Mittwoch, 13. April 2011

Sturmflut und eine Nacht im Bordell

Ao Nang (Krabi) – Chalung (Malaysische Grenze)

Trotz der Fluten und des anhaltenden Regens hatten wir keine Wahl. Wir mussten weiterfahren, damit wir unseren Flug aus Kuala Lumpur nicht verpassten. Also zogen wir wieder unsere Regensachen an und überzeugten einander, dass es gut für die Charakterbildung wäre, jeden Tag den ganzen Tag im Regen Fahrrad zu fahren. Zum Glück war der Regen aber schwächer, als wir den Ort verließen, und die Fluten schienen sich langsam zurückzuziehen. Sicher war dies das Ende des Regens. Damit lagen wir leider falsch!

Anfangs war uns der Ernst der Situation gar nicht klar, aber langsam wurden uns die Auswirkungen der Fluten bewusst, vor allem als wir mit den Thailändern sprachen und in den Zeitungen lasen, dass Dutzende Menschen in den Fluten ums Leben gekommen waren. Normalerweise ist das Wetter im März ganz trocken, aber dieses Jahr gab es mehr Regen als während des Monsuns. Viele Flüsse hatten sich in reißende Ströme verwandelt, die Straßen, Plantagen und Häuser schluckten.

Thailändische Frau im Regen   Überflutete Straßen bei Trang

Wir hatten vorgehabt, nach 90km in einem Hotel zu übernachten, das wir auf Google Maps gesehen hatten, aber es schien nicht zu existieren und wir wurden an den nächsten Ort, Sikao, verwiesen, der 20km entfernt war. Die “Drei-verschiedene-Leute-fragen-Regel” funktioniert eigentlich immer, und so waren wir überrascht als wir in Sikao ankommen und es dort auch kein Hotel gab. Wir mussten noch 10km weiter bis zu einem Strand fahren, wo es Bungalows geben würde. Es wurde dunkel und regnete wieder stärker, aber zum Glück sahen wir ein Bungalow-Resort, als wir am Strand ankamen. An der Rezeption mussten wir uns sehr laut räuspern, denn der Manager war gerade dabei, Karaoke zu üben. Offensichtlich gab es nicht viele Gäste.

Als wir unsere Köpfe am Abend auf das Kopfkissen legten, konnten wir noch den Regen auf das Wellblechdach prasseln hören, aber morgens wachten wir zu strahlendem Sonnenschein auf. Zurück auf den Fahrrädern kamen wir bald an eine Polizei-Blockade. Die Straße vor uns war geschlossen, da sie hüfthoch überflutet war. Wir bogen nach rechts ab, aber die nächste Straße war auch geschlossen, so dass wir einen Umweg machen mussten, um den Fluss zu überqueren, der weit über seine Ufer getreten war und sich über Hunderte von Metern ausbreitete. Nur die Wipfel der Bäume waren sichtbar, und viele Häuser waren überflutet, einige bis zum Dach. An einigen Orten kamen wir an Notunterkünften vorbei, die auf der Straße errichtet worden waren, so dass die Leute dort die Flut abwarten konnten, bis sie wieder in ihre Häuser zurückkehren würden.

Kurz nachdem wir die Brücke überquert hatten gab es einen weiteren Wolkenbruch. Wir nahmen an, es wäre nur ein Schauer, und stellten uns in einer Bushaltestelle unter, um zu warten. Nach einer Stunde bemerkten wir aber, dass der Fluss langsam die Straße überflutete. Wir sahen zu, als Angestellte der Stadtverwaltung kamen und die verstopften Abflussrohre mit bloßen Händen ausräumten, wobei sie in immer tieferem Wasser auf der anderen Straßenseite saßen. Als wir Barrieren in ihrem Lastwagen sahen, mit denen sie die Straße sperren konnten, wurde uns klar, dass wir so schnell wie möglich weiterfahren mussten. 

Warten in der Bushaltestelle Wolkenbruch

Es regnete so stark, dass wir kaum einen Meter vor uns sehen konnten. Das Wasser stieg schnell an und wir mussten oft in der Mitte der Straße fahren, nur um durchzukommen. Manchmal fuhren wir im Zeitlupentempo durch Wasser, das uns bis zu den Knien reichte. An der nächsten Kreuzung sahen wir, dass die Straße vor uns geschlossen war, da sie völlig unter Wasser stand. Zum Glück konnten wir aber stattdessen ins hügelige Inland abbiegen und den Fluss und die Flut hinter uns lassen. Später am Nachmittag lichteten sich die Wolken und die Sonne schien wieder. Wir waren erleichtert, es geschafft zu haben, fühlten aber auch viel Mitleid für die Leute, die ihre Häuser verloren hatten.

Müde von den Abenteuern des Tages hatten wir wieder Probleme, eine Unterkunft zu finden. Zum Glück half uns eine Frau, die gut Englisch sprach, und brachte uns zur einzigen Unterkunft im Ort Yan Ta Khao. Als wir an der Rezeption ankamen, fragte sie eine Gruppe von Frauen, die auf einem Sofa herumsaßen, für uns nach einem Zimmer. Eine von ihnen stand auf und obwohl wir die Unterhaltung nicht verstehen konnte, sagte sie wohl in etwa:

“Hmmm, hmmm, hmmm, was haben wir denn hier? Die sehen ja aus wie Ferkel!” Worauf alle Frauen gemeinsam kicherten.

Das war etwas seltsam, dachten wir, aber dann sahen wir uns um und bemerkten, wie zwielichtig das Etablissement aussah, die diskreten Parkplätze, die Kleidung der “Angestellten”. Aha, es war ein Bordell! Das letzte Mal, dass wir in einem Bodell übernachtet hatten (wir schwören, dass wir das bisher nur einmal gemacht haben!) war auf einer Motorradtour in Ost-Kambodscha in 2003. Es war keine schöne Erfahrung gewesen und wir hatten damals beschlossen, dies in Zukunft zu vermeiden. Daher waren wir etwas nervös, hier die Nacht zu verbringen. Allerdings waren die Frauen hier recht freundlich, wenn man von ihrem anfangs unwirschen Gebahren absah, außer der Madame, die uns immer finster anstarrte, als sie durch den Hof stöckelte. Im Gegensatz zu unserer letzten Erfahrung in Kambodscha war diesmal das Zimmer auch sehr sauber.

Als die Luft rein war und die Madame anderweitig beschäftig war, gingen wir zurück in den Ort, um etwas zu essen. Wir fanden einen interessanten Markt und einen schönes kleines Cafe, das einem Burmesen gehörte. Außerhalb von touristischen Orten sitzt man meistens auf kleinen Plastikstühlen auf dem Gehweg vor dem Haus einer Familie, um zu essen, aber dieses Cafe hatte ein paar schöne Tische und sogar einige atmosphärische Lampen. Der Tee wurde in hübschen Tassen serviert, und traditionelle thailändische Pfannkuchen waren auf dem Menü.

Zurück “zu Hause” wurde uns klar, dass es nicht besonders schlau von uns war, an einem Freitag in einem thailändischen Bordell zu übernachten. Natürlich bekamen wir in dieser Nacht nicht viel Schlaf.

Die Wolken rollen heran

Am nächsten Tag hatten wir vor, um die 100km auf einer recht ruhigen und landschaftlich schönen Route zu fahren. Als wir in unserem Zielort ankamen, gab es dort allerdings mal wieder kein Hotel (oder Bordell), so dass wir noch weitere 20km bis zum nächsten Ort, Chalung, fahren mussten. Es war wie ein Deja Vu. Normalerweise mögen wir nicht so gerne so große Distanzen fahren, aber 120km pro Tag scheint eine neue Gewohnheit zu werden, da wir oft Probleme haben, in Thailand eine Unterkunft zu finden.

In Chalung gab es am Ortseingang einige Bungalows, die aber leider voll waren. Wir verbrachten dann eine Stunde damit, die Hauptstraße im Ort hoch- und runterzufahren und nach den Hinweisen der Stadtbewohner in allen möglichen Himmelsrichtungen ein Hotel zu suchen. Nachdem ein Apotheker uns gesagt hatte, dass das nächste Hotel noch 13km entfernt wäre, fuhren wir wieder zurück zum Ortseingang, wo wir ein Werbeschild mit dem Foto eines Betts gesehen hatten (alle Schilder sind in thailändischer Schrift, so dass wir sie nicht lesen können). Wir zeigten auf das Schild und fragten ein paar Leute in einem Restaurant, ob sie uns erklären könnten wo dieser Ort wäre. Nach viel Gekicher erbarmte sich ein junges Mädchen und brachte uns mit ihrem Motorrad zu dem Hotel. Es war ein sehr gutes Hotel, sehr günstig, sauber, und, am besten von allem, keine Madame in Sichtweite!

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