviel Müll wie möglich zu essen; der Rest wurde verbrannt oder liegengelassen, um zu verrotten.   

Alte Frau, schwer beladen   Schulkinder

Heute war ein besonderer Tag, da wir die 10.000km Marke erreichen würden – 10.000km per Fahrrad seit wir unsere kleine Wohnung in West London verlassen hatten. Allerdings mussten wir dafür hart arbeiten, denn als die Straße sich in Richtung Osten wand, um den südlichen Zipfel Indiens zu umrunden, fuhren wir direkt in einen starken Gegenwind. Unsere Geschwindigkeit verlangsamte sich auf 10kmh, dann 5, dann 3, bis wir unsere ganze Kraft benutzen mussten, nur damit wir nicht ganz stehenblieben. Es schien als ob unser Tacho ewig auf 9.999km feststecken würde.

Endlich schafften wir es und erreichten die 10.000km Marke. Zufällig war dies fast genau gleichzeitig mit unserer Ankunft am südlichsten Punkt in Indien. Kanyakumari, der kleine Ort am Zipfel, war laut und hektisch, voller Souvenirverkäufer und Pilger, die in den heiligen Wassern badeten, wo drei Ozeane zusammentreffen. Dennoch waren wir froh, da zu sein, den Indischen Ozean zu sehen und über die letzten 10.000km zu reflektieren.

Die Erwähnung von Windfarmen in unserem Reiseführer hätte eine Warnung sein sollen. Am folgenden Morgen hatten wir wieder starken Gegenwind, der uns sehr verlangsamte. Es waren 95km bis zum nächsten Ort mit einer Unterkunft, und so mussten wir eben einfach stark sein und weiterkriechen. Die Landschaft war sehr weit, mit viel Gebüsch, manchmal einer kurzen Aussicht aufs Meer, und seltenen Dörfern. Wir sahen einige wilde Pfaue und Guy kam stolz mit einer Pfauenfeder von einer Pinkelpause zurück, die er Frederike schenkte. Dies war wohl eine der einsamsten Gegenden in Indien und hätte sich sogar zum Zelten geeignet. Schade, dass wir unser Zelt nicht dabei hatten.

Windturbinen-Landschaft

Mittags kamen wir in einem verschlafenen Fischerdorf an und fuhren zum winzigen Hafen. Viele Fischerdörfer in Tamil Nadu waren vom Tsunami in 2004 schwer getroffen worden, und dieses Dorf war keine Ausnahme. Wir sahen viele neue Häuser, die auf einem Hügel etwas weiter im Inland gebaut worden waren. Es ist sehr traurig, was die Leute hier erleiden mussten.

Es gab nur ein kleines Restaurant mit 4 Tischen, wo wir gemeinsam mit den Fischern Mittag aßen. Mittags essen wir normalerweise ein Thali – eine Mahlzeit aus Reis, Pappadum und mehreren Curries, die auf einem Bananenblatt serviert werden. Oft ist es die einzige Wahl, und es ist normalerweise frisch, lecker, billig und sättigend. Häufig wird uns von 10-15 Augenpaaren beim Essen zugesehen, was wir anfangs etwas unangenehm fanden, aber inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Die Fischer fingen alle an zu lachen, als wir unsere eigenen Gabeln herausholten, statt mit den Händen zu essen.

Obwohl wir nicht die Sprachkenntnisse haben, um mit den Leuten zu reden, haben wir inzwischen das berühmte Indische Kopfwackeln recht gut gemeistert. Dieses hatten wir anfangs so verwirrend und frustrierend gefunden. Inzwischen wissen wir, dass ein seitliches Kopfwackeln “ja,” “ok”, “kein Problem”, “danke”, “hallo”, und “auf Wiedersehen” bedeuten kann. (Genau wie uns anfangs das Indische Kopfwackeln verwirrt hatte, scheint unser Kopfnicken die Leute hier zu verwirren und wird oft als “nein” mißverstanden). Unser kleines unerwartetes Kopfwackeln kann manchmal eine extreme Reaktion hervorrufen, wobei der antwortende Kopfwackler vor lauter Glück seinen Kopf so schnell hin- und herwackelt, dass er fast abzufallen scheint! Inzwischen lieben wir es, um die Wette zu wackeln und zu sehen, wer die enthusiastischere Reaktion hervorrufen kann.

Nach einem langen, ermüdenden Kampf mit dem Gegenwind erreichten wir endlich unser Ziel. Die Kleinstadt Tiruchchendur war eine farbenfrohe Pilgerstadt mit einem großen Tempel. Unser in einen orangen Lendenschurz gehüllter Hotelzimmernachbar, der sein Gesicht mit weißer Farbe bemalt hatte, erzählte uns, dass gerade ein jährliches, 10-tägiges Fest am Tempel stattfand. Am nächsten Morgen besuchten wir den Tempel.

Sadhu   Tiruchchendur Tempel

Der Tempelkomplex war ziemlich groß und voller Pilger, sogar zur frühen Stunde von 8 Uhr morgens. Moderne Familien vermischten sich mit wandernden Sadhus, und viele Leute badeten im Wasser neben dem Tempel. Wir wanderten unbehelligt herum, mit keinen anderen Touristen oder Schleppern in Sicht. Unser Nachbar hatte eine etwas morbide Zeremonie erwähnt, wobei 16 Männer einen Speer durch ihre Wangen stecken, aber leider sahen wir keine Anzeichen dieses schrecklichen Rituals, und so entschieden wir, weiter zum nächsten Ort Tuticorin zu fahren.

Tiruchchendur Tempel 2   Pilger beim Baden

Unterwegs kamen wir an vielen Pilgern vorbei, die in Richtung Tiruchchendur gingen. Wir waren neugierig und fragten einige Pilger, was sie machten. Sie erzählten uns, dass sie schon seit fünf Tagen zu Fuß unterwegs waren, barfuß, um für das Festival den Tempel zu besuchen. Diese Pilgerwanderung unternehmen sie jedes Jahr. Religion ist extrem wichtig in Indien und man sieht ihren Einfluss überall. Den Armen, die oft ein sehr schweres Leben haben, hilft es damit umzugehen und vielleicht auch einen Sinn in ihrem Leiden zu finden. Ohne Glauben würde Indien wohl überhaupt nicht funktionieren.

Der Gegenwind war am folgenden Tag immer noch da, als wir von Tuticorin nach Aruppukkottai fuhren. Wir waren den ganzen Tag auf kleinen ruhigen Landstraßen. Sie waren sogar so ruhig, dass die Bauern ihre Hirse-Ernte auf der Straße ausbreiteten und dann darauf warteten, dass vorbeikommende Fahrzeuge darüber fahren und die Hirse “dreschen” würden. Die Körner wurden dann zusammengefegt, aufgesammelt und mehrmals auf ein Tuch geschüttet, wobei der Wind die Spreu wegblies.

Dies lieben wir in Indien – die Freiheit, einfach etwas zu machen, ohne zu viele Regeln und Gesetze. Solange man niemandem wehtut kann man so ziemlich machen, was man will – ob man sich nun außen an einen vollbesetzten Bus hängt, Geld verdient indem man sein Fahrrad in eine Messerschärf-Maschine umwandelt, oder eben seine Ernte auf einer Straße ausbreitet, um sie zu dreschen.

Hirse auf der Straße    Entfernen der Spreu

Als wir abends in der Kleinstadt Aruppukkottai ankamen, zeigte uns ein älterer Radfahrer ein kleines Hotel. Der Hotelmanager war glücklich, uns zu sehen, und erklärte, dass wir etwas “unerwartetes und interessantes” wären. Er empfohl ein winziges, dunkles Restaurant zum Abendessen. Normalerweise folgen wir gerne Empfehlungen, aber dieses Restaurant beängstigte uns ein wenig. Köche mit nackten Oberkörpern rührten in Töpfen, die in einer Art dreckiger Garage standen. Wir zögerten – wir sahen zwar, dass das Restaurant beliebt war, aber der Anblick war nicht gerade beruhigend. Allerdings hatten wir noch nie eine schlechte Empfehlung von einem Einheimischen bekommen, und so trauten wir uns und gingen rein, durch einen dunklen, dreckigen Korridor.

Der Raum war voller Männer, die sich alle selbst aus einem großen Topf zu bedienen schienen. Wir waren etwas unsicher über die Etikette, aber zum Glück bemerkte uns ein Kellner und führte uns in ein kleineres, klimatisiertes Zimmer, wo bereits 8 andere Leute aßen. Der freundliche Kellner empfohl uns einige Gerichte. Alle Ohren im Zimmer waren gespitzt, denn wenn der Kellner uns nicht verstand, kam immer eine Stimme aus irgendeiner Ecke, die unsere Worte für den Kellner übersetzte. Das Essen war günstig und sehr lecker.

An unserem sechsten Tag, an dem wir immer noch in einen Gegenwind fuhren, kamen wir endlich in Madurai an. Madurai war heiß, chaotisch und laut. Sehr laut. Wir verbrachten ein paar frustrierende Stunden damit, uns 13 verschiedene Hotels anzusehen, bis wir endlich ein akzeptables Zimmer für einen guten Preis und mit einem Platz für unsere Fahrräder fanden. Erschöpft fielen wir auf unser Bett, verschwitzt, dreckig und müde. Unsere Priorität war, uns auszuruhen und den Sri Meenakshi Tempel zu besuchen, der das Stadtzentrum mit seinen kompliziert dekorierten 50m hohen Gopuram-Türmen dominierte.

Mittwoch, 23. Februar 2011

10.000km Foto

Kurz vor dem südlichen Zipfel des Indischen Subkontinents, wo der Golf von Bengalen den Indischen Ozean und das Arabische Meer trifft, fuhren wir unseren 10.000. Kilometer. Wir hatten gehofft, etwas Spektakuläres für unser Foto zu finden, aber als wir am Zipfel ankamen, waren wir etwas überrascht, dort ein Gandhi Museum vorzufinden, das als ein riesiger rosa Marshmallow verkleidet war. Wir fragten uns, was der arme bescheidene Gandhi wohl davon gehalten hätte, wenn er sehen könnte, was hier in seinem Namen gebaut worden war. Dennoch ist es jedenfalls ein unübersehbares Denkmal, das hoffentlich dazu beiträgt, die “große Seele” in Erinnerung zu behalten.

IMG_9963new

Eine Kanufähre, ein Tempelfest und ein Elefantenhändler

Kochi - Kovalam

Nachdem wir Kochi hinter uns gelassen hatten, folgten wir einer ruhigen, holprigen Küstenstraße, die durch kleine Fischerdörfer führte. Wir kamen an mehreren Bootbauern vorbei, wo Holzstücke geschreinert und dann mit Kokossträngen zusammengebunden wurden, um neue Fischerboote zu bauen.

Da Kerala eine ziemlich touristische Gegend ist, wurden wir öfter um Geld, Süßigkeiten und Stifte angebettelt als in anderen Gegenden Indiens. Als dann ein Mann aus seinem winzigen Fotostudio lief, um uns anzuhalten und ein Foto von uns zu machen, und er dann darauf bestand, es für uns zu drucken, kam uns das höchst verdächtig vor. Sicher war das eine schlaue Falle und er würde dann eine Bezahlung für diesen “Service” erwarten. Aber nachdem er das Foto auf seinem Computer bearbeitet und dann gedruckt hatte, schrieb er nur eine Nachricht hinten auf das Foto, um uns eine gute Reise zu wünschen, und schenkte es uns dann mit einem Lächeln.

Bootbauer   Fotograf

Am Nachmittag kamen wir nach Aleppey und hatten Orientierungsschwierigkeiten, da die Stadt so hektisch und verwirrend war. Am Ende fanden wir ein nettes kleines Hostel mit einem freundlichen Manager. Aleppey liegt in der Mitte der Küstengewässer in Kerala und ist daher ein guter Startpunkt für Hausboottouren. Unser Reiseführer hatte Aleppey als “ein bisschen Venedig in Indien” beschrieben. Vielleicht hatte der Autor zuviel Kanalwasser getrunken, denn wir fanden nur ein paar überwachsene Kanäle und das übliche hektische indische Stadtzentrum, also blieben wir nicht lange und waren früh am nächsten Morgen wieder auf dem Weg.

Wir hatten vorgehabt, den ganzen Weg bis zum südlichen Zipfel Indiens auf der kleinen Küstenstraße zu bleiben. Andere Radtourer hatten erwähnt, dass sie ruhig und hübsch war, mit mehreren Fähren wo Flüsse die Straße unterbrachen. Wir wussten, dass es zwischen Aleppey und Kollam einige Flüsse gab, aber als wir einige Einheimische fragten, sagten sie dass es dort gar keine Fähren gäbe. Daher mussten wir leider auf der Hauptstraße bleiben.

Die Hauptstraße war verkehrsreich, aber es gab einen kleinen Seitenstreifen, so dass wir uns recht sicher fühlten. Indische Fahrrad- und Motorradfahrer bleiben allerdings oft nicht auf ihrer Seite, und daher kamen uns viele auf “unserer” Seite entgegen. Wir mussten uns sehr konzentrieren und die Augen immer auf die Straße vor uns halten. In tiefer Konzentration schaffte Frederike es, direkt an einem Elefanten vorbeizufahren, der auf einem Laster ca einen Meter von ihr entfernt stand, ohne ihn zu sehen. Guy war sehr erstaunt, dass man, ohne es zu bemerken, direkt an einem riesigen Elefanten vorbeifahren konnte.

Fischer    Der verpasste Elefant

Die Radfahrer in Kerala sind ziemlich stolz und fahren oft mit uns um die Wette. Sobald wir jemanden überholen, fährt er plötzlich viel schneller und überholt uns, nur um dann sofort vor uns wieder ganz langsam zu fahren, und dann beginnt das Spiel wieder von vorne. Dieses Spiel ging so für eine Weile mit einer Gruppe von Eisverkäufern – Teenager, die Metallkanister mit Eis auf ihre Gepäckträger geschnallt und einen Stapel Waffeln am Lenker befestigt hatten. Sobald einer von ihnen müde wurde, überholte uns der nächste. Sie waren so darauf versessen, vor uns zu fahren, dass wir unsere Fahrt am Ende verlangsamten und hinter ihnen blieben.

Nachdem wir die Nacht in einem Hotel voller Moskitos in Kollam verbracht hatten, waren wir endlich wieder auf der Küstenstraße für einen kurzen Tag bis zum Varkala-Strand, nur 30km entfernt. Wie üblich hatten wir unsere Route mit Google Maps geplant, was normalerweise eine sehr genaue Karte ist. Nachdem wir allerdings durch einige freundliche Fischerdörfer gefahren waren, die zwischen dem Meer und einem See lagen, endete die Straße plötzlich. Große Steine lagen auf der Straße, um Fahrzeuge davor zu bewaren, plötzlich ins Wasser zu stürzen.

Fischerdorf   Ende der Straße

Einige Leute erzählten uns, dass die Straße im letzten Monsun vor 4 Monaten von einer Flut weggerissen worden war. Unsere einzige Option schien zu sein, nach Kollam zurückzufahren und dann einen Umweg auf der Hauptstraße zu machen, was dann unseren 30km Tag in einen 80km Tag verwandelt hätte. Da es so ein großer Umweg war, fragten wir bei einem Yogazentrum nach, das leider 5 Hütten in der Flut verloren hatte (zum Glück waren keine Yogis verletzt worden). Sie schlugen vor, dass uns vielleicht ein Fischer gegen ein kleines Entgelt übersetzen könnte. 

Als die Fischer ankamen, wurde uns etwas mulmig. Sie hockten auf einem schmalen Kanu, welches sich langsam mit Wasser füllte. Einer der Männer schöpfte hastig mit einem alten Stück Plastik Wasser aus dem Kanu. Das Kanu ragte nur ca 20cm aus dem Wasser. Unsere voll beladenen Fahrräder würden auf keinen Fall in das winzige Boot passen, und wenn doch würden wir sicher sinken. Wir stellten uns vor, wie unsere Laptops, Kamera, Pässe usw über Bord gingen. Es war ein recht großes Risiko und wir waren nicht sicher, ob unsere Versicherung dafür Verständnis haben würde.

Dennoch war ein 50km Umweg ziemlich ärgerlich, wenn wir mit einer kurzen Kanufahrt zur anderen Seite gelangen könnten, die nur 300m weit entfernt war. Die Fischer waren sicher sehr erfahren und transportierten ja auch ihre Fischfänge in dem Kanu. Guy ging zuerst. Er nahm alle Satteltaschen ab und häufte sie hinten im Kanu auf. Dann setzte er sich auf die kleine Bank, wobei das Kanu hin- und herwackelte. Als er sein Fahrrad neben sich aufrecht hielt, winkte er Frederike nervös zu, und es ging los.

Sobald das Kanu etwas schneller fuhr, schien es stabiler zu liegen, und der Fischer schien recht entspannt als er fröhlich sang und paddelte. Bald kam das Kanu zu Guy’s Erleichterung am gegenüberliegenden Strand an.

Als Frederike dran war, beschloss der zweite Fischer, die Fahrt noch etwas zu komplizieren, indem er auch ins Kanu stieg. Mit diesem zusätzlichen Gewicht lag das Kanu noch tiefer im Wasser, aber auch diesmal kam es gut auf der anderen Seite an, so dass wir die glücklichen Fischer erleichtert für ihre Dienste entlohnten.

Beladung des Kanus   Lass bloß nicht das Fahrrad los

Als wir am Strand von Varkala ankamen, wussten wir sofort, dass wir in einer weiteren Touristenblase gelandet waren. Steile Klippen rahmten einen hübschen Strand ein, und die meisten Unterkünfte und Restaurants saßen oben auf den Klippen, mit Meeresblick. Wir fanden ein nettes kleines Gasthaus und besuchten aufgeregt die Deutsche Bäckerei zum Mittagessen. Als wir da oben auf den Steilklippen saßen, mit dem glitzernden Meer unter uns, fühlten wir uns, als ob wir auf dem Oberdeck eines Kreuzfahrtschiffs säßen.

Die meisten Restaurants boten abends verschiedene frische Fische an, so dass man sich einen auswählen und ihn dann zum Abendessen zubereiten lassen konnte. Es war schön zu sehen, dass der Tourismus hier die Fischer in ihrem traditionellen Gewerbe unterstützte, wobei sie hoffentlich von den Restaurants höhere Preise als auf dem Markt fordern konnten. Einer der Kellner erzählte uns, dass er nachts als Fischer arbeitet, und tagsüber als Kellner. Er schläft nur ein paar Stunden während das Fischerboot aufs Meer hinausfährt. Leider müssen wohl viele Leute in Indien zwei Jobs haben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, vor allem wenn sie damit auch ihre Familie unterstützen.

Varkala Strand

Als wir zum Strand hinunter gingen, kamen wir an einem Zahnarzt vorbei. “Nein danke, wir waren erst gerade in Kochi beim Zahnarzt", sagten wir, zur Enttäuschung des Mannes der uns gerade einen Flyer geben wollte. Wir witzelten darüber, wie viele Touristen-Zahnärzte es in Kerala gab und sahen uns am Strand den Sonnenuntergang an, als Guy plötzlich Zahnschmerzen bekam! Am nächsten Tag waren die Schmerzen schlimmer und wir gingen zurück zum Zahnarzt, um einen Termin zu machen, zum Entzücken des Flyer-Mannes (wir denken, dass er den armen Guy mit einem Voodoo-Fluch belegt hat). Der Zahnarzt verschrieb eine Röntgen-Untersuchung, um zu sehen, ob eine Wurzelbehandlung nötig war, worüber er zu 90% sicher war. Nach einer schlaflosen Nacht wurden am nächsten Morgen die Röntgenbilder gemacht, und zu unserer Erleichterung war der Zahn gesund – es war nur eine Entzündung. Allerdings waren wir ziemlich beeindruckt von den gut qualifizierten Zahnärzten in Kerala und verstehen jetzt, warum Medizin-Tourismus in Indien boomt. Die Kosten sind so viel niedriger als im Westen, mit gleichen oder sogar besseren Behandlungsbedingungen.

Nach ein paar Tagen in Varkala fuhren wir auf der Küstenstraße weiter in Richtung Süden, nach Kovalam. Leider existierte mal wieder die erwartete Fähre nicht, und während wir versuchten, eine Brücke über einen Fluss zu finden, verirrten wir uns und endeten auf einem kleinen Trampelpfad für Kühe. Dies war die letzte der vielen Fährüberfahrten, die wir eigentlich erwartet hatten – in der ganzen Zeit, die wir an der Westküste Indiens verbracht hatten, die eigentlich bekannt für die ganzen Fähren ist, haben wir nicht eine einzige Fährüberfahrt geschafft!

Fischer repariert ein Netz   Hallo! Stift!

Während wir etwas verirrt durch ein kleines Dorf fuhren, fanden wir ein Hindu Fest zu Ehren der Göttin Meenakshi vor. Überall war etwas los, als die Leute Vorbereitungen für das Fest machten. Aus großen Lautsprechern tönte rhythmische indische Musik, und die Straßen waren mit Lametta und farbigen Bändern geschmückt. Einige Männer baten uns, anzuhalten, und zeigten auf einen Pfad, der zum Tempel führte, wobei sie Essensgesten machten. Mit perfektem Timing waren wir genau angekommen, als das Mittagessen serviert wurde!

Wir schoben unsere Fahrräder den Pfad entlang, an einer langen Reihe von Frauen vorbei, die jede hinter einem Topf saß, der über heißen Kohlen warmgehalten wurde. Einige junge Männer erklärten, dass dies Gaben für die Göttin wären. Die Frauen hatten Reis mit Kokosnuss und Gewürzen gekocht, der dann von den Tempelpriestern gesegnet wurde. Ein wenig Reis wurde der Göttin geopfert, und der Rest des gesegneten Essens wurde mit der Familie geteilt.

Farbenfrohes Fest im Dorf    Frauen mit ihren Opfergaben

Ein älterer Mann lud uns ein, unsere Fahrräder auf seiner Auffahrt zu parken, und dann gingen wir entlang einer langen Reihe von lächelnden und kichernden Frauen, die sich fürs Mittagessen anstellten. Die Männer formten eine separate Schlange. Wir wurden einem Tempelpriester vorgestellt, der uns den Tempel zeigte und uns einlud, den Komplex von Hinten zu betreten, so dass wir die Schlange vermieden. Wir fühlten uns wie VIPs, geehrt dass wir so einen wichtigen Moment mit diesen freundlichen Leuten teilen durften. Hier kochten Männer Essen für die 5000 Besucher in riesigen Töpfen. Um die Reistöpfe zu tragen brauchte es mehrere Männer, und verschiedene Curries wurden über dem Feuer mit spatengroßen Löffeln gerührt.

Reistopf   Mittagessen mit Zuschauern

Zwei Stühle und ein Tisch wurden geholt, und uns wurde ein leckeres Mittagessen aus Reis, Pappadums, fünf verschiedenen Curries und Soßen, sowie ein Nachtisch serviert, während alle anderen im Stehen aßen oder sich auf den staubigen Boden setzten. Als der Priester bemerkte, dass wir Schwierigkeiten hatten, mit den Händen zu essen, holte er uns Löffel. Eine Gruppe von Männern stand um uns herum und redete, wobei sie uns beim Essen zusahen und uns immer wieder Nachschub gaben. Als wir fertig waren, kam der “Küchen”-Chef zu uns, um zu sehen ob wir sein Essen mochten. Nach dieser netten Einladung brachten uns der Priester und ein paar andere Männer zurück zu unseren Fahrrädern und dankten uns (!) für unseren Besuch.

Am frühen Abend kamen wir an dem Strandort Kovalam an, der einst hübsch und mit Palmen eingerahmt gewesen war, inzwischen aber voller Hotels und Restaurants ist, überlaufen mit Schleppern und Charter-Touristen.

Als sie mit den Fahrrädern wartete, während Guy sich ein Hotel ansah, wurde Frederike von einem Mann ein sehr interessantes Angebot gemacht. “Wie ich sehe habt ihr schöne Fahrräder. Ich möchte meinen Elefanten verkaufen. Wollt Ihr vielleicht tauschen?” Für einen Moment dachte sie darüber nach, nur um Guy’s Reaktion zu sehen, wenn er zurückkam und sie hoch auf einem Elefanten thronen sah!

Nachdem wir beschlossen hatten, die Fahrräder zu behalten, aßen wir eine Pizza (zum Glück gab es einen Holzofen, denn es gab einen langen Stromausfall gerade nachdem wir unser Essen bestellt hatten). Nun lag eine lange Strecke vor uns, da wir planten, den südlichen Zipfel Indiens zu umrunden und dann die Ostküste entlang nach Madurai zu fahren, was ca 400km entfernt war.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Radtour-Routenplanung und Navigation

Bevor wir auf unsere große Reise losfuhren, machten wir uns ein paar Gedanken darüber, wie wir unsere Routen planen und dann navigieren würden. Wir wussten, dass wir außerhalb von Westeuropa nur Landkarten mit recht wenig Details haben würden, nicht gerade ideal um ruhige Nebenstraßen zu finden und uns nicht in Großstädte zu verirren.

Während unserer Testfahrten in England begannen wir, mit dem Garmin eTrex H herumzuspielen. Es ist ein recht günstiges Navigationsgerät (um die €80) mit hoher Genauigkeit und einem robusten Gehäuse. Um zu navigieren lädt man seinen eigenen “Tracks” hoch und folgt dann einer Linie vom Beginn bis zum Ende des Tracks. Man kann allerdings keine Karten auf das Gerät laden, und es wird Euch auch nicht sagen, wo das nächste Cafe ist, aber es ist eine erschwingliche Lösung, die uns über die letzten 10.000km gut gedient hat.


DIE AUSRÜSTUNG

- Garmin eTrex H GPS.

- Laptop zur Routenplanung im Internet, und zum Hochladen der Tracks auf das Navigationsgerät.

- Serial- to USB-Kabel. Der eTrex H wird nur mit einem Serial-Kabel geliefert, aber die neuere Version sollte USB haben.

- Garmin Map Source Software einschließlich Garmin eTrex H Treiber.

- Halter, um den eTrex H am Lenker zu befestigen.


VOR- UND NACHTEILE UNSERER LÖSUNG MIT DEM GARMIN ETREX H

Wie immer gibt es auch zu dieser Lösung Vor- und Nachteile. Wir haben versucht, sie unten alle aufzulisten. Zwei der Nachteile können dadurch eliminiert werden, eine neuere Version des Garmin eTrex H zu benutzen.

VORTEILE NACHTEILE
Zuverlässiges, genaues und schnelles GPS-Gerät Laptop und Internetzugang sind notwending, um neue Tracks zu planen und hochzuladen
Man braucht keine teuren GPS Karten zu kaufen Die Ersteinrichtung des Geräts kann etwas umständlich sein
Günstig – nur eine kleine Anfangs-Investition, um das Gerät zu kaufen Keine Anzeige von Orientierungshilfen oder Städen, man sieht nur die Linie des Tracks den man hochgeladen hat
Man kann das Höhenprofil einer Route im Voraus sehen Durchschnittliche Batterielaufzeit sind ca 17 Stunden ohne Aufzeichnung der gefahrenen Route (neuere Version sollte bessere Batterielaufzeit haben)
Höhenmeter-Angabe ist nützlich in den Bergen und bei längeren Anstiegen Der Garmin eTrex H ist auf 750 Punkte pro Track begrenzt, so dass man seine Tracks dementsprechend aufteilen muss (neue Version nimmt mehr Punkte an)
Zugang zu genauen Koordinaten. Nützlich wenn man jemandem seine genaue Position vermitteln muss  
Man kann seine echte, gefahrene Route aufzeichnen und danach herunterladen  


DER ABLAUF

Dies sieht auf den ersten Blick nach viel Arbeit aus, aber wenn man es ein paarmal gemacht hat, geht es ziemlich schnell. Wir planen normalerweise ein paar Wochen im Voraus, was ca. eine halbe Stunde dauert. Diese Zeit spart man dann später sehr schnell wieder ein, wenn man bedenkt wieviel Zeit es kosten kann, sich zu verirren – insbesondere in anderen Ländern, in denen man vielleicht die Sprache nicht spricht und die Straßenschilder nicht lesen kann.

Schritte 1-4 können für eine Routenplanung nützlich sein, auch wenn man kein GPS-Gerät hat und nur das Höhenprofil verschiedener Routen ansehen möchte.

  1. Im Internet die Webseite www.bikeroutetoaster.com aufrufen und auf Course Creator klicken

  2. Den Startpunkt auf der integrierten Google Map finden (ärgerlicherweise kann man nicht danach suchen, und der Webmaster reagiert nicht auf unsere Bitten!)

  3. Die Optionen festlegen: “Autorouting” und “Data: Google” auswählen. 

  4. Entlang der gewünschten Route klicken (wenn die Straße nicht gefunden wird, die “Autorouting” Auswahl aufheben), und ein Track wird automatisch erstellt. Während man den Track kreiert, kann man sich auch zwischendurch auf dem “Summary” Reiter das Höhenprofil ansehen (Höhe und Distanz). Während unserer Planung sehen wir uns oft ein paar verschiedene Routen an, um die beste Kombination von ruhigen Straßen, schöner Landschaft und nicht zu vielen steilen Anstiegen zu finden. 

    Höhen-Chart für Munnar, Indien    Zusammenfassung der Route

  5. Wenn der Track fertig ist, auf den “Summary” Reiter klicken und Download To File (gpx) auswählen.  

  6. Wir machen oft ein Foto des Routenprofils mit unserem Handy, so dass wir es uns unterwegs ansehen können. Es ist nützlich zu wissen, wo genau der Beginn des großen Anstiegs ist.
      
  7. Wenn die Datei heruntergeladen ist benutzen wir Garmin Map Source, um die Datei auf unser GPS-Gerät hochzuladen. Wenn Ihr Map Source nicht habt könnt Ihr auch eine der vielen kostenlosen Anwendungen im Internet verwenden, müsst aber evtl einen anderen Treiber auf dem Garmin eTrex H installieren.

  8. Vor dem Hochladen des Tracks müsst Ihr sicherstellen, dass die Anzahl der Punkte geringer als 750 ist, da man nicht mehr Punkte pro Track auf den Garmin eTrex H hochladen kann. Dieser Schritt kann übersprungen werden wenn Ihr ein neueres GPS Modell habt, das mehr Punkte pro Track erlaubt. Um einen Track zu teilen, machen wir das Folgende in Map Source: Bearbeiten –> Eigenschaften. Die Umschalttaste drücken und die ersten 750 Punkte auswählen, dann kopieren.  Ein zweites Mal Map Source öffnen und Bearbeiten –> Neuer Track. Dann die Punkte einfügen. Das ist der erste Track. Wenn im Originaldokument weniger als 750 Punkte nachbleiben, ist dies der zweite Track. Wenn aber immer noch mehr als 750 Punkte nachbleiben, den obigen Vorgang wiederholen, bis der Original-Track in kleinere Tracks zerteilt ist, die jeweils nicht mehr als 750 Punkte enthalten.  

  9. Um den Track hochzuladen, sicherstellen dass der Garmin eTrex H angestellt und mit dem Computer verbunden ist. Dann Übertragen –> An Gerät Senden auswählen. Wenn Ihr das Gerät nicht sehen könnt, den Garmin eTrex H aus- und wieder anstellen. Bei Erstanwendung sicherstellen, dass der Treiber erfolgreich installiert wurde und das Betriebssystem das GPS-Gerät identifiziert hat. Während des Hochladens gibt das Gerät Feedback und zeigt dann an, ob der Track erfolgreich hochgeladen wurde.

FAZIT

Diese Lösung funktioniert gut für us, da Google Maps meistens die detaillierteste und zuverlässigste Karte ist. Ein großer Vorteil dieser Lösung ist, dass wir keine teuren GPS-Karten für jedes Land kaufen müssen. Natürlich nimmt man manchmal spontan eine andere Route, aber man kann dann immerhin sehen, wo man in Bezug auf die geplante Route ist, und wie weit man vom Ziel entfernt ist.

Die Routenplanung erspart uns so viel Zeit und Nerven, da wir uns dadurch nur selten verirren, dass wir nie ohne den Garmin eTrex H fahren. Jedes Mal wenn wir durch Großstädte fahren, genau wissen wo der Pass ist oder die kleine Straße finden, die nicht mal auf unserer Landkarte eingezeichnet ist, segnen wir unser kleines GPS-Gerät und das bisschen Zeit, das wir in unsere Routenplanung investiert haben.

Wenn Ihr weitere Gedanken oder Tips über Routenplanung oder Navigation habt, würden wir uns über einen Kommentar freuen.

Dienstag, 15. Februar 2011

Kochi und Kerala’s Gewässer

Kochi erstreckt sich über mehrere Inseln und Landzungen an der Malabar-Küste im Südwesten Indiens. Der Ort hat eine interessante kolonialische Geschichte, beeinflusst von Chinesischen, Portugiesischen, Holländischen und Britischen Händlern und Eroberern. Als wir über mehrere Brücken nach Fort Cochin, der bei Reisenden beliebten Gegend am Ende der Landzunge fuhren, waren wir noch richtig in Indien, mit hektischem Verkehr, Hupen und Rickschas, die sich mit Bussen und Kühen auf der staubigen Straße drängelten.

Als wir um eine Biegung nicht weit von der Basilika in Fort Cochin kamen, war es als ob wir plötzlich in eine Oase der Ruhe gekommen wären. Wir waren von mit Bäumen gesäumten Straßen und entspannten Gasthäusern und Restaurants umgeben. Touristen wanderten friedlich herum, ohne von Schleppern gestört zu werden. Es fühlte sich an, als ob wir in einer kleinen europäischen Gegend waren, nur hundert Meter vom Chaos Indiens entfernt.

Wir fanden einen gemütlichen Home Stay in der Nähe der Basilika. Unseres war eins von vier Zimmern im ersten Stock eines Hauses, das einigen mütterlichen indischen Frauen gehörte. Schnell fanden wir die paar Straßen, die voller schöner Cafes, entspannter Restaurants, Souvenirläden und Internetcafes waren. Als Abwechslung von unserem üblichen indischen Essen genossen wir die Cafe Lattes, Pizzen, Schokoladenkuchen, und vor allem das Masala-Dosa-freie Frühstück.

Ein kleiner Spaziergang brachte uns zum Meeresufer wo Fischer ihre riesigen chinesischen spinnenartigen Netze reparierten und ihren Fang verkauften.

Chinesische Fischnetze in Kochi   Fischer in Kochi 

Kochi war ein guter Ort, um Dinge zu erledigen, vor allem diejenigen, die wir schon lange aufgeschoben hatten, wie einen Frisör- und Zahnarztbesuch. Es gab Yoga- und Kochkurse, Massagen, Boottouren und Tanzvorführungen, und alles war innerhalb von 10 Minuten zu Fuß von unserer Unterkunft zu erreichen.

An unserem ersten Abend, nachdem wir eine Weile im trendigen Kashi Kunstcafe gesessen hatten, besuchten wir eine traditionelle Kathakali Tanzvorführung. Kathakali ist eine traditionelle Kunstform in Kerala. Die Tänzerinnen waren in Kostüme in Grün, Blau und Rot gehüllt und trugen goldenen Schmuck und Haardekorationen. Sie trugen auch kleine Glöckchen an ihren Fußgelenken und waren eindrucksvoll geschminkt. Die Tänzerinnen wurden von einem Trommler, einem Sänger und einer Choreographin begleitet. Der Tanz war sehr ausdrucksvoll und die Glöckchen klingelten beim Stampfen der Füße, die Arme und der Kopf wurden graziös hin und hergebogen, und die Gesichter betonten die Gefühle der getanzten Geschichte.

Kathakali-Tänzerin 1   Kathakali-Tänzerin 2 

Am folgenden Morgen wurden wir abgeholt, um eine Tagestour per Boot in das berühmte Netzwerk von Gewässern zu machen, das die Küstenregion Keralas durchzieht. Wir hatten eine größere Gruppe erwartet, aber irgendwie waren es nur wir und ein junges israelisches Paar, während normalerweise 20-60 Leute an den Touren teilnahmen. 

Da wir so eine kleine Gruppe waren durften wir uns ein Boot aussuchen. Wir wählten ein einfaches Boot aus Holz und Bambus, das durch Kokosnussseile zusammengehalten wurde und mit einem Dach aus Palmwedeln bedeckt war. Uns wurde gesagt, dass es 2 Monate dauert, so ein Boot zu bauen, und dass es fast komplett aus Naturmaterialien gebaut wurde.

Touristenboot  Unser hinterer "Motor" 

Das Boot hatte keinen Motor, sondern wurde von zwei schlanken 60-jährigen Männern vorwärtsbewegt. Einer stand vorne und einer hinten auf dem Boot, in der prallen Sonne, und stakten das Boot mit langen Bambusstangen vorwärts. Langsam fuhren wir durch das natürliche Kanalnetzwerk zwischen mehreren Inseln. Die Kanäle wurden von Kokosnusspalmen gesäumt und waren mal sehr breit, und manchmal so eng, dass unser Boot kaum durch den dichten Schilf an den Ufern kam. Guy probierte das Staken mit der Bambusstange auch aus und fand es sehr lustig, bis ungefähr 5 Minuten später als er von den älteren Männern abgelöst werden musste, da er müde war.

Unser vorderer "Motor"

Unser junger Führer, Vipin, hatte eine große Anzahl an Interessen. Er spricht 7 Sprachen, studiert morgens Grafikdesign und abends Soziologie, bringt zwischendurch Kindern Englisch und Mathe bei und arbeitet tagsüber als Reiseführer. Im Vergleich fühlten wir uns ziemlich faul.

Wir fuhren an vielen kleinen Dörfern vorbei und Vipin erklärte, dass die Dorfbewohner ihren Lebensunterhalt durch mehrere Aktivitäten bestreiten, die alle von den Gewässern abhängig sind: Die Herstellung von Kokosbier, Kokosöl und Kokosseilen; das Sammeln von Muschelfleisch; die Herstellung von Kalkpulver aus den Muschelschalen; der Verkauf von Sand vom Grund des Kanals; und die Haltung von Ziegen und Hühnern für Milch und Eier. Die Dorfbewohner wuschen ihre Kleidung in den Gewässern oder badeten, während wir vorbeitrieben, und viele benutzten kleine Kanus als Transportmittel. Dabei wurde unsere Fahrt von den rhythmischen Wellen indischer Musik begleitet, die von einer Hauseinweihung kam und uns über die Gewässer folgte.

Aussicht über die Gewässer  Dorfbewohner 

Einmal hielten wir an, um eine Familie zu besuchen und ihren Garten zu bewundern. Es war ein fantastischer tropischer Garten, in dem mehrere Kräuter für Verwendung als Medizin und zum Kochen wuchsen, sowie Bananen, Kokosnüsse, Yamwurzeln, Tapioka, Ingwer, Vanille, Pfeffer, Chillis, Muskatnüsse usw. Die Familie stellte auch leckere Tapiokachips her, die wir von ihnen kauften und dann mit den Männern teilten, die unser Boot vorwärtsbewegten, so dass sie genug Energie hatten.

Mittagessen   Dorfbewohner machen Kokosstränge 

Nach einer entspannenden Bootstour verbrachten wir noch ein paar Tage in Kochi. Frederike machte einen Kochkurs und wurde endlich in einige der Geheimnisse der indischen Küche eingeführt, während Guy die langweilige Aufgabe seiner Steuererklärung zu bewältigen hatte. Beide gingen wir zum Frisör und für eine Zahnreinigung zum Zahnarzt. Endlich schafften wir es, unseren Flug nach Thailand zu buchen und uns um unsere lange liegengelassenen Emails zu kümmern. Und wir besuchten das nahegelegene SOS Kinderdorf, welches uns einen inspirierenden Einblick in die Arbeit der Organisation mit Waisen gab.

Es war schön, mehrere Tage in Kochi zu verbringen, aber nach 5 Tagen wurden wir ungeduldig, da wir uns wieder auf den Weg nach Süden machen wollten, um endlich den Zipfel Indiens zu erreichen.

Montag, 7. Februar 2011

Ein Besuch beim SOS Kinderdorf in Kochi

Als Frederike klein war unterstützten ihre Eltern die SOS Kinderdörfer mit einer monatlichen Spende. Ab und zu erhielten wir Briefe mit Geschichten von verwaisten Kindern, die durch diese Organisation eine neue Familie gefunden hatten. Dieses einzigartige Konzept eines Kinderdorfs anstatt eines Waisenhauses blieb Frederike im Kopf und spielte eine Rolle als wir entschieden, welche wohltätige Organisation wir mit unserer sportlichen Herausforderung einer Fahrradfahrt von England nach Australien unterstützen wollten. 

SOS Kinderdörfer waren sehr hilfreich und gaben uns die Gelegenheit, während unserer Reise ein Kinderdorf zu besuchen. Die Organisation betreibt 500 Kinderdörfer in 124 Ländern, einschließlich mehrerer Dörfer in Indien.

Als wir im SOS Kinderdorf in der Nähe von Kochi ankamen, wurden wir von Vipin Das, dem Leiter des Kinderdorfs, begrüßt. Vipin nahm sich trotz seiner vieler Verpflichtungen Zeit für uns, um uns einiges über das Dorf zu erzählen und unsere vielen Fragen zu beantworten. Wie er sagte ist die Arbeit im Kinderdorf eher eine Art zu Leben, die ihn 100%ig vereinnahmt, und nicht nur ein Job. Vipin und seine Familie leben im Kinderdorf und sind auch an Wochenenden viel mit ihrer Arbeit beschäftigt. Vipin agiert als eine Art Vaterfigur und ist immer für die Kinder da, von Geburtstagen und Hochzeiten bis zu Problemen in der Schule.

Frederike mit Vipin Das   Haus im Kinderdorf

Das Kinderdorf in Kochi wurde vor 21 Jahren gegründet und beheimatet 15 “Familien”. Jede Familie has ihr eigenes Haus und teilt auch einen Nachnamen, um das Familienbündnis zu stärken. In jeder Familie gibt es eine “Mutter” und 8-12 Kinder verschiedenen Alters. Es gibt auch mehrere “Tanten”, die im Haushalt helfen, insbesondere wenn eine Mutter krank ist oder sich um Babies kümmern muss. Die meisten Kinder sind Waisen, und einige kommen aus zerbrochenen Familien. Bei ihrer Ankunft werden sie Teil einer Familie. Sogar wenn sie einmal das Dorf verlassen haben, können sie immer zurückkommen und ihre Familie besuchen.

Die meisten Mütter sind unverheiratet oder verwitwet und arbeiten hier schon seitdem das Dorf vor 21 Jahren gegründet wurde. Sie widmen ihr Leben den Kindern. Leider ist es aber heutzutage schwerer für die Organisation, neue Mütter zu finden, die sich so einer anstrengenden und langfristigen Arbeit widmen möchten, da es lukrativere Angebote in Privatkliniken gibt und sich auch die Werte der Gesellschaft geändert haben.

Bedürftige Kinder werden entweder von anderen Leuten in der Umgebung an das Kinderdorf verwiesen, oder die Organisation sucht proaktiv Kinder, wenn es einen freien Platz gibt. Für jedes Kind wird ein formales Gutachten erstellt, um sicherzustellen, dass das Kind wirklich bedürftig ist. Insgesamt beheimatet das Kinderdorf in Kochi fast 200 Kinder.

Kleine Waise mit ihrer neuen Mutter und Tante

Eine Sache, die uns wirklich gefiel, ist dass die SOS Kinderdörfer den Hintergrund und die Religion der Kinder respektieren. Es gibt christliche, hinduistische und muslimische Familien im Kinderdorf, und die Kinder werden je nach ihrer eigenen Religion in einer passenden Familie untergebracht. Je nachdem besuchen sie dann eine Kirche, einen Tempel oder eine Moschee im nahegelegenen Dorf. Sie gehen auch im Dorf zur Schule, so dass sie die Möglichkeit haben, sich mit anderen Kindern außerhalb des Kinderdorfes anzufreunden.

Jungen verlassen das Dorf im Alter von 13 Jahren, um in einer benachbarten Gemeinschaft zu leben, die auch Teil der gleichen Organisation ist. Der Grund dafür ist, dass sie in diesem Alter mehr männliche Vorbilder brauchen, so dass sie dann mit anderen Männern und Jungen zusammenleben. Mädchen bleiben bis zum Alter von 15 Jahren im Kinderdorf, und dann gehen sie in ein Internat. Die Kinder haben aber dennoch Zugang zu ihrer Familie, egal in welchem Alter, und kommen oft zu Besuch.

Das Ziel der Organisation ist, den Kinder zu helfen, aufzuwachsen und unabhängig zu werden. Dazu bezahlen sie auch die Bildung der Kinder, einschließlich der Kosten für eine Universität. In echter indischer Art nehmen sie ihre elterlichen Pflichten so ernst, dass sie auch für viele der jungen Leute Ehen arrangieren. Für Hochzeiten werden ein paar Hundert Euro bereitgestellt – genug für eine kleine, bescheidene Hochzeitsfeier. In den letzten sechs Jahren gab es im Kinderdorf 64 Hochzeiten, und so haben viele der Waisen eine neue Familie gefunden und können unabhängig leben.

Nachdem wir uns eine Weile mit Vipin unterhalten hatten, wurden wir an Daisy weitergereicht, die für Sponsoren zuständig ist und schon seit 21 Jahren im Kinderdorf arbeitet. Sie nahm uns mit, um einige der Familien zu besuchen. Wir hatten ein paar Spiele und Malbücher mitgebracht, so dass wir kleine Geschenke für die Familien hatten.

Albi mit seiner neuen Mutter   Albi kaut an der Türschwelle

In den Häusern wurde uns klar, wie anstrengend die Arbeit für die Mütter ist, da sie sich um so viele Kinder kümmern, alle Mahlzeiten kochen, putzen usw. Die erste Mutter, die wir besuchten, hatte alle Hände voll zu tun, da sie sich um zwei supersüße sechs Monate alte Zwillinge kümmerte. Albi Joseph und Irene Rose kamen bereits im zarten Alter von 2 Tagen ins Kinderdorf, da ihre Mutter bei der Geburt starb und ihr Vater sehr arm war, so dass er sich nicht um sie kümmern konnte. Er kann die Kinder aber dennoch besuchen, und den Kindern wird ihr Hintergrund erzählt wenn sie 9 oder 10 Jahre alt sind und anfangen, Fragen zu stellen. In den meisten Fällen werden sie das SOS Kinderdorf als ihre Familie betrachten. 

In der gleichen Familie trafen wir auch eine junge Frau, die gerade ihren MBA gemacht und einen Job bekommen hatte. Als Waise war sie selbst im Kinderdorf aufgewachsen und war gerade zu Besuch bei ihrer Familie.

Guy mit Irene  Irene entdeckt unseren Rucksack

Das Kinderdorf besteht aus 15 Häusern und einigen Gemeinschaftsräumen, die von einem Garten umgeben sind. Die Häuser haben jeweils drei Schlafzimmer – eins für Mädchen, eins für Jungen, und eins für die Mutter und Kleinkinder. Die Häuser sind sehr einfach eingerichtet und die meisten Kinder scheinen nicht viele Besitztümer zu haben. Jedes Haus hat einen kleinen Garten und es gibt auch einen Spiel- und Sportplatz im Dorf. Wir fanden, dass das Dorf sehr gut betrieben wurde, mit einer sauberen und angenehmen Umgebung für die Kinder, so dass ihre Bedürfnisse gedeckt waren, ohne aber Geld für unnötigen Luxus auszugeben.

Wie Vipin uns erzählte sind die durchschnittlichen Kosten pro Kind in jedem Kinderdorf unterschiedlich, aber in Kochi sind es ca 7000 Rupien pro Kind, pro Monat (ungefähr €115). Das schließt die Kosten für Bildung und kleine Hochzeiten für die älteren Kinder ein, sowie die administrativen Kosten. Durch die weltweite Rezession und daher weniger Spenden mussten allerdings Budgets gekürzt und Einsparungen gemacht werden.

Wenn Ihr eine Spende an die SOS Kinderdörfer machen möchtet, bitte hier klicken, um uns zu sponsern. Ihr könnt mit einer Kreditkarte spenden, und alle Gelder gehen direkt an die SOS Kinderdörfer. (Die Spendenseite ist auf Englisch, und ein englisches Pfund £ ist momentan €1,18 wert.) Dank einiger großzügiger Sponsoren haben wir bereits €600 an Spenden zusammenbekommen – bitte unterstützt uns, um dazu beizutragen, Kindern wie dem kleinen Albi und seiner Schwester Irene eine positive Zukunft zu ermöglichen. Jedes bisschen hilft!

Zwillinge Albi und Irene

Mittwoch, 2. Februar 2011

Ein Patchwork von Teeplantagen

Mettupalayam – Munnar - Kochi

Irgendwo in der Nähe von Ooty wurden die Leute plötzlich wieder viel freundlicher und wir bezahlten wieder die richtigen Preise. Wir unterhielten uns auch mit mehr Indern, einschließlich einem Mann, der seine Frau anrief, da sie Deutsch sprach und sich mit Frederike unterhalten wollte. Sie lud uns sogar in ihr Haus ein, was aber leider nicht auf unserem Weg lag.

Eines Abends saßen wir in einem Restaurant in der Kleinstadt Mettupalayam, als drei Kinder sich zu uns gesellten. Sie sprachen gut Englisch und waren daran interessiert, sich mit Ausländern zu unterhalten. Als sie sich verabschiedeten, kniff uns jedes der Kinder nacheinander in die Wange! Verwirrt fragten wir den Restaurantbesitzer, was das bedeutete. “Das macht man, wenn man etwas sehr gerne mag oder wenn man etwas sehr schön findet”, lächelte er. Und wir dachten, dass sie nur frech gewesen waren!

Guy litt immer noch unter Übelkeit. Als er gelangweilt im Bett lag, entdeckte er einen süßen kleinen Affen auf dem Dach nebenan. Er warf dem Affen den Rest seiner Banane zu, die der Affe gleich dankbar verschlang. Am nächsten Morgen, als wir gerade in unserem Zimmer frühstücken wollten, sahen wir vor unserem Fenster einige Affen-Silhouetten. Nachdem wir die Gardinen geöffnet hatten konnten wir sehen, dass der kleine Affe zurückgekommen war, und zwar mit einigen Freunden – einigen großen Freunden. Sie saßen direkt vor unserem Fenster, starrten uns an, sprangen abwechselnd auf das kleine Fenstersims und versuchten, das Fenster zu öffnen. Das Fenster konnte nicht richtig geschlossen werden, so dass sie es aufziehen konnten, aber zum Glück gab es noch ein Gitter vor dem Fenster, so dass sie nicht reinkommen konnten. Jetzt wissen wir auch, warum fast alle Hotels Gitter vor den Fenstern haben, und dass man kleinen süßen Affen nicht trauen kann.

Nachdem Guy sich von seiner Krankheit erholt hatte, drehten wir die Fahrräder mal wieder Richtung Süden für einen langen Tag auf einer verkehrsreichen Straße, durch die Stadt Coimbatore und in den nächsten Ort, Pollachi. In Pollachi fanden wir ein super Hotel mit einem guten Restaurant für weniger als €12. Bisher finden wir die Qualität der Hotels in Indien sehr gut. Unser Budget ist großzügig genug um nicht in Absteigen übernachten zu müssen, und außerhalb von Touristengegenden können wir uns recht gute Hotels leisten. Wir haben immer ein Badezimmer, Kabelfernsehen, Ventilator, und oft gibt es Zimmerservice. Wenn wir ankommen, ist fast immer jemand da, der uns mit unserem Gepäck hilft, was wir zu schätzen wissen, nachdem wir unsere Siebensachen unzählige Treppen in der Türkei und Iran hochgetragen haben. Das erste, was wir machen, ist nach einem Eimer heißem Wasser zu fragen, um zu duschen, und dann bestellen wir Tee und Snacks, wenn es Zimmerservice gibt. Bevor wir nach Indien kamen, sagte uns ein anderer Radfahrer, dass es sich manchmal anfühlt als ob man im Urlaub ist, und wir müssen zugeben, dass das stimmt.

Unsere einzige Enttäuschung mit indischen Hotels ist, dass sie nie Internet haben. Anscheinend gibt es da Sicherheitsbedenken seit den Terroristenanschlägen auf Mumbai in 2008, und sogar in Internetcafes dürfen wir manchmal unsere Laptops nicht benutzen, und oft müssen wir unsere Reisepässe vorzeigen, bevor wir uns einloggen dürfen. Wir hatten uns eigentlich vorgestellt, dass Indien viel vernetzter sein würde, da das Land ja so stark im Informatik-Bereich ist.

Durch eine StadtLandarbeiter

Wir hatten geplant, nach Munnar zu fahren – eine weitere Bergstation – bevor wir zurück an die Küste kommen würden. Es war ein Umweg und noch ein 1500m Aufstieg. Wir hatten nicht viel Energie und wussten, dass wir die Küste innerhalb eines Tages erreichen könnten. Als wir an der Abzweigung ankamen, standen wir da in der Mittagshitze und überlegten, was wir machen sollten. Wir hatten alle möglichen Ausreden, warum wir nicht wieder in die Berge fahren wollten, aber insgeheim wussten wir beide, was wir machen sollten, und so nahmen wir die Straße, die in die Berge führte. Meistens lohnt sich die schwere Arbeit, und man kann schließlich nicht immer den einfachen Weg nehmen.

Als wir aus der Stadt kamen, fühlten wir uns, als ob wir im falschen Film wären und wieder in Europa wären. Wir fuhren über ein flaches Plateau mit Agrarland, und überall um uns herum standen Windkraftturbinen. Das Wetter war bewölkt und windig, und es gab nur wenige Leute in der Umgebung.

Bald ging es bergauf und wir kamen in das Chinnar Wildreservat. Wir hatten ein Deja Vu als wir durch eine Schranke in ein weiteres Tigerreservat kamen, diesmal recht unerwartet. Dieser Nationalpark war viel abgelegener als Mudumalai, und es gab fast keinen Verkehr auf der kleinen Straße. Dadurch war es noch einfacher für uns, Tiere zu sehen, und als wir um eine Kurve kamen, hörten wir etwas in den Wald stampfen. Ein wilder Elefant hatte gerade die Straße überquert und war überrascht von unserer Ankunft. Etwas weiter im Gebüsch hielt er an und begann, an einigen Zweigen zu kauen, während er uns genau im Auge behielt. Es war fantastisch, so nah an so einem großen Tier in der Wildnis zu sein.

Radfahren durchs Chinnar Wildreservat

Kurz nach dieser Begegnung hielt Guy wieder an, als wir etwas im langen Gras neben der Straße rascheln hörten. “Lass uns lieber weiterfahren, vielleicht ist es ein Tiger,” sagte Frederike. Guy starrte gebannt auf das Gras, voller Erwartung was sich da wohl verstecken mochte. Definitiv war dort ein Tier, denn das meterhohe Gras bewegte sich in Wogen, als das mysteriöse Tier langsam auf uns zukam. Plötzlich kam es am Rande des Grases an und steckte seinen Kopf heraus, wobei es direkt in Guy’s Augen starrte. Es gab keinen Zweifel – dies waren die einzigartigen Gesichtszüge eines ganz normalen Huhns!

Wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen, fuhren wir weiter. Die Landschaft war sehr dramatisch, mit dichter Vegetation und steilen Berggipfeln. Wir fuhren an der Seite eines Tals bergauf, das von einem Fluss geformt worden war, der sich durch das Tal schlängelte, wobei er manchmal einen See formte oder über die Felsen als kraftvoller Wasserfall hinunterstürzte. Wir konnten 5-10 Minuten am Stück fahren, ohne ein Fahrzeug zu sehen und genossen die Ruhe. Auf dem Weg sahen wir ein Wildschwein, das im Gebüsch herumwühlte, einige bedrohte Riesen-Eichhörnchen in den Baumwipfeln, und ein paar interessante Eisvögel mit ihren roten Köpfen und blau-grünen Federn.

Wir wollten die Nacht in Marayoor am Anfang der Auffahrt nach Munnar verbringen. Allerdings war Marayoor viel weiter weg als wir erwartet hatten, und wir erklommen schon 700m – fast die Hälfte des Aufstiegs nach Munnar. Wir waren ziemlich müde, als wir in Marayoor ankamen, und als wir die Aussicht bewunderten, begrüßten uns zwei junge Männer und ein älterer Herr und boten uns Obst an. Sie machten Fotos von uns, und wir machten Fotos von ihnen. Eines der Dinge, die uns in Indien gefallen, ist dass die Leute hier genauso fasziniert von uns sind wie wir von ihnen.

Auf dem Weg nach Marayoor   Alter Mann in Marayoor

Am nächsten Tag ging es weiter bergauf nach Munnar, über einen Pass auf 1880m Höhe. Bald nachdem wir Marayoor verlassen hatten, und gerade als wir dachten, die Landschaft könnte gar nicht besser sein, begannen die Teeplantagen. Sie waren perfekt grün und formten einen Patchwork-Teppich über die Hügel und Berge, wobei sie sich manchmal an unmöglich steilen Hängen festklammerten. Um die zauberhafte Umgebung perfekt zu machen gab es viele Wasserfälle und kleine Flüsse, und die Aussicht war nach jeder Biegung der Straße anders. Die Filmregisseure in Bollywood fanden das wohl auch, denn sie filmten gerade einen Kinofilm in den Teeplantagen.

Guy auf dem Weg nach Munnar

Wir hielten an einem kleinen Chai Laden an, um uns mit einem Tee und einem Omelette zu stärken, bevor wir hoch in die Wolken fuhren. Alle paar Hundert Meter hielten wir an, um Fotos zu machen, und da wir so abgelenkt waren, schien der Aufstieg recht schnell vonstatten zu gehen. Einer von uns hatte allerdings eine helfende Hand. 

Chai-Stand   Tee-Marke

Nach dem Mittagessen, mit der Sonne direkt über uns, wurde die Straße steiler und wir mussten uns mehr anstrengen. Gerade als wir müde wurde, wurde Frederike ein Geschenk präsentiert, in Form einer Einzelfahrt zum Gipfel. Ein Lastwagen überholte uns so langsam, dass er nur etwas schneller als wir war. Hinten an der Ecke der Ladefläche, nur einen Meter von Frederike’s Nase entfernt, gab es einen Griff. Es war einfach zu perfekt. Sofort dockte Frederike an das Mutterschiff an und wurde langsam den Berg hochgezogen, während Guy ihr ungläubig nachsah, etwas sauer da er nicht schnell genug gewesen war. Bald verschwanden Frederike und ihr Gastgeber um die Ecke.

Als ihr Arm müde wurde, ließ sie den Griff los. Sobald der Lastwagenfahrer dies bemerkte, hielt er sein Fahrzeug an, steckte den Kopf aus dem Fenster und sagte “Help you! Help you!”, wobei er gestikulierte, dass Frederike sich wieder am Lastwagen festhalten sollte. Es war eine liebe Geste, vor allem da Frederike sich gesorgt hatte, dass der Fahrer verärgert über das zusätzliche Gewicht sein könnte, dass den Lastwagen noch weiter verlangsamte!

Guy in den Teeplantagen

Der Aufstieg nach Munnar war einer unserer Lieblings-Berge der ganzen Reise, und wir sind so froh, dass wir dahin gefahren sind – wir würden es wirklich bereut haben, wenn wir direkt zur Küste gefahren wären. Von unserer ganzen Zeit in den Bergen in Südindien ist die Strecke zwischen Udumalaipettai und Munnar die, die wir anderen Radfahrern am meisten empfehlen würden. Die Straße ist ruhig, die Landschaft fantastisch, und der Steilheitsgrad anstrengend, aber nie zu schwer.

Frederike genießt das Radfahren   Patchwork-Teppich von Teeplantagen

Als wir in Munnar ankamen, hatten wir das erste Mal auf unserer Reise Probleme, ein Zimmer zu finden. Alles war ausgebucht! Es war ein Feiertag in Indien, und es waren auch viele ausländische Touristen im Ort. Am Ende fanden wir aber dennoch ein Gasthaus und ein nettes Restaurant. Im Restaurant sammelten sich alle Kellner um unsere Fahrräder, um sie zu begutachten. Eine Gruppe von Jungen probierte unsere Klingeln aus und gab uns das Daumen-hoch Zeichen durch’s Fenster. Andere Inder fragten uns über unsere Route aus und versuchten zu verstehen, wie unsere vorderen Satteltaschen angebracht waren. Wenn man viele Leute treffen will, ist das Reisen auf einem komisch aussehenden Fahrrad sehr zu empfehlen!

Am folgenden Tag ging es für die ersten 50km bergab, und wir übernachteten in einem sehr schicken Hotel (die günstigeren waren alle ausgebucht), bevor wir zurück an die Küste und nach Kochi fuhren. Wir freuten uns auf die Küste, da das Radfahren dort einfacher sein würde und da wir dann auch die berühmten Gewässer Kerala’s erkunden könnten, was unserem Reiseführer zufolge eines der 10 Dinge ist, die man machen sollte, bevor man stirbt. Wir sind schon gespannt…