Montag, 28. März 2011

Eine Frische Perspektive

Bangkok – Chumphon

Unser Freund Nick war aus England gekommen, um uns für unsere erste Woche Radfahren in Thailand zu begleiten. Da er mit einer thailändischen Frau verheiratet ist, hat er zwar für einige Jahre in Bangkok gelebt, ist aber nie in Thailand Fahrrad gefahren, so dass wir uns gemeinsam darauf freuten, Thailand per Fahrrad zu entdecken.

Wir verabschiedeten uns von Aom, Nick’s Frau, und stürzten uns in den Bangkoker Morgenverkehr. Die Straße, die auf unserer Landkarte wie eine Nebenstraße ausgesehen hatte, war eine sechsspurige Schnellstraße. Zum Glück waren die Autofahrer respektvoll und es gab genug Platz für alle. Wir hielten den Verkehr für 50km aus, bis wir aus den Vororten Bangkoks kamen und auf einer kleinen Nebenstraße weiterfuhren, die sich durch fruchtbare Reisfelder und Kokosnussplantagen wand.

Unsere Mägen knurrten und wir hielten an einem der vielen Essensstände an, die die Straßen in Thailand säumen. Diese Stände sind kleine Küchen oder sogar nur Motorräder mit einem Beiwagen, der in eine kleine Küche mit Kochplatte oder Grill umgewandelt wurde. Einige Plastikstühle und Tische vollenden das “Restaurant”. Es ist unkompliziert und das Essen ist schnell, frisch und lecker. Nick übersetzte unsere Bestellungen auf thailändisch als wir uns entspannten. Zwar fühlten wir uns etwas faul, aber es war auch mal angenehm, die manchmal anstrengende Kommunikation jemand anderem zu überlassen.

Die üppige tropische Vegetation verwandelte sich bald in große Salzfarmen. Als wir bei einer Salzfarm anhielten, um Fotos zu machen, wurden wir eingeladen, sie uns näher anzusehen. Nick unterhielt sich mit einem netten alten Mann, der sich gerne die Bilder von seinem Arbeitsplatz auf Nick’s Kamera anschaute. Beide scheinen eine Vorliebe für ungewöhnliche Kopfbedeckungen zu haben!

Salzfarm   Nick und ein Salz-Arbeiter

Nachdem wir alles Mögliche über Salzfarmen gelernt hatten, fuhren wir weiter durch den heißen Nachmittag, wobei wir oft anhielten, um Eiskaffee zu trinken, und erreichten schließlich die Kleinstadt Samut Songkhram. Gerade hatten wir angehalten, um über eine Unterkunft nachzudenken, als ein Polizist in einer smarten Uniform mit Rayban Sonnenbrille auf seinem Motorrad neben uns anhielt. “Hotel? Folgt mir!” rief er als er sein Motorrad anschmiss, den Verkehr stoppte und losraste. Als wir ihm durch die Straßen der Stadt folgten, wurde klar, dass er das Gesetz war, als wir nach mehreren illegalen Manövern bei einem netten Hotel ankamen. Bevor wir uns richtig bei ihm bedanken konnten, war er schon wieder weg, und wir hörten nur noch sein Motorrad durch die Straßen knattern.

Nachdem wir geduscht hatten, gingen wir los, um etwas zu Essen zu suchen. An jeder Straßenecke gab es einen kleinen Essensstand ohne Menü oder identifizierbare Zutaten – wir waren verwirrt. Auf den ersten Blick sahen die kleinen improvisierten Küchen auf den Fußwegen und in den Ladeneingängen alle gleich aus. Ein geschultes Auge allerdings konnte anhand der Kombination der Gewürze, einer Hühnerbrust an einem Haken oder des Gemüsekästchens ablesen, welches Essen hier angeboten wurde. Nick brachte uns die Essensstand-Sprache bei als wir von einem Stand zum nächsten gingen, auf kleinen Plastikstühlchen hockten und die verschiedenen Köstlichkeiten verschlangen, von gedünstetem Huhn über Fischbällchen und gebratene Nudeln bis zu Roti mit Kondensmilch und Eistee.

Am nächsten Morgen schlängelten wir uns durch kleine Straßen und verschlafene Fischerdörfer zur Küstenstadt Cha-Am. Nick ist sehr sportlich und ein guter Radfahrer, war aber überzeugt, dass wir irgendwie in den letzten 10 Monaten übermenschlich geworden waren und dass er nicht mit uns mithalten könnte. Daher hatte er beschlossen, superleicht zu reisen, nur mit einem Rennrad und einer Lenkertasche. Uns rutschte das Herz in die Hose, als wir von seinem Plan erfuhren, und natürlich rollte er ohne Anstrengung dahin, während wir auf unseren schwer bepackten Stahlrädern außer Puste hinter ihm her radelten!

Nick's Freestyle

Im etwas kitschigen Badeort Cha-Am fanden wir ein Hotel mit riesigen Zimmern. Dort trafen wir den nettesten Wachmann aller Zeiten. Nachdem wir verhandelt hatten, um unsere Fahrräder mit ins Zimmer nehmen zu können, bestand der nette Mann mit seinen großen braunen Augen und struppigen schwarzen Haaren darauf, eines der 15kg schweren Fahrräder für uns in den dritten Stock zu tragen. Unbeholfen hob er das Fahrrad hoch und marschierte mit Gusto die erste Treppe hinauf. Auf dem ersten Treppenabsatz, nach nur 10 Stufen, hatte er das Fahrrad abgesetzt und sah etwas unbehaglich aus. Er war auch klatschnass – wir dachten, dass er draußen im Regen gewesen wäre.

Wir sagten, dass dies nicht unser Stockwerk war, wir müssten noch zwei höher gehen. Das gleiche passierte auf dem nächsten Treppenabsatz, er ging einfach nicht weiter. Wir bestanden darauf, dass unser Zimmer noch höher war, warum wollte er denn bloß nicht weitergehen? Dann klickte es: Er war völlig erschöpft, außer Puste und schwitzte von Kopf bis Fuß! Als er sich schwer atmend an das Geländer lehnte, versuchten wir, uns mit ein wenig Konversation zu beschäftigen, so dass seine Pause nicht so auffiel. Nach einer Ewigkeit biss er die Zähne zusammen, stoß einen Seufzer aus und machte eine letzte große Anstrengung. Der Arme klappte fast zusammen, konnte aber seinen Stolz nicht verstecken, als er von Ohr zu Ohr grinste. Wir bedankten uns überschwenglich bei ihm – so sehr hatte sich schon lange niemand mehr für uns angestrengt!

Wegen der Hitze wollten wir am nächsten Morgen extra früh losfahren (dafür sind wir normalerweise nicht bekannt), und wir waren daher etwas sauer, als der Wecker klingelte und es stark regnete. Der Regen war recht unerwartet während der Trockenzeit, und es regnete den ganzen Tag. Anfangs fanden wir es noch schön erfrischend, aber am Ende des Tages, als wir völlig durchnässt waren, wurde uns ziemlich kalt. Zum Glück hatten wir aber Rückenwind und kamen schnell voran.

Als wir auf den guten Straßen mit einem schönen Rückenwind so dahinradelten, zeigte unser GPS plötzlich eine Abzweigung von der Hauptstraße auf eine kleine Nebenstraße an. Wir blieben bei unserer Philosophie, die weniger befahrenen Straßen zu nehmen und vertrauten dem kleinen Weg. Nachdem wir eine Weile durch schlammige Dörfer gefahren waren, wurde es nasser und nasser, bis wir durch 20cm hohes dreckiges Wasser fuhren. Verzweifelt versuchten wir, unsere Schuhe trockenzuhalten. Nicht weit entfernt konnten wir die Teerstraße sehen, aber um dahin zu kommen, mussten wir die Fahrräder durch eine Müllhalde schieben – oh die Glitzerwelt einer Radtour!

Müllhalde   Durch's Wasser

Wir planten, am Dolphin Beach, der beim Khao Sam Roi Yot Nationalpark lag, einen Ruhetag einzulegen. Unser Bungalow war gemütlich, aber das Wetter spielte leider nicht mit. An unserem Ruhetag regnete es immer noch stark, es war windig und ungefähr 16°C – sehr kalt für Thailand, vor allem da sich das Leben dort im Freien abspielt, so dass wir mit Regenjacke und zwei Paar Socken draußen im Restaurant saßen.

Guy und Nick ließen sich vom Wetter nicht abschrecken und beschlossen, trotzdem auf dem Meer Kajakfahren zu gehen. Als am Strand der Wind heulte und Schaum von den Wellen flog, überlegte Guy es sich anders. Er drehte sich um, um mit Nick zu sprechen, aber der war schon auf dem Weg ins Wasser, wobei er ein knallrosa Dreier-Kajak hinter sich herzog. Nick paddelte das Kajak durch die Wellen und kam triumphierend wieder am Strand an. Guy hatte keine Wahl und nahm sich ein Einer-Kajak, wurde aber schnell müde und sah Nick zu, der viel mehr Energie zu haben schien.

Irgendwie überzeugte Nick Guy, mit in das rosa Dreier-Kajak einzusteigen, und kurz darauf saß er vorne im Kajak, auf dem Weg durch die Wellen, während Nick das Kajak vom hinteren Sitz steuerte. Die Wellen schienen immer größer zu werden, und der Fall vom Höhepunkt einer Welle ins Wellental war so abrupt, dass Guy in die Luft flog, bevor er mit einem Plumps wieder auf seinem Sitz landete. Als dieses immer wieder passierte, musste Guy so sehr lachen, dass er gar keine Kraft mehr hatte und den Wellen ausgeliefert war. Der Nagel im Sarg kam als sie auf eine Riesenwelle trafen, die Guy so hoch in die Luft katapultierte, dass er danach auf einem anderen Sitz in der Mitte des Kajaks landete. Das war zu viel des Guten, und bald kenterte das Kajak und Guy, Nick und das rosa Kajak wurden in einem eleganten Finale hilflos an den Strand gespült.

Dolphin Beach   Nick im rosa Kajak 

Nach unserem Ruhetag besserte sich das Wetter und wir beschlosse, einen kleinen Umweg zu machen, um eine Höhle im Nationalpark zu besuchen. “Da können wir mit dem Fahrrad hinfahren, und dann müssen wir nur etwas hochklettern,” sagte Nick, der schonmal dagewesen war.

Wir können bezeugen, dass mehr als nur ein bisschen Klettern involviert war. Wir parkten die Fahrräder und kraxelten für die nächste Dreiviertelstunde über einen felsigen Pfad hoch zur Höhle. Wir waren die ersten Besucher des Tages in der Tham Phraya Nakhon Höhle – ansonsten war niemand da, und es war sehr ruhig. Ein thailändischer König hatte die Höhle während eines Sturms entdeckt und dort einen kleinen Pavillion bauen lassen, der in morgendliches Sonnenlicht gebadet war, als wir ankamen. Es war so fantastisch, dass wir sogar unsere schmerzenden Beine vergaßen, als wir unsere Umgebung bewunderten.

Phraya Nakhon Höhle

Als wir zurück zu den Fahrrädern kamen und im Restaurant etwas aßen, wurde Guy plötzlich klar, dass er sein Handy im Hotel vergessen hatte. Ein 10km Umweg war nicht ideal, da unsere Beine schon vom Klettern müde waren und wir am Nachmittag sowieso noch 70 fahren mussten. Zum Glück löste Nick unser Problem, indem er sich anbot, zurückzufahren und das Handy zu holen. Auf seinem Rennrad würde das schnell gehen, und es war eine gute Möglichkeit für ihn, sich “die Beine zu vertreten” statt extra langsam zu fahren, so dass wir mit ihm mithalten konnten. Das bedeutete, dass wir stattdessen im Restaurant sitzen und Eiskaffee trinken konnten!

Die Straße durch den Nationalpark war schön und flach, aber mit Hügeln im Hintergrund. Der einzige Fleck im Bild waren die vielen Garnelen-Farmen, die Teile des Nationalparks einnahmen.

Frederike und Nick   Eucalyptus-Plantage

Unser Ziel für den Abend war Prachuap Khiri Khan, eine Kleinstadt am Meer. Unser Reiseführer schrieb, dass wir nur unsere Augen ein wenig zudrücken mussten, und wir könnten uns vorstellen, wir wären in Südfrankreich. Während das wohl etwas weit hergeholt war, fanden wir allerdings ein nettes kleines Zimmer, das einem Franzosen gehörte. In einem Restaurant an der Promenade aßen wir ein riesiges Fisch-Abendessen. Die Portionen in Thailand sind ziemlich klein, so dass wir zur Verwirrung der Kellner oft das Doppelte bestellen, so dass wir genug Kalorien zum Fahrradfahren zu uns nehmen.

Als wir am nächsten Morgen Prachuap Khiri Khan verließen, fuhren wir durch einen Nationalpark an der Küste entlang. Unsere thailändische Landkarte enttäuschte uns wieder, und die einzige Straße, die wir finden konnten, war ein winziger, überwachsener Pfad. Es sah nach Abenteuer aus, und so schoben wir die Fahrräder über umgefallene Baumstämme und durch die dornigen Büsche. Nach einer Weile verschwand der kleine Pfad jedoch und wir gaben auf und gingen zurück zur Straße. Zum Glück bekamen wir von den Dornen keinen Platten!

Nachdem wir einige Stunden lang auf kleinen Waldwegen durch den Nationalpark gefahren waren, waren wir hungrig. Leider kamen wir nur durch sehr kleine Dörfer ohne Restaurant. Endlich kamen wir an einem Gebäude vorbei, das wie ein Restaurant aussah, in dem eine Feier stattfand. Wir hielten an, um nachzufragen, und fanden heraus, dass es eine Hochzeit war. Das “Restaurant” war in Wirklichkeit das Haus einer Familie. Die Schwester des Bräutigams lud uns sofort ein.

Benz war sehr freundlich. Sie und ihr Freund hatten beide einen Master in Englisch, so dass wir gut kommunizieren konnten. Trotz unseres schwitzigen, dreckigen Aussehens wurden wir willkommen geheißen. Sofort wurden Reis, Nudeln, gebratener Fisch und verschiedene Curries serviert, und wir bekamen sogar eine süße Kokosnusssuppe als Nachtisch. Das Haus war sehr schön und nur einige Meter vom glitzernden Meer entfernt. Wir wurden sogar für die Abendfeier eingeladen, mussten aber leider weiter, da es schon spät wurde.

Im tiefen Wald   Hochzeitsgäste

Am späten Nachmittag kamen wir an einem Wat vorbei, das hoch auf einem bewaldeten Hügel auf einer Landzunge lag. Es war ein steiler Austieg, aber die tolle Aussicht auf’s Meer und der schöne Wat waren die Anstrengung wert.

Wat auf dem Hügel   Aussicht vom Wat

Später folgten wir einer Strandstraße und übernachteten im einem Strandbungalow. Thailand hat wirklich eine überproportionale Anzahl an schönen Stränden, und uns gefällt es sehr gut, dass wir einfach in einem Bungalow übernachten und dann nur wenige Meter zum Strand gehen müssen, um zu schwimmen.

Plötzlich war eine Woche vergangen und es war schon unser letzter Tag mit Nick. Wir hatten einen langen Tag vor uns, da Nick für den Abend einen Zug nach Bangkok von Chumphon gebucht hatte (Chumphon war 110km von uns entfernt). Es war ziemlich heiß und hügelig, und zu Alledem schlich sich dann noch eine Biene in Nick’s Fahrradhosen und stach dreimal zu…

Am späten Nachmittag kamen wir in einem weiteren Stranddorf nicht weit von Chumphon an, wo wir die Nacht verbringen wollten. Wir tranken einen letzten Eiskaffee mit Nick bevor er zum Bahnhof weiterfuhr.

Schlangenbeschwörer   Jeden Tag ein neuer Strand

Da wir schon seit 10 Monaten unterwegs sind und wir Thailand zuvor schon besucht hatten, waren wir hier nicht ganz so aufgeregt und neugierig wie in anderen Ländern. Nick allerdings eröffnete uns eine frische Perspektive. All die kleinen Dinge, die wir inzwischen schon für selbstverständlich hielten, fühlten sich wieder gut an – ein freundliches Winken von einem vorbeifahrenden Motorrad, eine kleine Unterhaltung mit einem neugierigen Ladenbesitzer, ein lachender Gruß von einem Schulkind. Nick erinnerte uns daran, jeden Moment unserer Reise zu schätzen. Danke, wir werden Dich vermissen!

Samstag, 26. März 2011

11000km Foto

Ein paar Tage nachdem wir Bangkok verlassen hatten, fuhren wir auf einer kleinen Straße an der thailändischen Küste entlang und genossen die tropische Landschaft. Das Foto machte unser Freund Nick.

IMG_0454_edit2

Donnerstag, 24. März 2011

Bangkok

Drei Stunden nach unserer eiligen Abreise aus Chennai landeten wir in Bangkok (wir nahmen einen Flug, da man momentan nicht per Fahrrad durch Myanmar fahren kann). Erleichtert wurden wir mit unseren Fahrrädern und unserem Gepäck wiedervereint und nahmen einen Flughafenbus nach Khao San Road, der geschäftigen Straße, die das Zentrum für Rucksacktouristen in Bangkok darstellt. Es war noch früh morgens und wir frühstückten in einem kleinen Cafe während wir unsere Fahrräder in der schwülen Morgenluft zusammenbauten.

Dank einer Empfehlung von Tara und Tyler von Going Slowly hatten wir ein Hostel ca 2km nördlich von Khao San Road gebucht, also etwas entfernt von der Touristengegend. Wir waren über das letzte Jahr ab und zu mit Tara und Tyler in Kontakt gewesen, seitdem wir sie um einige Ratschläge für die Planung unserer Reise gebeten hatten. Sie sind bereits seit zwei Jahren unterwegs und sind durch Europa geradelt, durch Russland und die Mongolei mit dem Auto gefahren und dann in Südostasien wieder mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Das Ende ihrer Reise sollte in Bangkok sein.

Bangkok war der einzige Ort auf unseren Routen, wo wir sie möglicherweise treffen konnten, und zufällig kamen Tara und Tyler am gleichen Tag wie wir in Bangkok an.

Als wir bei Shanti Lodge ankamen, waren ihre noch voll bepackten Fahrräder bereits da. Wir sahen sie im Restaurant sitzen und konzentriert an ihren Laptops arbeiten. Es war toll, sie endlich persönlich kennenzulernen, nachdem wir ihren beeindruckenden Blog schon so lange verfolgt hatten.

Tyler und Tara  Flussfähre in Bangkok

In Shanti Lodge gab es ein gemütliches Restaurant mit Wifi Internetzugang. Da unser Zimmer ziemlich klein war, hielten wir uns meist dort auf und genossen die Schönheit unserer Umgebung. In Thailand wurde uns plötzlich klar wie anstrengend Indien manchmal gewesen war. Hier war alles einfach: Es gab ein tolles Menü mit leckerem Essen, unsere Bestellungen kamen schnell, alles war sauber und ordentlich. Es war auch das erste Mal seit sechs Monaten dass wir in einem Land waren, wo Frauen gleichwertig mit Männern behandelt wurden. In der Türkei, Iran und Indien (und teils auch der VAE) hatten wir sehr wenig mit Frauen zu tun gehabt, und fast in allen Restaurants und Hotels waren die Angestellten alle männlich. Hier dagegen wurde das ganze Hostel nur von Frauen gemanaged.

Wir entdeckten auch einige weitere Tourenfahrräder in Shanti Lodge. Eines davon gehörte Mel, einer amerikanischen Frau, die durch Südostasien gereist war und nun auf dem Weg in die Türkei war. Die anderen beiden Räder gehörten einem belgischen Paar das durch Europa und China gekommen war. Wir alle aßen am ersten Abend gemeinsam und Mel gab uns einen humorvollen kleinen Radreiseführer für Südostasien, den sie gerade geschrieben und illustriert hatte. Am Ende des Abends schwirrten uns die Köpfe vom ganzen Reden. Wir hatten an einem Tag mehr Radtourer getroffen als in ganz Indien!

Da wir nicht viele Besichtigungen in Bangkok planten, da wir die wichtigen Wats und Paläste bereits bei unserem letzten Besuch gesehen hatten, hatte Frederike sich für einen Kochkurs bei May Kaidee’s vegetarischem Restaurant angemeldet. Als wir in 2003 eine Rucksacktour durch Südostasien machten, gingen wir oft zu diesem Restaurant und Frederike war entschlossen, dort einen Kochkurs zu machen, falls wir je wieder nach Bangkok zurückkommen würden. Da Tara auch gerne kocht, beschloss sie, sich Frederike anzuschließen. May lud netterweise auch Guy und Tyler ein, mitzukommen – sie hatten die wichtige Aufgabe, Fotos zu machen und das Essen zu testen.

Thailändischer Stil auf dem Markt   Obstverkäufer

Als Erstes besuchten wir einen Markt wo wir mehr über thailändisches Gemüse lernten und verschiedene Snacks probierten. Den Frauen waren traditionelle thailändische Sonnenschirme und ein Korb geliehen worden, um den Ausflug etwas nostalgischer zu gestalten.

Alle Zutaten für die Rezepte waren bereits vorbereitet worden, so dass wir nicht schnippeln mussten und recht schnell 10 verschiedene Gerichte zubereiteten, während wir ein thailändisches Lied sangen, das May und ihr Team uns beigebracht hatten. “Sop sop sop sop sooooong!” Guy und Tyler nahmen ihre Aufgabe als Geschmackstester ernst und probierten alles, das wir ihnen vorsetzten, von grünem Curry über gebratenes Tofu-Gemüse und Frühlingsrollen. Ein unterhaltsamer Morgen endete damit, dass May uns einen thailändischen Tanz beibrachte. Wir bekamen auch ein kleines Kochbuch, so dass wir ihre leckeren Kreationen in unserer eigenen Küche reproduzieren können.

Massaman curry   Tara und Frederike beim Kochen

Wir waren glücklich, und zwar nicht nur, weil wir in Bangkok Spaß hatten. Am Flughafen von Chennai hatte Frederike einen Anruf bekommen, da ihre Schwester im Krankenhaus war, und an unserem ersten Tag in Bangkok wurde unser kleiner Neffe Felix geboren. Wir waren sehr stolz darauf, Tante und Onkel zu werden. Und zwar so stolz, dass wir einen kleinen Ausflug nach Deutschland für eine Woche planen, um Felix zu sehen und Frederike’s Familie zu besuchen. Da wir nach Australien ziehen, wird Frederike ihre Familie wohl für eine Weile nicht sehen, wenn wir damit beschäftigt sind, Jobs zu finden und uns niederzulassen. Die Flüge sind von Malaysien aus viel günstiger als von Australien, und wir werden auch endlich Boris abholen (unser Zelt, das gerade in Deutschland Urlaub macht). Boris wird ein wichtiges Mitglied unseres Teams sein, wenn wir Australien erreichen und die 3.800km Outback durchqueren, die Darwin von Melbourne trennen.

Unser Flug nach Darwin wird von Singapur aus sein, eine 2.400km Fahrt von Bangkok entfernt. Um uns auf den Weg zu helfen, sind unsere Freunde Nick und Aom aus England gekommen, um uns zu treffen. Guy hatte Nick während einer Wanderung im indischen Himalaya vor acht Jahren getroffen. Nick, der englisch ist, lebte zu der Zeit in Bangkok, wo er seine Frau Aom traf. Später zogen sie nach London, wo wir sie oft sahen und einige Wochenend-Radtouren gemeinsam unternahmen. Nick plant, für eine Woche mit uns radzufahren, während Aom ihre Familie in Bangkok besucht.

Wir trafen Aom zum Essen, da sie einige Tage vor Nick ankam, und als Nick auch gelandet war, luden sie uns zu einem sehr noblen Frühstück im Mandarin Oriental Hotel ein, dem beliebtesten Hotel in Bangkok für Stars, Politiker und Autoren. Von unserem Hostel konnten wir eine Flussfähre dahin nehmen und kamen stilvoll am Pier des Mandarin Oriental’s an. Als wir in der Lobby warteten, fühlten wir uns schon etwas fehl am Platz mit unseren Khaki-Hosen und Fahrradschuhen, aber bald entspannten wir uns auf der Terasse am Chao Praya Fluss und genossen unser leckeres Frühstück – ein riesiges Eiweiß-Omelette für Guy, ein Lachs-Bagel für Frederike und ein paar Croissants. Der Service war hervorragend, und zwar so gut, dass sie sogar eine Datenbank haben, um Details über die Vorlieben der Gäste zu speichern, z.B. wie viele Kissen man gerne im Bett hat, und welches Obst man am liebsten isst, so dass beim nächsten Besuch alles perfekt ist. Es war ein fantastisches Frühstück an unserem letzten Tag in Bangkok. Danke!

Mit Nick und Aom im Mandarin Oriental Hotel

Nachdem wir einige Tag mit Tara und Tyler verbracht und uns über Radtouren, Informatik-Fragen und generelle Lebensziele ausgetauscht hatten, luden wir sie zum Abendessen ein, um ihnen für ihre Ratschläge und Inspirationen über das letzte Jahr zu danken. Das Restaurant war allerdings auf der anderen Seite einer Demonstration von 30.000 Regierungsgegnern, aber letztendlich kamen wir durch und hatten einen schönen Abend. Wir aßen auch gemeinsam im Hostel an unserem letzten Abend, und Tara und Tyler beschlossen, dass sie am nächsten Morgen um 6 Uhr aufstehen würden, um sich von uns zu verabschieden, da wir früh losfahren wollten.

Wie versprochen waren sie am Morgen da, als wir unsere Fahrräder bepackten. Sie holten Eiskaffee, um uns beim Aufwachen zu helfen und machten Fotos, als wir losfuhren. Diese nette Geste berührte uns sehr. Danke an Euch beide, es war schön, etwas Zeit mit Euch zu verbringen!

Eine halbe Stunde später trafen wir Aom und Nick mit seinem Fahrrad neben einer sechsspurigen Straße. Als wir uns in den morgendlichen Verkehr einfädelten, hofften wir, dass wir unser Versprechen halten und Aom’s Mann in einem Stück zurückbringen würden. 

Mittwoch, 16. März 2011

10 Tipps für eine Radtour in Süd-Indien

In zweieinhalb Monaten sind wir per Fahrrad 2.400km in Süd-Indien gefahren. Wir haben in Goa angefangen und sind dann Richtung Süden gefahren, über die Bergstationen Ooty und Munnar, bis zum südlichsten Zipfel Indiens, und dann an der Ostküste wieder hoch bis nach Chennai. Obwohl wir anfangs einige Zweifel hatten ist Indien ein fantastisches Land zum Radfahren. Hier sind unsere Top 10 Tipps für eine Radtour in Süd-Indien.

1. Bleibt den Hauptstraßen fern. Die Wahl einer Route ist in Indien sehr wichtig. Zum Glück ist Indien so dicht bevölkert, dass es viele kleine, ruhige, geteerte Straßen gibt, die oft parallel zur Hauptstraße verlaufen. Allerdings sind sie oft schlecht beschildert. Nach dem Weg fragen ist zwar eine gute Art, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Wenn Ihr aber lieber selber wissen wollt, wo es lang geht, ist ein GPS Navigationsgeräte sehr nützlich.

2. Wählt Reifen mit gutem Profil. Es kann ab und zu sandige Strecken auf den Straßen geben, und manchmal landet man auch am Straßenrand, wenn ein Bus auf einen zukommt oder man plötzlich einer Kuh ausweichen muss. Das gute Profil unserer Schwalbe Marathon XR Reifen hat uns oft vor dem Ausrutschen bewahrt.

3. Kauft einen Spiegel und eine laute Hupe. Diese kann man in vielen indischen Fahrradläden bekommen. Auf verkehrsreichen Straßen ist 360° Rundum-Sicht wichtig, da Spuren und Verkehrsregeln meist nicht respektiert werden und Busse nicht immer für Radfahrer bremsen oder ausweichen. Oft fahren die Leute einfach von der Seite auf die Straße, ohne zu gucken – dann braucht Ihr Eure Hupe! Allerdings fahren die meisten Leute auch ziemlich langsam und sind an Fahrräder auf der Straße gewöhnt.

4. Lernt ein paar Worte in verschiedenen Sprachen. In Indien gibt es 18 offizielle Sprachen und man muss in jedem Staat wenigstens ein paar Worte neu erlernen. Den Leuten gefällt es sehr, wenn man sie in ihrer eigenen Sprache begrüßen kann.

5. Bringt ein paar Münzen aus Eurem Land mit. Münzen sammeln ist sehr beliebt in Indien, und viele Leute baten uns, ihnen Münzen aus unserem Heimatland zu zeigen. Münzen können gut als kleine Geschenke verwendet werden, insbesondere wenn man jemandem die Münze geben kann, die noch in der Sammlung fehlt!

6. Lent die Kunst des Kopfwackelns. Den Kopf von Seite zu Seite wackeln kann “ja”, “ok”, “kein Problem”, “danke”, “hallo” oder “auf Wiedersehen” bedeuten. Es ist eine positive Geste, die man in Indien jeden Tag sieht. Ein Kopfnicken, um “ja” zu sagen, kann dagegen Verwirrung hervorrufen.

7. Gewöhnt Euch an neugierige Leut, die mit Eurem Fahrrad herumspielen. Das Konzept von Privatsphäre und Besitztümern wird nicht so eng gesehen wie im Westen. Wenn jemand neugierig ist, zögert er nicht, Euch zu begutachten oder Eure Fahrradklingel mal auszuprobieren. Normalerweise sind die Leute harmlos und wir ließen sie einfach herumspielen. Allerdings sollten man auf jeden Fall seine Wertsachen mitnehmen, wenn man das Fahrrad nicht im Auge hat.

8. Findet Alternativen für eine Überdosis an Curry. Wir lieben die erstaunlich komplexe indische Küche, hatten allerdings Probleme mit dem Frühstück, das aus Fritiertem besteht, das in Curry gedippt wird. Am Ende hatten wir immer Müsli und Milchpulver dabei und kombinierten dies mit Parotha Fladenbrot (am Abend zuvor im Restaurant bestellt) und Bananen. Für eine Pause von den scharfen Gewürzen kann man in fast jedem Restaurant chinesische gebratene Nudeln oder gebratenen Reis bestellen. Am besten nur in beliebten Restaurants essen, um Lebensmittelvergiftungen vorzubeugen.

9. Packt einen Löffel oder eine Gabel ein. Vielleicht genießt Ihr ja das erdige Gefühl, mit den Händen zu essen, aber uns machte es nicht so viel Spaß, weshalb wir immer unsere eigenen Gabeln dabeihatten. In vielen Restaurants kann man um einen Löffel bitten, aber in kleinen Dorfrestaurants haben sie oft keine.

10. Lasst einfach los. Indien kann intensiv und anstrengend sein. Versucht, einfach loszulassen. Lasst Eure Erwartungen zu Hause und vergesst nicht Euren Sinn für Humor ;-)

Karte unserer Route durch Süd-Indien

Fahrrad-Route durch Indien

Hier gibt’s alle unsere Indien Blog-Einträge.

P.S. Wir haben jetzt endlich auch 10 Tipps für die Türkei und Iran zusammengestellt.

Samstag, 12. März 2011

Auf Wiedersehen, Indien: Ein Abruptes Finale

Chidambaram – Pondicherry – Chennai

Als wir Chidambaram verließen, hatten wir keine Wahl: Wir mussten auf der viel befahrenen Küstenstraße nach Pondicherry bleiben. Sobald wir dort ankamen, spürten wir Erleichterung. Es war so schön ruhig, mit breiten Straßen, Bäumen und einer Promenade am Strand. Pondicherry war jahrhundertelang eine französische Kolonie und hat immer noch ein französisches Flair. Es gab viele französische Touristen, Bäckereien, die Croissants und Baguettes verkauften, und Cafés, die Croque Monsieur servierten. Es war wie im Himmel!

Nun hatten wir nur noch eine Tagesfahrt in Indien übrig, hatten aber immer noch über eine Woche Zeit vor unserem Flug von Chennai nach Bangkok. Daher beschlossen wir, eine Weile in Pondicherry zu bleiben und an unserem Blog, der Webseite und ein paar anderen Projekten zu arbeiten. Durch eine Empfehlung fanden wir ein Zimmer in La Ville Créole von der Famille Corneille in der Rue Labourdonnais (sogar die Straßennamen sind auf französisch!), mit geteilter Küche, Balkon und warmem Wasser in der Dusche. Dazu gab es in der Nähe auch noch ein Kunstcafe mit WiFi Internetzugriff.

Französische Boutique in Pondicherry   Obst- und Eisverkäufer

Da wir allerdings immer noch in Indien waren, hatte der unschuldige Genuss dieser Annehmlichkeiten seine Tücken. An der Straßenecke neben unserer Unterkunft hatte sich eine Gruppe von Leuten niedergelassen, komplett mit Kissen und einem Sessel. Andere Straßenbewohner mit kleinen Kindern hatten sich ein Plätzchen neben einer französischen Bäckerei ausgesucht, so dass wir jedes Mal Schuldgefühle hatten, wenn wir mit einer Tüte voller teurer Pain au Chocolats aus der Bäckerei kamen. Mehrere Mütter zwangen ihre Kinder zum Betteln (wobei sie ihnen die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, verweigerten), was manchmal ziemlich herzzerreißend war. Es ist zwar schwer, aber wir denken auch, dass es gut ist, die Realität solcher Armut selber zu sehen. Wie Guy sagte, “in Indien muss man die Tatsachen akzeptieren – man kann nicht einfach die Broschüre der Welthungerhilfe in den Müll schmeißen und so tun, als ob das nicht existiert.”

Nach einer Woche in Pondicherry war es Zeit, weiterzufahren. Wir hatten eine ruhige Straße durch Fischerdörfer erwartet, um zu dem Strandort Mamallapuram 100km entfernt zu gelangen. Allerdings war die Straße inzwischen erweitert worden und war nun die Hauptstraße nach Chennai. Es gab ziemlich viel Verkehr und die Landschaft von Reisfeldern und Shrimpfarmen war nicht besonders interessant.

Mamallapuram war in unserem Reiseführer als “der einzige touristische Strandort in Tamil Nadu” beschrieben worden. Als wir ankamen fanden wir eine ziemlich typische indische Kleinstadt, aber mit vielen Hotels und Touristen-Restaurants. Der Strand war nichts besonderes – recht dreckig und voller Fischerboote, nicht wirklich der Ort für einen Strandurlaub. Die Stadt war durch den 2004 Tsunami zerstört worden, danach aber schnell wieder aufgebaut worden, um die Touristen zurückzulocken.

Der interessanteste Aspekt des Ortes war seine lange Tradition der Steinhauerei. Im 7. Jahrhundert waren einige beeindruckende Tempel von der Pallava Dynastie gebaut worden, die jetzt Unesco Weltkulturerbe sind. Heutzutage lebt die Tradition weiter in den 200 aktiven Steinhauern im Ort, die erstaunliche Skulpturen aus Marmor oder Granit anfertigen. Manche dieser Kunstwerke kosteten bis zu 9 Monate Arbeit. Wir wurden von einigen schönen Buddha-Statuen in Versuchung geführt, aber die wogen über 80kg und waren daher nicht besonders fahrradfreundlich. So waren wir dann auch mit einer kleinen Statue des tanzenden Elefantengotts Ghanesh zufrieden, der aus Granit gemacht war und ca 1 Kilo wog.

Unsere Ghanesh-Statue   Mamallapuram Tempel 

An unserem letzten Tag putzten wir die Fahrräder und planten unsere Radroute zum Flughafen in Chennai, 50km entfernt. Wir hatten entschieden, die Fahrräder für diesen Flug nicht zu verpacken. Für diese Entscheidung war hauptsächlich unsere Faulheit verantwortlich: Wir wollten nicht zwei Tage damit verbringen, Pappstücke zu sammeln und daraus zwei Kartons zu basteln. Unsere Fahrräder sind robust und haben keine Kettenschaltung, die leicht kaputtgehen könnte. Wir dachten uns, wenn die Gepäckleute ein Fahrrad sehen, werden sie es auch wie ein Fahrrad behandeln. Der Flug war am folgenden Abend gegen Mitternacht, aber wir wollten sicherheitshalber trotzdem schon morgens losfahren. 

Am späten Nachmittag gingen wir zum Strand, um den Sonnenuntergang zu sehen. Als wir auf einem Fischerkanu saßen, gesellten sich einige junge Männer aus Hyderabad zu uns. Ihr Englisch war gut und sie planten, ihren Master in Melbourne zu machen. Sie waren für eine Hochzeit nach Chennai gekommen und hatten den Tag am Strand verbracht. Einige von ihnen hatten noch nie das Meer gesehen und waren davon fasziniert, wie salzig es war. 

Plötzlich kam ein aggressiver Fischer auf uns zu. In Hindi polterte er los und gestikulierte bedrohlich, um unseren neuen Freunden zu sagen, dass sie uns in Ruhe lassen sollten. Sie sollten die Touristen nicht stören, denn ansonsten würden wir uns vielleicht bei der Polizei beschweren und andere Touristen abschrecken.

Die Männer starrten einander an und begannen sich gegenseitig zu schubsen. Guy versuchte, die Situation zu entschärfen und drängte sich dazwischen. Nun wurde klar, dass der Fischer betrunken war. Dennoch versuchte Guy es mit Vernunft.

“Wir schätzen zwar, dass Du Dir um uns Sorgen machst, aber diese Männer sind harmlos,” sagte Guy.

Der verärgerte Fischer zeigte keine Reaktion. Seine Augen waren auf etwas hinter Guy fixiert. Guy drehte sich um und sah ein halbes Dutzend Fischer auf uns zukommen.

Als sie näherkamen wurde aber klar, dass sie keine Lust auf eine Schlägerei hatten, und nach ein paar weiteren Worten des Fischers löste sich die Gruppe auf. Die Jungs aus Hyderabad waren etwas erschüttert, aber am Ende lachten wir über den Vorfall und verabschiedeten uns.

Zurück im Hotel putzten wir weiter die Fahrräder und wollten gerade essengehen als Frederike ihr Laptop anmachte, um die Flugnummer aufzuschreiben. Als sie die Flugzeiten sah, wurde ihr plötzlich etwas klar: Der Flug war heute, nicht morgen. Obwohl sie das richtige Datum im Kopf hatte und der Flug auch wirklich gegen Mitternacht war, hatte sie nicht realisiert, dass der Flug um 00:15 war – also sehr früh morgens statt spät abends!

Es war 19 Uhr. Der Flughafen war 2 Stunden entfernt. Wir hatten noch nicht gepackt, und eins der Fahrräder war auseinandergenommen. Überall lagen Werkzeuge herum. Wir hatten nicht genug Geld, um für unser Zimmer zu bezahlen, da wir geplant hatten, später Geld zu holen. Thai Airways hatte uns gesagt, dass wir die Fahrräder evtl am Flughafen desinfizieren müssten, was extra Zeit in Anspruch nehmen würde. Es war also Panik angesagt.

Zufällig hatten wir die Telefonnummer des einzigen Taxis im Ort, das einen Dachgepäckträger hatte. Wir riefen an, und 10 Minuten später war der Taxifahrer da. Frederike rannte zum Geldautomaten, übersprang 7 Männer und kam mit dem Geld zurück. Wir schmissen all unsere Sachen in unsere Taschen, banden die Fahrräder auf dem Dachgepäckträger fest, und los ging’s.

Gegen 21:30 Uhr kamen wir am Flughafen an. Wir nahmen die Pedalen ab, drehten die Lenker, schützten unsere Gangschaltungskabel mit Pappe und ließen Luft aus den Reifen. All unser Gepäck wurde in zwei große Plastiktaschen gepackt, und soviele schwere Sachen wie möglich in unsere Rack Packs, die wir als Handgepäck mitnahmen. Wir wussten, dass wir ca 25kg über dem erlaubten Gewicht waren, und dass wir extra zahlen müssten.

Beim Check-In wurden die Fahrräder gewogen und auf das Laufband gestellt. “Guten Flug!” wünschte uns die Check-In Dame, als sie uns unsere Tickets gab. Ungläubig sammelten wir schnell unsere Siebensachen zusammen und verließen den Check-In so schnell wie möglich. Wir hatten die Fahrräder nicht desinfizieren müssen und noch nicht mal einen Cent für Übergewicht bezahlt!

Gerade als wir dachten, dass wir gut davongekommen wären, hielt uns ein Sicherheitsbeamter an. “Sie können Ihre Fahrradhelme nicht mit ins Flugzeug nehmen,” sagte er. “Ähm, wieso denn nicht?”, fragten wir. “Weil es eine Waffe ist,” sagte er. Wir versuchten uns vorzustellen, wie wir mit unseren Fahrradhelmen ein Flugzeug aufhalten würden. Wir informierten ihn, dass Fahrradhelme aus Styropor sind. Sicher würde ein Schuh mindestens genauso gefährlich sein. Der Sicherheitsbeamte war nicht überzeugt, aber wir sagten ihm, dass wir das Risiko bei der Handgepäckskontrolle auf uns nehmen würden. Zum Glück hatte er nicht unser 30cm langes Stahl-Fahrradschloss gesehen, dass in Guy’s Tasche lag, da wir in unserer Hast vergessen hatten, es einzuchecken.

Der Beamte an der Passkontrolle war unzufrieden mit Frederike’s Visum. “Nächstes Mal müssen Sie ein Geschäfts-Visum beantragen,” knarrte er. “Marketing ist mit einem Touristenvisum nicht erlaubt.” Nachdem Frederike ihm klarmachte, dass Marketing zwar ihr Beruf war, sie in Indien aber kein Marketing gemacht hatte, schien er zufrieden zu sein und ließ uns weitergehen, nachdem er uns über die Details unseres Reisebudgets ausgefragt hatte.

Wir kamen ein paar Minuten vor der Boarding-Zeit am Gate an. Als wir im Flugzeug saßen und die Lichter von Chennai und die indische Küste unter uns verschwinden sahen, konnten wir unser Glück kaum glauben. Wenn Frederike erst eine halbe Stunde später ihre Emails gecheckt hätte, wenn der Taxifahrer nicht gekommen wäre, oder wenn wir unsere Fahrräder hätten desinfizieren müssen, hätten wir unseren Flug wohl verpasst.

Nach 11 Wochen in Indien, in denen wir 2.370km gefahren waren, waren wir bereit für eine Abwechslung und freuten uns sehr auf Thailand, und darauf, Zeit mit unseren Freunden Nick und Aom zu verbringen, die aus England nach Bangkok geflogen waren, um uns dort zu treffen.

Trotz all der Horrorgeschichten, die wir über Indien gehört hatten (schlechte Straßen, verrückte Autofahrer, viel Müll und extreme Armut), hatten wir eine tolle Fahrt und waren froh, dass wir gekommen waren. Indien’s abwechslungsreiche Landschaft, beeindruckende Tierwelt, ruhige Landstraßen, faszinierende Kultur (welches Land hat schon Pflegeheime für alte Kühe?!) und farbenfrohe Leute waren ein richtiges Highlight unserer Tour.

Vor allem gefiel uns auch die Freiheit, die man in Indien spürt. Wir werden sicher einmal wiederkommen, um mehr von Indien zu sehen.

Unsere beiden Fotogallerien von Indien sind hier zu sehen. India West ist von Mumbai – Munnar, und India South East ist von Kochi – Chennai.

Freitag, 4. März 2011

Ausgetempelt

Madurai – Chidambaram

Seit über zweitausend Jahren wird in Madurai ein jährliches Fest zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin Sri Meenakshi ausgerichtet. Viele Details der Tempel-Festivitäten sind immer noch genauso wie zu Zeiten des griechischen Botschafters Menasthenes, der das auf der Gewürzroute liegende Madurai im 3. Jahrhundert v. Chr. besuchte. Seit Hunderten von Generationen haben die Inder alljährlich einen mehrtägigen Marsch auf sich genommen, um von ihren Dörfern nach Madurai zu wandern und die Göttin um Kinder zu bitten. Und bis zu diesem Tag werden die Bildnisse der Göttin und ihres Mannes, Lord Sundareshvara, jede Nacht in ihr Schlafgemach gebracht, so dass sie sich dort lieben können (sogar der Nasenring der Göttin wird abends entfernt, so dass er ihrem Mann nicht wehtut!) – dieser Akt erhält und regeneriert anscheinend das Universum.

Gopuram    Gopuram-"Drache"

Wir hatten das diesjährige Fest um eine Woche verpasst, freuten uns aber darauf, den Tempel zu besuchen. Madurai’s chaotisches Stadtzentrum wird von den 12 Gopurams des Tempels dominiert. Jeder Gopuram ist bis zu 50m hoch und bedeckt mit menschengroßen Statuen von Hinduistischen Göttern und Gurus. Aus einiger Entfernung sehen die Gopurams nur wie farbige Türme aus, aber aus der Nähe sind die Details der Figuren beeindruckend.

Götter-Figuren auf dem Gopuram   Gopuram-Figur

Nachdem wir unsere Schuhe abgegeben hatten, traten wir in den Tempel ein – eine dunkle Halle mit vielen Säulen und einer detailliert dekorierten Decke. Wir hatten uns darauf gefreut, die Statue von Meenakshi zu sehen, aber leider durften Nicht-Hindus nicht den innersten Bereich eintreten. Allerdings besuchten wir den Tempel-Elefanten und den weißen Tempel-Büffel. Der Kopf des Elefanten war weiß und orange geschminkt, und seine Aufgabe war es, mit dem Rüssel Münzen von den Besuchern anzunehmen und sie dann zu segnen, indem er seinen Rüssel leicht auf den Kopf des Spenders tupfte. Dies führte zu vielen Spenden, und wir konnten auch nicht widerstehen und spendeten dem Elefanten einige Münzen. Der arme Büffel war nicht ganz so beliebt, weil er keine solchen schlauen Tricks gelernt hatte, aber dafür gab es viele Büffel-Statuen im Temple, die von Pilgern mit Blumen, Gras und Kalkpulver bestreut wurden.

Tempelelefant   Yogi mit Schweinchen

Im Herzen des Tempels verkauften dutzende kleine Marktstände kitschige Souvenirs. Der einzige Ort der Ruhe waren die Treppenstufen, die zum leeren Tempel-Wasserbecken hinunterführten. Ansonsten war der Tempel voller Aktivität. Die Pilger hatten nur Sekunden, um ihre Gebete vor dem Anbild der Göttin zu sagen, bevor sie vom nächsten in der Schlange weitergeschoben wurden. Obwohl wir die Hinduistische Religion faszinierend finden, können die ganze Aufregung und die vielen Götter und Göttinen einem manchmal etwas zu viel werden. Es ist ein starker Gegensatz zu den ruhigen, meditativen Moscheen des Mittleren Ostens.

Ruhe kann sowieso in Indien schwer zu finden sein. In den Städten gibt es nur selten Parks oder ruhige Gegenden, und wenn sie doch mal existieren, sind sie voller Leute. Madurai ist dafür ein gutes Beispiel – wir schlossen uns sogar für eine Weile in unserem Zimmer ein, nur um ein bisschen Ruhe zu haben, und sogar dann hörten wir noch den Lärm der Stadt durch unser Fenster. Genau wie das Tempelfest sich über Tausende von Jahren nicht viel geändert hat, sind auch die ungeteerten Straßen der Stadt nicht dem jetzigen Verkehr angepasst worden. Auf unseren Fahrrädern bewegen wir uns mit dem Verkehr, aber zu Fuß gehen ist wirklich anstrengend, da es in indischen Städten keine Fußwege gibt. Man teilt die verstopfte Straße mit allen anderen, von Autos und Motorrädern bis zu Kühen und Ochsenkarren.

Nach ein paar Tagen hatten wir genug und machten uns wieder auf den Weg. Kurz nachdem wir die Stadt verlassen hatten, rollten wir auf einer kleinen Straße entlang, die auf einer Seite durch einen Fluß begleitet wurde, und auf der anderen Seite durch leuchtend grüne Reisfelder. Die Dorfbewohner lächelten und winkten, wir fühlten uns wieder ruhig und entspannt, wir waren weit weg von den Touristengegenden und außer Reichweite unseres Reiseführers. Die Straße war sehr ruhig, etwas hügelig und gut geteert. Überraschenderweise hatten wir auch keinen Gegenwind. Da es in Indien so viele Städte und Dörfer gibt, gibt es auch viele Nebenstraßen, die oft gut geteert sind und es einfach machen, die Hauptstraßen zu vermeiden. Mit dem Fahrrad durch Indien’s Dörfer zu fahren ist ein richtiger Genuß.

Rural landscape

Als wir durch ein kleines Dorf kamen, unterhielten wir uns mit einem älteren Mann, der auf dem Gepäckträger des Fahrrads von seinem Sohn mitfuhr. Er lud uns auf eine Tasse Tee an einem Dorflädchen ein. Er hatte noch nie zuvor Ausländer in seinem Dorf gesehen – allerdings sind wir ziemlich sicher, dass der eine oder andere Radfahrer unbemerkt vorbeigekommen sein muss.

An diesem Tag kamen wir durch keine größeren Städte und mussten uns daher mit den Snacks durchschlagen, die wir in Dorfläden fanden. Nachdem wir 100km gefahren waren, erreichten wir die Kleinstadt, in der wir übernachten wollten. Als wir allerdings einige Leute nach einem Hotel fragten, ernteten wir nur Kopfschütteln und Stirnrunzeln, bis sie sich endlich überzeugen ließen, uns die einzige Unterkunft im Ort zu zeigen. Es war ein kleines Gasthaus mit nur 4 Zimmern, und unseres war dunkel, heiß und muffig. Der Strom wurde nur zwischen 18 Uhr und 6 Uhr morgens angestellt, so dass wir zu anderen Zeiten den Ventilator und das Licht nicht benutzen konnten, und es gab viele offene Schlitze, durch die Mücken kamen. Um noch eins draufzusetzen fanden wir keine Abendessen – das einzige Restaurant servierte nur Snacks.

Nach einer hungrigen Nacht voller Selbstmitleid kamen wir wieder auf den Boden der Realität zurück als wir am nächsten Morgen an einem kleinen Cafe anhielten, wo wir Tee und Omelette bestellten. Wir unterhielten uns mit einem Lastwagenfahrer, der uns erzählte, dass er davon träumte, mit dem Fahrrad nach Kashmir zu fahren. Allerdings musste er seine Radtour nach einigen Tagen aufgeben, da sein Budget nur 250 Rupien pro Tag war (wir geben jeder ca 750 aus…), so dass er sich kaum genug Essen leisten konnte und – von Mücken geplagt - draußen auf dem Boden schlafen musste. Sicher wäre er dankbarer als wir gewesen, wenn er in dem Hotel geschlafen hätte, in dem wir letzte Nacht übernachtet hatten.

Mittags kamen wir in der Stadt Trichy an. Wir hatten Probleme, ein Hotel zu finden – die meisten waren von Hochzeitsgästen ausgebucht, da wir zufällig an einem der besten Hochzeitstage des Jahres angekommen waren, und Trichy ein beliebter Ort zum Heiraten ist. Am Ende kamen wir an einem etwas zerfallenen Hotel im Kolonialstil vorbei, dass Platz für uns hatte. Das Hotel war ein Relikt der britischen Kolonialzeit, als Familien hier ihre Wochenenden verbrachten. Es gab einen kleinen Innenhof und hatte eine nette Atmosphäre, aber leider hatte der Charme aus unserem Zimmer schon vor langer Zeit ausgecheckt. 

Wir waren uns sicher, dass schon vor 80 Jahren ein britischer General in unserem Bett geschlafen hatte. Die Matratze war so irrsinnig weich und mit einer Federung versehen, so dass wir sofort in U-Form gebogen wurden, wenn wir uns hinlegten, und unsere Füße fast den Kopf berührten. Um es noch schlimmer zu machen gab es eine Art Anti-Ventilator in unserem Zimmer, der die warme Luft in Richtung Bett drückte und die kühle Luft fernhielt. Der Hotel-Manager erzählte uns stolz, dass der Ventilator schon “über 80 Jahre alt” wäre und “immer noch funktionierte”! Nachdem wir fast einen Hitzeschlag erlitten hatten, zogen wir am nächsten Tag in ein moderneres Zimmer um, dass zwar nicht so hübsch war, aber einen nicht-kolonialen und sehr effektiven Ventilator hatte.

Trichy ist berühmt für seinen Rock Fort Tempel, der auf einem 83m hohen Felsen im Stadtzentrum sitzt. Der Aufstieg auf den Felsen gemeinsam mit vielen indischen Pilgern machte Spaß, und die Aussicht von Oben war schön, aber der Tempel selber war nichts besonderes. Wir besuchten auch den größeren Sri Rangan Tempel, der interessant war, da wir durch mehrere Gopurams und mehrere Mauern gehen mussten, um in das Innere des Tempels einzudringen (leider durften wir aber mal wieder den “Götterraum” nicht betreten).

Malen eines "Kolams" zur Einladung der Götter   Aussicht vom Rock Fort Tempel in Trichy

Als wir Trichy verließen, fanden wir eine ruhige Straße zwischen zwei Flüssen, die Teil des riesigen Cauvery Fluß-Deltas waren. Als wir durch ein landwirtschaftliches Gebiet kamen, waren wir erstaunt, moderne Erntemaschinen und Traktoren zu sehen. Offensichtlich existieren sie auch in Indien, aber bisher hatten wir solch kommerzielle Maschinen hier noch nicht gesehen, denn normalerweise wird alles per Hand gemacht. In dieser Gegend leben die meisten Dorfbewohner in einfachen Hütten aus Lehm, Zement oder Palmwedeln, mit einer Art Reetdach aus getrockneten Palmblättern. Es war wunderbar kühl und wolkig, und zu unserer großen Überraschung hatten wir sogar etwas Regen! Das letzte Mal, dass wir Regen erlebt hatten, war vor über vier Monaten im Norden von Iran. Es war sehr erfrischend, mal wieder vom kühlenden Regen durchnässt zu werden (meist haben wir 35-38°C und Sonne).

Mittags kamen wir in eine Kleinstadt, fanden aber kein Restaurant. As wir einen Mann fragten, ging er mit uns zu einem versteckten Restaurant, an dem wir vorher vorbeigefahren waren, ohne es zu sehen. Wir versuchten, ihn zu etwas zum Essen oder einen Tee einzuladen, aber er lehnte all unsere Angebote ab, setzte sich an einen anderen Tisch und beobachtete uns. Erst fühlten wir uns etwas unwohl, als wir unter Beobachtung unser Mittagessen aßen, aber dann wurde uns klar, dass er nur sicherstellen wollte, dass wir mit seiner Restaurant-Empfehlung zufrieden waren. Immer wieder bat er den Kellner, uns mehr Essen und Trinken zu bringen, und er gab Frederike sogar den guten Ratschlag, ihre Ärmel hochzukrempeln, so dass sie nicht dreckig werden würden!

Am Nachmittag fühlten wir uns plötzlich, als ob wir ins Mittelalter eingetreten wären. Indien’s Realität schockierte uns mal wieder als wir innerhalb einer Stunde mehrere Menschen mit ziemlich schrecklichen Entstellungen sahen. Erst sahen wir einen Sadhu durch ein Dorf hinken – eines seiner Beine war zu Elefantengröße angeschwollen, und sein riesiger Fuß von Geschwüren bedeckt, wie ein Blumenkohl. Dann kamen wir an einem Mann vorbei, der eine riesige Zyste wie eine Aubergine von seinem Kopf hängen hatte. Kurz danach shen wir eine Frau mit schweren Säureverätzungen, die ihren kahlen Kopf und ihr Gesicht entstellten. Wir hatten zwar erwartet, so etwas öfter in Indien zu sehen, aber zum Glück war es seit Mumbai ziemlich selten der Fall. Wir hatten Schuldgefühle, da wir wussten, dass unsere Reiseversicherung sofort für eine gute Klinik bezahlen würde, während diese Leute wahrscheinlich gar keine medizinische Hilfe bekamen.

Als “Sahnehäubchen” durften wir dann noch an einem nackten Mann vorbeifahren, der in einem halben Koma auf einer Brücke lag (Drogen? Alkohol?), als wir in Kumbakonam, unserem Tagesziel, ankamen. Wir fanden ein gutes Hotel mit einem nervigen Hotelangestellten. Seit Madurai erwarten immer mehr Leute Trinkgelder von uns – im Rest von Indien waren die Leute oft positiv überrascht, wenn sie uns mit dem Gepäck halfen und wir ihnen ein Trinkgeld gaben, aber hier erwartete jeder Trinkgeld: Hotelangestellte, Wachmänner, Kellner, Putzfrauen…

Der Hotelangestellte half uns halbherzig mit unserem Gepäck und wir gaben ihm ein Trinkgeld, wobei wir schon verdoppelten, was wir normalerweise geben würden, da er uns mit den Fahrrädern geholfen hatte. Offensichtlich war er damit aber nicht zufrieden, denn er forderte daraufhin 50% mehr! Nach unserem Verständnis ist die Natur eines Trinkgelds, dass es freiwillig ist und dass wir selber entscheiden, wieviel wir geben wollen. Am Ende gaben wir widerwillig seinen Forderungen nach, aber es war nicht genug. Am folgenden Morgen gab er uns unsere Kaution zurück, hielt aber etwas Geld zurück und sagte, es wäre eine “Steuer”. Da wir bereits die Steuern für das Zimmer bezahlt hatten, war das offensichtlich nur eine Touristenfalle. Guy, der sowieso schon mit einer Laus auf der Leber aufgewacht war, ließ daraufhin eine Tirade auf den Hotelangestellten los, der uns ganz erstaunt die “Steuern” schnell zurückgab.

Wir fuhren dann auf einer etwas mehr befahrenen Straße nach Chidambaram, dass für seinen Shiva Tempel bekannt ist. Die Tamil Nadu Region ist berühmt für ihre vielen Tempel, und jede Stadt scheint einen sehenswerten Tempel zu haben. Wir haben nicht viel Ausdauer wenn es um Tempel-Besichtigungen geht und fühlten uns ein wenig ausgetempelt. Dennoch beschlossen wir, uns den Shiva Tempel kurz anzusehen und waren positiv überrascht, da er relativ ruhig und dennoch recht beeindruckend war. 

Nach über zwei Monaten in Indien und 2.300 gefahrenen Kilometern hatten wir nun nur noch zwei Tage Radfahren übrig. Da wir noch etwas Zeit vor unserem Flug von Chennai nach Bangkok hatten, planten wir, an der Ostküste in Pondicherry erstmal eine kleine Pause einzulegen.