Samstag, 26. Februar 2011

Umrundung des Zipfels

Kovalam – Madurai

Kerala ist dicht bevölkert, mit einem Haus nach dem anderen und kaum Lücken zwischen den Dörfern. Obwohl wir die Landschaft schön fanden und es faszinierend war, das Leben in den Fischerdörfern zu sehen, wurde uns die ganze Aufmerksamkeit manchmal etwas zu viel. Kurz nach Kovalam verließen wir Kerala und überquerten die Grenze nach Tamil Nadu. Plötzlich wurde die Landschaft viel weiter. Die Strecken zwischen den Dörfern waren größer, mit vielen Bananenplantagen und Reisfeldern. Die Straßen waren ruhig und das Leben schien sich zu verlangsamen.

Im Gegensatz zum touristischen Kerala wurden wir hier auch nicht um Geld oder Stifte gebeten, was ironisch war, da Tamil Nadu sichtbar ärmer als Kerala war. Zu oft sahen wir extrem dünne Leute, vor allem die älteren Leute. Wir fühlten Mitleid als wir einen alten Mann sahen, der einen rosa Plastikstuhl als Gehhilfe benutzte, um sich langsam einen Hügel hochzuarbeiten. Einige Restaurants hatten kein fließend Wasser, und Stromausfälle kamen mehrmals pro Tag vor. In vielen Städten lag auch mehr Müll herum. Offensichtlich gab es keine offizielle Müllabfuhr, so dass der Müll am Straßenrand gesammelt wurde. Oft wurden Schweine gehalten, um soviel Müll wie möglich zu essen; der Rest wurde verbrannt oder liegengelassen, um zu verrotten.   

Alte Frau, schwer beladen   Schulkinder

Heute war ein besonderer Tag, da wir die 10.000km Marke erreichen würden – 10.000km per Fahrrad seit wir unsere kleine Wohnung in West London verlassen hatten. Allerdings mussten wir dafür hart arbeiten, denn als die Straße sich in Richtung Osten wand, um den südlichen Zipfel Indiens zu umrunden, fuhren wir direkt in einen starken Gegenwind. Unsere Geschwindigkeit verlangsamte sich auf 10kmh, dann 5, dann 3, bis wir unsere ganze Kraft benutzen mussten, nur damit wir nicht ganz stehenblieben. Es schien als ob unser Tacho ewig auf 9.999km feststecken würde.

Endlich schafften wir es und erreichten die 10.000km Marke. Zufällig war dies fast genau gleichzeitig mit unserer Ankunft am südlichsten Punkt in Indien. Kanyakumari, der kleine Ort am Zipfel, war laut und hektisch, voller Souvenirverkäufer und Pilger, die in den heiligen Wassern badeten, wo drei Ozeane zusammentreffen. Dennoch waren wir froh, da zu sein, den Indischen Ozean zu sehen und über die letzten 10.000km zu reflektieren.

Die Erwähnung von Windfarmen in unserem Reiseführer hätte eine Warnung sein sollen. Am folgenden Morgen hatten wir wieder starken Gegenwind, der uns sehr verlangsamte. Es waren 95km bis zum nächsten Ort mit einer Unterkunft, und so mussten wir eben einfach stark sein und weiterkriechen. Die Landschaft war sehr weit, mit viel Gebüsch, manchmal einer kurzen Aussicht aufs Meer, und seltenen Dörfern. Wir sahen einige wilde Pfaue und Guy kam stolz mit einer Pfauenfeder von einer Pinkelpause zurück, die er Frederike schenkte. Dies war wohl eine der einsamsten Gegenden in Indien und hätte sich sogar zum Zelten geeignet. Schade, dass wir unser Zelt nicht dabei hatten.

Windturbinen-Landschaft

Mittags kamen wir in einem verschlafenen Fischerdorf an und fuhren zum winzigen Hafen. Viele Fischerdörfer in Tamil Nadu waren vom Tsunami in 2004 schwer getroffen worden, und dieses Dorf war keine Ausnahme. Wir sahen viele neue Häuser, die auf einem Hügel etwas weiter im Inland gebaut worden waren. Es ist sehr traurig, was die Leute hier erleiden mussten.

Es gab nur ein kleines Restaurant mit 4 Tischen, wo wir gemeinsam mit den Fischern Mittag aßen. Mittags essen wir normalerweise ein Thali – eine Mahlzeit aus Reis, Pappadum und mehreren Curries, die auf einem Bananenblatt serviert werden. Oft ist es die einzige Wahl, und es ist normalerweise frisch, lecker, billig und sättigend. Häufig wird uns von 10-15 Augenpaaren beim Essen zugesehen, was wir anfangs etwas unangenehm fanden, aber inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Die Fischer fingen alle an zu lachen, als wir unsere eigenen Gabeln herausholten, statt mit den Händen zu essen.

Obwohl wir nicht die Sprachkenntnisse haben, um mit den Leuten zu reden, haben wir inzwischen das berühmte Indische Kopfwackeln recht gut gemeistert. Dieses hatten wir anfangs so verwirrend und frustrierend gefunden. Inzwischen wissen wir, dass ein seitliches Kopfwackeln “ja,” “ok”, “kein Problem”, “danke”, “hallo”, und “auf Wiedersehen” bedeuten kann. (Genau wie uns anfangs das Indische Kopfwackeln verwirrt hatte, scheint unser Kopfnicken die Leute hier zu verwirren und wird oft als “nein” mißverstanden). Unser kleines unerwartetes Kopfwackeln kann manchmal eine extreme Reaktion hervorrufen, wobei der antwortende Kopfwackler vor lauter Glück seinen Kopf so schnell hin- und herwackelt, dass er fast abzufallen scheint! Inzwischen lieben wir es, um die Wette zu wackeln und zu sehen, wer die enthusiastischere Reaktion hervorrufen kann.

Nach einem langen, ermüdenden Kampf mit dem Gegenwind erreichten wir endlich unser Ziel. Die Kleinstadt Tiruchchendur war eine farbenfrohe Pilgerstadt mit einem großen Tempel. Unser in einen orangen Lendenschurz gehüllter Hotelzimmernachbar, der sein Gesicht mit weißer Farbe bemalt hatte, erzählte uns, dass gerade ein jährliches, 10-tägiges Fest am Tempel stattfand. Am nächsten Morgen besuchten wir den Tempel.

Sadhu   Tiruchchendur Tempel

Der Tempelkomplex war ziemlich groß und voller Pilger, sogar zur frühen Stunde von 8 Uhr morgens. Moderne Familien vermischten sich mit wandernden Sadhus, und viele Leute badeten im Wasser neben dem Tempel. Wir wanderten unbehelligt herum, mit keinen anderen Touristen oder Schleppern in Sicht. Unser Nachbar hatte eine etwas morbide Zeremonie erwähnt, wobei 16 Männer einen Speer durch ihre Wangen stecken, aber leider sahen wir keine Anzeichen dieses schrecklichen Rituals, und so entschieden wir, weiter zum nächsten Ort Tuticorin zu fahren.

Tiruchchendur Tempel 2   Pilger beim Baden

Unterwegs kamen wir an vielen Pilgern vorbei, die in Richtung Tiruchchendur gingen. Wir waren neugierig und fragten einige Pilger, was sie machten. Sie erzählten uns, dass sie schon seit fünf Tagen zu Fuß unterwegs waren, barfuß, um für das Festival den Tempel zu besuchen. Diese Pilgerwanderung unternehmen sie jedes Jahr. Religion ist extrem wichtig in Indien und man sieht ihren Einfluss überall. Den Armen, die oft ein sehr schweres Leben haben, hilft es damit umzugehen und vielleicht auch einen Sinn in ihrem Leiden zu finden. Ohne Glauben würde Indien wohl überhaupt nicht funktionieren.

Der Gegenwind war am folgenden Tag immer noch da, als wir von Tuticorin nach Aruppukkottai fuhren. Wir waren den ganzen Tag auf kleinen ruhigen Landstraßen. Sie waren sogar so ruhig, dass die Bauern ihre Hirse-Ernte auf der Straße ausbreiteten und dann darauf warteten, dass vorbeikommende Fahrzeuge darüber fahren und die Hirse “dreschen” würden. Die Körner wurden dann zusammengefegt, aufgesammelt und mehrmals auf ein Tuch geschüttet, wobei der Wind die Spreu wegblies.

Dies lieben wir in Indien – die Freiheit, einfach etwas zu machen, ohne zu viele Regeln und Gesetze. Solange man niemandem wehtut kann man so ziemlich machen, was man will – ob man sich nun außen an einen vollbesetzten Bus hängt, Geld verdient indem man sein Fahrrad in eine Messerschärf-Maschine umwandelt, oder eben seine Ernte auf einer Straße ausbreitet, um sie zu dreschen.

Hirse auf der Straße    Entfernen der Spreu

Als wir abends in der Kleinstadt Aruppukkottai ankamen, zeigte uns ein älterer Radfahrer ein kleines Hotel. Der Hotelmanager war glücklich, uns zu sehen, und erklärte, dass wir etwas “unerwartetes und interessantes” wären. Er empfohl ein winziges, dunkles Restaurant zum Abendessen. Normalerweise folgen wir gerne Empfehlungen, aber dieses Restaurant beängstigte uns ein wenig. Köche mit nackten Oberkörpern rührten in Töpfen, die in einer Art dreckiger Garage standen. Wir zögerten – wir sahen zwar, dass das Restaurant beliebt war, aber der Anblick war nicht gerade beruhigend. Allerdings hatten wir noch nie eine schlechte Empfehlung von einem Einheimischen bekommen, und so trauten wir uns und gingen rein, durch einen dunklen, dreckigen Korridor.

Der Raum war voller Männer, die sich alle selbst aus einem großen Topf zu bedienen schienen. Wir waren etwas unsicher über die Etikette, aber zum Glück bemerkte uns ein Kellner und führte uns in ein kleineres, klimatisiertes Zimmer, wo bereits 8 andere Leute aßen. Der freundliche Kellner empfohl uns einige Gerichte. Alle Ohren im Zimmer waren gespitzt, denn wenn der Kellner uns nicht verstand, kam immer eine Stimme aus irgendeiner Ecke, die unsere Worte für den Kellner übersetzte. Das Essen war günstig und sehr lecker.

An unserem sechsten Tag, an dem wir immer noch in einen Gegenwind fuhren, kamen wir endlich in Madurai an. Madurai war heiß, chaotisch und laut. Sehr laut. Wir verbrachten ein paar frustrierende Stunden damit, uns 13 verschiedene Hotels anzusehen, bis wir endlich ein akzeptables Zimmer für einen guten Preis und mit einem Platz für unsere Fahrräder fanden. Erschöpft fielen wir auf unser Bett, verschwitzt, dreckig und müde. Unsere Priorität war, uns auszuruhen und den Sri Meenakshi Tempel zu besuchen, der das Stadtzentrum mit seinen kompliziert dekorierten 50m hohen Gopuram-Türmen dominierte.

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